05.08.1968

KANZLER-BUNGALOWFür freie Menschen

Zwanzig Monate nachdem er vom baden-württembergischen Landesfürsten zum Kanzler der Bundesrepublik aufgerückt war, präsentierte Kurt Georg Kiesinger letzten Mittwoch eine Rechnung des Umzugs von Stuttgart nach Bonn: 115 000 Mark.
Dieser Betrag war erforderlich, weil der Kanzler den von seinem Vorgänger Ludwig Erhard erbauten modernen Dienstbungalow im Park des Palais Schaumburg scheußlich fand. Kurz vor seinem Einzug gestand Kiesinger: "Vielleicht bin ich für dieses Haus zu altmodisch. Ich brauche eine gewisse Behaglichkeit."
Als er dann Hausherr des modernen Baus geworden war, beauftragte er die Stuttgarter Innenarchitektin Professur Hertha-Maria Witzemann, den von Architektur-Professor und Erhard-Duzfreund Sep Ruf entworfenen Bungalow in ein "richtiges Haus" zu verwandeln. Die Innen-Dekorateurin sollte die kühle Einrichtung des Vormieters entfernen und biedermeierliche Nestwärme verbreiten.
Des Kanzlers Wohnberaterin war bei der Begutachtung der 400 Quadratmeter großen Behausung betroffen von der "unerhörten Enge und Kleinheit". Sie ließ Zwischenwände niederreißen, Decken 80 Zentimeter höher ziehen und zusätzliche Fenster in die Außenmauern brechen,
Mit hellen Fußbodenbelägen und orangefarbenen Markisen versuchte des Kanzlers Raum-Pflegerin "einiges von dem zu erreichen, was unbedingt notwendig ist, damit ein freier Mensch darin leben kann".
Mit dem Geld ging die schwäbische Professorin dabei nicht engherzig um. Statt der 1967 veranschlagten 4500 Mark wurde mehr als das Zehnfache vermauert. Die zur "Verbesserung der Wohnverhältnisse erforderlichen kleineren Umbauten" kosteten 54 264 Mark.
Auch Erhards Neigung für amerikanische Möbel hatte bei Kanzler-Gattin Marie-Luise keine Gnade gefunden. Das Mobiliar, das der Vorgänger aus der Kollektion des US-Designers Herman Miller erwählt hatte, mußte weichen.
Architektin Witzemann ging Möbel kaufen und erstand die "anständigsten, die es gibt". Wieder überschritt sie dabei das ihr vorgegebene Finanzierungs-Limit. Statt der im Bundeshaushalt 1967 eingeplanten 35 500 Mark schaffte Frau Witzemann im Namen des Kanzlers Interieur für 60 990 Mark an. Die ausgemusterten Stücke aus braunem Teak und schwarzem Leder wurden in Vizekanzler Brandts Außenministerium abgeschoben.
Finanzminister Strauß tolerierte des Kanzlers Schwäche. In seiner Liste der "über- und außerplanmäßigen Haushaltsausgaben", die er den Parlamentariern vergangene Woche zustellen ließ, rechtfertigte Strauß die fast 200prozentige Überziehung des Kiesinger-Kontos: "Die Mehrausgabe war unvorhergesehen. Als Folge des Kanzlerwechsels war sie unabweisbar."

DER SPIEGEL 32/1968
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