24.06.1968

ptx ruft moskau

5. Fortsetzung
Zwischen Widerstand und Landesverrat
Das sowjetische Vaterland war in Gefahr, jeden Augenblick kannten die Armeen Adolf Hitlers in Rußland einfallen. Alexander Erdberg, Spionage-Beauftragter der sowjetischen Botschaft in Berlin, erhielt die letzten Instruktionen aus Moskau: keine Zeit mehr verlieren, Agenten-Alarm auslösen.
Am 14. Juni 1941 rief Erdberg seine deutschen Konfidenten zu getrennten Treffs: Adam und Greta Kuckhoff bestellte er auf einen U-Bahnhof, Harro Schulze-Boysen ("Schu-Boy") und Arvid Harnack kontaktierten ihn in einem S-Bahnhof, und auch der künftige Funker Hans Coppi wußte, wo er den Mann aus Moskau treffen werde.
Erdberg hatte einige Funkgeräte beschafft und jedes Gerät in einem Koffer verstaut. Dann begab er sich mit einer Fahrkarte auf den verabredeten Bahnhof. Dort wechselte der Koffer seinen Besitzer. Schweigend nahmen die Deutschen das Funkgerät entgegen, schweigend entfernten sie sich.
Nach der Verteilung der Funkgeräte folgte ein letzter ideologischer Appell. Agentenwerber Erdberg ermahnte seine deutschen Freunde, die Sowjet-Union in der Stunde größter Not nicht im Stich zu lassen; jedes militärische Detail, jede Nachricht über Hitlers Kriegsmaschine werde der Roten Armee den Kampf gegen den faschistischen Aggressor erleichtern.
Jedes Mitglied des Berliner Spionagerings erhielt einen Decknamen, unter dem es in der Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes geführt wurde. Harnack (Deckname: "Arwid") bekam eine Chiffrierliste, Coppi (Deckname: "Strahlmann") einen Funkverkehrsplan. Ein Packen Geldscheine war für die Anwerbung neuer Mitarbeiter bestimmt. Erdberg zahlte 13 500 Reichsmark aus. Schulze-Boysen (Deckname: "Choro") und Harnack verteilten das Geld.
Die Organisation wurde in zwei Teile zertrennt, in die
* Verschlüsselungs-Gruppe "Arwid" unter Harnack und die
* Informanten-Gruppe "Choro" unter Schulze-Boysens Leitung, dem überdies die Gesamtführung der Organisation oblag.
Doch der Anfang stand unter einem ungünstigen Stern. Greta Kuckhoff hatte nach dem Treff auf dem U-Bahnhof bei der Heimfahrt den Koffer mit dem Funkgerät fallenlassen; als die Kuckhoffs den Sender zu Hause testen wollten, gab er keinen Ton von sich.
Die beiden wurden -- von Panik ergriffen. Sie versteckten den unbrauchbaren und doch so gefährlichen Sender im Hause. Aber auch das genügte ihnen nicht. Adam Kuckhoff holte das Gerät wieder hervor und vergrub es im Garten eines ahnungslosen Nachbarn.
Auch Coppi hatte mit seinem Gerät kein Glück. Erdberg hatte dem Anfänger Coppi ein veraltetes Batteriegerät anvertraut, das nur über eine geringe Frequenz und Reichweite verfügte. Coppi konnte mit dem Gerät so wenig umgehen, daß Schulze-Boysen von der Sowjetbotschaft einen besseren Sender anforderte.
Die Sowjets lieferten neue Apparate. Das Ehepaar Kuckhoff erhielt einen zweiten Sender, und auch dem Dreher Coppi wurde auf dem S-Bahnhof "Deutschlandhalle" ein neuer Koffer zugeschoben. Inhalt: ein modernes Sende- und Empfangsgerät für Wechselstrom.
Jetzt endlich konnte die Spionagegruppe Schulze-Boysen/Harnack ihre Arbeit aufnehmen. Noch ehe Hitlers Heeressäulen in Rußland einfielen, tickten die Funkgeräte der deutschen Sowjetspione.
Meldung auf Meldung gab Schulze-Boysen an den sowjetischen Generalstab weiter, manche Information des Oberleutnants Harro Schulze-Boysen verriet der Roten Armee, wo die Schwerpunkte der deutschen Angriffe zu erwarten waren. "Harro war unendlich nützlich", schwärmte Greta Kuckhoff. "Die ersten Nachrichten über die Vorbereitungen des Krieges kamen von Harro, und zwar, welche Städte zuerst angegriffen werden sollten."
Kamen ihnen keine Zweifel, hatten sie keine Bedenken, die Geheimnisse des eigenen Landes dem Kriegsgegner auszuhändigen? Die meisten Mitglieder der Spionagegruppe scheuten nicht davor zurück, jene Grenze zu überschreiten, die sich die konservativen und demokratischen Gegner des nationalsozialistischen Regimes gezogen hatten. Bei ihnen galt als Axiom, dem Kriegsgegner keine Staatsgeheimnisse anzuvertrauen, deren Preisgabe deutsche Interessen oder gar das Leben deutscher Soldaten gefährden konnte.
Viele Anhänger Schulze-Boysens kannten derartige Bedenken nicht. Zu den energischsten Mitarbeitern der Spionagegruppe gehörten alte Kommunisten, die schon in der Weimarer Zeit darauf trainiert waren, im Falle eines deutsch-sowjetischen Krieges Moskau zu Hilfe zu kommen, wer immer diesen Krieg verschuldet haben mochte -- und 1941 lag die Kriegsschuld nur allzu eindeutig auf der deutschen Seite.
Auch Schulze-Boysen wollte dem Kampf gegen Hitler keinerlei nationale Grenzen ziehen. Schon 1932 hatte er als Herausgeber des "Gegner" geschrieben, die Verteidigung der Sowjet-Union werde "die Unterstützung aller revolutionären Minderheiten" finden, zu denen er auch die deutsche Jugend rechnete.
Damals freilich war er immerhin noch davon ausgegangen, Moskau treibe eine eigene Machtpolitik, die mit deutschen Interessen nicht immer übereinstimme; jetzt aber war er bereit, auf Gedeih und Verderb jede Kursänderung Stalins gutzuheißen, erschienen ihm doch die Sowjets als "sehr vernünftige, kluge Rechner, nicht so dumm, daß sie den moralischen Kredit verscherzen, den sie als die ersten kompromißlosen Feinde des Faschismus gewonnen haben".
Mit der Sorglosigkeit, die ihn Regierungslisten einer kommenden deutschen Räte-Republik anfertigen ließ Schulze-Boysen selbst figurierte darauf als Kriegsminister -, hatte er seit langem einen deutsch-sowjetischen Krieg eingeplant. Schu-Boy im September 1939: "Wenn die Zeit reif ist, werden die Russen zuschlagen und als Sieger hervorgehen:
Solchem politischen Fanatismus vermochten sich viele Antifaschisten nicht oder nur zögernd anzuschließen. Selbst das Reichskriegsgericht hielt später Harnack zugute, Erdbergs Spionageauftrag habe ihn "anfänglich wohl selbst überrascht", und auch Greta Kuckhoff formulierte in der ihr eigenen verschleiernden Sprache, die Zusammenarbeit mit "ausländischen Stellen" habe für manchen von ihnen einen "sehr schweren Schritt" bedeutet,
Einige lehnten ihn eindeutig ab. Leo Schabbel, der Sohn des Komintern-Chefagenten Robinson, beschimpfte seine Mutter, weil sie sowjetische Fallschirmagenten beherbergt hatte. Die Mutter Kurt Schumachers verlangte, den bei ihr abgestellten Sendeapparat zu entfernen. Und Mitglieder der Widerstandsgruppe Rittmeister, die mit Schulze-Boysen zusammenarbeitete, erwiesen sich als so mißtrauisch, daß Schulze-Boysen es vorzog, sie nicht allzusehr in die Spionagearbeit einzuweihen.
