08.07.1968

GESELLSCHAFT / PUBLIC RELATIONS Werbung in Watte

(siehe Titelbild)
Public Relations (engl. "pa'blik releh'schns), planmäßige Pflege der Beziehungen zur Öffentlichkeit; angewandt in der Wirtschaft, in Politik und Kulturleben, um die ideellen Grundlagen für das Vertrauen der Öffentlichkeit zu schaffen.
Knaurs Lexikon
Tu Gutes und rede darüber.
Graf Zedtwitz-Arnim, Public-Relations-Direktor der Fried. Krupp GmbH
Zwei Stunden und 20 Minuten dauerten Sendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens vom Münchner Bal paré und der Bambi-Verleihung. Millionen Deutsche begafften ausgiebig die geladene Prominenz und den Gastgeber Franz Burda, Großverleger von, Zeitschriften.
Sehr viel weniger Zuschauer hatten einige Herren in Frack und Zylinder, als sie sich in den Staub eines Steinbruchs bei Tuttlingen legten und mit Miniaturkanonen auf 40 Meter entfernte Scheiben schossen. Auch nur vor kleinem Kreis produzierten sich acht Tänzerinnen der Essener Städtischen Bühnen, mit Unterwäsche bekleidet, In der Kölner Messehalle 6. Dennoch erfuhr die deutsche Öffentlichkeit aus der Presse von den sinnfreien Happenings und auch davon, daß eine Tuttunger Fabrik medizinischer Instrumente und der Glanzstoff-Konzern für die Späße gesorgt hatten.
Nichts verlautete öffentlich über die "charmanten Tigertatzen-Mädchen", mit denen die Reifenfabrik Uniroyal Englebert geladenen Journalisten ein Wochenende in Zell am See schmackhaft machte. Aber immerhin bekamen Deutsche danach Charmantes über Uniroyal zu lesen.
Denn das alles heißt Public Relations, gewöhnlich auf PR verkürzt oder als "Öffentlichkeitsarbeit" unzulänglich verdeutscht, und PR ist der stärkste Weißmacher, den es je gab. Über fünf Milliarden Mark jährlich, mehr als für Markenwerbung in Presse, Funk und Fernsehen, werden in der Bundesrepublik darauf verwandt. PR machen Bonn und Bundeswehr, Unternehmen und Verbände, Kirchen und Parteien, Gewerkschaften und Sportvereine, Städte, Länder, Universitäten, Theater und Gerichte, ausländische Regierungen und inländische Prominente.
Sie entfesseln eine tägliche Springflut von Auskünften über sich selbst, malen täglich neu ihr eigenes Porträt in Millionen von Informationsbriefen, in Hauszeitschriften, Jubiläumsbänden, Stellungnahmen, Dementis, bei Hunderten von Pressekonferenzen. Besichtigungen, Essen, Festen, Reisen, Schau- und Juxveranstaltungen.
Ohne PR könnte die moderne Massendemokratie kaum bestehen, denn sie beruht letztlich auf dem freien Zugang zur Information, ihre Einrichtungen und Machtzentren bedürfen ständig neu der Zustimmung einer Mehrheit. Public Relations, so definierte der ehemalige Krupp-Direktor Carl Hundhausen, 74, sei "die Unterrichtung der Öffentlichkeit ... mit dem Ziel, um Vertrauen zu werben".
Der Hamburger PR-Berater Dr. Friedrich Korte, 53, sieht in seiner Tätigkeit für Firmen "ein Streben nach einem Brückenschlag von Mensch zu Mensch im soziologischen Raum. Sie ist das Drängen nach einer totalen Wiedereinordnung des Unternehmens in seine durch soziologische Entwicklung veränderte Umwelt".
Aber aus der notwendigen Unterrichtung und dem verständlichen Drang zur Einordnung droht unter den Händen von PH-Profis ein Übel zu werden. Sie haben eine Wissenschaft daraus gemacht, die Öffentlichkeit mit gezielter Information zu füttern, den Nutzen der Auftraggeber zu mehren, Schaden von ihnen zu wenden, ohne daß die Absicht erkennbar wird. Weit mehr als für Werbung gilt für PR das Schlagwort von der geheimen Verführung oder Rudi Dutschkes Parole von der großen Manipulation.
