15.07.1968

- · · - ptx ruft moskau · - - ·

8. Fortsetzung
Die Jagd auf den Grand Chef
Die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack ist liquidiert, aber noch arbeiten Reste der Roten Kapelle in Frankreich, noch gebietet der Grand Chef über eine kleine Schattenarmee von Spionen, V-Leuten und Funkern.
Kriminalrat Karl Giering, Leiter des Gestapo-eigenen "Sonderkommandos Rote Kapelle", und Abwehr-Hauptmann Harry Piepe haben sich bereits im Sommer 1942 aufgemacht, dem sowjetischen Spionagechef in Westeuropa eine Falle zu stellen. Leopold Trepper alias Jean Gilbert, der Grand Chef, weiß, daß seine beiden Jäger noch unsicher sind, ob sie ihn diesmal stellen können.
Seit 15 Monaten ist man ihm auf der Spur, und was weiß man über ihn? Man besitzt das in der Rue des Atrébates gefundene Photo, man kennt seinen Decknamen Gilbert, den die Funkerin Myra Sokol preisgegeben hat, und man weiß von den ebenfalls verhafteten Sowjetagenten Wenzel und Jefremow, daß er sich in Paris aufhält. Mehr nicht. Drei Funkstellen sind ausgeschaltet, Dutzende von Agenten verhaftet, aber dank der hermetischen Abschottung führt keine Spur zum Meisterspion.
© 1988 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Es sei denn, daß Treppers Tarnfirma eine Spur verrät.
Giering kennt die Pariser Simex, seit er die Brüsseler Schwesterfima Simexco überwachen läßt: Beide Firmen stehen in einer regen Geschäftskorrespondenz miteinander. Der Kriminalrat hat Verdacht geschöpft, aber nur ein Einblick ins Handelsregister könnte ihm Gewißheit verschaffen (dort ist die Firma am 16. Oktober 1941 unter der Nr. 285 031 S eingetragen worden). Zu den Teilhabern gehört auch Léon Grossvogel, von dem Giering durch Jefremow weiß, daß er einer der wichtigsten Leute des Grand Chef ist.
Doch es kann keine Rede davon sein, das Handelsregister einzusehen, Giering will auch keine Auskünfte bei der französischen Wirtschaftspolizei einholen: Der Feind ist überall! Er und Piepe beschließen deshalb, sich bei der Organisation Todt (OT) über die Simex zu erkundigen.
"Wir wollten jedes Manöver vermeiden, das uns verraten konnte", erzählt Piepe. "Wir begaben uns also zum Sitz der OT auf den Champs-Elysees und verlangten, von dem zuständigen Verbindungsoffizier der Wehrmacht, Hauptmann Nikolai, empfangen zu werden. Um keinen Verdacht zu erwecken, waren wir in Zivil und gaben uns als deutsche Firmen-Vertreter aus, die in Paris Geschäfte abschließen wollten und einige Auskünfte benötigten.
"Wir mußten warten. Es vergingen Stunden. Und schließlich ließ Nikolai uns durch den Pförtner mitteilen, daß er zu beschäftigt sei, wir sollten ein anderes Mal wiederkommen. Wir waren vielleicht schlecht gelaunt
"Am nächsten Morgen wieder hin zur Todt, aber diesmal waren wir besser vorbereitet: Giering hatte eine Legitimation des Militärbefehlshabers Frankreich, des Generals von Stülpnagel, in der Tasche, aus der hervorging, wer wir waren, und in der die OT vor allem aufgefordert wurde, uns in jeder Weise behilflich zu sein. Giering zeigte Nikolai seinen Ausweis. Da hätten Sie sein Gesicht sehen sollen. Bleich. Respektvoll. Erschrocken.
"Dann ziehe ich mein Photo von Trepper heraus und frage: "Kennen Sie den Mann?' Nikolai sagt: "Das ist ein Geschäftsmann, mit dem wir seit einem Jahr bedeutende Aufträge abschließen, besonders für den Bau des Atlantikwalls. Er ist uns gegenüber sehr positiv eingestellt, wir arbeiten hervorragend zusammen. Ich frage: "Wir möchten ihn treffen. Ist das möglich?' Er: "Ohne weiteres. Sein Ausweis für die unbesetzte Zone läuft in diesen Tagen ab, und er wird mich bestimmt anrufen, um ihn verlängern zu lassen.
"Wir stellen ihm noch einige Fragen, er lobt die Simex in den höchsten Tönen: "Eine seriöse Firma, die anständig mit den deutschen Besatzungsbehörden zusammenarbeitet ...' -- genau wie in Brüssel! Selbstverständlich soll er uns sofort benachrichtigen, sobald er eine Verabredung mit dem Grand Chef getroffen hat.
"Aber wissen Sie, was dieser Idiot macht? Statt zu warten, bis Trepper bei ihm erscheint, schreibt er ihm, der Ausweis liefe in Kürze ab und er möge doch wegen der Verlängerung zur OT kommen. Na, das war zu dick aufgetragen! Uns blieb nichts anderes übrig, als etwas Neues zu versuchen. Aber was? Wie einen Kontakt herstellen, ohne Argwohn zu erwecken? Wir haben uns schließlich entschlossen, das kleine, mit Nikolai begonnene Spiel fortzusetzen: uns bei der Simex als Geschäftsleute vorzustellen und ihnen ein Geschäft anzubieten.
"Äußerst sorgfältig haben wir unseren Plan vorbereitet, waren angeblich extra aus Mainz gekommen, um in Paris Industriediamanten zu kaufen. Diamanten für anderthalb Millionen Mark: Das mußte jeden locken. Wir erkundigten uns bei Nikolai, wie wir vorgehen könnten, um der Simex dieses Geschäft vorzuschlagen. Er meinte: "Nichts einfacher als das. Hier bei der OT arbeitet eine Madame Likhonine, die sich ausgezeichnet mit den Leuten von der Simex versteht. An die können Sie sich wenden.
"Vorsichtshalber holten wir, ehe wir mit ihr sprachen, noch Auskünfte über sie ein: Beste Familie. Witwe des letzten zaristischen Militärattachés in Paris. Bei der OT wurde sie von allen nur gelobt. Wir nahmen mit Madame Likhonine Verbindung auf und schlugen ihr das Diamantengeschäft vor. Sie war äußerst interessiert und versprach uns, sofort mit der Simex zu sprechen.
"Giering und ich spielten die übervorsichtigen, mißtrauischen Kaufleute: Der Kaufvertrag müßte vom Direktor der Simex persönlich unterzeichnet werden. Sie fand das ganz in Ordnung und versprach uns, alles so schnell wie möglich abzuwickeln."