Sogar engste Mitarbeiter offenbarten Skrupel. Horst Heilmann, eine Art Sekretär des Gruppenchefs Schulze-Boysen, sagte zu seinem Freund Rainer Hildebrandt, man könne dem Kriegsgegner Nachrichten liefern, aber sie dürften nicht zur Vernichtung deutscher Soldaten beitragen,
Verzweifelt und schier ausweglos laborierte der Antifaschist Heilmann an der Frage, ob man treiben dürfe, was man auch im Dritten Reich Landesverrat nannte. Es sei, so gestand er Hildebrandt, "nicht nur eine Schuld, die man vor sich selber habe, auch nicht nur gegenüber seinem Vaterlande, es sei eine Schuld, die man vor der Weltordnung und als Mensch habe. Bis man soweit sei, nur den Gedanken (des landesverrats) ins Auge zu fassen, müsse man ein schwer ermeßbares Ausmaß an Schuld begreifen".
Was aber konnte diese Schuld mildern? Die Empörung über die Verbrechen eines Regimes, das Deutschland in eine Weltkatastrophe gestürzt hatte. Die Entrüstung über ein politisches System, das mit seinen Konzentrationslagern, seinen Judenverfolgungen, seinem Meinungsterror und seiner Gleichschaltungsmaschinerie das Deutsche Reich zum Synonym für Barbarei und Unrecht gemacht hatte.
Das reichte freilich den Skrupelhaften zur Motivation des Landesverrats noch nicht aus. Das Unrecht Hitler-Deutschlands erklärte nicht hinreichend, warum man sich in den Dienst eines fremden Spionageapparates begeben hatte, warum man ausschließlich mit einem Land kooperierte, dessen Totalitarismus Demokraten ebenso schockte wie der braune Terror.
Sie entdeckten für sich ein zusätzliches Motiv, das dem herkömmlichen Begriff des Landesverrats fehlte: das nationale.
Adam Kuckhoff wollte ein Räte-Deutschland "auf nationaler Grundlage" errichten, dem Kommunisten Wilhelm Guddorf lag an der "Schaffung eines Sowjetdeutschlands, um eine Knechtschaft Deutschlands (durch die alliierten Sieger) zu verhüten und eine Zerstückelung Deutschlands zu vermeiden". Und Arvid Harnack projektierte gar einen konventionellen deutschen Staat, der zwar an Rußland angelehnt, aber völlig selbständig sein sollte.
Konservativen Hitler-Gegnern erklärte er, wie er sich die Zukunft vorstellte: Deutschland werde gemeinsam mit Rußland und China einen Block bilden, der "wirtschaftlich und militärisch uneinnehmbar" sei; Stalin werde keineswegs auf die Sowjetisierung Deutschlands drängen, er werde sich mit einem friedlichen Reich abfinden.
Solche nationale Begründung des Landesverrats befriedigte freilich nicht lange; denn unbeantwortet blieb die Frage, wie Männer, die auf der Gehaltsliste des sowjetischen Geheimdienstes standen, später als Führer eines Räte-Deutschlands freien Spielraum gegenüber Moskau gewinnen könnten.
Harnacks Konzeption gründete sich auf die Vorstellung, zwischen Deutschland und Rußland werde es keine Interessenkollision geben. Wie aber, wenn sie doch eintrat -- dann war der Staatsmann Harnach jeder Sowjetpression ausgesetzt, ebenso wie der zögernde Gesandtschaftsrat von Scheliha, dem der sowjetische Geheimdienst die Photokopien der ihm gezahlten Spionagegelder ins Haus schickte, um ihm seine jäh erwachten Skrupel auszureden.
Bald begannen die Gewissensfragen wieder zu bohren. Nach dem Ende des Tausendjährigen Reiches kam ein neuer Erklärungsversuch auf. Schulze-Boysens Partner Günther Weisenborn verfocht ihn in seinen Büchern: Die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack sei in erster Linie als Widerstandsorganisation zu würdigen, die Spionagearbeit sei zweitrangig gewesen; es habe einen "inneren Kreis" ausschließlich innenpolitisch arbeitender Widerständler gegeben und einen "äußeren Kreis" spionierender Antifaschisten.
Die Logik dieser Konstruktion ist freilich nicht ganz einleuchtend: Einem inneren Kreis konnten nur die engsten Mitarbeiter Schulze-Boysens angehören, und gerade sie waren in die Spionagearbeit eingeschaltet.
Gliedert man die Widerstands- und Spionageorganisation Schulze-Boysen/Harnack in ihre Bestandteile auf, in
* die engere Gruppe Schulze-Boysen,
* die Gruppe Harnach,
* die Gruppe der alten KP-Apparatschiks,
* die Gruppe der Scharfenberg-Schüler und
* die Gruppe Rittmeister (siehe Graphik Seite 82),
dann erweisen sich die ersten vier Gruppen als Träger der Spionage, sieht man von einigen Ausnahmen (Weisenborn, Scheel, Lautenschläger und Grimme) ab. Die fünfte Gruppe, John Rittmeisters Widerstandsring, bildete dagegen einen äußeren Kreis, weil er nur locker mit Schulze-Boysen verbunden war. Die Rittmeister-Leute kannten kaum die Spionage ihrer Freunde im Lager Schulze-Boysens.
Aber auch das Schicksal der ersten vier Gruppen offenbart, wie künstlich Weisenborns Unterscheidungsmerkmale sind. Nicht immer ließ sich Informations- und Widerstandsarbeit voneinander trennen. Oft entschied der Zufall.
Weisenborn hatte es an sich selber erfahren: Sein demokratisch-westliches Weltbild hinderte ihn, für die Sowjetspionage zu arbeiten, dennoch prüfte auch er, der 1941 als Redakteur in die Nachrichtenabteilung des "Großdeutschen Rundfunks" eingetreten war, ob sich in die Nachrichtensendungen verschlüsselte Informationen für Moskau einbauen ließen.
Weisenborn kam zu einem negativen Ergebnis. Ihm schien der für die Endfassung der Nachrichten zuständige Redakteur nicht vertrauenswürdig. Der Plan scheiterte -- Günther Weisenborn blieb Widerstandskämpfer.
Am Fall Weisenborn ließ sich ablesen, daß es in die Macht Schulze-Boysens gestellt war, fast jedem Antifaschisten seines Kreises Spionageaufgaben zu übertragen. Zunächst hatte freilich auch er gehofft, die Arbeit für Moskaus Geheimdienst auf wenige Vertraute beschränken zu können.
Ihm war noch immer der aktive Widerstand gegen das NS-System wichtigste Aufgabe der antifaschistischen Mission. In kühnen Propaganda-Aktionen, an der Spitze nachts vorrückender Klebekolonnen, sah er seine eigentliche Berufung. Nur im offensiven Kampf gegen das verhaßte Regime konnte er die Bedenken abtöten, die auch in ihm aufkeimten.
