08.07.1968

„WIE ALLE DEUTSCHEN“

Zuletzt wird im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Bonn gelacht. "Dann kann der Herr Bundeskanzler also in allseitigem Einverständnis entlassen werden", stellte der Vorsitzende, der Landgerichtsdirektor Hans Barth, 52, abschließend fest. Doch der Witz ist mager: Denn diesen Bundeskanzler wird die Nation noch lange nicht entlassen -nun erst recht nicht. Entlastung hat die Aussage Kurt Georg Kiesingers nicht nur dem Angeklagten gebracht, dem ehemaligen Legationsrat im Auswärtigen Amt Fritz-Gebhardt von Hahn, 56; entlastet hat die Aussage Kurt Georg Kiesingers vor allem das deutsche Volk.
Wie die meisten Deutschen hat der Zeuge Kiesinger nicht gewußt, was unter Hitler mit den .Juden geschah. Unvorstellbar war, was Gerüchte behaupteten. Greuelmeldungen mußten die Nachrichten der Feindsender sein. Was Meldungen über das Schicksal der Juden betrifft, sagt der Zeuge Kiesinger: "Mein Widerstand dagegen war -- am zähesten." Sollte der Zeuge Kiesinger tatsächlich während seiner rundfunkpolitischen Tätigkeit unter Hitler im "Funkspiegel" des Seehaus-Dienstes, der die ausländischen Sender abhörte, auf derartige Meldungen gestoßen sein, dann "waren es sicherlich diese, die ich für Greuel-Propaganda gehalten hätte".
Der Vorsitzende fragt, ob man nicht doch einen "gewissen Wahrheitsgehalt" habe annehmen müssen. "Hier war ich am längsten ungläubig", antwortet der Zeuge Kiesinger. Wenn er allerdings derartige Meldungen im Jahre 1944 zu Gesicht bekommen hätte, "oder Ende 1944" dann "dann wäre ich viel eher geneigt gewesen, eine entsprechende Meldung zu glauben". Häufig merkt der Zeuge an: "Wie alle Deutschen, wie jeder andere." Wie allen Deutschen wuchs ihm Erkenntnis um so intensiver zu, je absehbarer der Ausgang des Krieges wurde. "Nein, nein, viel später, ganz entschieden viel später", nicht etwa schon 1942 oder 1943, erst "gegen Ende des Krieges" hat sich für den Zeugen Kiesinger der Eindruck verdichtet, "daß wirklich etwas nicht stimmen konnte: Dort ist etwas ganz Böses, etwas ganz Schlimmes im Gange".
Ob der Zeuge Kiesinger tatsächlich katastrophale Meldungen über das Schicksal der Juden zu Gesicht bekam oder nicht, ist nicht mehr auszumachen. Doch wird ja andererseits vom Zeugen Kiesinger deutlich genug gesagt, wie er auf solche Meldungen -- jedenfalls bis 1944, bis Ende 1944, bis gegen Ende des Krieges -- reagiert hätte. Man durfte, konnte, wollte solchen Meldungen nicht glauben." Ich habe zu keiner Zeit während meines Dienstes" von einer Aktion gegen die Juden "direkt, dienstlich, amtlich erfahren", sagt der Zeuge Kiesinger. Befragt, wie sich denn aber doch in ihm die Ahnung geformt habe, daß etwas "ganz Böses, etwas ganz Schlimmes" im Gange sei: "Das ist wie ein Wasserspiegel, der steigt:" Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wird nicht, wie Globke, zum Dauerzeugen in NS-Sachen werden. Seine Nischen sind subtiler. Es ist überhaupt nichts Besonderes an seiner Rolle unter Hitler.
Der äußere Schein hat damals oft getrogen. "Nicht aus Überzeugung, aber auch nicht aus Opportunismus" trat der Zeuge Kiesinger am 1. Mai 1933 in die Partei ein. "Weil ich seit 1934 sehr klar sah, wohin der Weg lief", verhielt er sich abwehrend: "Wenn es Berührung gab (mit der Partei), dann waren es rein technische Dinge, die von der Partei an mich herangetragen wurden." Im Frühjahr 1940 wurde der Zeuge Kiesinger zum Blockwart ernannt: "Ich setzte mich dagegen energisch zur Wehr." Erfolgreich, denn: "Innerhalb von wenigen Wochen habe ich das wieder -- abgestoßen."