Werbung wendet sich in aller Regel ungetarnt und direkt an die Masse der Umworbenen und wird bewußt als bezahltes Eigenlob wahrgenommen. Public Relations dagegen sind häufig gerade nicht direkte Beziehungen zur breiten Öffentlichkeit, sondern zu den Meinungsmachern" vor allem zu den Massenmedien Presse, Funk und Fernsehen, PR zielen zwar immer auf das Volk, sollen ihm aber möglichst verborgen bleiben, Unvermerkt, als Unterhaltung oder Nachricht, soll das PR-Material in die Medien träuf ein.
Die ZDF-Zuschauer bei der Bambi-Verleihung sahen eine normale Unterhaltungssendung und hörten dabei innerhalb von 90 Minuten den Firmennamen Burda "öfter als den Namen Kiesinger in einer ganzen Woche", wie der Hamburger PR-Unternehmer Lutz Böhme in seinem Informationsdienst "Text intern" vermerkte. Daß der für "Gesamtleitung" der Sendung verantwortliche Rüdiger Hurrle zugleich Burda-Verlagsleiter ist, wußte kaum einer aus dem Millionen-Publikum.
Rund 450 Geladene, ein Drittel davon Presseleute, verlebten auf dem Schweizer Bürgenstock ein verlängertes Gala-Wochenende mit Filmschauspielerinnen, die das ganze Jahr über für Unilevers Lux-Seife werben. Illustrierte und die meisten Tageszeitungen Westdeutschlands von der "Welt" bis zur "Tauber-Zeitung" informierten später in 150 Millionen Exemplaren die Bundesbürger ausführlich über das Lux-Festival.
Elf Millionen "Bild"-Konsumenten erlebten eine Leserdiskussion über Kunststoff-Behälter für Milch. Die Redaktion veröffentlichte zahlreiche Briefe unter Überschriften wie "Bild-Leser wollen die Plastik-Milchflasche!" Dem Massenpublikum des Blattes konnte nicht schwanen, daß PR-Fachleute den Rummel in Gang gesetzt hatten, um eine Milchflasche des Unilever-Konzerns ins Gespräch zu bringen.
Bundesfinanzminister Franz-Josef Strauß, dessen Gesicht -- nach Meinung der "Stern"-Kolumnistin Sybille im November 1964 -- das ausdrückte, "was die Franzosen meinen, wenn sie uns 'Boches' nennen", unterzog sich auf Anraten von PR-Managern einer Schönheitskorrektur: Er reduzierte sein Gewicht um 25 Pfund und ließ sich einen modischen Messerhaarschnitt ohne Scheitel machen. Westdeutsche Zeitungen fanden den Bayern daraufhin "intelligenter" und "dynamischer".
Presseberichte über den Krieg zwischen Nigeria und Biafra hatten anfänglich fast stets den Standpunkt der nigerianischen Regierung in Lagos widergespiegelt. Seit Biafra von der Genfer Agentur H. Wm. Bernhardt in PR-Fragen beraten wird, erhalten deutsche Redaktionen Informationsmaterial der Abtrünnigen, und Journalisten werden auf Kosten Biafras ins Kampfgebiet eingeflogen. Jetzt berichten deutsche Medien überwiegend aus der Sicht von Biafra. Studenten haben bereits für die Sache der Rebellen demonstriert.
Das Netz der PR bleibt somit, wenn es fachmännisch geknüpft ist, für die Eingefangenen unsichtbar. Sie vermögen nicht zu erkennen, welche Nachrichten auf welchen Wegen von Interessenten lanciert oder beeinflußt sind. Gängige Branchen-Formeln für Public Relations sind: "PR ist, wenn mans nicht merkt" oder "Werbung in Watte" und "Fortsetzung der Werbung mit anderen Mitteln".
Tatsächlich sind rund 40 Prozent aller PR-Stellen deutscher Firmen den Werbeabteilungen angegliedert, und häufig ist der Werbechef zugleich PR-Manager. Überdies haben fast alle großen Werbeagenturen PR-Abteilungen, eigene Tochterfirmen für PR oder Partner im PR-Geschäft.