Zweiflern wie seinem Freund Hugo Buschmann, der Schulze-Boysen von "Propaganda-Aktionen" abriet, hielt er entgegen: "Wenn die Russen nach Deutschland kommen, und sie werden kommen, und wenn sie in Deutschland eine Rolle spielen werden, dann muß nachgewiesen werden, daß es in Deutschland eine wesentliche Widerstandsgruppe gegeben hat. Sonst können die Russen mit uns machen, was sie wollen."
Er hatte nicht abgelassen, fest daran zu glauben, daß es seine historische Aufgabe sei, das Nazisystem mit revolutionären Mitteln zu stürzen. Von einem Attentat auf den Diktator hielt er nichts, nur eine soziale Revolution -- so predigte er -- werde in Deutschlands Staat und Gesellschaft den entscheidenden Wandel erzwingen.
Und er erblickte sich schon an den Schalthebeln dieser Revolution, er sah sich bereits als den Lenin des Umsturzes. "Er glaubte", berichtet Hildebrandt, "ein Netz aus vielen Widerstandsgruppen über Deutschland legen zu können und dabei jede Zelle und jede Gruppe so zu lenken, daß ihre Aufdeckung nicht zur Aufdeckung anderer oder der zentralen Führungsstellen führe. Durch ein System von fiktiven und wirklichen Verbindungs-Leuten sollten die Mitglieder der einzelnen Gruppen selbst getäuscht werden, wer ihr wahrer Auftraggeber sei.
Schulze-Boysen meinte, durch revolutionäre Kampfmittel könne er Hitler-Deutschlands "schnellen, lawinenartigen Zusammenbruch" (Hildebrandt) erzwingen, den er für 1943 voraussah. Bis dahin aber sollten seine Propagandisten das politische Bewußtsein der lethargischen Deutschen verändern, ja sogar die Fremdarbeiter im Reich für die Revolution reif machen.
Im Mittelpunkt stand, was Schulze-Boysens Partner Werner Krauss, nach dem Krieg Romanistik-Professor an der Leipziger Universität, "Aufklärung der verschiedensten Berufskreise" nennt. Durch Flugblätter, Wandparolen und illegale Zeitschriften sollte die Bevölkerung, so Krauss, "bei ihren vitalen Interessen angesprochen und durch eine konkrete Beweisführung gezwungen werden, ihren Blick auf die Zukunft zu richten und aus der Unhaltbarkeit der militärischen Lage ihre Konsequenzen zu ziehen".
In der Laube eines KP-Mitgliedes in Berlin-Rudow hatten zwei Mitarbeiter Schulze-Boysens, die Kommunisten John Sieg und Wilhelm Guddorf, eine Druckerei eingerichtet, in der Handzettel und Flugschriften hergestellt wurden. Dort entstand auch die Halbmonatsschrift "Die Innere Front", die Sieg redigierte.
Die Schreiber des Blattes riefen zur Sabotage auf, folgten aber auch starr jeder Wendung sowjetischer Propaganda.,, Nicht Herr Churchill ist der Garant der zweiten Front. Träger und Garant der zweiten Front sind die arbeitenden Massen aller Länder, die entschlossen sind, Schluß zu machen mit dem kannibalischen Mordbrennerregime Hitlers", schrieb die "Innere Front" und wußte schon 1942: "Die genidle Strategie Stalins, der Heroismus der Roten Armee, der Widerstand der Werktätigen der Sowjet-Union
* 1942 in Berlin.
** Haus des KPD-Mitglieds Max Grabowski, in dem auch Schulze-Boysens Widerstands-Zeitschrift "Die Innere Front" gedruckt wurde.
haben der Armee Hitlers das Rückgrat gebrochen."
In einem von Schulze-Boysen gemieteten Zimmer saßen, sorgfältig mit Handschuhen arbeitend, der Unteroffizier Heinz Strelow und die Graphikerin Cato Bontjes van Beck und vervielfältigten Aufklärungsschriften. Zu ihnen stieß auch die Buchhändlerin Eva-Maria Buch, die Widerstands-Texte ins Französische übersetzte.
Über den Inhalt der Schriften entschieden meistens Schulze-Boysen und Rittmeister bei ihren Zusammenkünften in Schu-Boys neuer Wohnung im Haus 19 der Altenburger Allee. Rittmeister hatte die Idee, die Schriften nach einem häufig verwendeten Pseudonym "Agis-Schriften" zu nennen; Schulze-Boysen steuerte oft Geheiminformationen aus seiner Dienststelle bei, darunter "unbekannte Fakten wie die Produktionsstärke der Flugzeugindustrie in den USA und tiefschürfende Interpretationen der sowjetrussischen Strategie" (Krauss).
Die Agis-Schriften druckte der kommunistische "Innere Front' -Verleger Wilhelm Guddorf, den Versand übernahm der Zahnarzt Himpel aus dem Rittmeister-Kreis, während die Leitung in der Hand des ehemaligen "New York Times"-Korrespondenten Johannes Graudenz lag.
Über Berlin ergoß sich eine Welle antifaschistischer Literatur. Jeder Titel verriet, was die Deutschen begreifen sollten: Der Krieg ist verloren, stürzt rechtzeitig Hitler, ehe das Reich zugrunde geht. Da gab es einen "Auf-ruf zum Widerstand aller Berufe und Organisationen gegen die Regierung", da wurde ein "entlarvendes Gutachten der norddeutschen Industrie über die zum Kriege führenden Verhältnisse" vorgelegt, da philosophierte man über "Freiheit und Gewalt", da erscholl ein Appell "an die Arbeiter der Stirn und der Faust. nicht gegen Rußland zu kämpfen".
Doch Schulze-Boysen genügte es nicht. Widerstandsschriften wie etwa "Das Leben Napoleons" zu schreiben, ihn drängte es zur revolutionären Tat. In den ausländischen Zwangsarbeitern des Reiches witterte er einen Sturmtrupp der Revolution, mit den fremden Sklaven Hitlers so dünkte ihm -- müsse sich das Nazisystem stürzen lassen.
Er faßte einen phantastischen Plan: Die Fremdarbeiter wollte er zu "Legionen" zusammenfassen und gegen ihre deutschen Herren aufputschen. Immer wieder führte ihn der Weg in das Berliner Ausländer-Lokal Bärenschenke" in der Friedrichstraße: Hier mußte die Revolution Wahrheit werden.
Doch Schulze-Boysen wurde enttäuscht, die Arbeiter Westeuropas verstanden nicht seine Sprache. Krauss berichtet: "Die psychologischen Schwierigkeiten waren sehr groß, da besonders bei den französischen Arbeitern damals die Bereitschaft zur Akkomodation oder wenigstens zu einem politischen Nicht-Widerstand sehr verbreitet war."
Wieder suchte Schulze-Boysen nach einem Ansatz für eine Revolution. Ihm blieben schließlich nur Propaganda-Aktionen. Das dramatischste Unternehmen war zugleich das seltsamste, das jemals einem Spionagechef eingefallen ist.
Er wollte, so Krauss, "der Bevölkerung das Gefühl geben, daß wir noch lebten und daß die Kräfte im Innern bereitständen". Anlaß der Aktion war die NS-Propagandaschau "Das Sowjet-Paradies" im Berliner Lustgarten. Schulze-Boysen ließ Handzettel drucken, die seine Getreuen über die Regime-Parolen kleben sollten; Text: "Das Naziparadies / Krieg -- Hunger -- Terror -- Elend -- Gestapo. Wie lange noch?"
