01.07.1968

ptx ruft moskau

Die Verhaftungsaktion der Gestapo 6. Fortsetzung
Horst Heilmann eilte, die Freunde zu warnen. Ein Zufall hatte dem Gefreiten und Dechiffrier-Gehilfen in der Funkabwehr verraten, daß die Spionageorganisation Harro Schulze-Boysens, der auch Heilmann angehörte, tödlich bedroht war. Jeden Tag konnte die Gestapo zum Schlag gegen die Rote Kapelle in Berlin ausholen.
Heilmann hatte schon lange Zeit die Gefahr gewittert. Auf der Straße fühlte er sich ständig verfolgt, in seiner Berliner Wohnung glaubte er sich von der Gestapo beschattet. Mit seinem Freund Rainer Hildebrandt erörterte er, was er tun könne, wenn die Gestapo eines Tages zugreifen werde.
Über die Schweizer Grenze fliehen, riet ihm Hildebrandt. Doch das erschien dem Gefreiten als Verrat an seinem Freund Schulze-Boysen ("Schu-Boy"). Heilmann: "Das kann ich nicht. Denn sollte für Harro noch eine Möglichkeit bestehen, sich herauszuwinden, dann würde ich sie ihm dadurch nehmen,"
Seither war er entschlossen, Schulze-Boysen zu retten oder mit ihm gemeinsam zu sterben. Und jetzt war der Augenblick gekommen, den Freundesschwur in die Tat umzusetzen, an diesem 29. August 1942, da ihm sein schwatzhafter Kamerad Traxl den entschlüsselten Funkspruch aus Moskau mit den Adressen der drei Berliner Spitzenagenten zugeschoben hatte.
Heilmann las die fatale Meldung vom 10. Oktober 1941 wieder und wieder. Ihm klang sie wie eine Einladung an die Gestapo, Stalins Spionen den Todesstoß zu versetzen.- -Die Gestapo brauchte nur zuzulangen wenn nicht er, Horst Heilmann, in letzter Minute die Opfer warnte.
Er rief in der Privatwohnung Schulze-Boysens an, konnte den Freund jedoch nicht erreichen, da er nach Jüterbog gefahren war. Heilmann hinterließ bei Schulze-Boysens Hausmädchen die Nummer seines Diensttelephons und bat, Schu-Boy solle sofort zurückrufen -- ein riskanter Schritt, da schon die Preisgabe der Telephon-Nummer einer Geheimdienststelle als militärischer Ungehorsam bestraft wurde.
Als Heilmann bis zum Mittag des 30. August noch immer nichts von dem Agentenchef gehört hatte, hastete er in die Altenburger Allee. Er klingelte an einer Tür im Haus Nummer 19. Wenige Minuten später stand er vor Libertas, Schulze-Boysens Ehefrau,
Heilmann reichte ihr die dechiffrierte Sowjetmeldung; die Frau verstand sofort, was der Funkspruch bedeutete. Sie griff zum Telephon und rief das Reichsluftfahrtministerium an. Harro mußte gewarnt werden, ehe es zu spät war.
Doch anstelle der vertrauten Stimme des Ehemannes meldete sich am Apparat das kühle Organ eines Majors, dessen Namen Libertas Schulze-Boysen noch nie gehört hatte. Der Major bedeutete ihr, Oberleutnant Schulze-Boysen habe vor wenigen Stunden eine Dienstreise antreten müssen, die ihn einige Tage von Berlin fernhalten werde; Frau Schulze-Boysen möge sich nicht beunruhigen, wenn sich ihr Gatte zunächst nicht melde.
Die beiden in der Altenburger Allee ließen sich nicht täuschen, die Auskunft des Majors konnte nur eines bedeuten: Die Gestapo hatte Schulze-Boysen verhaftet. Zwar orakelte Wahrsagerin Anni Krauss, Schu-Boy befinde sich tatsächlich auf einer ganz geheimen Dienstreise, dennoch schlugen Heilmann und Frau Schulze-Boysen Alarm.
Erregt holten sie Schulze-Boysens politische Papiere aus den Verstecken und warfen alles in einen Koffer: illegale Druckschriften, Notizen, Entwürfe, darunter auch ein Manuskript Schu-Boys über die "Entstehungsursachen des Ersten und Zweiten Weltkrieges".
Doch wohin mit dem Koffer? Heilmann hatte eine Idee: Er brachte den Koffer zu der mit ihm befreundeten Schauspielerin Reva Holsey, die in demselben Haus (Hölderlinstraße 10) wohnte, in dem auch Heilmann und seine Eltern lebten.
Die Aktrice wollte freilich das gefährliche Gut nur einen Monat lang in ihrer Wohnung aufheben, dann sollte es der Journalist Arnold Bauer übernehmen. Frau Holseys Nerven versagten jedoch schon nach einigen Tagen; aufgeregt sandte sie den Theaterdirektor Ingenohl zu dem Schillertheater-Dramaturgen Günther Weisenborn, einem der engsten Freunde Schulze-Boysens.
Weisenborn öffnete ahnungslos den Koffer und wurde "kalt vor Schrecken", wie er später schrieb. Augenblicklich schloß er sich der Warnungsaktion Heilmanns an und alarmierte andere Freunde. Von Haus zu Haus lief die Hiobsbotschaft, jeder warnte den nächsten, alle Mitarbeiter Schu-Boys säuberten die Quartiere von belastenden Materialien:
Die Mutter und die Ehefrau Hans Coppis schleppten gemeinsam ein Funkgerät aus dem Haus, Hannelore Thiel brachte in ihrem Kinderwagen einen anderen Sender fort, den sie in der Spree versenkte. Und auch John Graudenz mühte sich, sein Funkgerät loszuwerden. Er brachte den Sender in einem dicken, mit Draht umwickelten Koffer unter und wollte ihn bei dem Zahnarzt Bruno Himpel abstellen.
Himpel aber mußte als enger Mitarbeiter Schulze-Boysens selber mit einer Verhaftung durch die Gestapo rechnen. Er kannte ein besseres Versteck: die Wohnung des Pianisten Helmut Roloff, der mit den Widerständlern der Gruppe Rittmeister zusammenarbeitete. Roloff war bereit. den Koffer zu verstecken.
