10.06.1968

FUSSBALL / SPIELER-HÄNDLERKicker vom Amt

Beim Regionalliga-Klub Bayern Hof schnarrte das Telephon. "Sind Sie drei Spielern der polnischen Staatsliga interessiert?" köderte der Anrufer. Die Bayern-Funktionäre bissen an und schwelgten vorzeitig in Bundesliga-Hoffnungen. Sie spickten den vermeintlichen Spieler-Vermittler mit 5000 Mark Spesen.
Vom Vorschuß versprach er nach Warschau zu reisen, um die Freigabe der geflüchteten Kicker zu erwirken. Mehr hörten die Hof er nicht. Sie waren einer Hochstapelei aufgesessen.
Zehn Jahre lang riskierten deutsche Regional- und Bundesliga-Klubs, auf dem schwarzen Kicker-Markt, den einige Spieler-Händler beherrschten, Ball-Veteranen und gesperrte oder verletzungsanfällige Athleten zu Höchstpreisen anzuheuern. In diesem Jahr gelang es dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) erstmals, während der offiziellen Wechselfrist vom 1. Mai bis zum 30. Juni die illegalen Zwischenhändler auszuschalten.
Die Fußball-Funktionäre hatten sie 1949 ungewollt selbst ins Spiel gebracht. Damals ließ der DFB offiziell bezahlte Vertragsspieler zu. Doch die unbezahlten Verbandsoberen billigten Stars und mittelmäßigen Kickern nur das gleiche, geringe Höchstgehalt von 320 Mark zu. Stars und Vereine verband folglich das Bestreben, den Gehaltsstopp zu umgehen. Die Ball-Artisten gelüstete es nach höheren Löhnen, Prämien und Handgeldern, die Klubs drängten auf sechsstellige Ablösesummen für abwandernde Spieler.
Illegale "Menschenhändler" (Ex-Bundestrainer Herberger) organisierten den Fußballmarkt. Sie schlossen Vermittlungs-Verträge mit Klubs und Kickern. Die fußballkundigsten Manager verfügten über jeweils 100 und mehr Spieler in ihrem Angebot.
Der Frankfurter Vermittler Nikolaus Berger besuchte jährlich mehr als 100 Spiele, um Stärken und Schwächen der wichtigsten Stars und Mannschaften auszukundschaften. Dr. Georg Otto Ratz, ein Emigrant aus Budapest, investierte pro Jahr 30 000 Mark Reisespesen, um den Kontakt zu seinen Klienten zu pflegen. Er vertelephonierte von seinem Münchner Büro in der Prinzregentenstraße aus 1500 Mark pro Monat.
Als Eintracht Frankfurt den Sturm verstärken wollte, führte Berger dem Verein den Ungarn István Sztani zu. Ratz wußte Rat, als der HSV-Star Klaus Stürmer sein Talent 1961 zu kapitalisieren trachtete. Er vermittelte ihn für 180 000 Mark Handgeld an den FC Zürich. Und als Hertha BSC einen international erfahrenen Torwart begehrte, bot der Essener Raymond Schwab, ein früherer Artist und Berufsboxer, den Ulmer Nationaltorwart Wolfgang Fahrian an.
Nach Einführung der Bundesliga (1963) trieben Vermittler die Kurse an der Fußballbörse in die Höhe. Drei von vier Bundesliga-Spielern und jeder zweite Regionalliga Kicker beanspruchten ihre Dienste.
Pro Saisongabe. n dir Bundesliga-Klubs etwa zehn Millionen Mark für Spieler aus. Schwab, so behaupteten Fachleute, habe davon in einem "Jahr 100 000 Mark Provision abgezweigt, von Hertha BSC allein 34 000 Mark. Borussia Dortmunds früheres Vorstandsmitglied Heinz Storck schickte Schwab auf Vereinskosten zur Talentsuche.
Dem DFB fehlte die juristische Handhabe, um die Vermittler zu kontrollieren. Über die Fußball-Makler handelten Spieler und Klubs unerlaubte Zahlungen aus, ohne sich selbst DFB-Sperren auszusetzen.
Freilich versuchten die Vermittler, ihre Klienten möglichst oft an den Verein zu bringen, um häufiger Provisionen zu beziehen. Den Spieler Willi Wrenger vermittelte Schwab allein fünfmal, den Nationalspieler Helmut Hahn dreimal.
Um den Schwarzen Spielermarkt zu beseitigen, verbündete sich der DFB mit einem staatlichen Schiedsrichter. im Auftrag der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung eröffnete der Fußball-Bund im Januar 1966 im Frankfurter DAG-Haus eine eigene "Paritätische Fußballspieler-Vermittlungsstelle". Nun durften nur noch Spieler wechseln, die sich vorher in die amtliche Transferliste hatten eintragen lassen. Sie ermöglichte allen Klubs vollständige Markt-Übersicht.
Zuerst wich Spielervermittler Ratz in die Schweiz (Telegrammanschrift: "Starmanager Basel") aus. Acht Vermittler gründeten einen bundesdeutschen Interessenverband. Zunächst blieben sie noch am Ball. Der frühere Trainer Paul Osswald vermochte als Leiter des DFB-Arbeitsamtes im ersten Sommer nur 20 von etwa 350 wechselwilligen Spielern in neue Klubheime umzuleiten.
"Geld ist das beste Regulativ", erkannte Osswald. Der DFB lockerte sein Besoldungs-Limit. Ohne Furcht vor einem DFB-Bann durfte etwa Eintracht Frankfurt 1966 für seinen Nationalverteidiger Friedel Lutz öffentlich 175 000 Mark fordern und kassieren. "Ein Spieler kann jetzt legal bekommen, was er wünscht", erklärte Osswald, "vorausgesetzt, er ist es wert."
Der Weg zum Kicker-Amt des DFB ersparte zudem viel Geld. Die Vermittler zwackten von Handgeld und Ablöse in der Regel jeweils zehn Prozent ab, der DFB fordert nur zwei Prozent der Vertragssumme. Überdies gerieten die Fußball-Händler in die Zange: Denn seit der DFB im Auftrag des Bundesarbeitsamtes seine eigene Vermittlung betrieb, verstießen sie gegen das gesetzliche Monopol der Bundesbehörde. Im März 1967 ermittelte deshalb ein Essener Gericht erstmals gegen Schwab. Er zog sich nach Vaduz in Liechtenstein zurück. Berger konzentrierte sich darauf, internationale Spiele zu vermitteln.
Im Frühjahr drängte der DFB die Vermittler weiter ins ausländische Abseits. Der Verband ermächtigte die Vereine, erst zum Ende der Vertragszeit Handgelder auszuzahlen und nicht mehr im voraus. So müßten die Spielermakler auf ihre Provision lange warten.
Erfolg: In diesem Sommer vermittelt das DFB-Amt fast 500 Spieler, darunter auch die prominentesten Bundesliga-Pendler. Ohne Hilfe eines privaten Verkaufsmanagers verhandelten beispielsweise die Nationalspieler Reinhard Libuda, Bernd Dörfel, Hans Küppers und Horst Köppel mit neuen Klubs.
Nur noch ein Bundesliga-Verein, der 1. FC Kaiserslautern, beschäftigt einen Spieler-Händler Schwab. Als Borussia Dortmunds Präsidenten Wilhelm Steegmann dagegen jüngst von einem Vermittler Torhüter angepriesen wurden, wehrte er ab: "Ich könnte Ihnen selbst einen verkaufen.

DER SPIEGEL 24/1968
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