Die Zahl der Informations-Spender ist groß und wächst ständig. In Ludwigshafen gebietet Dr. Albert Oeckl, 58, als Direktor der Badische Anilin& Soda-Fabrik AG (BASF) über 70 Mitarbeiter. Die Abteilung Ist in neun Einzelressorts gegliedert, darunter Pressestelle, Hauszeitschrift, PR-Veröffentlichungen, Besucherbetreuung, Filme und Veranstaltungen sowie Verbindungsstelle Bonn. Allein das Hausblatt "Die BASF" geht viermal im Jahr in je 30 000 Exemplaren an Geschäftsfreunde, Prominente und Journalisten,
Dr. Oeckl, der an der Universität Heidelberg Öffentlichkeitsarbeit lehrt, sucht intensiver als die meisten PR-Manager den direkten Draht zu den Bürgern. Sein Filmressort verleiht mehr als drei Dutzend Streifen, die bis zu einer halben Million Mark gekostet haben, gratis an Schulen, Vereine und andere Interessenten. Der Besucherdienst schleuste im vergangenen Jahr 35 000 Menschen durch das Werk.
Immer mehr Unternehmen überlassen jedoch ihre PR spezialisierten Beratern oder Agenturen, deren Zahl auf 500 geschätzt wird und jeden Monat um ein rundes Dutzend wächst. Zu den ältesten gehört die UPS Agentur für institutionelle Werbung des Hamburgers Wolf Uecker, 47, mit 65 Angestellten im Bürohaus an der Außenalster und Kontaktstellen in München, Bad Godesberg und San Francisco.
Der ehemalige "Stern"-Redakteur Uecker hatte seine PR-Karriere 1956 als Wahlhelfer des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard begonnen; ihm erstellte er für 51 000 Mark Honorar die in 16 Millionen Exemplaren gedruckte Illustrierte "Wir alle". Heute verbreitet Uecker Vorteilhaftes über die Möbelfirma Arzberger, die Suppenfabrik Knorr, die deutsche Zuckerindustrie, den Gruner + Jahr Verlag und Sikorsky-Hubschrauber.
Das Image-Geschäft ermöglicht es dem PH-Unternehmer Uecker, eigenen PH-Aufwand zu treiben: Er unterhält einen Mercedes 230 SL und einen Alfa Romeo GT sowie neben dem Haus an der Alster unter anderem eine Ferienvilla in Positano.
Westdeutschlands größtes Public-Relations-Institut freilich ist das Bundespresseamt in Bonn mit fast 140 Millionen Mark Jahresetat und 650 Beschäftigten, von dem der stellvertretende Pressechef Conrad Ahlers meint, es wäre "einer Großmacht würdig".
Trotzdem gaben die einzelnen Bonner Ministerien im letzten Jahr noch einmal 20 Millionen Mark für eigene Öffentlichkeitsarbeit aus. Am rührigsten ist Entwicklungshilfe-Minister Wischnewski, dessen PR-Experten Dr. Werner Müller und Hans-Michael Wallow in diesem Jahr sechs Millionen Mark dafür zur Verfügung haben, den Deutschen die Entwicklungshilfe "als größte Aufgabe dieses Jahrhunderts" (Wallow) schmackhaft zu machen.
Das Ministerium schickt unter anderem Journalisten und Kameraleute auf Gratis-Weltreisen. Die heimgebrach-
* Außenminister Brandt wird als "Krawattenmann des Jahres" ausgezeichnet.
ten Berichte werden unauffällig über private Matern-Dienste -- sie liefern gegen Bezahlung komplette Seiten druckfertig an kleinere Tageszeitungen -- in die Presse geschleust; die dem Bund gehörenden Wochenschauen Ufa und "Blick in die Welt" übernehmen Filmmaterial.
Von Jürgen von Mangers Schallplatte "Adolf Tegtmeier als Entwicklungsmuffel", ebenfalls einer Auftragsproduktion des Ministeriums, wurden bereits über 40 000 Exemplare verschenkt. Wallow: "Das Publikumsecho auf diesen Gag in Zeitungen und Magazinsendungen der Rundfunkanstalten war so stark, daß die Anfragen nicht abreißen."
Gleich zwei PR-Ämter unterhält die Bundeswehr: das Informations- und Pressezentrum unter dem Kommando von Oberst Domröse und die Unterabteilung für Öffentlichkeitsarbeit, die Brigadegeneral Friedrich befehligt. Domröse sorgt unter anderem dafür, daß Journalisten bei Manövern hofiert werden, aber nicht versehentlich Zugang zur wirklichen Informationsquelle, der Manöverkritik, finden. Friedrich produziert PR-Druckschriften, organisiert Heeres- und Luftwaffenausstellungen sowie den Tag der Flotte und verteilt Zuschüsse an wehrfreudige Bücher und Zeitschriften.
