08.07.1968

FORSCHUNG / LICHTKummer mit Blau

Der Generaldirektor der amerikanischen Radiostation "Holiday Isles Broadcasting Company" war bestürzt. Der Sender schien von einem Fluch befallen.
Sprecher verhaspelten sich ungewöhnlich häufig vor dem Mikrophon. Andere leierten ihre Texte kunstwidrig herunter. Mitarbeiter, die sich stets verträglich gezeigt hatten, stritten sich und reagierten gereizt auf Anordnungen des Managements. Zwei kündigten ohne triftigen Grund.
Schließlich erklärte ein Ansager, er "würde noch verrückt", wenn die Verwaltung nicht die Leuchtröhren auswechseln lasse, welche die Studioräume rosa verklärten. Diese Leuchtröhren waren einige Wochen zuvor in der Absicht angebracht worden, die farblos-kalten Studios heimeliger zu machen.
Von dem Protest beeindruckt, ließ Funk-Direktor Richard Marsh die rosa Röhren wieder gegen weiße auswechseln. Was dann geschah, empfand er "wie ein Wunder": Binnen einer Woche sank die Fehlerrate wieder auf den normalen Stand. Die Streitigkeiten erloschen. Die Kündigungen wurden zurückgezogen.
Die Auswirkungen des rosa Intermezzos schilderte Marsh in einem Brief an Dr. John Ott, der in Sarasota (US-Staat Florida) ein "Institut für gesunde Umwelt und Lichtforschung" leitet. Ott untersucht seit Jahrzehnten, wie sich verschiedenartiges Licht auf die Entwicklung von Lebewesen auswirkt.
An vielen Beispielen haben er und andere Wissenschaftler zeigen können, daß die Qualität des Lichts biologische Funktionen nicht nur bei Pflanzen, sondern auch bei Tieren tiefgreifend zu beeinflussen vermag.
* Tägliche Bestrahlung junger Erpel mit rotem oder orangefarbenem Licht löste beträchtliches Wachstum der Geschlechtsdrüsen aus -- auf das Sechs- bis 16fache des Ausgangsgewichts. Blaues Licht hingegen hatte keinen wachstumsfördernden Effekt auf die Keimdrüsen. > Chinchillas, die unter natürlichen Lichtverhältnissen etwa gleich viele männliche wie weibliche Junge werfen, bekamen fast nur männlichen Nachwuchs, wenn sie bei rosa Kunstlicht lebten. Nach Bestrahlung mit bläulichem Licht jedoch kamen fast nur weibliche Junge zur Welt. Hühner und Mäuse reagierten ähnlich.
* Bei Mäusen starb der Schwanz innerhalb weniger Monate ab, wenn die Tiere mit rosa Licht bestrahlt wurden.
Angesichts solcher Befunde bestärkte der Bericht Marshs den Lichtforscher Ott in der Meinung, daß die Zusammensetzung des Lichts für das Wohlbefinden des Menschen von weitaus größerer Bedeutung sein könne, als allgemein angenommen werde.
Als Licht empfindet das menschliche Auge elektromagnetische Schwingungen bestimmter Wellenlänge. In dem breiten Spektrum elektromagnetischer Schwingungen nimmt das sichtbare Licht nur einen winzigen Abschnitt ein. Er liegt im Wellenlängen-Bereich der zehntausendstel Millimeter. Zum Licht rechnen Physiker ferner dem sichtbaren Licht benachbarte unsichtbare Strahlen: Ultraviolett-Strahlen mit kürzerer und Infrarot-Strahlen mit längerer Wellenlänge.
Das Licht von Glühlampen und Leuchtröhren besteht -- wie Sonnenlicht -- aus Anteilen verschiedener Wellenlängen. Doch weicht die Zusammensetzung des Kunstlichts beträchtlich von der des Sonnenlichts ab. Ebenfalls verändert ist Sonnenlicht, das durch Fensterscheiben fällt: Ein Teil der Strahlen, vor allem Ultraviolett-Strahlung, vermag Glas nicht zu durchdringen.
Eine der ersten Beobachtungen über Auswirkungen bestimmter Lichtarten machte Ott bei Film-Aufnahmen für Walt Disneys Naturfilm "Geheimnisse des Lebens". Ott wollte die Entwicklung von Kürbispflanzen -- durch Zeitraffer-Technik von mehreren Wochen auf Bruchteile einer Minute verkürzt -- als anmutiges Bewegungsspiel auf die Leinwand bringen.