In der Nacht vom 17. zum 18. Mai 1942 zog Schulze-Boysen in voller Uniform mit seinen antifaschistischen Klebern los. Kaum einer von ihnen hielt die Aktion für opportun (Krauss: "Augenblick denkbar schlecht gewählt"), doch der Gruppenchef duldete keine Opposition. In seiner Besessenheit trieb er die Freunde mit der Pistole voran; mancher mochte fürchten, sie könne auch gegen ihn losgehen.
Die Gestapo stichelte denn auch später in einem Bericht: "Bezeichnend für seine radikale Einstellung ist, daß er, als einige seiner Mitarbeiter ihre Tätigkeit einstellen wollten, sie mit entsicherter Dienstpistole bedrohte:' Wahr daran war freilich nur, daß in der Tat manchem Anhänger der sektiererhafte Eifer Schulze-Boysens unheimlich zu werden begann.
KP-Mann Guddort kappte seine Verbindungen zu Schulze-Boysen, weil der Widerstandschef die Regeln der Konspiration zu verletzen schien; schon früher hatte sich der alte "Gegner"-Mitarbeiter Ernst von Salomon abgesetzt, ihm graute vor dieser "Revolution der Adjutanten". Auch in John Rittmeister stiegen Zweifel auf, ob Schulze-Boysen der geeignete Führer einer Widerstandsgruppe sei. Buschmann moniert: "Gerade sein Leichtsinn hat uns veranlaßt, vorsichtig zu sein."
Je fragwürdiger aber Schulze-Boysens Führungskunst wurde, desto hartnäckiger widmete er sich der Spionage Moskaus Wünsche zwangen ihn ohnehin, sich immer stärker
auf den Ausbau des Nachrichten-Netzes zu konzentrieren.
Im Anfang waren es vier Ehepaare gewesen, mit denen Schulze-Boysen seine Informationsarbeit begonnen hatte. Die Kuckhoffs, die Coppis, die Harnacks und die Schulze-Boysens wußten genau, was Moskau von ihnen erwartete; bei ihren regelmäßigen Zusammenkünften auf dem Wannsee in Schu-Boys Segelboot, das er mit Erdbergs Geldern erworben hatte, besprachen sie ihre Einsatzpläne.
Jeder kannte seinen Platz, jeder sammelte Nachrichten aus seinem Arbeitsbereich. Greta Kuckhoff saß im Rassenpolitischen Amt der NSDAP und registrierte NS-Interna, Regisseur Kuckhoff beobachtete die Filmwelt, Oberregierungsrat Harnack forschte das Reichswirtschaftsministerium aus, Ehefrau Mildred behielt als Sprachlehrbeauftragte der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität die akademische Welt im Auge, Libertas Schulze-Boysen, Dramaturgin in der Kulturfilmzentrale, horchte Im Propagandaministerium herum, Hilde und Hans Coppi funkten.
Die gehaltvollsten Nachrichtenkanäle aber hatte sich der Gruppenchef selber geschaffen. Seit Januar 1941 saß der Oberleutnant Schulze-Boysen im Luftwaffen-Führungsstab, untergebracht in einem streng bewachten Barackenviertel im Wildpark bei Werder südwestlich Berlins. Im Mittelpunkt des Geheimviertels: Hermann Görings Befehlsbunker.
Schulze-Boysen war in die 5. Abteilung des Luftwaffen-Führungsstabes (Attachéabteilung) versetzt worden, die der Oberst Beppo Schmid leitete. In dieser Abteilung liefen die diplomatischen und militärischen Berichte zusammen, die von den Luftwaffenattachés der deutschen Botschaften und Gesandtschaften stammten. Schulze-Boysen brauchte die Geheimberichte nur abzuschreiben oder zu photographieren -- und schon wußte er, wie die Achsenmächte die militärische Lage beurteilten.
Sein dienstlicher Auftrag erweiterte ihm noch den Blick in die Geheimnisse der Hitler-Koalition. Ihm oblag die Verbindung zu den Luftattachés der mit dem Dritten Reich verbündeten Mächte und der neutralen Staaten. Er erfuhr manches über die Sorgen und Probleme der Achsen-Luftstreitkräfte.
Außerdem suchte er engsten Kontakt zu seinem Vorgesetzten, denn Beppo Schmid hütete in Werders riesigem Befehlsbunker nicht nur den aus Potsdam verlagerten Sarg Friedrichs des Großen, er wachte auch über einen für Spione interessanten Schatz: die Zielkarteien der Bomberwaffe.
Derartige Verbindungen genügten jedoch Schulze-Boysen nicht. Auf seiner Liste stand ein zweiter Oberst, mit dem er etwas offenherziger umgehen
* Bei einer Lagebesprechung in seinem Hauptquartier.
konnte als mit dem Göring-Günstling Schmid. Dem Obersten Erwin Gehrts, Gruppenleiter III ("Geheim und GKdoS") in der Vorschriften- und Lehrmittelabteilung den Chef des Ausbildungswesens, durfte ich der Oberleutnant freilich nur als NS-Gegner zu erkennen geben, für die Spionage zugunsten des Kriegsgegners hätte der Bekenntnis-Christ Gehrts kein Verständnis gehabt.
Die beiden Hitler-Opponenten kannten sich seit Ende der zwanziger Jahre, da sie sich als Journalisten angefreundet hatten. 1932 waren sie in Berlin wieder zusammengekommen: Schulze-Boysen als Herausgeber des "Gegner", der Weltkrieg-I-Flieger Gehrts als Redakteur der "Täglichen Rundschau", die das linksdemokratische Experiment des Kanzler-Generals Kurt von Schleicher unterstützte.
Die Herrschaft des Nationalsozialismus hatte den Konservativen Gehrts ebenso wie Schulze-Boysen in den militärischen Dienst getrieben, Er stieg im Reichsluftfahrtministerium in die höhere Führungsgarnitur auf, aber der melancholische Mann, trotz seiner christlichen Überzeugungen sternengläubig, zudem verzweifelt über die Wahnsinnspolitik des Regimes, wurde seines Lebens nicht mehr froh
Schulze-Boysen wußte sich in das Vertrauen des höheren Kameraden durch manche Gefälligkeit einzuschmeicheln, und fast in jedem Fall hieß die Gefälligkeit Anni Krauss. Sie unterhielt im Berliner Stadtteil Stahnsdorf eine einträgliche Praxis als Wahrsagerin. Für den Obersten, der oft Nostradamus zu Rate zog, war die Wahrsagerin eine geeignete Gesprächspartnerin.
Als Gehrts dem jüngeren Mann seine Sorgen anvertraute, verwies ihn Schulze-Boysen an die Lebenshelferin Krauss. Sie löste nicht nur private Probleme, sie wirkte auch bei dienstlichen Entscheidungen des Obersten mit. Ob es um Beförderungsfragen ging oder um neue Vorschriften der Luftwaffe, stets führte Gehrts ein paar Geheimakten bei sich, um sie vor Anni Krauss im Dämmerlicht der Orakelstube auszubreiten.