Die Länder versuchen, es Bonn gleichzutun. Im Stadtstaat Hamburg veranstaltete Pressechef Paul 0. Vogel, 44, letztes Jahr 100 Pressekonferenzen, arrangierte Journalisten-Speisungen im Ratskeller" parlamentarische Bierabende mit Pressegästen im Großen Festsaal des Rathauses und die alljährliche Bewirtung der Chefredakteure von Hamburger Zeitungen und Zeitschriften durch den Ersten Bürgermeister im Senats-Gästehaus am Feenteich.
Damit auch in der Berichterstattung aus Bonn Hamburger Belange vertreten werden, holte Vogel 22 Bonner Journalisten mit gecharterten Jets an die Alster und stimmte sie drei Tage lang als geehrte Gäste hanseatisch ein.
Als staatliche Veranstaltung kehren die Public Relations zu ihren Anfängen zurück, denn Staaten und ihre Führer hatten von jeher Image-Pflege betrieben. In der Antike waren Pyramiden, Tempel und Paläste immer auch PR-Monumente. Perikles gewann das Volk von Athen für den Bau des Parthenons, indem er "für die Zukunft unsterblichen Ruhm, für den Augenblick reichen Verdienst" versprach. Er wußte, so sein Biograph Plutarch, immer "ein feierliches Schauspiel, einen öffentlichen Schmaus oder Aufzug zu veranstalten und die Bürger mit geschmackvollen Belustigungen zu unterhalten".
Durch aufwendige Öffentlichkeitsarbeit stilisierte sich Ludwig XIV. zum Sonnenkönig, und Friedrich der Große ließ am Ende des Siebenjährigen Krieges das prunkvolle Neue Palais in Potsdam als typisches PR-Projekt bauen; es sollte lediglich der Öffentlichkeit und Friedrichs Feinden ein günstiges Bild der preußischen Finanzen suggerieren.
Moderne Public Relations, das heißt indirekte Pflege des eigenen Ansehens auf dem Umweg über die Meinungs-Führer, entwickelten zuerst Politiker in den angelsächsischen Ländern. Amerikas Präsident· Andrew Jackson hatte schon 1830 einen Pressesekretär, und Präsident Lincoln bediente sich häufig der Presse, um den Sezessionskrieg populär zu machen.
Über allzu perfekte Staats-PR beklagte sich im vergangenen Jahr der US-Politiker und ehemalige republikanische Präsidentschafts-Aspirant George Romney. Ihm sei, so Romney, bei einem Informationsbesuch in Vietnam mittels "Gehirnwäsche" ein falsches Bild vorn Kriegsverlauf vorgespiegelt worden.
In Deutschland gehörten Bismarck, der Journalisten mit gezielten Informationen fütterte und auch selbstverfaßte Artikel lancierte, sowie der Grolladmiral Alfred von Tirpitz zu den Pionieren staatlicher PR.
Schon 1894 setzte Tirpitz als Staatssekretär im Reichsmarineamt auf allen großen Kriegsschiffen der neuen deutschen Flotte Offiziere ein, die Besuchern Auskünfte zu geben und sie zu betreuen hatten. Der Admiral förderte im ganzen Reich die Gründung von Flottenvereinen und lud Politiker, Journalisten, Industrielle und Schulklassen zu Schiffsvisiten ein. In die Lesebücher wurden Marinegeschichten und -bilder eingefügt.
Hitler machte den staatlichen Einfluß auf die Nachrichten total. Sein PR-Mann Joseph Goebbels erfand das "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda" (Jargon: "Promi") und degradierte mit seiner "Sprachregelung" Presse und Rundfunk zu bloßen Regierungs-Ausrufern. Im vergangenen Monat trugen die Promi-Erfahrungen der Deutschen dazu bei, die von den Bonner Sprechern Diehl und Ahlers geplante "Bundeszentrale für Öffentlichkeitsarbeit" scheitern zu lassen.