Als er das unförmige Paket sah, schoß ihm "gleich der Gedanke durch den Kopf, daß es sich darum handele. den Sender in Sicherheit zu bringen". Roloff nahm den Koffer mit in seine Wohnung. "Eins wissen wir", sagte er zum Abschied, "wenn der Koffer gefunden wird, ist der Kopf ab." Himpel rief ihm nach: "Deshalb darf er auch nicht entdeckt werden!"
Mochte auch jeder mit seiner eigenen Verhaftung rechnen, viele hofften doch, die Gestapo werde sie übersehen. Kartenlegerin Anni Krauss prophezeite unverdrossen, es werde "keinem der Männer etwas passieren", und die Gräfin von Brockdorff, wie immer leichtsinnig und optimistisch, beruhigte die Frau eines Mitkämpfers: "Wenn die Gestapo weit kommt, dann kann sie nur bis zu Coppi kommen."
Am 5. September 1942 kam sie zunächst einmal bis zu Horst Heilmann: Beamte der Gestapo verhafteten den Gefreiten in der Hölderlinstraße und führten ihn in das Hausgefängnis des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ab. Weinend stürzte Frau Holsey dem Heilmann-Freund Bauer entgegen: "Meinen Horst haben sie abgeholt!"
Heilmann erfuhr nie, daß es just sein dramatisches Rettungsunternehmen gewesen war, das die Gestapo zu einer überstürzten Verhaftungsaktion gezwungen hatte. Sein Versuch, nach der Lektüre der entschlüsselten Drei-Namen-Meldung aus Moskau sofort Schulze-Boysen telephonisch zu erreichen, hatte das RSHA aufgeschreckt.
In der Nacht vom 29. zum 30. August 1942 hörte der Oberleutnant Dr. Wilhelm Vauck, Chef dechiffrierer der Funkabwehr (Fu III), ein Telephon im Nebenzimmer pausenlos läuten. In dem Zimmer arbeitete Heilmann" der jedoch seinen Dienst bereits beendet hatte. Vauck ging schließlich an den Apparat. Am anderen Ende meldete sich Harro Schulze-Boysen; es war der Anruf, auf den Heilmann so lange gewartet hatte
Vauck war kaum seiner Stimme mächtig, als er den Namen des Mannes hörte, der wie kein anderer seit Wochen Funkabwehr und Gestapo elektrisierte. "Schreiben Sie sich mit einem Ypsilon?" war alles, was ihm in dem Augenblick einfiel. Schulze-Boysen: "Natürlich." In wenigen Sekunden war das Gespräch beendet.
Verwirrt legte Vauck den Hörer auf die Gabel zurück. Wie kam der Gefreite Heilmann dazu, Kontakte zu jenem Offizier zu unterhalten, in dem die Eingeweihten den Chef der kommunistischen Spionagegruppe sahen? Vauck zögerte keinen Augenblick, sofort rief er das RSHA an und machte Meldung.
Vaucks Panik griff auf die führenden Männer des Reichssicherheitshauptamtes über. War der Funkabwehr-Angehörige Heilmann, so spekulierten sie, mit Schulze-Boysen im Bunde, dann kannte der Gegner den Stand der Ermittlungen und konnte sich auf den Zugriff der Gestapo einrichten, Konsequenz: Man mußte zuschlagen, ehe Schulze-Boysen Agenten und Materialien in Sicherheit gebracht hatte.
Die Gestapoführung ließ freilich ihre Verhaftungskommandos nur widerwillig ausschwärmen, denn Heilmanns Rettungsversuch durchkreuzte die Taktik, die das Reichssicherheitshauptamt eingeschlagen hatte, seit der Fall Berliner Rote Kapelle in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der Geheimen Staatspolizei übergegangen war.
Am 16. Juli 1942 hatte Fu 111 einen blauen Aktenhefter mit den aufgefangenen und dechiffrierten Sowjet-Funksprüchen zum RSHA in der Prinz-Albrecht-Straße 8 hinübergeschickt und damit praktisch den Fall an die Gestapo abgegeben*. Von da an wurde die Jagd auf die Berliner Sowjetspione von den groben und bedenkenlosen Methoden nationalsozialistischer Polizeiarbeit beherrscht.
Kriminairat und SS-Sturmbannführer Horst Kopkow, Leiter des Gestapo-Referats IV A 2 (Sabotageabwehr), wurde denn auch nicht müde, seinen Männern härtestes Zupacken einzuschärfen. Der Alt-Nazi Kopkow, ehemaliger Drogist und schon vor 1933 in Saalschlachten für Adolf Hitler "an erster Stelle aktiv gewesen" (Eintragung in seiner 55-Personalakte), erklärte immer wieder, der Reichsführer-SS erwarte bedingungslosen Einsatz und schnellen Erfolg.
Kopkow versetzte seine Sabotageabwehr in ständige Alarmbereitschaft. Die "Aktion Rote Kapelle" erhielt im Reichssicherheitshauptamt oberste Priorität; auch andere Ressorts mußten für die Jagd auf die Berliner Spione einige Beamte an IV A 2 abgeben.
Zum Leiter der Ermittlungen wählte sich Kopkow den klügsten Kriminalisten seines Referats aus, den Kriminalkommissar Johann Strübing, Urtyp des routinierten, allzeit einsatzbereiten und politisch instinktlosen Exekutivbeamten, der jedem Regime dient. Der Berliner Strübing war in der Schutzpolizei der Weimarer Republik aufgewachsen, er gehörte seit 1937 zur Gestapo und fand später als Amtmann
*Nach einem Abwehr-Gestapo-Abkommen vom Dezember 1936 war die Erkundung fremder Spionage Sache der Abwehr, hingegen oblag der Gestapo "die Erforschung strafbarer Handlungen gemäß ~ 163 StPO" (Landesverrat); die Gestapo wer jedoch gehalten, ihre Exekutivmaßnahmen so lange zurückzustellen, "bis nach dem Urteil der Abwehrdienststelle der Wehrmacht kein Interesse der Gegenspionage mehr entgegensteht".
den Weg in den bundesdeutschen Verfassungsschutz, bis ihn die Telephonabhör-Enthüllungen des Verfassungsschutz-Angestellten Werner Pätsch 1963 aus dem liebgewordenen Milieu autoritärer Spionageabwehr vertrieben.