Um die Aufnahme-Arbeiten ungestört von Witterungseinflüssen vornehmen zu können, zog er die Pflanzen im Keller bei rosa getöntem Licht heran. Doch das Ergebnis enttäuschte: Die weiblichen Blüten welkten vorzeitig und fielen ab.
Zu Otts Kummer mißlang auch der Versuch, mit bläulichem Licht das Kürbis-Wachstum zu photographieren. Diesmal entwickelten sich zwar die weiblichen Blüten prächtig, aber die männlichen starben ab.
Bald stieß der Forscher auf weitere auffällige Lichtwirkungen. Unter dem Mikroskop betrachtete er Zellen der Wasserpest. Bei normaler Beleuchtung kreisen in den Zellen die grünen Farbstoffträger (Chloroplasten) gemächlich mit einer Zellsaft-Strömung an den Zellwänden entlang. Bei rotem Licht jedoch bewegten sie sich quer durch die Zelle oder klumpten sich in den Ecken zusammen.
Andere Versuche ließen den Verdacht aufkommen, daß der Ultraviolett-Anteil des Sonnenlichts, den gewöhnliche Glasscheiben nicht passieren lassen, die Widerstandskraft gegen Krankheiten stärkt.
So erholten sich Tomatenpflanzen, die im Glashaus an einer Virus-Erkrankung litten, nachdem sie in ein Gewächshaus mit Ultraviolett-durchlässigen Kunststoffscheiben gebracht worden waren. Eine Viruskrankheit, die häufig Fische in Aquarien befällt, konnte im Aquarium von Miami erfolgreich durch Ultraviolett-Strahlung bekämpft werden.
Schließlich erfuhr Ott von einem ungewollten Experiment mit Menschen, das ihm zu denken gab. In einem Restaurant in Chicago arbeiteten Angestellte seit Jahren bei schwacher Ultraviolett-Strahlung, die -- wenngleich unsichtbar -- bestimmte Substanzen zu stimmungsvoll leuchtender Fluoreszenz anzuregen vermag. In 16 Jahren litten die täglich bestrahlten Arbeitnehmer kaum jemals an Erkältungen. Oberhaupt fehlten sie viel seltener wegen Krankheit als Angestellte, die in anderen Räumen des Restaurants beschäftigt waren.
Alle diese Beobachtungen sollten, so fordert Ott, Umwelthygieniker dazu anregen, sich über die Zusammensetzung des Lichts ebenso Gedanken zu machen wie über die Sauberkeit von Luft und Wasser oder über den Lärm.
Das Leben auf der Erde habe sich unter dem vollen Spektrum des Sonnenlichts entwickelt. Die Mehrheit der Menschen in den USA wie in anderen hochzivilisierten Ländern aber verbrächte bis zu 90 Prozent ihrer Zeit bei künstlichem Licht oder aber hinter Fensterscheiben.
Doch selbst im Freien noch berauben sich viele Leute der Wirkung unverfälschten Lichts -- durch Sonnenbrillen. Denn speziell über das Auge, so haben Wissenschaftler festgestellt, beeinflußt das Licht viele biologische Funktionen. Ott: "Leute am Strand, die Sonnenbrillen tragen, sind nicht wirklich im Freien."
Professor F. Hollwich, Direktor der Universitäts-Augenklinik Münster, fand bei Patienten, deren Augenlinsen durch grauen Star getrübt waren, beträchtliche Abweichungen vieler Stoffwechsel-Funktionen von der Norm. Nach Star-Operationen, bei denen die lichtundurchlässigen Linsen entfernt wurden, kehrte der Stoffwechsel zu Normwerten zurück.
Durch solche Untersuchungen angeregt, haben Unternehmen der optischen Industrie bereits begonnen, Lampen mit Sonnenlicht-ähnlicher Strahlung sowie Ultraviolett-durchlässige Fensterscheiben und Brillengläser zu entwickeln. Ob sich dadurch wirklich, wie Lichtforscher hoffen, Gesundheit und Wohlbefinden bessern, bedarf freilich noch der Beweise. "Das Gebiet der Lichtbiologie", so räumt Ott ein, "steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt noch viel zu lernen".

DER SPIEGEL 28/1968
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