Eine der ersten industriellen Presseabteilungen der Welt installierten 1893 die Krupps, aber Industrie-PR im großen Stil entwickelten erst Amerikas Kapitalisten. Und von ihrer Geburt an war die neue Großmacht Public Relations ein Zwitter aus öffentlichem Nutzen und privatem Profit. Um die Jahrhundertwende hatten sozialkritische Schriftsteller und Journalisten in den USA begonnen, die Brachialmethoden zu enthüllen, mit denen die hochkapitalistischen "Räuber-Barone" ihre industriellen Imperien zusammenrafften. Als die Skandale das Washingtoner Parlament in Aktion setzten, sahen die Wirtschafts-Monarchen ein, daß sie ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit neu regeln mußten. Da sie die Kritiker nicht besiegen konnten, versuchten sie, sich mit ihnen zu verbünden.
1905 eröffneten die US-Eisenbahngesellschaften als erste ein PR-Büro, ein Jahr später engagierte die Bergbau-Industrie Amerikas erste PR-Agentur. Statt arroganter Geheimhaltung betrieben die Bosse jetzt Informationspolitik. Statt den Gegner verächtlich zu machen, drückten sie ihn in die Arme. Statt Auskunft zu verweigern, dienten sie ein Übermaß von Auskünften an.
Als der Zug erst fuhr, gab es kein Halten mehr. Das Heer qualifizierter Öffentlichkeits-Arbeiter ist in den USA auf über 100 000 angewachsen, die Zahl der PR-Agenturen auf über 5000, darunter Mammutfirmen wie Hill & Knowlton mit mehr als 300 Spezialisten. Heute bilden viele amerikanische Hochschulen PR-Experten wissenschaftlich aus und verleihen ihnen akademische Grade.
In Westdeutschland gibt es bislang keine fest umrissene Ausbildung für Leute, die das mächtige und potentiell gefährliche Instrument der Public Relations handhaben sollen. Volljurist Dr. Oeckl von der BASF hält ein Studium der Fächer Soziologie, Psychologie, Politologie, Volkswirtschaft und Publizistik für notwendig. Der Chef der PR-Firma Infoplan dagegen, Walter Rodenbusch, verlangt vor allem journalistisches Talent sowie "freies Sprechen, Kontaktfreudigkeit und Lebenserfahrung".
Ein Kritiker schilderte in den "Lübecker Nachrichten" die PR-Macher: "Sie sind Ärzte und Seelsorger, Schauspieler und Regisseure, Manager und Briefträger zugleich. Und mancher von ihnen ... wird für einen Gaukler gehalten."
Unter solchen Porträts leiden die Öffentlichkeits-Arbeiter, die meist selbst wissen. "daß es soviel Spreu unter den PR-Leuten gibt" (PR-Mann Dr. Friedrich Korte). Viele von ihnen tragen erkennbar einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herum, denn fast am eifrigsten arbeiten PR-Leute daran, das Bild ihres eigenen Berufsstandes aufzupolieren.
Höchst exklusiv gibt sich zum Beispiel die Deutsche Public-Relations-Gesellschaft (DPRG), in die bisher nur 267 von den etwa 5000 westdeutschen Berufsgenossen Aufnahme fanden. Vorsitzender ist Friedrich Wilhelm Kleinlein, 56, Pressechef des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Geschäftsführer der Monokelträger Heinz Todtmann, 60, Leiter "der Informationsstelle Edelstahl rostfrei, der den einzigen Porsche der Welt mit Edelstahlkarosserie fährt. Zu den Mitgliedern zählen auch die ehemaligen Bundespressechefs Felix von Eckardt und Karl-Günther von Hase.
Aufgenommen werden laut Kleinlein nur solche Anwärter, die "mehrere Jahre lang in leitenden Positionen gearbeitet haben, gesellschaftlich etwas darstellen, einen guten Leumund haben und ein entsprechendes berufliches Niveau vorweisen können".
Immer mehr PR-Leute erklimmen auch in Deutschlands Industrie solche Höhen. Ordentliche Vorstandsmitglieder sind die PR-Chefs Frank Novotny bei VW und Professor Matthias Schmitt bei der AEG. Die Beziehungs-Pfleger Heinz Schmidt (Daimler-Benz) und Rudolf von Bennigsen (Veba) wurden zu stellvertretenden Vorstandsmitgliedern ernannt. Direktor dürfen sich schon viele nennen, so Friedrich Bender bei der AEG, Dr. Albert Oeckl und Dr. Adolf Schwarz bei der BASF, Arthur Westrup bei NSU, Friedrich von Friedeburg bei Klöckner-Humboldt-Deutz und Georg-Volkmar Graf Zedtwitz-Arnim bei Krupp.