Doch die Falle schnappt nicht zu. Piepe berichtet weiter: "Madame Likhonine bringt uns schnell eine Antwort, aber eine negative. Der Direktor der Simex könne den Vertrag nicht unterzeichnen, er sei schwer herzkrank und augenblicklich zur Kur. Nikolai bestätigt uns, daß Trepper herzkrank ist und sich oft in Spa im Sanatorium Chateau des Ardennes erholt. Wir schicken ein paar Leute hin: Er ist nicht dort.
"Daraufhin erklären wir Madame Likhonine: "So geht das nicht weiter! Wir können nicht länger warten. Wollen Sie das Geschäft machen oder nicht?' Am nächsten Tag erscheint sie strahlend bei uns: "Alles ist arrangiert. Er kommt nach Brüssel und wird den Vertrag dort unterzeichnen.
"Giering und ich beschlossen, daß der Grand Chef sofort bei Verlassen des Zuges auf dem Südbahnhof von Brüssel festgenommen werden sollte. Wir ließen den ganzen Bahnhof abriegeln. Dennoch waren wir schrecklich nervös, als der Zug einfuhr; wir rechneten mit einem Zwischenfall oder einer Schießerei, denn der Grand Chef würde sich nach unserer Schätzung nicht einfach gefangengeben.
"Der Zug lief ein, wir überwachten die Aussteigenden -- und wen sahen wir? Madame Likhonine! Allein. Ich ging auf sie zu. Sie sagte: "Es tut mir leid, er konnte nicht kommen. Aber ich habe Vollmacht, den Kaufvertrag zu unterzeichnen. Wenn Sie immer noch daran interessiert sind, hole ich morgen in Antwerpen die Diamanten. Natürlich haben wir verzichtet."
Die Verfolger wissen freilich nicht, daß Maria Likhonine sie verraten hat. Gleich nach den ersten Annäherungsversuchen der Deutschen hat sie dem Grand Chef gestanden: "Die Deutschen wollen mich gegen Sie benutzen; sie wollen, daß ich Sie verrate." Trepper hat ihr auf die Schulter geklopft: "Nun, beruhigen Sie sich, das ist doch alles halb so schlimm!"
Es ist schlimm, und er weiß es. Seine kommerzielle Tarnung wird immer durchsichtiger. Achtzehn Monate lang ist es ihm dank der Simex und der Simexco möglich gewesen, in die einflußreichsten deutschen Kreise einzudringen, die notwendigen Ausweise zu erhalten und ungehindert die bewachten Grenzen zu überschreiten; beide Geschäftsunternehmen haben ihn wahrscheinlich zum reichsten Agenten in der Geschichte der Spionage gemacht.
Aber jetzt ist es Zeit, die Läden dichtzumachen. Seine persönliche Sicherheit ist nicht gefährdet, auch nicht die seiner alten Garde. Trepper, Katz und Grossvogel betreten die Büroräume der Simex nicht mehr, und Geschäftsführer Corbin und seine Angestellten kennen die Verstecke nicht. Trepper persönlich hat einen Taschenspielertrick vorbereitet, durch den er sich den Augen der Gestapo ebenso sicher entziehen kann, wie ein Zauberer ein Kaninchen verschwinden läßt: Er will sich für tot erklären lassen.
Aber Suzanne Cointe, die fleißige Mitarbeiterin, die von Anfang an dabei war? Und Jules Jaspar und Alfred Corbin, die ahnungslos in die Gruppe hineingeraten sind, jedoch keinen Augenblick zauderten, als Trepper sie einweihte? Und Vladimir Keller, der glaubt, für einen Wohltätigkeitsverband zu arbeiten, mit dessen Geldern französischen Kriegsgefangenen geholfen wird?
Trepper bereitete schon seit langem den strategischen Rückzug seiner Marseiller Niederlassung vor. Die Agenten Jaspar und Kent sollten sich nach Nordafrika absetzen und in Algier ein neues Büro eröffnen. Die Pariser Mitarbeiter konnten dann später nachfolgen und sich so in Sicherheit bringen.
Tatsächlich hatte Jaspar am 15. Juni 1942 ein Visum für Algier erhalten und mit dem Generalgouverneur von Algerien, Chataigneau, aussichtsreiche Verhandlungen geführt, aber die Verwirklichung des Plans zog sich in die Länge. Kent bremste, wo er nur konnte: Er wollte seine Lebensgefährtin Margarete Barcza nicht allein in Marseille zurücklassen.
Am 8. November 1942 landeten anglo-amerikanische Truppen in Algerien. Damit wurde dieser Notausgang für die Simex versperrt. Die deutsche Wehrmacht marschierte in "das unbesetzte Frankreich ein.
Eine Woche später, am 12. November, wurden Kent und Margarete Barcza in ihrer Wohnung in der Rue de l'Abbé-de-l'Eppée verhaftet. Zur gewohnten Stunde klingelte die Concierge, um sauberzumachen. Margarete erkannte sie durch das Guckloch in der Tür, öffnete und wurde von fünf Leuten beiseite gestoßen, die in die Wohnung stürzten. Es waren französische Polizisten, die seit Tagesanbruch im Keller des Hauses gewartet hatten.
Kent blieb eiskalt, aber Margarete brach in Schluchzen aus. Die Polizisten schienen sich übrigens vor allem für sie zu interessieren: "Das ist sie, wir haben die Spionin!" Sie durchsuchten die Wohnung und entdeckten in einer Schublade merkwürdige Strichzeichnungen "Hier sind die Beweise: Befestigungsplane!" Vergebens versuchte ihnen Margarete zu erklären, daß es sich um Strickvorlagen handle, die sie aus einer Modezeitschrift ausgeschnitten habe.
Die beiden Gefangenen wurden in das nächstliegende Polizeikommissariat transportiert und einer Leibesvisitation unterzogen. In Margarete Barczas Mantel fand man eine Kastanie. Die Beamtin faßte die Kastanie mit einer Pinzette an und rief: "Vorsicht! Da ist bestimmt Sprengstoff drin."
Kent und Margarete Barcza verbrachten die erste Nacht ihrer Haft auf dem eiskalten Zementboden des Kommissariats. Am nächsten Tag, dem 13. November, übergab man sie der Gestapo. Am späten Nachmittag wurden Kent und Margarete in zwei Wagen der Gestapo aus Marseille abtransportiert. Ein Gestapo-Mann fuhr mit Kent, ein anderer mit Margarete; ein halbes Dutzend französischer Polizisten vervollständigte die Begleitung. Alle waren schwer bewaffnet, denn die Gestapo befürchtete, die Marseiller Gruppe könne einen Hinterhalt legen, um die Gefangenen zu befreien.