Gestapo-Kommissar Strübing bearbeitete im Kopkow-Referat das Sachgebiet "Bekämpfung feindlicher Fallschirm- und Funkagenten". Er war gleichsam zum Jäger der Roten Kapelle prädestiniert: Jahrelang hatte er die Methoden der sowjetischen Spionage studiert. Er machte sich an die Arbeit.
Wie aber konnte man die Rote Kapelle in Berlin möglichst umfassend ausschalten? Die entschlüsselten Meldungen in der Funkabwehr-Akte wiesen eine Spur in das Zentrum der Organisation, aber die Funksprüche stellten nur einige leitende Mitglieder des Agentenringes bloß, nicht das ganze Informanten-Netz. Eben darauf kam es jedoch an: die Gesamtorganisation mit all ihren Agenten, V-Männern und Verbindungen zu zerschlagen.
Die Gestapo kannte lediglich die Namen der drei führenden Agenten Schulze-Boysen, Harnack und Kuckhoff, sie kannte einen Teil der nach Moskau gefunkten Meldungen. Damit erschöpfte sich aber auch schon ihr Wissen. Man mußte mehr in Erfahrung bringen, ehe man zugriff.
Strübing ließ die Telephone der drei Rote-Kapelle-Führer überwachen, jeden Anrufer beschatten, jeden Besucher in den Häusern der Spitzenspione kontrollieren. In kurzer Zeit verlängerte sich Strübings Überwachungsliste Name um Name, immer deutlicher erkannte er die Konturen auf der gegnerischen Seite.
Kaum aber hatte der Kriminalkommissar seinen ersten Ermittlungsbericht bei Kopkow abgeliefert, da durchkreuzte Schu-Boy-Freund Heilmann die Beschattungsaktion der Gestapo. Kopkow und Strübing befürchteten, Hellmanns Informationen aus der Zentrale der Funkabwehr würden den Gegner in die Lage versetzen, sich dem Zugriff der Gestapo vollends zu entziehen.
Noch am frühen Morgen des 30. August entschloß sich das RSHA, sofort loszuschlagen. Wenige Stunden später rasten schwarze Gestapo-Limousinen durch die Straßen Berlins; Schlag auf Schlag wurden Mitglieder der Roten Kapelle verhaftet.
Agentenchef Schulze-Boysen war der erste, den der Gestapo-Coup traf. In den Mittagsstunden des 30. August rief ihn Oberst Bokelberg, der Kommandant des Stabsquartiers im Reichsluftfahrtministerium, zu sich, erklärte ihn für verhaftet und übergab ihn dem bereits wartenden Kriminalrat Kopkow*,
Strübing verhaftete Libertas Schulze-Boysen am 3. September auf dem Anhalter Bahnhof, als sie den Zug nach Stockholm bestieg, der sie zu Ottara Gräfin Douglas (einer Schwester der Frau Schulze-Boysen) bringen sollte. Zur gleichen Zeit durchkämmte ein Gestapo-Kommando das Fischerdorf Preil auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen und verhaftete die Feriengäste Arvid und Mildred Harnack.
Einer nach dem anderen geriet in die Gewalt der Gestapo, lautlos und unauffällig: Am 5. September griffen die Häscher Heilmann, eine Woche später waren Adam Kuckhoff, Graudenz, Coppi, Sieg, Kurt Schumacher und Ilse Stöbe an der Reihe, ihnen folgten Küchenmeister, Scheel, Schulze und Weißensteiner am 16. September, Himpel und Roloff einen Tag darauf, am 26. September Weisenborn und
Das roboterhafte Zupacken der Gestapo-Kommandos konnte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die
* Der Gestapo war verboten, Soldaten auf militärischem Hoheitsgebiet zu verhaften. Nur in dringenden Fällen (Fluchtgefahr) durfte sie Soldaten außerhalb militärischer Hinrichtungen festnehmen, mußte jedoch innerhalb von 21 Stunden die verhafteten der Wehrmachtsjustiz ausliefern oder zumindest die Verhaftung der Wehrmacht melden,
Verhaftungsaktion zunächst nur eine Verlegenheitslösung war. Strübing tappte noch im dunkeln, er wußte kaum, wie er die Verhafteten und Verdächtigen des Landesverrats überführen sollte.
Daß in den ersten zehn Tagen nach dem 30. August nur fünf Personen festgenommen worden waren, dokumentierte bereits, wie wenig die Gestapo von der Roten Kapelle wußte. Chefermittler Strübing mußte versuchen, die verhafteten Agenten zu Aussagen zu zwingen. Im RSHA trat eine "Sonderkommission Rote Kapelle" zusammen, in der Strübing die besten Vernehmungsbeamten des Hauses vereinigte.
Ein Jahrzehnt lang geschult in listiger und gewissensfreier Vernehmungstechnik, zuweilen brutale Zwangsmittel anwendend oder zumindest androhend, bearbeiteten die RSHA-Inquisitoren ihre Opfer. Zunächst verweigerten die Verhafteten jede Aussage, kaum einer wollte sprechen.
Doch ihre Schweigsamkeit dauerte nicht lange. Schon nach einigen Tagen begann, was noch heute schwer zu erklären ist: die Selbstpreisgabe der kommunistischen Agenten, der "Verrat en gros", wie der russo-amerikanische Historiker David Dahin formuliert,
Libertas Schulze-Boysen brach zuerst das Schweigen. Die Verhaftung halte in ihr eine Welt der Illusionen zerstört. Lange Zeit glaubte sie nicht an die Ernsthaftigkeit von Schulze-Boysens konspirativen Aktionen; sie hielt für Spiel, was ihm Schicksal und Berufung war. Erst in den letzten Monaten, da auch die menschliche Entfremdung zwischen den Eheleuten unerträglich geworden war, hatte sich Libertas scheiden lassen wollen -- nur Schulze-Boysens beschwörender Appell, die "Sache" nicht im Stich zu lassen, ließ die naive Lebenskünstlerin an der Seite des Agentenchefs ausharren.
An die Stelle der alten trat nun eine neue Illusion: der Glaube, die Gestapo werde die Fürsten-Enkelin freilassen, wenn sie in dem bevorstehenden Prozeß als "Kronzeugin" gegen ihre Freunde aussage. Diese Hoffnung nährte eine Frau, der die Verhaftete mit letzter Verzweiflung vertraute.