Dennoch mußte Dr. Friedrich Korte, einst Pressechef der Hamburgischen Elektricitäts-Werke, die Erfahrung machen, daß "das Gros der angestellten PR-Leute wenig Ansehen bei der Geschäftsleitung genießt". Die Bosse sehen in ihren Meinungsmachern häufig nur die moderne Verkörperung der "Frühstücksdirektoren", schmückende Galionsfiguren des Unternehmens, die lediglich Handkuß und small talk beherrschen und wissen müssen, wie man formgerecht Hummer knackt.
In keinem anderen Beruf sind deshalb Aristokraten, denen der Bürger solche Fähigkeiten am ehesten zutraut, gleichermaßen gefragt wie in den Public Relations. Die Mitgliederliste der DPRG füllt der Adel zu zehn Prozent, und an die Rangliste eines preußischen Garde-Ulanenregiments erinnert der Namenskatalog deutscher PR-Chefs, etwa:
* Fritz Huschke von Hanstein (Porsche);
* Egbert von Tirpitz (Bundeskartellamt);
* Heinrich Graf Luckner (Kuratorium für Technik in der Landwirtschaft); > Friedrich von Grolman (Vereinigte Aluminium-Werke);
* Reinhart von Eichborn (Mannesmann);
* Friedrich-Leopold Freiherr von Richthofen, Klaus-Friedrich von Werder (Massey-Ferguson);
* Wilhelm von der Dellen (Ford);
* Irmin von Zastrow (Goodrich).
Vom Glanz der angestellten Kollegen halten selbständige PR-Unternehmer nicht viel. Der Düsseldorfer Claus Heinrichs, 31, erklärt sie pauschal für "arme Schweine, die immer nur verhindern müssen, daß etwas Unfreundliches in der Presse steht, sonst werden sie vom Vorstand zur Sau gemacht".
Jaguar-Fahrer Heinrichs (Branchenname: grüner Heinrich), bis 1963 Werbetexter, ist kein armes Schwein, sondern besitzt nach eigener Auskunft "eine der größten und erfolgreichsten PR-Agenturen in der Bundesrepublik" mit Kunden wie dem Glanzstoff-Konzern, der König-Brauerei und dem Verband der Zigarren-Industrie. Mitglied der DPRG ist Heinrichs nicht, und auf deren Anhänger wirkt er wie der Leibhaftige.
Denn Heinrichs treibt genau die Art von PR, die nach Meinung der DPRG den schlechten Ruf des Metiers verschuldet hat und die sie ihren Mitgliedern untersagt. Wie Heinrichs das Geschäft auffaßt, daraus macht er kein Hehl: In detaillierten Preislisten verlangte er ein Monatssalär von 2000 Mark aufwärts für "die Schaffung und Erhaltung eines Unternehmens- oder Persönlichkeits-Image; Einflußnahme auf die öffentliche Meinung; Weckung oder Forcierung von Bedarf".
Eine von Heinrichs lancierte redaktionelle Erwähnung des Auftraggebers oder von dessen Produkten veranschlagte die Liste mit einer bis drei Mark je 1000 Stück Auflage.
Der grüne Heinrich unterhält in seiner Firma einen Workshop, wo nur PR-Gags ersonnen werden, wo er "all das produziert, was eigentlich gar nicht geht. Hier werden Ideen geboren, die wirklich Presseknüller sind". Aus der Knüller-Werkstatt stammen zum Beispiel eine Meisterschaft im Zigarren-Rauchring-Blasen und die Verteilung von Zigarren an Düsseldorfer Verkehrssünder durch den Polizeipräsidenten.
Derlei Gags sind den Vorkämpfern seriöser PR ein Greuel, gehören aber längst zum festen Fundus der Branche. Je höher die PR-Flut steigt, desto angestrengter sind die Wellenmacher am Werk. Ihnen allen sitzt der Zwang im Nacken, um jeden Preis den Interessen ihrer Auftraggeber Gehör zu verschaffen, und dabei greifen sie immer häufiger zu fragwürdigen Methoden. Die DPRG will das Gewerbe sauberhalten, indem sie ihre Mitglieder auf den schriftlich fixierten Grundsatz verpflichtet, "jeden Versuch einer unlauteren Beeinflussung der Öffentlichkeit und ihrer Repräsentanten zu unterlassen und die Freiheit und Unabhängigkeit der Presse zu respektieren". Aber wo unlautere Beeinflussung anfängt und der Respekt aufhört, darüber herrscht Uneinigkeit.