Am nächsten Tag trafen die Gefangenen in Paris ein und wurden in die Rue des Saussaies gebracht, wo die Gestapo ihren Hauptsitz hatte. Die Häftlinge sahen sich von einem Polizisten ständig überwacht. Am darauffolgenden Morgen fuhren sie nach Brüssel weiter; die französischen Polizisten waren inzwischen durch deutsche abgelöst worden.
Kent und Margarete Barcza kamen direkt in die Strafanstalt von Breendonck. Man brachte sie wieder zusammen in einer Zelle unter; tagsüber wurden sie von zwei Wärtern bewacht, die alle zwei Stunden abgelöst wurden, und in der Nacht blieb ein Gestapo-Beamter bei ihnen. Sie durften miteinander sprechen, unterhielten sich aber nur über belanglose Dinge.
Einige Tage später wurden sie zum Brüsseler Sitz der Gestapo in die Avenue Louise gebracht. Dort zwang man sie, in einem großen schwarzen Mercedes Platz zu nehmen, dessen rechte Hintertür von außen durch ein starkes, an den Stoßstangen befestigtes Seil versperrt war. Es war unmöglich, die Tür von innen zu öffnen. Kent, Margarete Barcza und ein Gestapo-Beamter nahmen auf dem Rücksitz Platz. Neben dem Chauffeur saß mit rückwärts gewandtem Oberkörper ein zweiter Mann, der seine Pistole auf die Gefangenen gerichtet hielt. Er verharrte bis Berlin in dieser unbequemen Haltung.
In Berlin fuhr der Wagen direkt in die Prinz-Albrecht-Straße, den Sitz des Reichssicherheitshauptamtes. Kent schloß man in eine Zelle im Keller ein, nur wenige Schritte entfernt von Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, die er ein Jahr vorher im Berliner Zoo getroffen hatte. Margarete wurde in das Untersuchungsgefängnis am Alexanderplatz eingeliefert und in eine leere Zelle gebracht.
Am 18. November 1942, kurz nach neun Uhr morgens, bekommt Simex-Bürochef Keller einen Anruf von Nikolai: "Ihr Ausweis fürs Sperrgebiet ist fertig. Wollen Sie ihn abholen?" Unverzüglich geht Keller zur OT. Nikolai empfängt ihn freundlich und erzählt ihm, daß er gegen Mittag mit einem Kunden zur Simex kommen wird.
Er kommt tatsächlich, und zwar zusammen mit einem gewissen Jung, der angeblich Lötkolben sucht. Keller verspricht, wenn irgend möglich, welche zu beschaffen. Das Benehmen der Besucher kommt ihm merkwürdig vor: Sie bleiben nicht ruhig sitzen, sie sehen sich aufmerksam im Raum um, werfen sogar neugierige Blicke auf seinen Schreibtisch. Nikolai schlägt Keller vor, am nächsten Tag mit Geschäftsführer Alfred Corbin zur OT zu kommen. Sie verabreden sich für vier Uhr nachmittags, und der Deutsche mahnt ihn beim Abschied noch: "Seien Sie aber bitte pünktlich!"
Am späten Nachmittag des gleichen Tages erscheint bei der Simex ein etwa dreißigjähriger blonder Mann und erkundigt sich bei der Chefsekretärin Madame Mignon, ob er Monsieur Gilbert oder den Direktor sprechen könne. Keiner von beiden ist da.
Madame Mignon: "Der Besucher hat sich merkwürdig benommen. Er wartete nur kurze Zeit im Besuchszimmer. Seine Augen schweiften überall umher, er schien sehr aufgeregt, ja sogar ängstlich zu sein. Immer wieder ging er zum Fenster und blickte auf die Straße hinunter, als ob er dort jemanden suchte."
Madame Mignon ist beunruhigt, und sowie der Mann das Büro verlassen hat, spricht sie darüber mit Mademoiselle Cointe. Aber diese weist sie schroff ab und rät ihr, sie solle sich nicht um Angelegenheiten kümmern, die sie nichts angingen.
Am 19. November 1942, Funkt zehn Uhr, klingelt es an der Tür der Simex. Madame Mignon öffnet. Draußen steht der blonde Besucher vom Tag vorher mit zehn Männern in Zivil. "Ist Monsieur Corbin da?"
"Nanu, heute kennen Sie seinen Namen? Sie haben aber eine Menge Leute mitgebracht!"
"Antworten Sie! Polizei! Gehen Sie in ihr Büro."
Die französischen Hilfsbeamten der Gestapo kontrollieren die zwölf Räume, aber nur die Sekretärin Suzanne Cointe ist da. Alfred Corbin und Keller kommen an diesem Morgen nicht ins Büro: Sie haben Verabredungen in der Stadt. Bleich und wortlos sieht Mademoiselle Cointe zu, wie ihre persönlichen Sachen durchwühlt werden. Ohne eine gründliche Haussuchung durchzuführen, nehmen die Polizisten die beiden Frauen mit.
Sie werden getrennt. Madame Mignon bringt man auf die Polizeipräfektur. Dort bleibt sie vier Tage und irritiert die Polizisten durch unentwegtes Reklamieren, Protestieren und Schimpfen. Alle atmen auf, als sie freigelassen wird. Suzanne Cointe wird in die Rue des Saussaies gebracht.
Alfred Corbin und Wladimir Keller gehen die Champs-Elysées hinauf. Sie sind auf dem Wege zur Organisation Todt. Es ist ein Viertel vor vier. Keller fühlt sich unbehaglich. Sie betreten die Eingangshalle. Wie gewöhnlich wimmelt es hier von Menschen, besonders von deutschen Soldaten. Keller bahnt sich einen Weg durch die Menge zum Fahrstuhl am Ende der Halle. Corbin folgt ihm.
In dem Augenblick, als Keller die Fahrstuhltür öffnen will, hört er hinter sich eine Stimme fragen: "Herr Keller?" Er dreht sich um, und schon schließen sich Handschellen um seine Handgelenke. 25 Jahre später ist Wladimir Keller noch immer verwundert über soviel Fingerfertigkeit. Man entreißt ihm seine Aktentasche, in der er seine gerade ausgezahlte Provision verwahrt: 138 000 Franc. "Das war damals viel Geld!"
Vor ihm steht mit gezogenem Revolver der angebliche Interessent für Lötkolben: Erich Jung, Kriminalobersekretär der Gestapo und Mitglied des Sonderkommandos Rote Kapelle. Links von ihm versperren vier Polizisten, Maschinenpistolen im Anschlag, den Ausgang zur Rue Marbeuf. Jung drängt Corbin und Keller durch diesen Ausgang zu einem wartenden Wagen. Das Auto rast los.