Sie hieß Gertrud Breiter und wurde in den Personallisten der Gestapo als Kanzleiangestellte im Referat IV A 2 geführt. Sie war als Stenotypistin dem Kriminalobersekretär Alfred Göpfert zugeteilt worden, der Libertas Schulze-Boysen verhörte. In Göpferts Büro hatten sich die Frauen kennengelernt.
Als Göpfert einmal sein Zimmer verließ, kamen die beiden ins Gespräch. Es war ein später Nachmittag, und die Gestapo-Stenotypistin fühlte sich zu dem aufgelegt, was sie später "eine rein menschliche Unterhaltung" nannte. Frau Schulze-Boysen begann: "Na, wie kommen Sie denn hierher?" Gertrud Breiter zuckte mit den Schultern und murmelte: "Wie man so herkommt, man muß nicht hundertprozentig mit dem hier einverstanden sein. Es ist ja Krieg."
Frau Schulze-Boysen faßte Vertrauen zu der Schreibmaid. Nach zehn Minuten vorsichtigen Lavierens sprudelte sie heraus: "Ich bitte Sie nur um eines, ich kann Ihnen die Adresse nicht sagen, aber warnen Sie Hans Coppi." Da wußte die Nationalsozialistin Breiter, was zu tun war.
"Ich war ganz aufgeregt," berichtet sie. "Ich hatte bloß Angst, daß Göpfert zu lange wegblieb und mir der Name wieder entfiel. Als der Göpfert zurückkam, machte ich ein Zeichen und sagte: "Entschuldigen Sie, aber ich muß mal raus." Dann rannte sie in den dritten Stock des RSHA-Gebäudes hinauf und meldete Kopkow, was sie gehört hatte.
Der Kriminalrat war zunächst ungehalten über die reglementswidrige Einmischung der Sekretärin und belehrte die Breiter ("Ich hatte eine Wut auf den Kopkow"), solche Meldungen seien schriftlich und auf dem Dienstweg einzureichen. Erst als die Sekretärin patzig wurde, nahm er den Hinweis ernst. Noch in der darauffolgenden Nacht wurde Coppi verhaftet.
Der Erfolg inspirierte Kopkow, Gertrud Breiter zu weiteren "rein menschlichen Unterhaltungen" einzusetzen. 25mal kamen die beiden Frauen zusammen, 25mal umarmten sie sich. 25mal plauderte Libertas Schulze-Boysen Geheimnisse der Roten Kapelle aus~" Sie war intelligent, aber sehr, sehr labil. Typmäßig hätte ich ihr entsprochen" -- so Gertrud Breiter heute.
Die Frau des Agentenchefs nannte Namen, die das RSHA noch nie gehört hatte: Jan Bontjes van Beek, seine Tochter Cato, den Harnack-Neffen Havemann, die Gräfin von Brockdorff, Rosemarie Terwiel und andere. "Sie gab die ganze Gruppe ihres Mannes preis", behauptet Schulze-Boysens jugendlicher Gehilfe Willi Weber, und auch Mutter Schulze klagt: "Dadurch sind sehr viele an den Galgen gekommen. Sehr traurig."
Die Enthüllungen der Libertas Schulze-Boysen standen nicht vereinzelt da. Auch Harnack begann, Aussagen zu machen, und desavouierte seinen Partner Schulze-Boysen, der seinerseits die Namen mancher Mitarbeiter und Gesinnungsfreunde nannte, unter ihnen die Wahrsagerin Anni Krauss und die beiden uneingeweihten Rote-Kapelle-Informanten Herbert Gollnow und Erwin Gehrts.
Ebenso wurde Adam Kuckhoff jäh gesprächig und verriet seine Mitarbeiter Sieg und Grimme. Mancher war "bei seiner Vernehmung moralisch zusammengebrochen", wie der Widerstands-Professor Krauss im Falle des Antifaschisten Fritz Thiel notierte: "Er versuchte sich und seiner Frau das Leben dadurch zu retten, daß er sich als ein verführtes Opfer einer intellektuellen Verschwörung hinstellte -- insbesondere hat er Ursula Goetze aufs schwerste belastet."
Oft erschrak die eigene Ehefrau über die Aussagen ihres Mannes. Greta Kuckhoff schreibt: "Schließlich haben sie (Harnack und Kuckhoff) alles gesagt und alle Namen genannt, in dem Glauben, die Leute sind getürmt. Ich war sprachlos, als ich hörte, daß Adam gestanden hatte, und das Todesurteil hat mich nicht so sehr erschüttert wie diese Mitteilung. Ich habe mit Adam gehadert."
Am meisten fürchteten die Häftlinge die Mitteilsamkeit des Ehepaares Schumacher, das seine Freunde preisgab. Die Frau des Widerstandskämpfers Philipp Schaeffer mußte sich wegen Beihilfe zu einer Häftlings-Flucht verantworten, von der die Gestapo erst durch die Aussagen Elisabeth Schumachers erfahren hatte; und nächtelang pochte Häftling Weisenborn Signale an die Wand: In der Nachbarzelle 8 des Gestapo-Gefängnisses saß Kurt Schumacher, er sollte eine Aussage zurückziehen, die für Weisenborn die Todesstrafe bedeuten mußte. (Schumacher zog seine Aussage zurück.)
Der Kriminalsekretär Reinhold Ortmann, erster Vernehmer Kurt Schumachers, konnte nie eine Szene vergessen, die sich in seinem Büro Mitte September 1942 abgespielt haben soll.
"Eines Tages", erzählte Ortmann, "wollte ich mein Frühstück essen. Da ich dieses ungestört tun wollte, mußte ich Schumacher, der bei mir am Schreibtisch saß, beschäftigen. Um dies tun zu können, nahm ich das "Verzeichnis der flüchtig gegangenen Kommunisten" und übergab es Schumacher mit der Aufforderung, sich die Lichtbilder (in dem Verzeichnis) anzusehen und mir zu sagen, welche der abgebildeten Personen er davon kenne."
Ortmann beteuerte später immer wieder, er habe mit seiner Aufforderung "keinen bestimmten Zweck" verfolgt, er habe lediglich in Ruhe sein Brot essen wollen. Plötzlich sei er von Schumacher durch den Ruf unterbrochen worden: "Dieser ist es!"