Der Zeuge Kiesinger hat auch als "Hausjuden" sozusagen -- die Tatsache vorzubringen, daß er nicht Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes war, was damals wirklich Mut forderte. Mit einer leibhaftigen jüdischen Familie, die im gleichen Haus wie der Zeuge Kiesinger wohnte, verkehrte man noch lange freundschaftlich, bis es sich "die armen Menschen mit dem Judenstern" flehentlich verbaten, angesprochen zu werden, weil das schreckliche Folgen für sie haben könnte. "Und dann waren diese Leute eines Tages nicht mehr da." Und "die Vermutung war im allgemeinen die, sie würden in Munitionsfabriken arbeiten müssen". Wie die meisten, wie eigentlich alle Deutschen, hat der Zeuge Kiesinger das angenommen.
Daß der Zeuge Kiesinger in eine rundfunkpolitische Tätigkeit unter Hitler geriet: "Das war reiner Zufall. Die Position wurde mir vermittelt durch Schüler, vor allem einen", der heute eine "nicht unwichtige Position im Osten" einnimmt, "Da ich ohnehin mit Kriegsdienst rechnen mußte", und auch sonst hatte der Zeuge Kiesinger den Eindruck, "hier wäre vielleicht eine Möglichkeit gegeben, einiges von dem zu tun, was ich mir vorgenommen hatte". Er hat versucht, das Nachrichtenmonopol von Goebbels zu brechen und wenigstens einigen einflußreichen Persönlichkeiten aus Abhörmaterial zu einem Bild von den Tatsachen zu helfen.
Der Zeuge Kiesinger verliest aus dem Tagebuch des Joseph Goebbels, der hat Anfang 1942 den Empfängerkreis des "Funkspiegels" energisch beschränkt, damit die "Gerüchtemacherei" aufhört. "Ich habe meine Erfahrungen gemacht wie alle, die damals Kriegsdienst leisteten", sagt der Zeuge Kiesinger, der nie Soldat war. Das bekannte Conrad-Ahlers-SPIEGEL-Dokument verliest der Zeuge Kiesinger noch einmal: "Ich habe dieses Dokument hier lediglich erwähnt ... um nicht den Eindruck einer billigen Exkulpation zu erwecken." Es handelt sich dabei um die Denunziation, der Referatsleiter Kiesinger hemme nachweislich die "antijüdische Aktion". Was auf diese Denunziation hin geschehen sei, fragt der Vorsitzende. "Es ist nichts darauf erfolgt", sagt der Zeuge Kiesinger.
Die Reise des Frankfurter Schwurgerichts nach Bonn hat sich für den Angeklagten von Hahn gelohnt. Man mußte "es" nicht wissen, nicht als Legationsrat, nicht als rundfunkpolitisch Tätiger -- und die Reise hat sich vor allem für die Nation gelohnt, denn man mußte als Deutscher nicht wissen; nicht wissen, wohin die Züge rollten, die leer rückkehrten -- vielleicht hatten sie ihre Insassen als Arbeitskräfte vor den Munitionsfabriken abgeliefert.
Der Auftritt des Zeugen Kiesinger in einer NS-Sache war ein Auftritt wie zahllose andere. Niemand wirft einen ersten Stein auf den Bundeskanzler, denn dieser Auftritt war lediglich der Schlußstein jenes Versuchs, die braune Vergangenheit zu bewältigen, der mit dem Sieg über die These von der Kollektivschuld begann. Nach dem Auftritt des Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger vor einem Schwurgericht, das über die Verschleppung und Ermordung bulgarischer und griechischer Juden verhandelt, steht die Schuld der Unschuldigen wieder mitten unter uns.
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 28/1968
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