Der Wagen fährt in den Hof der Rue des Saussaies. Jung nimmt Keller mit in sein Büro. "Wo ist Gilbert?" Keller weiß es nicht. Da erhält er Ohrfeigen, Faustschläge. "Wo ist Gilbert?" Keller versichert, daß er keine Ahnung hat.
Jung entnimmt einer Schublade einen Strick und schlingt ihn um die Beine des Gefangenen. Dann holt er einen Stock, den er zwischen Strick und Beine steckt. Das ist die "Knebelmethode". Der Stock wird so lange gedreht, bis der Strick in die Beine des Gefangenen schneidet. Aber bevor der Deutsche damit anfängt, dreht er sein Radio voll auf. Englische Laute dröhnen durch den Raum: Der Apparat ist auf die BBC eingestellt.
Keller· begreift, daß dadurch seine Schmerzensschreie übertönt werden sollen. Er ruft: "Das ist gar nicht nötig!" Überrascht stellt Jung das Radio leiser: "Was wollen Sie damit sagen?"
Keller entsinnt sich: "Ich erklärte ihm, daß ich eine merkwürdige physiologische Eigenart hätte: Ich spüre nur leichte Schmerzen; sobald sie einen gewissen Grad übersteigen, werde ich unempfindlich. Eine Ohrfeige, ja, die tut mir weh. Dagegen könnte man mich zu Tode peitschen, ohne daß ich auch nur einen Mucks von mir gebe."
Nach kurzer Überlegung entscheidet sich der Gestapo-Mann aber doch für die Routine. Er schiebt den Stock in den eng zusammengezogenen Strick und sagt zu Keller: "Man wirft uns oft vor, die Gestapo sei unmenschlich. Das stimmt überhaupt nicht. Wir verwenden hier noch nicht einmal all die Folterwerkzeuge, die wir von den Franzosen übernommen haben*."
Er dreht und dreht. Der Strick schneidet tief in Kellers Beine, aber der Gefangene betrachtet mit abwesender Miene die Zimmerdecke während Jung, hochrot im Gesicht, sich anstrengt, Keller einen Schrei zu entreißen. Schließlich gibt er auf, völlig außer Atem.
Gegen acht Uhr abends werden Keller und Corbin in ein Auto verfrachtet. Sie sitzen nebeneinander im Fond, vor ihnen der Chauffeur und ein Offizier. Die Verdunklung hat die Straßen in finstere Tunnel verwandelt. Der Chauffeur verfährt sich. Ein Passant taucht in der Dunkelheit auf; ein würdiger alter Herr kommt heran, der seinen Abendspaziergang macht.
Der Offizier steigt aus und fragt ihn nach dem Weg nach Fresnes. Der alte Herr wirft einen Blick in den Wagen, sieht die gefesselten Gefangenen und
* Im Haus 11 der Rue des Saussales, der Pariser Gestapo-Zentrale, war vor dem deutschen Einmarsch die Generaldirektion der französischen Sicherheitspolizei (Sureté nationale) untergebracht.
antwortet: "Was geht mich das an! Ich weiß den Weg nicht!"
"Sehen Sie nicht, daß Sie mit einem deutschen Offizier sprechen? Wenn Sie nicht antworten, nehme ich Sie auch gleich mit!"
"Halt den Mund! Ich pfeif auf deine Drohungen!"
"Der alte Herr war außer sich", erzählt Keller, "er warf dem Deutschen die gröbsten Beleidigungen an den Kopf. Es wurde immer schlimmer, der Chauffeur stieg aus, um dem Offizier Beistand zu leisten, denn es sah ganz nach einer Schlägerei aus. Mir fuhr es durch den Kopf: Das ist der richtige Augenblick! Man konnte keine drei Schritt weit sehen. Die Handschellen, das war nicht weiter schlimm. Blitzschnell fiel mir auch ein Schrotthändler in Aubervilliers ein, den ich von der Simex her kannte und der nicht eine Sekunde zögern würde, unsere Handschellen durchzusägen.
"Ich stieß Monsieur Corbin an und machte ihm das Zeichen, abzuhauen. Er schüttelte verneinend den Kopf, und dabei hatte ich hauptsächlich an ihn gedacht. Ich war der Meinung, daß es möglicherweise schlecht für ihn aussah und er eine Menge riskierte. Aber er rührte sich nicht. Ja, bei all seinen Qualitäten war Monsieur Corbin kein tatkräftiger Mann."
Draußen geht der Streit zu Ende. Der wütende alte Herr verschwindet im Dunkeln. Der Chauffeur findet den Weg nach dem Wehrmachtgefängnis in Fresnes, wo Corbin und Keller in getrennten Zellen eingesperrt werden. Mit Handschellen schließt man ihre Hände auf dem Rücken zusammen.
Das erschwert das Schlafen, aber Kriminalrat Giering will kein Risiko eingehen, jeder Selbstmordversuch soll verhindert werden. Er und Piepe haben sich die Aufgabe geteilt. Während die Gestapo die Pariser Simex liquidiert, operiert der Abwehr-Mann in Brüssel. Selten hatte Piepe es so bequem: Er braucht nur aus seinem Büro auf den Flur zu treten und an die Nachbartür zu klopfen; hinter ihr liegen die Büros der Trepper-Firma Simexco. Aber er trifft nur einen unbedeutenden Angestellten bei der Simexco. Die Aktenschränke enthalten nicht ein einziges kompromittierendes Dokument.
An den Wänden sind keine versteckten Mikrophone zu finden. Piepe ist überzeugt, daß sie unmittelbar vor der Haussuchung entfernt worden sind. Im ganzen eine ergebnislose Aktion! Aber wenigstens hat man die Namen und Adressen der Teilhaber und Angestellten der Simexco in Händen; man kann sich die Leute greifen, wann immer man will.
Alfred Corbin und Keller werden verhört. Eine hundertmal wiederholte Frage hören sie: "Wo ist Gilbert?" Und immer wieder versichern sie, daß sie es nicht wissen. Giering glaubt ihnen nicht. Er fordert aus Berlin einen Spezialisten für Folterungen an. Inzwischen beschränken sich seine Leute auf die üblichen Brutalitäten: "Einige Schläge", schreibt Alfred Corbin in seinen Aufzeichnungen, "aber eigentlich nicht schlimm." Bei Kellers physiologischer Eigenheit sind alle Versuche vergeblich.