Der Oberst wußte nicht, daß die Wahrsagerin zu Schu-Boys Informanten-Netz gehörte. Witwe Krauss brachte jede von Gehrts stammende Nachricht zu ihrer alten Freundin Toni Graudenz.
Deren Ehemann, der Danziger Johannes ("John") Graudenz, gehörte zu den wichtigsten Figuren im Ausforschungssystem Schulze-Boysens In dem Kreis der Idealisten und Fanatiker nahm sich der lebenslustige Vertreter etwas fremdartig aus; viele hielten ihn für einen Opportunisten, der nur darauf bedacht sei, sich in eine sichere Zukunft zu retten. Sein bunter Lebenslauf offenbarte zumindest Unternehmungslust: Kellner in Westeuropa, Fremdenführer in Berlin, "United Press"-Korrespondent in Moskau, Inhaber eines Photogeschäfts, Industrievertreter.
Er vertrat die Wuppertaler Firma Blumhard, die Fahrgestelle für Flugzeuge herstellte; daher hatte er oft im Reichsluftfahrtministerium zu tun. Dort lernte er auch Schulze-Boysen kennen. Er teilte dessen Abneigung gegen den Nationalsozialismus, zumal Anni Krauss beizeiten warnte, sich auf den sowjetischen Einmarsch in Berlin vorzubereiten.
Die Kartenlegerin übte durch manche Probe ihrer heilseherischen Kunst großen Einfluß auf die Spionage-Runde aus Schon 1940 hatte sie den Krieg mit Rußland und die sowjetische Besetzung Deutschlands prophezeit -- nur in einem fatalen Augenblick sollte ihr Seherblick versagen: im Sommer 1942, als sie Schulze-Boysen auf einer Dienstfahrt erblickte, während er längst in einer Gestapo-Zelle saß.
Von Frau Krauss auf die Zukunft vorbereitet, hatte sich Graudenz in die Schar der Schu-Boy-Kundschafter eingereiht. Ihm gelang es leicht, enge Verbindungen zu Ingenieuren der RLM-Abteilung "Generalflugzeugmeister" zu knüpfen, bald stand er in dem Ruf, eine besondere Vertrauensstellung im Ministerium zu genießen.
Er verkehrte mit hohen Offizieren, die ihm wiederholt Geheimbücher mit Produktionsstatistiken ausliehen. Zu seinen unfreiwilligen -- Informanten zählte mancher, dem jede Opposition gegen das NS-Regime fernlag, so der Regierungsbauinspektor Hans Henniger, Referent für Planungsaufgaben, so der Oberstingenieur Martin Becker, der die Konstruktionsabteilung leitete.
Sorgfältig trug Graudenz das Gelesene und Gehörte in ein Notizbuch ein, wobei der Feinschmecker zur Verschlüsselung der Informationen Wurstsorten verwandte. "2500 Gramm Jagdwurst" hieß im Klartext: 2500 Jagdflugzeuge.
Schulze-Boysen bahnte sich auch eine Verbindung zu den Kommandostellen anderer Wehrmachtteile. Er wollte den Sonderführer Krauss, der in Berlin auf der Ausland-Briefprüfstelle saß, in das Oberkommando des Heeres (OKH) einschleusen und die Besatzungspolitik des Heeres in Rußland beobachten lassen. Ihm ging es darum, alle Versuche gemäßigter Heeresoffiziere -- wie etwa des Obersten Graf Stauffenberg -- zu konterkarieren, die dem besetzten Rußland allmählich eine politische Autonomie einräumen und die russische Bevölkerung als Bundesgenossen gegen Stalin gewinnen wollten.
Auch hierin zeigte sich, wie wenig die Schu-Boy-Gruppe mit den Plänen der 20.-Juli-Bewegung harmonierte. Während Schulze-Boysen im deutschen Besatzungsgebiet die Sowjetherrschaft wiederherstellen wollte, planten die Offiziere um den späteren Attentäter Stauffenberg eine Ordnung. die sich von Hitlers Untermenschen-Politik ebenso abheben sollte wie von Stalins Unterdrückungs-Methoden.
Dolmetscher Krauss war jedoch zu vorsichtig, um auf Schulze-Boysens Vorschlag einzugehen. Er begnügte sich, wie er formulierte, mit "der dankbaren Aufgabe einer Zersetzung der Truppe" und schlug für den OKH-Posten seinen Freund Martin Heliweg vor, der bereits im Osten praktizierte, was Schulze-Boysen vorschwebte.
"Heliweg war als Funker eingesetzt", rühmt Krauss, "und hatte sowohl bei diesem Einsatz wie durch seinen ständigen Umgang mit dem sowjet-freundlich gebliebenen Teil der Bevölkerung (die er z. T. in der deutschen Militärverwaltung unterbrachte) in unserem Sinne gewirkt."
Ins OKH rückte auch der Funker Horst Heilmann ein. Schulze-Boysen hatte den früher vom Nationalsozialismus begeisterten Studenten im Auslandswissenschaftlichen Institut der Berliner Universität kennengelernt, in das Schu-Boy als Seminarleiter eingetreten war.
Schon mit 17 Jahren hatte Heilmann sein Abitur gemacht, er war zur Luftnachrichtentruppe eingezogen worden und galt dort als genialischer Kopf. Bei der Nachrichten-Dolmetscher-Abteilung in Meißen bestand der begabte Mathematiker eine Kombinationsaufgaben-Prüfung mit Auszeichnung und kam zu einer geheimnisvollen Abteilung, der Dechiffrierabteilung Ost, in der später die Funksprüche der sowjetischen Spione entschlüsselt wurden.
Der gehemmte Kleinbürger-Sohn schloß sich seinem weltgewandten Seminarleiter Schulze-Boysen an, zumal er sich bald vom Nationalsozialismus gelöst und im Marxismus eine zukunftsträchtige Denk- und Lebensart entdeckt hatte. Zudem fesselte ihn die irrlichternde Persönlichkeit der Libertas Schulze-Boysen, mit der ihn eine enge Freundschaft verband.
Heilmann wurde der engste wissenschaftliche Berater Schulze-Boysens. Er schrieb für den Gruppenchef grundsätzliche Erklärungen. Er erarbeitete der Gruppe, was man das Leitbild eines neuen, auf das Rätesystem gegründeten Deutschlands nennen könnte.
Nebenbei flocht er mit an dem geheimen Nachrichten-Netz. Im OKH gewann er der Agententruppe neue Mitarbeiter, die allerdings nicht wußten, für wen sie arbeiteten. Auch Heitmann-Kamerad Alfred Traxl, ehemaliger tschechoslowakischer Unterleutnant, war ahnungslos; der Wachtmeister in der 4. Nachrichten-Abteilung des OKH, Leiter der Dechiffrierabteilung West, plauderte aus purer Erzähllust über die erfolgreiche Entschlüsselung sowjetischer Funksprüche.
Ebenso arglos arbeitete Schulze-Boysens bester Informant mit, der Abwehr-Oberleutnant Herbert Gollnow, der ein Liebesverhältnis mit der Harnack-Gattin Mildred unterhielt. Der lebensunerfahrene Gollnow, Sachbearbeiter in der Abwehr-Abteilung II, merkte nicht, daß er bei seinen intimen Zusammenkünften mit der Frau des Oberregierungsrats systematisch ausgehorcht wurde.