"Ich war natürlich erstaunt", so Ortmann, "sah sofort nach der Nummer des Lichtbildes und stellte auch sofort an Hand eines zweiten Verzeichnisses den Namen der im Lichtbild dargestellten Person fest." Es handelte sich um Albert Hößler. Schlüsselfigur der im Reich abgesetzten sowjetischen Fallschirmagenten.
Schumacher gab laut Ortmann zu Protokoll, Hößler sei -- wie von Moskau angekündigt -- bei ihm erschienen und habe um Weiterleitung an Schulze-Boysen gebeten; er sei zwei Tage lang geblieben und auch bei Coppi gewesen, dem er ein Funkgerät übergeben habe.
"Der Fallschirmspringer", sagte Schumacher aus, "war sehr daran interessiert, festzustellen, ob er mit dem Kurzwellengerät Verbindung mit Moskau bekäme. Wir haben das Gerät an die Lichtleitung angeschlossen, und der Fallschirmspringer versuchte, mit Moskau Verbindung aufzunehmen, was auch sofort gelang. Die Kopfhörer des Sendegerätes hatten wir auf den Tisch der Wohnung gelegt. Wir mußten aber die Verbindung mit Moskau sofort abbrechen, da die Sendung von Moskau im Kopfhörer so stark zu hören war, daß ich befürchten mußte, daß die Nachbarn dies hören könnten."
Wie immer es zu Schumachers Geständnis gekommen sein mochte -- seine Aussagen und die Mitteilungen anderer Häftlinge bewogen die Gestapoführung, verstärkt nach den sowjetischen Fallschirmagenten zu fahnden und sich ihrer Sendegeräte zu einem listigen Funkgegenspiel mit Moskau zu bedienen.
Kriminalkommissar Thomas Ampletzer, der Funk-Sachbearbeiter von IV A 2, schuf mit den requirierten Sowjetsendern zwei Funklinien nach Moskau. Wieder half ein umgefallener Sowjetagent dabei: Johann Wenzel, Chef-Funker der Roten Kapelle in Westeuropa und im Juni 1942 in die Hände der Gestapo gefallen, lieferte den Chiffrierschlüssel; bald hatte Ampletzer Kontakt mit der sowjetischen Geheimdienst-Zentrale. Zweck des Manövers: neue Fallschirmagenten ins Reich zu locken, von denen die Gestapo hoffte, sie würden noch unbekannte Rote-Kapelle-Adressen anlaufen.
Die Rechnung der Gestapo ging auf. Um den 16. September herum erfuhr Ampletzer von seinen sowjetischen Funkpartnern, ein erst kürzlich eingesetzter Fallschirmagent werde am 17. September um 16.41 Uhr auf Berlins Potsdamer Bahnhof einen wichtigen Informanten treffen. Als Erkennungszeichen trage der Agent das Stück einer entzweigerissenen Karte mit sich, deren andere Hälfte der Informant besitze.
Die Beamten der Gestapo waren pünktlich zur Stelle, als sich die beiden Männer trafen. Der Informant war der Fernmelde-Ingenieur Dr. Hans-Heinrich Kummerow, ein geldsüchtiger Einzelgänger, der früher für westeuropäische Geheimdienste gearbeitet, seit Mitte der dreißiger Jahre nur noch Moskau beliefert hatte: mit allen Geheimplänen der Oranienburger Auerfabrik, zu deren führenden Männern er gehörte.
Er händigte den Russen Handskizzen einer geplanten ferngesteuerten Bombe aus, Konstruktionspläne der Luftjagdgeräte "Luftengel" und "Bodenengel", Zeichnungen neuer Ortungsgeräte. Zugleich bot er eigene Erfindungen an, so eine ferngesteuerte Blinkanlage, die er auf den Dächern deutscher Rüstungswerke anbringen wollte, um sowjetischen Bombern Angriffe zu erleichtern.
Kummerow-Vernehmer Strübing, dem die Bombenskizze vorlag, fragte im OKW an, ob man an einer ferngesteuerten Bombe arbeite, und löste damit bei den Rüstungsexperten einen Schock aus. Strübing: "Ich wurde wegen des besonderen Grades der Geheimhaltungsbedürftigkeit persönlich mit der Führung der Ermittlungen beauftragt, wobei ich mich noch schriftlich verpflichten mußte, unter keinen Umständen irgend jemandem, auch nicht meinen Kameraden, von der geplanten Bombe etwas zu sagen."
Als der Gestapo-Kommissar in der zuständigen Versuchsanstalt in Nauen nachforschte, "war man erstaunt daß die Existenz bzw. Planung überhaupt zu den Ohren von Kummerow gekommen war, und vermutete daher, daß er irgendwelche Mittelsleute haben müsse, die mit der Nauenschen Versuchsanstalt Verbindung unterhielten. Mittelsleute sind jedoch seinerzeit nicht gefunden worden" (Strühing).
Kummerow war kein Mitglied der Gruppe Schulze-Boysen; nur weil ihm ein regelmäßiger Kontakt mit Moskau fehlte, hatte er Verbindung mit den an der Seite Schulze-Boysens arbeitenden Fallschirmagenten gesucht. Und an eben diesen Fallschirmagenten zeigte sich die Gestapo äußerst interessiert auch Kummerows Aussagen halfen den Verfolgern weiter.
Ein Zufall ermöglichte schließlich der Gestapo den entscheidenden Durchbruch. Zu den von ihr überwachten Personen gehörte auch die Kommunistin Klara Nemitz. Anfang Oktober wurde sie von Schulze-Boysen-Partner Wilhelm Guddorf angerufen; aus dem Gespräch mußte die Gestapo schließen, hinter Guddorf stünde eine ganze Organisation kommunistischer Untergrundkämpfer.
Am 10. Oktober verhafteten Gestapo-Beamte den KP-.Agenten Guddorf und seine Freundin Eva-Maria Buch. Ihre Aussagen (ebenso wie die von Kummerow> wiesen auf den KPD-Funktionär Bernhard Bastlein, der in Hamburg und in anderen norddeutschen Hafenstädten eine straff geführte Widerstandsgruppe unterhielt, in deren Quartieren auch sowjetische
* Links: KP-Funktionär Abshagen, einer der führenden Männer der In Hamburg arbeitenden Untergrundgruppe.