Harmloser Unfug wie das Rauchring-Blasen, die Kanonade im Steinbruch oder eine "Rosinen-Rallye" durch Süddeutschland, von der Agentur Thompson zum größeren Ruhm kalifornischer Rosinen veranstaltet, mögen noch als läßliche Sünden hingehen. Sie entspringen dem Drang, Nachrichten über den Auftraggeber oder sein Produkt künstlich zu erzeugen, wenn keine echten Informationen zur Hand sind.
Damit befaßt sich ständig ein großer Teil der PR. Die am häufigsten angewandte Methode besteht darin, die Interessenten als Veranstalter oder Förderer bedeutsamer Unternehmungen in Szene zu setzen. So steckte die Illustrierte "Stern" 1963 rund zwei Millionen Mark in eine Ausstellung von Fertighäusern, die PR-Mann Wolf Uecker organisiert hatte.
Die Absicht, so Uecker: "Das Image von der Sensations-Illustrierten zur objektiv Informierenden Millionenzeitschrift mit Institutionscharakter zu verschieben." Das Echo: Zeitungen und Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von 212 Millionen schrieben darüber, der Rundfunk brachte zehn, das Fernsehen vier Sendungen. Später ließ das Bilderblatt die PR-Kampagne "Weltausstellung der Photographie" folgen. Der jüngste Gag: "Jugend forscht" für den "Stern
Forum-Gespräche in fast allen Großstädten über die Reinlichkeit der Deutschen, die Frühschöppner Werner Höfer leitete und denen unter anderen Prominenten auch Wilhelmine Lübke beiwohnte, förderten das Ansehen des Veranstalters" des Düsseldorfer Persil-Konzerns Henkel.
Weniger bedeutungsschwer, aber nicht minder effektvoll sind PR-Veranstaltungen wie Verleger Burdas Bal paré (geschätzte Kosten: 500 000 Mark) oder das erlesene Diner für 250 Geladene -- darunter viele Verleger und Journalisten mit Damen -, das die Firma Werner & Mertz (Erdal, Glänzer) zu ihrem 100. Jubiläum von einer Düsseldorfer PR-Firma im Taunus-Schloßhotel Kronberg ausrichten ließ. Vor den Gästen sang Francoise Hardy für 10 000 Mark Gage.
Den roten Teppich für die Meinungsmacher auszurollen, halten PR-Leute nachgerade für ihren wirksamsten Trick. Sie beherrschen "die ganze Skala der "süßen" Maßnahmen, die sich an der Grenze der Pressebestechung bewegen", wie es der Journalist und ehemalige FDP-Bundesgeschäftsführer Karl-Hermann Flach in seinem Buch "Macht und Elend der Presse"* formuliert.
Opulente Bewirtung ist bei Veranstaltungen für die Presse fast die Regel, aber selbst Grünkohl oder Erbsensuppe genügen manchmal, wenn die Umworbenen dabei vertraulichen Umgang mit der Prominenz haben.
* v. Hase & Koehler Verlag, Mainz; 224 Seiten; 16,80 Mark.
"Die Auszeichnung bestimmter Journalisten", schreibt Flach, "beginnt mit der Einladung zu internen Informationsgesprächen im Presseamt und endet beim Kanzlertee."
Regelmäßig lädt das Bundespresseamt kleine Gruppen von Journalisten aus der Provinz für einige Tage nach Bonn ein und bringt sie dort mit Kanzler, Ministern und Staatssekretären zusammen. Vorstandsmitglieder der Esso AG setzen sich mit Presseleuten im kleinen Kreis zu Tisch, und sogar der Finanz-Fürst Hermann Josef Abs läßt gelegentlich die Presse zu einem Schinkenbrot ins Büro.
Journalisten geraten bei solchen Treffen häufig in ein Dilemma. Sie müssen "um der Information willen den Draht zu den Mächtigen ... spannen" (Flach), müssen sich aber zugleich davor hüten, an der schulterklopfenden Herzlichkeit der Mächtigen Gefallen zu finden. Dehn was Flach "gesellschaftliche Hemmung der journalistischen Kritik" nennt, steht durchaus auf dem Programm der FR.