Derweil wartet Madame Corbin auf ihren Mann. Sie hat nicht die geringste Ahnung, daß Ihr Mann einem Spionagering angehört. Aber sein plötzliches Verschwinden versetzt sie in panische Angst. Sie verbrennt in einem Riesenfeuer alle Papiere, deren sie in der Eile habhaft werden kann, sogar ihre Verlobungsbriefe. Die Asche im Kamin ist noch warm, als es läutet. Vor der Tür stehen französische Hilfsbeamte der Gestapo, die gleichen, die am Tag vorher die Haussuchung bei der Simex durchgeführt haben,
Sie versuchen, die aufgeregte Frau, zu beruhigen: Alfred Corbin sei wegen einer unwichtigen Schwarzmarktaffäre in Gewahrsam genommen worden; alles werde sich bald aufklären. Man verlangt weiter nichts, als daß Madame Corbin und ihre Tochter in den nächsten Tagen das Haus nicht verlassen.
Unter beschwichtigenden Versicherungen gehen die Polizisten wieder fort, zwei von ihnen bleiben aber als Wache vor der Wohnungstür zurück. Das Sonderkommando hofft, daß der Grand Chef bei den Corbins in die Falle tappt
Nach drei Tagen vergeblichen Wartens lösen deutsche Gestapo-Beamte, darunter Erich Jung, die französischen Polizisten vor der Wohnung der Corbins ab. Die Deutschen üben in geschickter Weise einen psychologischen Druck auf Madame Corbin aus. Sie sprechen nicht mehr von Schwarzmarktgeschäften, sie reden von Spionage. Natürlich, auch sie halten Alfred Corbin für unschuldig, Das Schlimme sei nur, daß er womöglich für den
* Mit Ehemann Alfred Corbin (stehend, links) und Verwandten.
wirklich Schuldigen, für Gilbert, die Rechnung zahlen müsse -- so sagen die Deutschen.
Am Ende ihrer Kräfte irrt Madame Corbin in ihrer Wohnung umher, in der sie alles an ihren abwesenden, bedrohten, arglosen Mann erinnert. Sie ist von seiner Unschuld überzeugt. Sie schreit es Jung und den anderen immer wieder entgegen: "Wenn ich nur das Geringste wüßte, würde ich es sagen. Aber ich weiß nichts. Überhaupt nichts."
Am 24. November 1942, um elf Uhr morgens, fällt ihr plötzlich ein unbedeutendes Ereignis ein. Gilbert hatte eines Tages über Zahnschmerzen geklagt, und Alfred Corbin hatte ihm die Adresse eines Zahnarztes gegeben: Dr. Maleplate, Rue de Rivoli Nr. 13. Warum sollte sie ihren Bewachern diese Kleinigkeit vorenthalten? Gilbert ist für sie nur eine flüchtige Geschäftsbekanntschaft ihres Mannes. Sie ist fest davon überzeugt, daß er ihren Mann ausgenutzt hat, ohne daß Corbin etwas ahnte. Die Adresse des Zahnarztes -- das ist der Bauer, den ein Schachspieler opfert, um eine wichtige Figur zu schützen. Die Chancen stehen eins zu tausend, daß der Verlust gerade dieses Bauern der Gestapo ein Schachmatt ermöglicht.
Dr. Maleplate erzählt: "Am 24. November habe ich wie immer morgens im Hôspital Laënnec gearbeitet, wo ich damals Assistenzarzt war. Gegen Mittag rief man mich ans Telephon; es war mein Zahntechniker. "Sie müssen sofort nach Hause kommen", sagte er, und auf meine Fragen antwortete er nur: "Ich kann Ihnen nichts weiter sagen, aber Sie müssen umgehend herkommen. Am Metro-Ausgang wartete er schon auf mich und sagte: "Die Gestapo ist bei Ihnen oben und will Sie sprechen."
Kurz darauf stand Maleplate vor Giering und Piepe. "Ich mußte", berichtet der Zahnarzt, "meinen Terminkalender hervorholen und alle für diese Woche getroffenen Verabredungen vorlesen. Das tat ich. Dann sagten sie: "Wiederholen Sie bitte!' Ich habe die Liste noch einmal vorgelesen, aber auch das genügte noch nicht. "Bitte ein drittes Mal!' Und da erst fiel mir ein, daß mir ein Irrtum unterlaufen war: "Oh, heute nachmittag um zwei Uhr sollte die Frau eines Kollegen kommen. Sie hat abgesagt, und ich habe statt dessen einen anderen Patienten bestellt. Aber ich habe vergessen, ihren Namen auszustreichen und dafür Monsieur Gilbert einzutragen!'" Gilbert, das ist er: der Grand Chef, der Agentenchef. Maleplate erinnert sich: "Als ich den Namen Gilbert nannte, schienen sie dem überhaupt keine besondere Beachtung zu schenken. Die Deutschen bedankten sich bei mir und gingen weg, aber nach wenigen Minuten erschienen sie wieder, diesmal zu dritt. Später habe ich erfahren, daß sie in dem unten im Haus gelegenen Café schnell Kriegsrat gehalten hatten. Ohne Umschweife erklärten sie: "Wir wollen Gilbert verhaften!' -- "Machen Sie, was Sie wollen, mich geht das Ganze nichts an.' -- "O doch', sagte der eine Deutsche, "Sie werden uns behilflich sein müssen, ob Sie wollen oder nicht.
"Sie setzten mir ihren Plan auseinander. Ich sollte meinen Zahntechniker fortschicken und selbst die Tür öffnen, Gilbert auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen lassen und mit der Arbeit beginnen. Wenn sie sich auf ihn stürzen würden, sollte ich mich zu meiner persönlichen Sicherheit in eine Ecke des Zimmers flüchten, denn sie waren überzeugt, daß das Ganze nicht ohne Schießerei ablaufen würde.
"Als der Zahntechniker nach der Mittagspause zurückkam, schickte ich ihn zu meinem Vater hinauf. Es war kurz vor zwei Uhr, und Gilbert mußte jeden Augenblick erscheinen. Er war an diesem Nachmittag mein erster Patient."
Die Wohnung des Zahnarztes: Von der Eingangstür führt ein langer Korridor zu den hinteren Räumen. Auf der rechten Seite ein einziger Raum: das zahntechnische Labor. Auf der linken Seite liegen hintereinander das Wartezimmer, ein Behandlungsraum" der früher von Maleplates Vater benutzt wurde, ein Büro und schließlich das Behandlungszimmer des jungen Arztes.
Giering versteckt einen Mann im Labor; er soll den Fluchtweg abschneiden. Er selbst und Piepe postieren sich vor der Tür zum Behandlungsraum, die vom Eingang her nicht zu sehen ist, da der Flur dort um eine Ecke biegt. Mit Dr. Maleplate wird verabredet, daß er den Besucher durch das Büro in das Behandlungszimmer führt. Draußen steht das Sonderkommando mit seinen französischen Helfern, der ganze Häuserblock ist umstellt.