Fallschirmagenten Unterschlupf gefunden hatten.
Wieder konnte die Gestapo die Mitteilungen ihrer Häftlinge verwerten: Mitte Oktober flog Bästlein mit seinen Untergrund-Männern auf, kurz darauf fielen auch die in Hamburg untergetauchten Fallschirmagenten Fellendorf und Erna Eiffler in Gestapo-Gewalt; ihre Kameraden Hößler und Barth waren schon Anfang des Monats verhaftet worden.
Von Hamburg führten neue Spuren nach Berlin zurück, in ein Radio- und Photogeschäft, das im Auftrag Moskaus die Fallschirmagenten mit Geld und falschen Pässen versorgte. Zwischen dem 18. und 20. Oktober führten Gestapo-Kommandos die Kommunisten-Familien Emil und Max Hübner sowie Frida, Stanislaus, Johannes und Walter Wesolek ab.
Mitte Oktober konnte Kommissar Strübing seinen Oberen melden, daß die ganze Rote Kapelle in Berlin ausgehoben sei. 117 Personen hatte die Gestapo verhaftet, eine schillernde Gruppe aus Überzeugungs-Spionen, Widerstandskämpfern, käuflichen Landesverrätern und unfreiwilligen Informanten, zusammengepreßt von der rabiaten Staatsschutz-Ideologie der Machthaber -- Beginn jener Legende, die da besagte, alle Freunde Schulze-Boysens seien Spione und Landesverräter gewesen.
Nur ein Fragezeichen blieb auf Strübings Erfolgsliste: Noch wußte er nicht, wie der hohe deutsche Beamte hieß, der jahrelang die Agentin Ilse Stöbe informiert hatte. Doch Strübing konnte sicher sein, daß Moskau auch diesmal -- ungewollt -- die Probleme der Gestapo lösen würde.
Wie im Falle Schulze-Boysens, Harnacks und Kuckhoffs war die Gestapo durch einer sowjetischen Funkspruch auf den kleinen Agentenring "Arier" aufmerksam geworden. Am 28. August 1941 hatte die Kurzwellen-B-Stelle in Prag einen Funkspruch Moskaus aufgefangen, den ein Jahr später der umgedrehte Funker Wenzel für die Gestapo entschlüsselte,
Inhalt des Spruchs: Der Chefagent Kent in Brüssel solle die Berliner Agentin Ilse Stöbe, Deckname. "Alta", in deren Wohnung im Hause Wielandstraße 37 aufsuchen. Alta wurde am 12. September 1942 verhaftet, auch ihr Funker Kurt Schulze verschwand im Gestapo-Gefängnis, nur der Informant (Deckname: "Arier") blieb unbekannt. Wochenlang schwieg Ilse Stöbe, keine Drohung vermochte sie zum Reden zu bewegen.
Da befreite Funk-Kommissar Ampletzer die Inquisitoren aus ihrer Verlegenheit. Er funkte seinen sowjetischen Partnern, Moskau möge sofort einen Fallschirmagenten in Marsch setzen, da Alta Schwierigkeiten habe; vor allem fehle es an Geld. Moskau erfüllte augenblicklich die Bitte der Gestapo.
Am 23. Oktober sprang der KP-Funktionär Heinz Koenen, Deckname: "Koester", Sohn des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Wilhelm Koenen, über dem ostpreußischen Osterode ab. Er schlug sich nach Berlin durch. Am 28. Oktober gegen 17 Uhr rief er bei Ilse Stöbe in der Wielandstraße an. Am Apparat meldete sich eine Frauenstimme.
Koenen: "Ich möchte Sie gerne mal sprechen." Er bestellte Alta zum nahegelegenen S-Bahnhof Savignyplatz, die Frau sollte sofort kommen. Sie kam. Der Mann holte zwei Fahrkarten aus der Tasche, dann bestieg er mit seiner Begleiterin einen Zug in Richtung Tiergarten. Unterwegs forschte er die Frau aus und stellte ihr auch Fangfragen.
"Ich soll Sie", erzählte Koenen, "von Ihrem Ehemann grüßen, von Rudi." Die Frau lächelte: "Entschuldigen Sie, das ist nicht mein Ehemann, das ist mein Lebensgefährte." Koenen bat, sie möge ihm zwei Oberhemden kaufen; am nächsten Tag wollten sie sich wieder treffen, um 12 Uhr. Treffpunkt: Bahnstation Wittenbergplatz, an der Normaluhr.
Doch statt in die Wielandstraße zurückzufahren, eilte die Frau in die Prinz-Albrecht-Straße, nicht ohne Zittern: Bis zum letzten Augenblick hatte Gestapo-Angestellte Gertrud Breiter gefürchtet, Koenen werde doch noch merken, daß sie nicht Ilse Stöbe war. Sie machte Strübing Meldung -- am 29. Oktober wurde Koenen verhaftet.
In seiner Brusttasche fand man neben Geldscheinen endlich, was man suchte: Hinweise auf die Identität des "Arier". Eine von Moskau mitgegebene Photokopie der ersten Zahlungsanweisung in Höhe von 5000 Franken, gerichtet an das Züricher Bankhaus Julius Bär & Co., brachte den Beweis, daß der Legationsrat Erster Klasse Rudolf von Scheliha seit Februar 1938 von den Sowjets besoldet wurde. Noch am 29. Oktober 1942 verhaftete die Gestapo den AA-Beamten.
So war denn Berlins Rote Kapelle vor allem durch Unvorsichtigkeit und Verrat in den eigenen Reihen enttarnt. Kaum einer, der nicht durch die Aussagen der Freunde fiel: Schulze-Boy-. sen, Harnack und Kuckhoff -- von Moskau leichtfertig bloßgestellt. John Sieg von Kuckhoff verraten. Anm Krauss -- von Schulze-Boysen preisgegeben. Ursula Goetze -- von den Thiels belastet. Familie Schaeffer -- von den Schumachers im Stich gelassen.
Freilich, nicht alle Gefangenen wichen dem Druck der Gestapo. Vor allem die Anhänger der KPD, für den Untergrundkampf geschult und auf härteste Belastungen vorbereitet, hielten den Pressionen ihrer Vernehmer stand -- an ihnen scheiterten auch die routiniertesten Gestapo-Beamten.