Freilich, die feinnervige und hochbegabte Amerikanerin Mildred Harnack, Verehrerin deutscher Kultur und Übersetzerin Goethes, war weit entfernt von der sexuellen Unrast, die unter manchen führenden Mitgliedern der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack die seltsamsten Querverbindungen entstehen ließ. Es war ein offenes Geheimnis: Schulze-Boysen unterhielt Liaisons mit Oda Schottmüller, der später hinzugekommenen Erika Gräfin von Brockdorff nebst zwei RLM-Sekretärinnen, Ehefrau Libertas war mit Kurt Schumacher verbunden, Hans Coppi wiederum mit der Gräfin Brockdorff.
In der Erwähnung solcher Verbindungen wollten sensible Antifaschisten später eine Diffamierung der Toten sehen; ihnen ist offenbar entgangen, daß sie dabei einem bürgerlichen Puritanismus huldigen, der den damaligen Akteuren völlig fremd war. Man bekannte sich zu seinen Liebschaften. Schu-Boy-Onkel Dr. Jan Tönnies erinnert sich, "daß mit gegenseitigem Wissen und Einverständnis des Ehepaares Schulze-Boysen von beiden Seiten Beziehungen zu anderen Partnern vorhanden" waren und "daß die Ehebrüche nicht die Merkmale von Vertrauensbrüchen" hatten.
Solche Lebensgier aber lag der zurückhaltenden Pastoren-Tochter Mildred Harnach fern, deren "edle Erscheinung" jeder rühmte, der sie kannte. Deshalb blieb ein Rätsel, was sie zu Gollnow getrieben hatte. War es Liebe, war es Rührung über den seltsam unbeholfenen jungen Mann oder ein Auftrag des Ehemannes -- Frau Harnacks einzige überlieferte Erklärung deutet die dritte Möglichkeit an. "Weil ich meinem Mann Gehorsam leisten mußte", gab sie bei der Gestapo zu Protokoll.
Arvid Harnack nahm denn auch an Herbert Gollnow starkes Interesse, der durch eine Zeitungsannonce in das Haus Harnack gekommen war. Der ehrgeizige Offizier, im Zivilberuf Konsulatssekretär im Auswärtigen Amt, wollte in den diplomatischen Dienst. Er hatte sich durch Selbststudium vorwärtsgebracht und schließlich nach einem Privatlehrer zur Erlernung fremder Sprachen Ausschau gehalten.
Der Privatlehrer hieß Mildred Harnack, die den jungen Mann in ihre Schule nahm. Ehemann Harnack förderte die Zusammenkünfte, weil Gollnow einen wichtigen Posten im Apparat des Admirals Canaris bekleidete: Er war Referent für Luftlandetruppen und Fallschirmspringer in der Sabotageabteilung der Abwehr; er kannte die Nacht- und Nebel-Einsätze, die deutsche Agenten hinter der sowjetischen Front unternahmen.
Harnack zog Gollnow ins Gespräch und verlockte ihn durch skeptische Reden über die Kriegslage dazu, Dienstgeheimnisse preiszugeben. Je pessimistischer die Einwände des Oberregierungsrats klangen, desto eifriger belegte ihm der Oberleutnant mit Zahlen, Namen und Einsatzdetails, wie gut es um Führer und Front bestellt sei. Nichts schien dem gläubigen Hitler-Jünger Gollnow frivoler als Zweifel am Endsieg.
Und während Mildred Harnack in ungestörter Zweisamkeit den Schüler zu weiteren Mitteilungen ermunterte, meldete sich bereits ein neuer Besucher an, der ebenfalls Nachrichtendienst-Offizier war. Leutnant Wolfgang Havemann gehörte zur Verwandtschaft: Er war ein Neffe des Oberregierungsrats.
Auch dieser Offizier saß in einer für die Sowjetspione interessanten Dienststelle. Havemann arbeitete beim Chef der Abteilung III des Marinenachrichtendienstes in der Seekriegsleitung und kannte zweifellos manche geheimen Vorgänge im Oberkommando der Kriegsmarine. Hätte sich der Harnack-Neffe für die Sache seines Onkels gewinnen lassen, wäre die Rote Kapelle auch ins OKM eingesickert.
Doch der Neffe entzog sich den Überredungskünsten von Onkel und Tante, nachdem er im Anfang einige militärische Dienstgeheimnisse ausgeplaudert hatte. Mochte Harnack noch so erregt argumentieren, Havemann blieb bei seiner Meinung, was der Onkel vorhabe, sei Verrat am Vaterland. Er warnte Harnack immer wieder, aber anzeigen wollte er den Onkel nicht.
Auch ohne Havemanns Hilfe verfügten Harnack und Schulze-Boysen bereits über ein Nachrichtensystem, das ihnen wichtige Geheimnisse der deutschen Kriegführung bloßlegte. Nacht für Nacht, wann immer die Sender der Agentengruppe in Berlin arbeiteten, erfuhr der sowjetische Generalstab, was der Gegner dachte und plante.
Schulze-Boysens Nachrichtendienst meldete nach Moskau, daß deutsche Soldaten bei einer Durchsuchung des sowjetischen Konsulats in der finnischen Stadt Petsamo einen Chiffrierschlüssel erbeutet hatten. Er erfuhr. daß die Abwehr durch den Besitz britischer Funkschlüssel alliierte Geleitzüge zwischen Island und den nordrussischen Häfen schon vor ihrem Auslaufen kannte. Er wußte, an welchen Punkten deutsche U-Boote vor Murmansk lauerten, um die Geleitzüge abzufangen.
Er konnte manchen Befehl, manchen Konstruktionsplan der Deutschen mitlesen: Orders für den Einsatz russischantikommunistischer Freiwilligenverbände an der Ostfront, Zeichnungen neuer Luftwaffengeräte, Produktionstabellen der Rüstung. Schulze-Boysen funkte nach Moskau: Quelle: Choro.
Neues Messerschmitt-Kampfflugzeug hat zwei Geschütze und zwei MG seitlich in den Flügeln montiert. Entwickelt Geschwindigkeit bis zu 600 Kilometer in der Stunde.
Da wußten Schu-Boys Kundschafter von einer sogenannten ikonoskopischen Bombe zu berichten, da waren ihnen neue Ortungsgeräte der Luftwaffe bekannt, da informierten sie über Wasserstoffsuperoxyd-Antriebe für Abwehrwaffen. Da erforschten sie ferngesteuerte Torpedos, kannten die Abwehrwaffe "Luftengel-Bodenengel" und zauberten Handzeichnungen aus den Safes der supergeheimen Auerfabrik in Oranienburg heraus. Und sie funkten strategische Informationen nach Moskau:
Am 9. Dezember 1941: "Neuer Angriff auf Moskau ist nicht Folge einer strategischen Entscheidung, sondern entspricht der in deutscher Armee herrschenden Mißstimmung darüber, daß seit 22. Juni immer wieder neugesteckte Ziele nicht erreicht werden. Infolge Sowjetwiderstandes muß Plan I Ural, Plan II Archangelsk-Astrachan, Plan III Kaukasus aufgegeben werden."
Am 12. Dezember: "Überwinterung deutscher Armee Anfang November für Linie Rostow zwischen Smolensk und Wjasma-Leningrad vorgesehen. Deutsche werfen gegen Moskau und Krim alles in den Kampf, was sie an Material überhaupt haben."