Doch wird der Grand Chef kommen? Leopold Trepper ist in diesen Tagen ein gehetzter und verzweifelter Mann. Ein Teil seines Apparates ist zerstört, schlimmer noch: Er muß an Moskau zweifeln.
Vier Monate nach der Verhaftung der (von den Deutschen dann "umgedrehten" Sowjetagenten) Wenzel, Jefremow und Winterinck glaubt die Spionage-Zentrale in Moskau noch immer an die von ihnen durchgegebenen Funksprüche. Treppers Warnungen bleiben wirkungslos. Kaum daß der Direktor der Zentrale ihm gegenüber sein Mißtrauen verhehlt. Man hört in Moskau eher auf den SS-Mann Giering als auf den Chef der sowjetischen Spionage in Westeuropa!
Auf ein Funkspiel hereinzufallen, ist schon schlimm genug, aber Trepper wird seit Monaten den Verdacht nicht los, daß sich hinter diesem Spiel ein ganz anderes Ziel verbirgt, daß Giermgs Sonderkommando weit ehrgeizigere Pläne verfolgt.
Die beiden Trepper-Agenten Wassilij und Anna Maximowitsch sind entdeckt worden. Das ist ernst und tragisch -- und eigentlich logisch. Der gewohnten Taktik der Gestapo entsprechend, hätte das Sonderkommando die beiden Russen auf der Stelle verhaften müssen. Statt dessen bleibt Wassilij ungeschoren, und Anna wird ein ungewöhnlicher Handel vorgeschlagen: Unter der Bedingung, Giering eine Unterhaltung mit dem Grand Chef zu vermitteln, sei man bereit, sie für ihre illegale Tätigkeit nicht zur Verantwortung zu ziehen. Eine Unterhaltung!
Anna Maximowitsch informiert Trepper, und er rät ihr dringend, sofort unterzutauchen. Über Billeron flüchtet sie ins unbesetzte Frankreich und wird dort zur gleichen Zeit wie Kent verhaftet -- aber das weiß der Grand Chef nicht. Noch andere Überlegungen steigern Treppers Sorge und Verwirrung. Das Sonderkommando hat ihm mehrere Fallen gestellt, damit müßte es doch genug sein.
Nach der Verhaftung von Corbin und seinen Leuten kann Giering nicht mehr hoffen, von Trepper für einen Industriellen aus Mainz gehalten zu werden. Dennoch läßt er ihm durch die Likhonine noch einmal den Vorschlag machen, die Verhandlungen über die Industriediamanten wiederaufzunehmen -- und zwar in Berlin, All das läßt darauf schließen, daß es dem Sonderkommando weniger darauf ankommt, den Grand Chef zu verhaften, als mit ihm in Kontakt zu treten. Aber zu welchem Zweck?
Am 22. November trifft Trepper den Hauptverbindungsmann zur Kommunistischen Partei, Michel. Er bittet ihn, Moskau über Gierings verblüffenden Vorschlag zu informieren, und fügt hinzu, daß er bereit sei, nach Berlin zu fahren, wenn man an oberster Stelle Wert darauf legt, Klarheit über diese undurchsichtige Angelegenheit zu erhalten.
Am 23. November entschließt er sich, aufs Land zu gehen und dort die Antwort der Zentrale abzuwarten. Der Apparat ist stillgelegt: die Arbeit unterbrochen, die Verbindungen sind gelöst, die Kontakte untersagt -- jeder soll sich in seinem Winkel verbergen. Am Abend trifft er zum letztenmal seine alte Garde: die Agenten Katz und Grossvogel.
Mit ihnen zusammen setzt er für den Direktor der Zentrale einen letzten Funkspruch auf und läßt seine Verzweiflung darüber durchklingen, daß man ihm nicht mehr glauben will: "Die Situation verschlechtert sich von Stunde zu Stunde. Kent ist wahrscheinlich verhaftet, die Simex liquidiert. Aber viel schlimmer als das alles sind Ihre Behauptungen bezüglich Jefremow, Wenzel, Winterinck. Es ist eindeutig, daß die Gestapo bei Ihnen mehr Einfluß hat als ich."
Die drei schreiben auch einen langen Brief an den französischen KP-Führer Jacques Duclos und beschwören ihn, er möge Moskau von der Richtigkeit ihrer Informationen über das geschehene Unheil und das Umdrehen der Funker überzeugen. Katz soll am nächsten Morgen nach Marseille fahren, wo ihm ein sicheres Versteck zur Verfügung steht. Grossvogel kennt einen Unterschlupf in Vichy; auch er wird sehen, daß er ihn so schnell wie möglich erreicht.
Trepper gibt beiden einen letzten Rat mit auf den Weg: "Solltet ihr verhaftet werden, so bemüht euch um jeden Preis, herauszubekommen, welches Spiel das Sonderkommando treibt."
Er selbst hat seine Dispositionen bereits getroffen. Seine Lebensgefährtin Georgie de Winter soll in ihrer Villa in Le Vésinet bleiben. Schon vor zwei Monaten hat er sie dazu überredet, den Sohn Patrick in Sicherheit zu bringen. Eine Bekannte hat ihnen die Adresse des Ehepaars Queyrie gegeben, das in Suresnes -- einem Vorort von Paris -- wohnt. Bei den Queyries wird der kleine Patrick wie ein eigenes Kind gehegt, er scheint dort vor dem Zugriff des Sonderkommandos sicher zu sein.
Trepper wird in einigen Tagen "offiziell" sterben. Ein Arzt aus Royat, den er während eines Kuraufenthalts kennengelernt hat, wird einen amtlichen Totenschein ausstellen; und ein Grabstein, vor dem die überraschten Männer von Giering feierlich die Mützen abnehmen sollen, wird seinen Namen tragen -- so hofft der Grand Chef.
Aber bevor er sich in die einsamen Berge der Auvergne zurückzieht, will er seine Zahnbehandlung abschließen. Dr. Maleplate hat in den vergangenen Wochen so viel zu tun gehabt, daß er den letzten Termin ständig verschieben mußte -- auf den heutigen 24. November. Der Grand Chef fährt zu dem Zahnarzt.
Trepper erzählte uns später, welches Unbehagen ihn befiel, als er zu Maleplate kam. Irgend etwas stimmte nicht. Das sonst überfüllte Wartezimmer war leer. Die Flurtür des Behandlungszimmers, die sonst immer offenstand, war geschlossen.
Dr. Maleplate berichtet: "Ich ließ ihn auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen. Er war ruhig und gelassen. Ich sagte mir: Der arme Teufel, warum soll ich ihn noch quälen, warum ihm noch Schmerzen bereiten? Wir unterhielten uns, während ich die Instrumente vorbereitete. Er sagte lächelnd: "Haben Sie die letzten Nachrichten gehört? Nicht schlecht, finden Sie nicht auch?" Ich war schweißgebadet: Auf dem Korridor hörte ich das Klirren der Handschellen."