"Es ist leicht, sich Kommunist zu nennen, solange man nicht dafür zu bluten hat. Ob man wirklich einer war, beweist man erst, wenn die Stunde der Bewährung gekommen ist", schrieb Walter Husemann, einer der Rote-Kapelle-Gründer. "Hart bleiben, Vater! Hart! Nicht nachgeben! Denke in jeder schwachen Stunde an diese letzte Forderung."
Walter und Martha Husemann, die Hübners und Wesoleks, John Sieg, Herbert Grasse, Eugen Neutert, Ilse Stäbe -- jeder von ihnen riskierte eher Drangsalierungen und Folterungen, als daß er die Gestapo informierte. Auch mancher der jungen Idealisten aus dem Kreise John Rittmeisters schwieg. Aber die wichtigsten Frauen und Männer aus der engeren Umgebung Schulze-Boysens kapitulierten.
Wie läßt sich solche Selbstpreisgabe erklären? Die Hinterbliebenen und Verteidiger der Roten Kapelle kennen nur eine Erklärung: Gestapo-Brutalität. Nur durch "schwerste Vernehmungen und Folterungen"
Tatsächlich waren die verhafteten Mitglieder der Roten Kapelle von Gestapo-Beamten hart behandelt worden; mancher Gestapo-Mann reagierte seine kleinbürgerlich-nationalistischen Instinkte an den Eingekerkerten ab.
Dem Häftling Heinrich Scheel schlug ein Beamter "ins Gesicht, auch würgte er mich, indem er meinen Schlips zusammendrehte", wie Scheel berichtet. Von dem Kriminalsekretär Habecker erhielt der Schu-Boy-Freund Weißensteiner "sofort Schläge, weil er wahrheitsgemäß sagte, daß Nummern, die er sich auf einem Zettel notiert hatte, Radioröhren waren und keine Telephon-Nummern, wie Habecker vermutete" -- so Weißensteiners Witwe.
Jede Maßnahme ihrer Wächter im Hausgefängnis des RSHA und im Untersuchungsgefängnis am Alexanderplatz sollte den "Roten" das Gefühl geben, hilflose Parias der NS-Volksgemeinschaft ohne weitere Lebenschance zu sein. Viele mußten selbst in den Zellen Handschellen tragen, die meisten von ihnen wurden mit Schreib- und Besuchsverbot belegt.
Drakonische Befehle der Gestapoführung hielten die Vernehmer an, kein Mitleid mit den Häftlingen zu zeigen. Gestapo-Chef Müller bestand auf sturer Ausführung seines Befehls, der vorschrieb, im Falle des Fluchtversuchs eines Häftlings sei der zuständige Gestapo-Beamte automatisch zu verhaften.
"Kann je ein Mensch", schrieb Kurt Schumacher, "das Maß an Schmerzen, Kummer, Not, Elend und Verzweiflung ermessen, daß all die Armen zu erdulden haben, weil sie an eine friedliche Gemeinschaft der Völker glauben?" Gefangene wurden nach einem Bericht von Werner Krauss "vor eine ultraviolette Beleuchtung gesetzt. Sie lagen wochenlang mit dick verquollenen Augen herum".
John Sieg hielt die Vernehmungspraktiken der Gestapo nicht durch und verübte Selbstmord; auch sein Mitkämpfer Herbert Grasse resignierte und stürzte sich vom fünften Stockwerk des Berliner Polizeipräsidiums zu Tode. Und nur mit äußerster Mühe ließ sich ein Selbstmordversuch Mildred Harnacks verhindern. Dagegen tötete sich Kummerow nach seiner Verurteilung.
Immer wieder kündigten die Vernehmer brutalste Folterungen an. Kriminalkommissar Hans Henze drohte Greta Kuckhoff: "Nachdem Ihr Mann und Arvid Harnack nichts dazu beigetragen haben, den Fall zu klären, haben wir jetzt die richtigen Mittel angewandt, sie zum Sprechen zu bringen."
Frau Kuckhoff fragte: "Leben sie noch?" Henze polterte zurück: "Ja, aber es wird von Ihnen abhängen, ob sie das nächste Mal überstehen
Einige Häftlinge wurden wirklich gefoltert, mit jener seelenlos-bürokratischen Pedanterie, die Gestapo-Beamte für Korrektheit hielten. Eine "verschärfte Vernehmung", wie man Folterungen euphemistisch nannte, mußte schriftlich beim Chef der Sicherheitspolizei beantragt werden; stimmte er zu, so erschien ein zu Folterungen berechtigter Beamter mit einem SS-Arzt und verabreichte dem Häftling eine vorher festgelegte Anzahl von Schlägen. Der Arzt hatte die gesundheitlichen Folgen der Folterung zu begutachten. Dann wurde ein Protokoll aufgenommen, denn in der Welt Heinrich Himmlers mußte auch der Sadismus seine papierene Ordnung haben.
Die Zahl solcher Folterungen hielt sich jedoch in Grenzen. Als Schulze-Boysen anfangs nicht aussagen wollte, erhielt er zwölf Stockhiebe. Ebenso schlugen Gestapo-Beamte auf Harnack, Graudenz und Kuckhoff ein, sie bekamen "eine Anzahl Schläge auf das Gesäß mit dem Gummiknüppel", wie sich der Senatspräsident Alexander Kraell erinnert.
Mehr als diese vier Folterungsfälle sind nicht erwiesen. Meist blieb es bei Drohungen und psychologischen Tricks. Heilmann wurde eine Gestapo-Beamtin, als Gefangene drapiert, in die Zelle gelegt; dem Professor Krauss stellte sich ein Ingenieur Schulze-Boysen vor, der ein Vetter Harros sein wollte, der ganzen Familie aber unbekannt war.
"Seien Sie vernünftig, Schumacher", redete ein Gestapo-Mann den Bildhauer an, "sagen Sie die Wahrheit. Ihr Körper hält nicht aus, was Schulze-Boysen und Coppi ausgehalten haben." In Wirklichkeit war Coppi nicht mißhandelt worden. Nicht ungern verbreiteten Gestapo-Vernehmer Storys von brutalen Verhören, die ebenso gern von Häftlingen weitererzählt wurden, denen allzu viele Geständnisse entlockt worden waren.