Die Offensivpläne der Heeresgruppe B im Raum Woronesch für den Frühsommer 1942 waren den Spionen teilweise bekannt, auch die Zielvorstellungen der deutschen Kaukasus-Offensive. Schu-Boys Funkgerät tickte: Quelle: Choro.
Plan III mit Ziel Kaukasus tritt Im Frühjahr 1942 in Kraft. Aufmarsch soll bis 1. Mai beendet sein, Aller Nachschub geht ab 1. Februar mit Hinblick auf dieses Ziel. Aufmarschraum für Kaukasusoffensive: Lasowaja -- Balakleja -- Tschungujew- Belgorod-Achtyrka-Krasnograd.
Besonders über die deutschen Kommando-Unternehmen hinter den sowjetischen Linien zeigten sich die roten Späher gut informiert. Sie kannten den Operationsplan, der vorsah, das Ölzentrum Baku durch deutsche Fallschirmeinheiten zu besetzen. Sie hatten Einblick in die Vorbereitungen deutscher Sabotageaktionen gegen Amerikas Transozean-Flugzeuge. Sie wußten im voraus, daß der deutsche Geheimdienst von Norwegen aus Agenten in England einschleusen würde.
Den Führern der hart bedrängten Sowjetarmeen mußten die Funksprüche der Roten Kapelle wie Signale der Rettung klingen. Der Generalstab in Moskau konnte freilich nicht beurteilen, ob die Meldungen aus Berlin Ergebnisse einer systematischen, alle Aspekte der deutschen Führung erfassenden Aufklärung oder nur Zufallsprodukte einer fleißigen, aber laienhaften Spionage waren; dennoch verlangten die sowjetischen Generale noch mehr Informationen.
Jede Meldung gab ihnen neue Hoffnung, jede Botschaft aus dem Äther offenbarte Lücken und Schwächen der deutschen Dampfwalze, ließ die Russen trotz aller Niederlagen glauben, eines Tages würden sie die Oberhand gewinnen.
Doch die Agentengruppe in Berlin litt an einer argen Schwäche: Immer wieder versagte ihr Kommunikationssystem. Der Kurzwellen-Dilettant Hans Coppi versuchte zu funken, Wie er es verstand, Und er verstand nur wenig.
Dabei war Coppi der einzige Funker, der Schu-Boys Gruppe überhaupt zur Verfügung stand. Die Sowjets hatten drei einsatzfähige Sender (je einen an Harnack, Kuckhoff und Coppi) verteilt, aber Funker für diese Geräte standen nicht bereit; Hans Coppi sollte sie alle bedienen. Coppi zerstörte aus Versehen sein eigenes Gerät, indem er den für Wechselstrom vorgesehenen Apparat an ein Gleichstrom-Netz anschloß; Transformator und Röhren verschmorten. Der Elektrotechniker Karl Böhme, ein Freund Coppis, reparierte den Sender. Neue Schwierigkeit: Coppi mißdeutete Moskaus Funkverkehrsplan.
Der Funker verstand nicht, wann er senden und wann er empfangen sollte; er brachte ständig die von Moskau festgelegten Verkehrszeiten und Frequenzen durcheinander. Folge: Der Berliner Agentensender war nicht auf Empfang gestellt, wenn Moskau seine Orders durchgab, und Berlin funkte, wenn die Zentrale Moskau nicht hinhörte.
Je drängender die Sowjets aber mehr und mehr Informationen von ihren Berliner Aufklärern anforderten, desto fahriger wurde Coppi. Er mußte von Sender zu Sender jagen, denn drei Sender -- in den auseinandergelegenen Wohnungen Kuckhoffs, Harnacks und Schumachers untergebracht -- sollten zum Schutz vor den Peilern der deutschen Funkabwehr im unregelmäßigen Wechsel arbeiten.
Wieder ging ein Sendegerät zu Bruch, wieder brachte Coppi die Zentrale in Verwirrung. Die Sowjets wurden ärgerlich -- und ließen alle Vorsicht fahren.
Moskau hatte schon bis dahin nahezu jede Konspirationsregel verletzt. Es bediente sich eines Agentenchefs, der seit 1933 bei der Gestapo als Regimegegner bekannt war und nachts in Uniform mit antifaschistischen Klebekolonnen durch die Straßen zog. Es verließ sich auf Laien, denen jedwede geheimdienstliche Schulung fehlte.
Jetzt verzichtete Moskau vollends auf jede Diskretion. Am 10. Oktober 1941 wies die Zentrale den in Brüssel sitzenden Chefagenten Kent an, sich "sofort zu den drei angegebenen Adressen" Harnacks, Schulze-Boysens und Kuckhoffs zu begeben und zu erkunden, "weshalb Funkverbindung ständig versagt". Zusatz: "Erinnern Sie hier an "Ulenspiegel'" -- jenes Theaterstück, das Adam Kuckhoff geschrieben hatte.
Selbst dem Amateuragenten Kuckhoff dämmerte, daß Moskaus Funkspruch, würde er von der Gestapo aufgefangen und entschlüsselt, einem Todesurteil gleichkam. Erregt erzählte Kuckhoff seiner Frau: "Es ist etwas ganz Dummes passiert. Man hat einen Funkspruch herübergeschickt, aus dem man mich deutlich erkennen kann."
Chefagent Kent, umgehend nach Berlin geeilt, beruhigte die Kollegen und stellte die Funkordnung wieder her. Kaum aber war er abgereist, da brach erneut die Verbindung zwischen Berlin und Moskau ab: Die Peiler der Funkabwehr hatten sich am 22. Oktober so nahe an die drei Berliner Sender herangearbeitet, daß Schulze-Boysen sofort Funkstille befahl.
Moskau gruppierte daraufhin den Berliner Agentenring um. Das Informationsmaterial wurde auf dem Kurierweg nach Brüssel geleitet und von dort an die Zentrale gefunkt; zugleich bezog Coppi mit seinen Sendern neue Quartiere. Ein Gerät baute er im Schlafzimmer seiner Freundin Erika Gräfin von Brockdorff auf, ein zweites in der Atelierwohnung der Schu-Boy-Freundin Oda Schottmüller.
Außerdem schloß die Zentrale eine außerhalb der Roten Kapelle arbeitende Gruppe an, die den professionellen Maßstäben des sowjetischen Geheimdienstes eher entsprach. Führerin dieser Gruppe war die Journalistin Ilse Stöbe (Deckname: "Alta"), die als Sekretärin im Referat III der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes arbeitete,
Sie war durch ihren Lebensgefährten, den späteren SED-Funktionär Rudolf Herrnstadt, in die Dienste des sowjetischen Geheimdienstes gelangt. Die beiden Journalisten kannten sich vom "Berliner Tageblatt" her, in dessen Redaktion der KPD-Mann Herrnstadt sich auf die Tätigkeit eines Osteuropa-Korrespondenten vorbereitet und Ilse Stöbe als Privatsekretärin für den Chefredakteur Theodor Wolff gearbeitet hatte.
1936 war Herrnstadt als Korrespondent der deutschsprachigen "Prager Presse" in Warschau mit Freundin Ilse erneut zusammengetroffen, die in der Polen-Metropole Schweizer Blätter vertrat und als Kulturreferentin der NS-Ortsgruppe Deutsche betreute. Damals fand Ilse Stöbe den Weg in den sowjetischen Geheimdienst: Herrnstadt arbeitete seit 1933 als Deutschland-Referent in der Westeuropa-Abteilung des Moskauer Spionageapparates.
