10.06.1968

KANZLERAMT

Kurier nach Eichen

Dreiundzwanzig Jahre nach Kriegsende trennt sich Kanzler Kiesinger von einem Regierungsbehelf aus den Beständen des Dritten Reichs.

Seit Montag dieser Woche wird der alte Wehrmachtsklappenschrank, an dem ein Fräulein vom Kanzleramt jeden Anrufer von Hand auf die gewünschte Nebenstelle stöpseln mußte, durch ein modernes Durchwahlsystem ersetzt.

Die technische Modernisierung (Kosten: 356 000 Mark) ist von Kiesingers neuem Kanzleramtsvorsteher, Staatssekretär Karl Carstens, durchgesetzt worden -- gleichzeitig mit einer organisatorischen Neugliederung des Beamtenapparates, den Carstens-Vorgänger Staatssekretär Werner Knieper erst vor Jahresfrist umgebaut hatte. Ziel beider Carstens-Reformen: Straffung der Dienstwege und damit größere Effektivität des Oberkommandos der schwarz-roten Macht am Rhein.

Carstens straffte auch den eigenen Dienstweg vom Appartement am Hang der Hardthöhe (im Schatten seiner früheren Dienststelle, des Verteidigungsministeriums) zum Palais Schaumburg in der Rhein-Niederung. Der Technokrat hatte erkannt, daß die Anfahrt zum üblichen Dienstbeginn zwischen acht Uhr und 8.30 Uhr vom Fahrzeuggewühl Tausender Bonner Beamter, die ihre Wirkungsstätten anstreben, verlangsamt wurde. Also kundschaftete er aus, daß er genau eine halbe Stunde früher abfahren müsse, um immer grüne Welle zu haben.

Ungebremst erreicht Frühaufsteher Carstens -- "Von sieben Uhr an kann ich sowieso nicht mehr schlafen" -- nun als erster Kanzlervorarbeiter um viertel vor acht das Palais Schaumburg. Bis zum Vortrag bei Kiesinger um neun Uhr im Bungalow hat Carstens seinen Schreibtisch von allen alten Akten freigearbeitet.

Kiesinger, der den quicken Carstens bei Verteidigungsminister und Kanzler-Konkurrent Schröder abgeworben hatte, fand im Nachfolger Kniepers das lang gewünschte Pendant: einen Mann der sich im Gegensatz zu ihm auf straffe Organisation und Akten-Ordnung versteht.

Der Regierungschef behandelte den unterkühlten Bremer in den ersten gemeinsamen Dienstwochen wie ein rohes Ei. Zwar fing Kiesinger dann schon bald an, über die Zulieferungen seines neuen Amtmanns zu granteln, von Carstens festgesetzte Termine zu ändern und bewegte Klage über die viele Arbeit zu führen: "Ihr wollt mich kaputtmachen."

Doch der gegenseitige Respekt blieb bis heute erhalten. Denn Carstens, durch seine Dienstzeit im AA und auf der Hardthöhe mit den beiden wichtigsten Themen -- Außen- und Sicherheitspolitik -- vertraut, dient seinem Kanzler mit präzisem Vortrag und eigenen politischen Ideen.

Nichtraucher und Nichttrinker Carstens hat Zwölf-Stunden-Tag. Noch mehr: Wenn Carstens abends gegen 20 Uhr den Heimweg antritt, packt er Aktenstöße als Hausaufgabe mit ein.

Nicht an den Tag gebundene Faszikel kennzeichnet Carstens mit dem roten Vermerk: "Eichen". Seine Mitarbeiter schichten dann diese Ordner in eine spezielle Tasche, die der Staatssekretär übers Wochenende in sein Jagdhaus nahe dem Eifelort Eichen mitnimmt.

Jeden Samstagnachmittag kurvt aus dem Rheintal ein Kurierwagen des Kanzleramts über holprige Waldwege und bringt Wochenendler Carstens Akten-Nachschub aus der Samstag-Post.

Der Fleiß des Bürokraten-Professionals fand rückhaltlose Anerkennung beim gleichrangigen Amateurbürokraten Baron Guttenberg, den Kiesinger als Parlamentarischen Staatssekretär in sein Regierungspalais geholt hatte. Der fränkische Adlige lobt den norddeutschen Professor: "Er ist ein hervorragender Könner."

Die Papierlawine der Regierungszentrale erstickte die erwartete Rivalität zwischen dem frankophilen CSU-Mann und dem anglophilen langjährigen Schröder-Intimus bereits im Keim.

Ehe Carstens Anfang des Jahres ins Palais Schaumburg zog, hatten Bekannte den Guttenbergschen Ehrgeiz anzustacheln versucht: Er möge doch die zeitweilige Vakanz auf dem Stuhl des beamteten Staatssekretärs dazu nutzen, sich einige Kompetenzen des ausgeschiedenen Verwalters Knieper anzueignen. Der Baron hielt sich jedoch zurück: "Da lasse ich besser die Finger von,"

Arbeit blieb für beide. Das umfangreichste Feld Guttenbergs in Kanzlers Namen Verbindung zu Parlament und Fraktion zu halten -- ist durch das neue, von Carstens ausgetüftelte Organisationsschema des Kanzleramts jetzt institutionalisiert worden.

Das neue Organisations-Statut bringt überdies eine logische Zusammenfassung der Referate, die bislang zum Teil aus persönlichen Rücksichten nicht existiert hat.

Beispiel: Die Aufsicht über die Unterabteilung III A (Sicherheitsfragen) hatte Knieper dem zum Planungschef berufenen Ministerialdirektor Werner Krueger übertragen und nicht dem eigentlich zuständigen Abteilungsleiter, Ministerialdirektor Horst Osterheld (Außen- und Deutschlandpolitik). Denn Osterheld und III A-Unterabteilungsleiter, Ministerialdirigent Günter Bachmann, waren Rivalen, seit Kanzler Erhard den jüngeren Osterheld an Bachmann vorbeibefördert hatte.

Solche Rücksichtnahme kennt Carstens nicht. Er nahm dem nur noch auf Planungsaufgaben beschränkten Krueger die Unterabteilung III A aus der Hand und baute sie in die Osterheld-Abteilung ein. Einige bei Osterheld widersinnig angesiedelte innenpolitische Bereiche wurden dafür dem bisher mit Personalien und Verwaltungsaufgaben unterbeschäftigten Abteilungsleiter und ehemaligen Adenauer-Referenten Josef Selbach zugeschlagen.

Daß der karrieregeschädigte Bachmann nicht unter Osterheld eingereiht sein will und deshalb vom Kanzleramt ins Innenministerium überwechseln möchte, kommt Carstens gelegen: Er will neue Leute seiner Wahl ins Kanzleramt holen, und das kann er nur, wenn altgediente Palais-Schaumburg-Diener Platz machen.


DER SPIEGEL 24/1968
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