Die Meinungs-Steuerer sorgen auch für handfestere Anfechtungen. Das klassische PR-Instrument Pressekonferenz zum Beispiel präsentiert sich immer seltener als schlichtes Informationsgespräch bei Kaffee und Kuchen oder mit spartanischem Imbiß in der Kantine, immer häufiger als aufwendige Freizeitgestaltung.
Die Reifenfabrik Uniroyal Englebert in Aachen lud Journalisten zur Pressekonferenz nach Zell am See. Pressechef Klaus-Dieter Banzhaf in der schriftlichen Einladung: "Ganz ohne Arbeit geht's zwar nicht, aber mein 'General' hat versprochen, sein Referat auf zehn Minuten zu beschränken ... Ansonsten aber wollen wir an diesem Tigertatzen-Weekend den tierischen Ernst beiseite lassen. Es sollte zwar auch nicht zu einer reinen Viecherei werden, aber man kann ja mancherlei Angenehmes mit dem Nützlichen und Notwendigen verbinden." Und in einer Fußnote: "Allein die charmanten Tigertatzen-Mädchen, die Sie als Hostessen betreuen werden, sind schon eine Schau."
Die deutsche Pelzwirtschaft charterte den Dampfer "Finnhansa" für eine Zweitagefahrt rund um die dänische Ostseeinsel Bornholm" als es galt, Journalisten die neuesten Modelle vorzuführen, und Anfang April dieses Jahres transportierten Pelz-PR-Manager 75 Presseleute und drei Fernsehteams in einem Tanz-Sonderzug von Frankfurt nach Burg Gutenfels am Rhein.
Die deutsche Reiseindustrie hält gar nichts mehr von der Pressekonferenz alten Stils. Der Zusammenschluß Touropa-Scharnow-Hummel-Tigges stellte der Presse sein Programm für 1968 im Ferienort Puerto de la Cruz auf der kanarischen Insel Teneriffa vor. Eine Hundertschaft Journalisten wurde mit Boeing 727 aus Deutschland eingeflogen, vom 12. bis 17. Januar währte das Inselvergnügen, das weder die Teilnehmer noch ihre Redaktionen einen Pfennig kostete.
Neckermann rief Ende vorigen Jahres zur Pressekonferenz nach Tunesien, in den Vorjahren waren Rumänien und der Nahe Osten Schauplätze der Information, die Quelle berichtete über ihre Pläne für 1968 in Kamerun. Und das ganze Jahr hindurch können Journalisten, die über Tourismus schreiben, als Gäste von Fremdenverkehrs-Verbänden, Reise-Unternehmen, Hotelkonzernen. Fluggesellschaften auf der ganzen Welt unterwegs sein, hofiert wie Millionäre aus dem internationalen Jet-Set.
Automobil-Journalisten, an deren Wohlwollen der Industrie gelegen ist, werden großzügig mit Testwagen versehen, und wenn sie lieber ein eigenes Fahrzeug chauffieren wollen, arrangieren Pressechefs Gelegenheitskäufe neuwertiger Wagen
Geschenke an Journalisten zu Geburtstagen und Weihnachten gehören zu den Pflichtübungen jedes PR-Tätigen in der Autoindustrie. NSU hat es sich zur lieben Gewohnheit gemacht, jeden Monat nützliche Gaben wie Abschleppseile, Schrittzähler oder Cocktailschürzen an einen Kreis ausgesuchter Journalisten zu verschicken,
Anläßlich einer Auto-Pressekonferenz in Süddeutschland, bei der die Teilnehmer übernachten mußten, fanden sie in ihren Hotelzimmern als Spesenbeitrag Kuverts mit jeweils zwanzig 50-Mark-Scheinen. Und als ein Spitzenmanager von Chrysler International während der Frankfurter Automobilausstellung von 1965 acht Journalisten ins Schloßhotel Kronberg einlud, konnte jeder der Auserwählten seiner Mappe mit Pressematerial einen Blanko-Scheck entnehmen.
Einer der Schecks ist hinter Glas und Rahmen noch in der Düsseldorfer SPIEGEL-Redaktion zu besichtigen.

DER SPIEGEL 28/1968
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