24.06.1968

BONN / LÜBKE-NACHFOLGERechte Eigenschaften

Seit drei Wochen schiebt der Kanzler und CDU-Parteichef Kiesinger die Antwort auf ein Anschreiben des Vizekanzlers und SPD-Parteichefs Brandt vor sich her.
Brandts Billet enthielt nichts weiter als das Ersuchen um ein Gespräch über die Regelung der Nachfolge im Amt des Bundespräsidenten Heinrich Lübke. Doch Parteinot brachte den sonst so wortstarken Schwaben Kiesinger diesmal in Formulierungsnot.
Denn seit der Bundesvorstand der CDU Anfang Mai die Nominierung eines christdemokratischen Bewerbers um die Lübke-Nachfolge beschlossen hat, fahnden die Parteichristen -- allen voran der junge Politmanager Helmut Kohl, 38. Vorsitzender der CDU-Fraktion im Mainzer Landtag -- vergebens nach einem Mann mit den rechten Eigenschaften. Er soll sein:
* evangelisch (als Pendant zu dem katholischen Regierungschef Kiesinger),
* CDU-Mitglied, jedoch ohne allzu starkes Engagement in der Partei,
* nicht zu jung (das Grundgesetz schreibt 40 Jahre Mindestalter vor), aber auch nicht zu alt (denn Heinrich Lübkes Alterserscheinungen schrecken) und verheiratet. Abseits von Bonn streckte Kohl mit Kiesingers Billigung die Fühler aus.
Beim Kongreß seiner Landespartei in Trier ging er den ausrangierten EWG-Präsidenten Walter Hallstein an. Die Erkundung, ob der stellungslose Berufseuropäer Bereitschaft zur Übernahme des Präsidenten-Amtes zeige, blieb freilich ergebnislos. Hallstein mochte sich zu keiner klaren Antwort entschließen.
Nächster Kandidat in Kohls Präsidenten-Quiz war Bundestags-Vorsteher Eugen Gerstenmaier. Doch schlechte Erfahrungen mit früheren, wortreich verschlüsselten Bekundungen seiner Bereitschaft zur Kandidatur für hohe und höchste Staatsämter hielten Gerstenmaier diesmal davon ab, sich deutlich zu erklären.
Ungebrochen meldete Kohl, als er seinem Mentor Kiesinger in der Fußballarena von Ludwigshafen beim Pokal-Endspiel 1. FC Köln gegen VfL Bochum begegnete: "Die Dinge laufen gut."
In Wahrheit laufen die Dinge gar nicht gut. Denn die unerklärten Kohl-Kandidaten Hallstein und Gerstenmaier finden in der Bonner Unionsfraktion ohnehin keine Gegenliebe. Den Fraktionären am Rhein ist
* Hallstein mit 66 Jahren schon zu alt, um noch fünf oder gar zehn Jahre wirkungs- und würdevoll den Staat repräsentieren zu können, und außerdem ist er ihnen als Junggeselle nicht genehm;
* Gerstenmaier politisch zu ehrgeizig für das neutrale Amt in der Villa Hammerschmidt. Zudem hat Gerstenmaier durch seine lehrhafte Attitüde die Schar seiner Anhänger auf ein kleines Häuflein reduziert. Selbst gestandene CDU-Leute denken über Gerstenmaier heute wie der Sozialdemokrat Helmut Schmidt, der sagte: "Den würde ich nicht einmal zum Vorsitzenden des Geschäftsordnungs-Ausschusses des Bundestages wählen."
In dieser verfahrenen Situation erblickte der christdemokratische Chef-Taktiker Rainer Barzel eine neue Gelegenheit, tätig zu werden. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende, der schon vor Wochen im Alleingang versucht hatte, Heinrich Lübke zum vorzeitigen Rücktritt zu bewegen, schaltete sich nun anstelle Kohls in die Suche nach dem Präsidenten-Nachfolger ein.
Barzel: "Von unserem Recht, als stärkste Fraktion (der Bundesversammlung) einen eigenen Kandidaten zu stellen, müssen wir maßvollen und sinnvollen Gebrauch machen. Wir können nicht nur unser parteipolitisches Interesse befriedigen, sondern brauchen einen Mann, der sich überall sehen lassen kann."
Der Mann seiner Wahl: Kirchentagspräsident Richard Freiherr von Weizsäcker, Bruder des Hamburger Atom-Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Der evangelische Freiherr gehört zwar dem Bundesvorstand der CDU an, ist jedoch bislang nicht als Parteipolitiker in Erscheinung getreten.
Weizsäcker freilich hat bereits vor einiger Zeit dem Präsidenten-Macher Kohl abgeschlagen, zu kandidieren, und hat statt dessen einen Sozialdemokraten empfohlen: Justizminister Gustav Heinemann, der 1952 aus Protest gegen Adenauers Wiederbewaffnungspolitik die CDU verlassen hat.
Also mußte der am Freitag letzter Woche in Bonn versammelte Bundesvorstand der CDU sein ursprüngliches Vorhaben, den Kandidaten für Heinrich Lübkes Nachfolge zu benennen, mangels passender Bewerber vertagen.
Dennoch rechnen die SPD-Mitregierer nicht damit, daß sie die Union gemäß Weizsäckers Empfehlung auf den CDU-Renegaten Heinemann einschwören können. In ihrem Kalkül ist Heinemann vielmehr zum Kampfkandidaten gegen eine nicht kooperationsbereite CDU/CSU geworden.
Sollte die Union sich doch noch bereit erklären, einen SPD-Mann mitzuwählen, dann wollen die Genossen den katholischen Gewerkschafter Georg Leber präsentieren.
Kommt es indes zu einer Wahl-Fehde zwischen einem CDU-Kandidaten und einem SPD-Kandidaten, dann wollen die Sozialdemokraten den liberalen Synodalen Heinemann nominieren. Der nämlich -- so die SPD-Spekulation -- könnte auf die Stimmen der Freidemokraten rechnen und so auch gegen die CDU eine Mehrheit in der Bundesversammlung finden.

DER SPIEGEL 26/1968
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