Solche "harmloseren" Praktiken waren entnervend genug für Menschen, die in der Zentrale des bürokratisierten Terrors nicht einen Augenblick daran zweifeln konnten, daß die Gestapo-Funktionäre wahrmachen würden, was sie da kaltblütig androhten. Kein Zweifel: Die Gestapo hätte schlimmer gefoltert, wären die Eingekerkerten zurückhaltender gewesen.
Dennoch erklären Mißhandlungen allein noch nicht die verblüffende Selbstpreisgabe der verhafteten Schulze-Boysen-Freunde. Was sie vor den Verhörscheinwerfern der Gestapo zu Fall brachte, war die "plötzliche moralische Aufweichung und das unvermittelte Nachlassen des Kampfwillens, psychologische Vorstufe der Unterwerfung", wie der Historiker Dallin urteilt.
In den Einzelzellen der Gestapo isoliert, von der Außenwelt abgeschnürt von den raffinierten Vernehmern des totalitären Polizeiapparats malträtiert, geriet die antifaschistische Front ins Wanken, die konträrste Elemente in sich barg: Idealisten und Abenteurer, Spione und Widerstandskämpfer, NS-Gegner und Opportunisten, Menschen des, Engagements und des sinnlosen Zufalls.
Was sollten sie noch miteinander gemeinsam haben, der gläubige Hitler-Jünger Gollnow und der kompromißlose Sowjet-Freund Schulze-Boysen, der Bekenntnis-Christ, Gehrts und der marxistische Doktrinär Harnack, der sozialistische Theoretiker Rittmeister und der Opportunist Kummerow? Selbst der konsequente Harnack gestand, aus welchen Gründen auch immer, er hätte als Deutscher im Krieg nicht so handeln dürfen, wie er gehandelt habe.
Woran konnten sie auch noch glauben, nachdem sie erfahren hatten, daß die Rote-Kapelle-Organisationen in Westeuropa zerschlagen worden und, schlimmer noch, deren sowjetische Anführer in den Dienst der deutschen Abwehr getreten waren? Rüsteten sich doch die verhafteten Sowjetoffiziere, allen voran der ehemalige Chefagent Kent, ihren neuen deutschen Herren bei der Überführung des letzten Berliner Rote-Kapelle-Agenten behilflich zu sein!
Die Meldungen von den Fronten ließen ihnen auch keine Hoffnungen mehr. Hitler und seine Verbündeten stürmten dem Höhepunkt ihrer Macht entgegen: im Kaukasus, wo die Rote Armee ihre letzte Stunde zu erleben schien, in Nordafrika, wo der Wüstenfuchs Rommel die britischen Truppen vor sich hertrieb, im Fernen Osten, wo das Empire unter den japanischen Schlägen zerbrach.
In manchem Eingeschlossenen wuchsen Zweifel auf, nicht jeder teilte den glühenden Wunsch Horst Heilmanns, an der Seite des Gruppenchefs zu sterben. Immer deutlicher gewann der animalische Lebenswille die Herrschaft über alte Ideale; der Instinkt der Selbsterhaltung überschattete Maximen, die man einmal für unerschütterlich gehalten hatte.
Der Lebenswille trieb manchen in die Dienste des verhaßten Regimes, Libertas Schulze-Boysen hoffte auf die Rolle einer Kronzeugin der Gestapo, ihr Ehemann half bei der Jagd auf ehemalige RLM-Freunde, Kummerow bot vor seinem Selbstmord an, neue Waffen für die Wehrmacht zu konstruieren, und Koenen assistierte der Gestapo bei ihrem falschen Funkspiel mit Moskau.
Ein derartiger moralischer Zusammenbruch aber bekräftigte die Verfolger der Roten Kapelle nur allzusehr in ihren kleinbürgerlichen Instinkten und ihrem antikommunistischen Verfolgungswahn. So hatten sie sich immer den "bolschewistischen Weltfeind" vorgestellt: ohne sittlichen Halt. "jederzeit bereit, das eigene Vaterland zu verraten, Verächter nationaler Normen und bürgerlicher Moral.
Da das NS-Regime kein Interesse daran haben konnte, die Motive der einzelnen Schu-Boy-Freunde zu differenzieren, vielmehr alle in den diffamierenden Kollektivbegriff des Landesverrats pressen wollte, blieben auch die Handlanger dieses Regimes der Mühe enthoben, über die Beweggründe ihrer Häftlinge nachzudenken. Da lief mit erbarmungsloser Monotonie der Denkmechanismus nationalsozialistischer Funktionäre ab: Hier waren Gegner des Staates, Landesverräter gar, käufliche Agenten, Ehebrecher, womöglich noch Homosexuelle -- also Kopf ab!
Schon Mitte Oktober hatte Gestapo-Müller den Fall für abgeschlossen gehalten und dem SS-Chef Himmler vorgeschlagen, die Angehörigen der Roten Kapelle sofort vor einem Volksgericht abzuurteilen. Himmler trug den Vorschlag prompt ins Führerhauptquartier; er fand bei Hitler günstiges Echo. "Äußerst erregt" (so Hitler-Adjutant Karl-Jesko von Puttkarner) befahl der Diktator, die Bolschewiken in den eigenen Reihen auszulöschen, augenblicklich und ohne Gnade.
Wenn jedoch Himmler gehofft hatte, Hitler werde ihn mit der Leitung des Verfahrens beauftragen, so sah er sich enttäuscht. Rivale Hermann Göring erhielt den Zuschlag: Er sollte als Gerichtsherr die juristische Liquidierung der Gruppe Schulze-Boysen! Harnack überwachen.
Warum Göring damit beauftragt wurde, läßt sich nur erraten. Er war der zweite Mann des braunen Reiches, zudem gehörten einige der wichtigsten Häftlinge (Schulze-Boysen, Gehrts, Heilmann, Gollnow) zu Görings Luftwaffe -- darum wohl die Beauftragung des "Reichsmarschalls".
Er machte sich auf, den Befehl Hitlers auszuführen. Der letzte Akt im Drama der Berliner Roten Kapelle hatte begonnen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Kriegsrichter Roeder erzwingt die Todesstrafe für alle Führer der Roten Kapelle Berlins -- Ein Ankläger reitet Greta Kuckhoff -- Das Ende in den schwarzen Kabinen von Plötzensee
Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Hähne

DER SPIEGEL 27/1968
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