"Mir schien es wie eine Ewigkeit. Ich steckte ihm schließlich einen Wattebausch in den Mund und setzte gerade meine Bohrmaschine in Gang, als sie endlich hereingestürmt kamen und sich mit gezogenen Revolvern auf ihn stürzten. Er hat nur die Arme gehoben und gesagt: "Ich bin nicht bewaffnet!" Er war kreidebleich, aber vollkommen ruhig. Die Deutschen dagegen haben geschwitzt vor Angst."
Piepe bestätigt: "Der Zahnarzt zitterte. Giering und ich waren sehr "Von der ersten Unterredung an habe ich deshalb versucht, einen menschlichen Kontakt herzustellen. Wir haben über sein Leben und seine Familie gesprochen, haben dabei Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht. Er plauderte völlig zwanglos. Ich hatte das Gefühl, einem alten Kameraden gegenüberzusitzen, mit dem ich Erinnerungen austauschte."
Auf den Lebenslauf folgte ein belehrender Vortrag. Vor dem erstaunten Sonderkommando hielt Trepper eine regelrechte Vorlesung über die Technik der Spionage. Nach diesem Vortrag des Grand Chef verfaßte die Abwehr einen Bericht für Berlin, der dazu bestimmt war, nachträglich die Langwierigkeit ihrer Untersuchungen zu rechtfertigen: "Alle von uns vorher im Westen gesammelten Erfahrungen erwiesen sich als wertlos. Es stellte aufgeregt. O ja, das stimmt, Trepper war der Ruhigste von uns allen. Nicht mal mit der Wimper hat er gezuckt. Als Giering ihm die Handschellen anlegte, sagte er: "Bravo, Sie haben gute Arbeit geleistet!' Und ich habe geantwortet: "Wir haben auch zwei Jahre dazu gebraucht."
Als der Gefangene abgeführt wurde, sagte Dr. Maleplate zu ihm: "Sie sollen wissen, daß ich nichts damit zu tun hatte." Trepper: "Das glaube ich Ihnen, ich mache Ihnen auch nicht den geringsten Vorwurf." Es folgte noch eine höfliche Unterhaltung über die Bezahlung der Rechnung, aber der Zahnarzt lehnte jedes Honorar ab. Der Grand Chef schüttelte ihm die Hand und ging fort.
"Im Auto hat er mich gefragt", entsinnt sich Piepe, "ob ich zur Abwehr oder zur Gestapo gehöre. Als ich ihm sagte, daß ich Wehrmachtsoffizier sei schien er erleichtert und meinte: Für mich ist alles zu Ende. Ich werde Ihnen manches sagen, aber nicht alles, das müssen Sie verstehen. Natürlich waren Giering und ich über diese unverhoffte Erklärung verblüfft. Wenn sich der Grand Chef bereit erklärte, mit uns zusammenzuarbeiten, war es mit der sowjetischen Spionage im Westen vorbei.
sich heraus, daß die Russen meisterhaft gearbeitet hatten. Darum war es für die Abwehr notwendig, die Grundsätze kennenzulernen, die der Schulung und dem Einschleusen sowjetischer Agenten zugrunde lagen."
Nach der Verhaftung des Grand Chef brachen auch die letzten Stützpunkte der Roten Kapelle zusammen. Am 25. November 1942 wurden Madame Corbin, ihre Tochter Denise und Schwager Robert Corbin verhaftet, am gleichen Tag in Belgien die Aktionäre der Simexco. Bill Hoorickx nahm man einige Tage später bei einem Freund fest. So wurde die belgische Gruppe endgültig vernichtet.
Die Gestapo kam auch in die Zweigniederlassung der Simex nach Marseille. Sie verhaftete Jules Jaspar, dessen Frau und eine junge Sekretärin, Marguerite Marivet. Jules Jaspar, der belgische Patrizier, erfuhr erst durch die Gestapo von seiner Zugehörigkeit zu einem sowjetischen Spionagenetz. Krebsrot vor Entrüstung schrie er: "Diese Schufte, und ich glaubte, wir hätten für den Intelligence Service gearbeitet!"
Kurz darauf wurde auch die Gruppe in Lyon zerschlagen. Mit einem Sender eigener Konstruktion wollte die Lyoner Gruppe gerade anfangen, ihre Meldungen direkt zu funken, als die Gestapo zuschlug. Sie verhaftete Otto Schumacher, in dessen Haus in Brüssel Wenzel während seiner Sendung überraschend gefaßt worden war. Germaine Schneider gelang es zu entkommen, aber schon einige Zeit später wurde sie vom Sonderkommando in Paris festgenommen.
Isidor Springer, Leiter der Gruppe Lyon, verteidigte sich mit der Waffe in der Hand; erst nach einer regelrechten Belagerung konnte man ihn überwältigen, Zusammen mit den anderen wurde er nach Paris und dann ins Gefängnis von Fresnes übergeführt. Dort stürzte er sich aus dem dritten Stock in den Innenhof; er war für immer stumm.
Hat der Grand Chef alle diese Mitarbeiter verraten? Nach den deutschen Unterlagen ist der Grand Chef schuld an den Verhaftungen von Katz, Grossvogel, Wassilij Maximowitsch und Robinson. Er verriet zuerst Katz. seinen alten Gefährten aus Palästina, seinen ergebensten Gehilfen. Auf Befehl von Giering rief er ihn an, um einen Treff an der Métro-Station "Madeleine" zu verabreden.
Der kleine Katz wurde verhaftet, in die Rue des Saussales gebracht und Trepper gegenübergestellt, der zu ihm sagte: "Katz, wir müssen mit diesen Herren zusammenarbeiten. Unser Spiel ist aus!"
Dann verriet er Wassilij Maximowitsch und schließlich Léon Grossvogel, den "Stabschef" des Apparates. Unermüdlich hatte Grossvogel eine ganze Reihe von sicheren Verstecken vorbereitet, in denen die entkommenen Agenten ruhig und sicher das Weitere abwarten konnten. Er hatte in seinen Plänen nur eine Möglichkeit außer acht gelassen: den Treuebruch seines Chefs.
Auch andere Mitglieder des Trepper-Apparates gaben ihre Freunde preis. Piepe erzählt: "Giermg überließ es mir, die Untersuchung durchzuführen, denn alles, was Wehrmacht und Militärverwaltung betraf, gehörte in den Bereich der Abwehr. Maximowitsch hat uns aus dem eigentlichen Netz die Agentin Käthe Voelkner verraten. Wir wußten, daß der Fälscher Raichmann aus Paris Blankoformulare von den deutschen Behörden erhielt. Maximowitach gestand, daß die Formulare ihm durch eine Angehörige vom Amt Sauckel beschafft wurden, und es dauerte nicht lange, bis ich herausfand, daß es sich um Käthe Voelkner handeln mußte. Ich habe sie verhaftet.
