08.07.1968

NPDAlles Quatsch

Wilhelm Gutmann, 68, altersgrauer Chef der NPD in Baden-Württemberg, wünschte sich einen Jungen Kameraden als Nachfolger. Er sollte -- so Gutmann -- "der Partei ersparen, daß in allen Gazetten steht: Ein alter Nazi geht, ein noch älterer kommt".
In der Liederkranzhalle zu Bissingen an der Enz, auf dem Landesparteitag der Nationaldemokraten des Südwest-Gaues, legte vorletzten Sonnabend der alte Nazi Gutmann (NSDAP-Eintritt: 1931) sein Vorstandsamt nieder. Ein noch älterer Nazi kam nicht an die Macht.
Mit 62 Stimmen unterlag der Biberacher Kaufmann Werner Kuhnt, 57 (NSDAP-Eintritt: 1929), gegen den Tuttlinger Rechtsanwalt Martin Mußgnug, 32 -- ein aus Heidelberg stammender Professorensohn, der treuherzig erläuterte, er sei "bei Kriegsende gerade neun Jahre alt" gewesen, aber kein Aufhebens davon machte, daß er einst Funktionär des 1961 wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen verbotenen "Bundes Nationaler Studenten" gewesen war.
Es war eine Wahl mit drei Verlierern. Einer davon war Wilhelm Gutmann, bis Anfang Juli stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD und immer noch Fraktionschef der Nationaldemokraten im baden-württembergischen Landtag.
Beim letzten Landtagswahlkampf im Südwesten waren Details aus Gutmanns Amtszeit als NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister in Tiengen am Hochrhein ruchbar geworden. Er hatte, wie das Landgericht Waldshut 1947 in einem Urteil gegen Gutmann feststellte, 1938 in der "Reichskristallnacht" die Juden eine "internationale Mörderbande" genannt und in den letzten Stunden des Dritten Reiches seinen Mitbürgern unter Drohungen "in fanatischer Weise" Durchhalten befohlen.
Zwar nannte Gutmann für seinen Vorstands-Rücktritt "gesundheitliche Gründe". Doch sicher ist, daß die Vorwürfe gegen ihn (Gutmann: "Alles Quatsch") das demokratische Etikett der Partei befleckten und sein Verbleib im Amt für die Bundes-NPD problematisch war.
Zweiter Verlierer war Werner Kuhnt ("Wir haben noch Ideale, wir sind noch zu dienen bereit"). Der Handelsmann war in seiner Jugendzeit HJ-Obergebietsführer in Posen gewesen, reüssierte später zum "Amtschef" in der Reichsjugendführung und saß von 1938 an für die NSDAP im Reichstag.
Und Kuhnts Niederlage traf einen Dritten: Adolf von Thadden, NPD-Führer und Vorsitzender des zehnköpfigen Parteipräsidiums, im NPD-Mund "Syndikat" geheißen.
Thadden hatte Kuhnt, den er aus alten Zeiten in der Deutschen Reichspartei kannte, als Gutmann-Nachfolger protegiert und Kuhnts Rivalen Mußgnug vor dem Parteivolk heruntergemacht: "Als motorischer Verbandsführer nicht prädestiniert."
Dem Führer-Bann gegen den blonden, blauäugigen und 1,83 Meter großen Wahlsieger war eine monatelange Fehde vorausgegangen, in die neben Mußgnug der Herausgeber der "Deutschen National-Zeitung und Soldaten-Zeitung" (DNSZ), Dr. Gerhard Frey" verwickelt war, der den Rechten des NPD-"Syndikats" schon lange nicht recht ist.
Frey hatte sich im Frühjahr in Baden-Württemberg nach eigenem Bekunden "erstmals bei einem Wahlkampf finanziell engagiert". Ei verschickte 2,8 Millionen Werbe-Ausgaben seiner "National-Zeitung" und veröffentlichte gratis Wahl- und Spendenaufrufe der NPD.
Die NPD-Spitze in Hannover ließ den ungebetenen Wahlhelfer Frey gewähren, obwohl ihm offenbar eher an DNSZ-Abonnenten denn an NPD-Stimmen gelegen war und obwohl seine DNSZ an deutschen Kiosken mit der Wochenpresse des NPD-,"Syndikats" konkurriert: dem Partei-Zentralorgan "Deutsche Nachrichten" (Herausgeber: Adolf von Thadden) und der damit redaktionell verbundenen "Deutschen Wochen-Zeitung" des Göttinger Verlegers und NPD-Präsidiumsmitgliedes Waldemar Schütz.
Erst nach der Landtagswahl, die den Rechten 9,8 Stimmenprozente einbrachte, distanzierten sich die hannoverschen Partei-Presseherren von ihrem Münchner Konkurrenten. Anlaß war ein in der "National-Zeitung" veröffentlichter Leserbrief des NPD-Mannes Mußgnug.
In dem Brief dankte Mußgnug, der die Uneinigkeit der Rechten für ein "nationales Erbübel" hält, dem Frey "vielmals" für die Wahlhilfe, und er sprach die Hoffnung aus, daß das "Gegeneinander zwischen NPD und 'National-Zeitung'" nun "für alle Zeit beendet" sei.
Einen Tag nach Erscheinen des Mußgnug-Leserbrief es suchten. am 11. Mai, der zweite NPD-Bundesvorsitzende Dr. Siegfried Pohlmann und Verleger Schütz den Briefschreiber in Stuttgart auf, warfen ihm "parteischädigendes Verhalten" vor und veranlaßten ihn, sein gerade übernommenes Amt als stellvertretender NPD-Landtagsfraktionschef niederzulegen; Nachfolger: Thadden-Mann und Alt-Pg. Kuhnt.
Nach dem Mußgnug-Sturz (DNSZ: "In der deutschen Parlamentsgeschichte noch nie dagewesen") eskalierte der Zweikampf zwischen den Rechten. Freys rechtsradikale "National-Zeitung" breitete die rechtsradikale Vergangenheit von NPD-Politikern wie Gutmann" Schütz und Kuhnt aus und versuchte, die "aufopfernden Marschierer des NPD-Parteivolks" gegen das "Syndikat" mobil zu machen.
Thadden konterte: Die DNSZ habe sich nun als "Feind" entpuppt. Der NPD-Parteivorstand klärte die Mitglieder per Rundschreiben über das Blatt auf, dessen "Schlagzeilen keineswegs unsere Politik" ausdrückten.
Dennoch ließen sich Baden-Württembergs NPD-Delegierte von dem gegen Thadden gerichteten Frey.-Stoß der "National-Zeitung" beeindrucken, die mit dem blauen Stempelaufdruck "Probenummer" vor ihnen auf den Tischen lag. Sie lehnten den Thadden-Favoriten Kuhnt ab und zogen den Frey-Favoriten Mußgnug vor.
Doch Martin Mußgnug -- von vielen Jung-Delegierten gewählt, die mit dem "Syndikat" unzufrieden sind -- ließ nach der Kampfabstimmung Parteiräson walten: "Meinungsverschiedenheiten zwischen Herrn von Thadden und mir", erklärte er, "gibt es nicht."

DER SPIEGEL 28/1968
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