Die leidenschaftlichen NS-Gegner fanden einen "dritten Partner, der zugleich Opfer und Bundesgenosse war: den Lebemann Rudolf von Scheliha, Gesandtschaftsrat an der Deutschen Botschaft in Warschau. Herrnstadt verwickelte den schlesischen Edelmann in fragwürdige Devisengeschäfte, durch die Scheliha immer tiefer in das sowjetische Spionagenetz verstrickt wurde.
Seit spätestens 1937 stand "Arier" -- so Schelihas Deckname -- im festen Sold der Sowjets und lieferte alle ihm bekannten AA-Vorgänge nach Moskau. Die Honorare des sowjetischen Geheimdienstes wurden mit Verrechnungsschecks der New Yorker Chase National Bank auf ein Scheliha-Konto des Bankhauses Julius Bär & Co in Zürich eingezahlt. Gesamthöhe der Spionage-Honorare: 50 000 Reichsmark.
Als Scheliha bei Kriegsbeginn nach Berlin ins AA zurückberufen wurde, blieb Ilse Stöbe in seiner Nähe und hielt den Kontakt zwischen ihm und der Zentrale aufrecht. Jede Anfrage von Hauptmann Petrow, ihrem Führungsoffizier in Moskau, überbrachte "Alta" dem Scheliha. Und Scheliha gab -- wenn auch von Monat zu Monat zurückhaltender -- Auskunft: über diplomatische Geheimverhandlungen des Reichs, außenpolitische Pläne der Reichsregierung, Interna über die Führer der Achsenmächte.
Zur Gruppe Alta gehörte auch der kommunistische Spionage-Profi Kurt Schulze, Fahrer bei der Reichspost und auf Sowjetschulen ausgebildeter Funker. Ihn dirigierte Moskau nun in die Reihen der Roten Kapelle mit dem Auftrag, Hans Coppi das Funken beizubringen. Im November 1941 begann Schulze mit seinem Kursus.
Von nun an floß der Funkverkehr zwischen Berlin und Moskau wieder flotter. Die sowjetische Führung konnte zufrieden sein, da brach plötzlich der Kontakt abermals ab.
Schulzes Funkgerät, das er schon vor 1939 empfangen hatte, fiel aus und konnte nicht mehr repariert werden; Hauptmann Petrow verlor jede Verbindung zur Alta-Gruppe. Auch Coppi mußte seine Funksprüche kürzen, denn die deutsche Funkabwehr hatte die Jagd auf die Berliner Sender wiederaufgenommen.
In der Bedrängnis griff Moskau zu einem letzten verzweifelten Mittel, besonders riskant gegenüber einem Lande, das die polizeistaatliche Überwachung zu einem schier undurchdringlichen System perfektioniert hatte. Der sowjetische Geheimdienst beschloß, Fallschirmagenten nach Deutschland einzuschleusen, die neue Funkgeräte mitbringen und die Führung der Berliner Agentengruppe antreiben sollten.
Die Sowjets bedienten sich dabei deutscher Kommunisten, die in die Sowjet-Union emigriert oder als deutsche Soldaten in sowjetische Gefangenschaft geraten waren, unter ihnen:
der Gärtner Albert Hößler, Deckname: "Franz", Spanienkämpfer, Schlosser im Traktorenwerk Tscheljabinsk,
* der Journalist Robert Barth, Deckname: "Beck", Volontär der "Roten Fahne",
* der Parteiredner Erwin Panndorf, Jugendfunktionär, Spanienkämpfer,
* die Komintern-Agentin Erna Eiffler, Deckname: "Gerda", Mitarbeiterin des illegalen BB-(Betriebsberichterstattungs-)Apparats der KPD, und
* der Tapezierer Anton Börner, Funktionär aus Thüringen, Spanienkämpfer, Absolvent einer sowjetischen Funkerschule.
Sie sprangen nachts über Ostpreußen ab oder sickerten in deutschen Uniformen und ausgerüstet mit den Papieren toter Landser in das Niemandsland der Front ein. Hößler tauchte in der Uniform eines Artillerie-Obergefreiten auf, Genosse Barth hatte sich als Wachtmeister verkleidet. Erna Eiffler wurde von einem Flugzeug bei Insterburg abgesetzt. Der massive Einsatz sowjetischer Fallschirmagenten aber zog manchen, bis dahin auf den innerpolitischen Widerstand beschränkten Freund Schulze-Boysens in den Sog der russischen Spionage.
Die Gräfin Brockdorff beherbergte den Agenten Hößler, die Schumachers halfen Fallschirmagenten weiter, der Wetterdienstinspektor Scheel nahm die Uniform eines Fallschirmspringers an sich und versteckte dessen Pistole. Der Bibliothekar Schaeffer verschaffte einem Agenten Quartier, Hans Lautenschläger kleidete einen anderen Sendboten Moskaus ein.
Eine breite Spur verband die Widerstandskämpfer mit den eingeschleusten Sowjetspionen, nur allzu leicht erkennbar für die Fahnder der Gestapo.
Bereits am 22. Mai 1942 wußte die Gestapo in einem Fernschreib-Erlall, daß "am 19. 5. 42 bei Insterburg drei ehemalige KPD-Funktionäre mit Fallschirm aus einem sowjet-russischen Flugzeug abgesprungen" waren. Am 30. Mai forderte Nürnbergs Polizeipräsident, SS-Gruppenführer Martin, "schärfste Fahndungsmaßnahmen" und lieferte "Personenbeschreibungen", so etwa diese: "Börner, 34 Jahre alt, etwa 1,74 Meter groß, schwarzes Haar, braune Augen."
Über den Fallschirmagenten Panndorf meldete das Reichssicherheitshauptamt, er habe "kranke und wunde Füße und bedarf dringend der Ruhe. Wahrscheinlich hat er sich beim Fallschirmabsprung eine Verstauchung oder Verletzung der Füße zugezogen".
Einem so systematisch arbeitenden Polizeiapparat konnte Schulze-Boysens Agentengruppe nicht mehr lange verborgen bleiben. Doch Schulze-Boysen und seine Freunde wiegten sich in Sicherheit. Nur einer ahnte die Gefahr, nur einer versuchte zu warnen: Horst Heilmann.
Er saß in der Nähe des Chefentschlüsselers der Funkabwehr, des Oberleutnants Dr. Wilhelm Vauck, der seit Wochen einen sowjetischen Funkspruch nach dem anderen dechiffrierte, Kamerad Traxl erzählte dem Gefreiten Heilmann stolz, wie weit es Vauck schon gebracht habe.
Ende August 1942 erkannte Heilmann, in welcher Gefahr sein Freund Schulze-Boysen schwebte. Bis dahin hatte er nicht gewußt, daß der mysteriöse Choro, dem Gestapo und Abwehr auf der Spur waren, mit Harro Schulze-Boysen identisch war.
Da zeigte ihm Traxl den entschlüsselten Funkspruch, der alles verriet: Moskaus Weisung vom 10. Oktober 1941 mit den drei Adressen Kuckhoffs, Harnacks und Schulze-Boysens. Horst Heilmann stürzte los, den Freund zu warnen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Berliner Agenten vernichten Funkgeräte und Arbeitsmaterial -- Die Gestapo foltert die Führer der Roten Kapelle -. Die Frau des Spionagechefs verrat ihre Freunde

DER SPIEGEL 26/1968
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