"Die Voelkner war aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Sophie Posnanska, die Kodespezialistin in Brüssel. Es war nichts aus ihr herauszubekommen -- nicht ein Wort! Aber ihr Freund, ein Italiener namens Podsialdo, hat uns alles erzählt: über die Reisen quer
* Im Hof des Polizeipräsidiums, in dem weibliche Mitglieder der Roten Kapelle festgehalten wurden,
** Im Keller des Reichssicherheitshauptamtes, in dessen Hausgefängnis der sowjetische Chefagent Kent saß.
durch Europa, den Aufenthalt in Leningrad.
"Er hat uns auch gesagt, daß seine Freundin oft auf der bei ihnen verborgenen Schreibmaschine geheime Berichte abgetippt habe, und uns verraten, wo wir die Kopien finden konnten. Podsialdo hat uns auch gestanden, daß er mit einem Angestellten vom Quartieramt der Wehrmacht in Paris in Verbindung stand. Ein Franzose. Er wurde erschossen.
"Sie waren nicht die einzigen Sowjetagenten. Margarete Hoffmann-Scholz, die Braut von Maximowitsch, wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Und viele hohe Offiziere, die durch die beiden Maximowitschs kompromittiert waren, sind schwer bestraft worden. War das ein Theater! Wir haben uns darauf geeinigt, etwas verwässerte Berichte aufzusetzen, so daß nie wirklich herausgekommen ist, in welchem Ausmaß sich der Stab des Militärbefehlshabers in Paris kompromittiert hatte."
Auch der in Berlin festgehaltene Chefagent Kent brach zusammen. "Sie haben mich vier Tage in meiner Zelle am Alexanderplatz gelassen", erzählt Margarete Barcza, "bevor sie mich zum Sitz der Gestapo brachten. Kent war da. Der Arme, es war ein schwerer Schlag für ihn: Zum erstenmal sah er mich ungeschminkt, ungekämmt, in schlechter Verfassung. Der anwesende Gestapo-Mann, der Kents Entsetzen beobachtet hatte, sagte zu ihm: "Wir machen Ihnen einen Vorschlag: Sie können tagsüber mit ihr zusammenbleiben, aber dafür müssen Sie nachts bei uns auspacken.
"Vincent (Kent) war einverstanden. So konnte ich ihn jeden Tag sehen, aber die anderen blieben mißtrauisch: Man stelle sich vor, nach jedem Abschied mußte ich den Mund aufmachen; sie kontrollierten, ob Vincent mir beim Abschiedskuß nicht eine Nachricht zugesteckt hatte."
Kent verbrachte seine Nächte mit Verrat. Er bestätigte der Gestapo seine Kontakte mit Schulze-Boysen und Harnack; dafür war der Gefangene nach Berlin geholt worden. Er berichtete über die Reise Alfred Corbins nach Leipzig. Er gab viele Einzelheiten über die Brüsseler Gruppe preis. Diese Geständnisse waren im Grunde nur Bestätigungen bereits bekannter Tatsachen, aber sie wurden mit Interesse aufgenommen, weil sich daran Kents Bereitwilligkeit zur Mitarbeit abmessen ließ.
Am Ende des Jahres 1942 dachten die Deutschen bereits an die Zukunft. Sie wollten auf den Trümmern des von ihnen zerstörten Apparates ein Wunderwerk an offensiver Gegenspionage aufbauen. Sie hatten sich für ihren Gefangenen bereits eine Rolle ausgedacht, die seiner Persönlichkeit würdig war. Den Chef der sowjetischen Spionage in Westeuropa und seinen Stellvertreter hatten sie nicht gefangengenommen, um sie einfach im Kerker verschmachten zu lassen.
In den ersten Dezembertagen erfuhr Kent, daß man ihn nach Paris überführen werde. Dort sollten der Grand Chef und der Petit Chef in neuer Zusammenarbeit zu Handlangern eines ehrgeizigen Funkspiels der Gestapo werden.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Gestapo täuscht mit Hufe umgedrehter Sowjetagenten die Moskauer Spionagezentrale -- Trepper flieht aus deutscher Gefangenschaft und warnt die Russen -- Das Ende des Grand Chef im sowjetischen Kerker
Von Gilles Perrault

DER SPIEGEL 29/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 29/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

- · · - ptx ruft moskau · - - ·

Video 01:42

Messerattacke in München Polizei nimmt Tatverdächtigen fest

  • Video "Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest" Video 01:42
    Messerattacke in München: Polizei nimmt Tatverdächtigen fest
  • Video "Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien" Video 01:06
    Mehr als 100 Festnahmen: Schlag gegen Kinderpornoring in Brasilien
  • Video "Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten" Video 01:43
    Chinas Mars-Vision: Grüne Kolonie für Roten Planeten
  • Video "Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer" Video 01:18
    Moor in Südschweden: Der Friedhof der vergessenen Oldtimer
  • Video "Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen" Video 01:58
    Neues Asterix-Heft spielt in Italien: Kommerz, Korruption - und Wagenrennen
  • Video "Katalonien-Konfikt: Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich" Video 02:01
    Katalonien-Konfikt: "Die aufgeheizte Stimmung ist gefährlich"
  • Video "Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik" Video 01:14
    Lügen, Spaltung, Verschwörungstheorien: Ex-Präsident Bush verurteilt Trumps Politik
  • Video "Dogan Akhanli: Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden" Video 01:37
    Dogan Akhanli: "Die Türkei ist ein unberechenbares Land geworden"
  • Video "Fotograf dokumentiert Ophelia: Natur, gewaltig" Video 01:14
    Fotograf dokumentiert "Ophelia": Natur, gewaltig
  • Video "Road to Jamaika - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?" Video 03:15
    Road to "Jamaika" - Tag 3: Wer wird Merkels schwierigster Sondierungspartner?
  • Video "Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein" Video 01:03
    Ausraster: US-Rennfahrer prügelt auf Rivalen ein
  • Video "Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen" Video 02:17
    Fluoreszierende Forschung: Mäuse mit grünen Füßen
  • Video "Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer" Video 07:01
    Filmstarts der Woche: Eiskalter Killer
  • Video "Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: Er wusste, worauf er sich einließ" Video 01:32
    Empörung über Anruf bei Soldaten-Witwe: "Er wusste, worauf er sich einließ"
  • Video "Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus" Video 01:28
    Xenia Sobtschak: Diese Frau fordert Putin heraus