13.05.1968

Industrie„VERMÖGEN KANN EIN GROSSER NACHTEIL SEIN“

SPIEGEL: Ihre fünf Kinder können nicht auf ein Millionen-Erbe hoffen. Sie haben verfügt, daß Ihr gesamter Anteil an der Rosenthal AG in eine Stiftung eingebracht wird, aus deren Erträgen Arbeiter und Arbeiterkinder zu Führungskräften herangebildet werden sollen. Was hat Sie zu diesem Entschluß bewogen?
ROSENTHAL: Die Erfahrung, daß uns heute noch ein ansehnliches Potential von Nachwuchsmanagern verlorengeht durch " Umweltsperren": Arbeiter investieren oft zuwenig in die Ausbildung ihrer Kinder, sie lassen sie zu schnell Geld verdienen.
SPIEGEL: Was halten Ihre Frau und Ihre Kinder davon, enterbt zu werden?
ROSENTHAL: Meine Familie weiß, welch großer Nachteil zu viel ererbtes Vermögen sein kann und welch großer Vorteil eine gute Erziehung ist. Meine Frau ist mit mir der Meinung, daß Kinder später ihren eigenen Mann stehen müssen.
SPIEGEL: Plagt Sie das schlechte Gewissen, Ihre Millionen auf Kosten der Arbeiter und Kunden erworben zu haben?
ROSENTHAL: Nein. Ich glaube allerdings, daß die Vermögensbildung der Arbeitnehmer für die Zukunft unserer Gesellschaft ganz außerordentlich wichtig ist. Hingegen halte ich nichts von der verstärkten Mitbestimmung in der Unternehmensspitze. Diese Haltung kann mir jetzt, da ich auf mein Firmen-Vermögen verzichten will, nicht mehr als eigennütziges Interesse ausgelegt werden.
SPIEGEL: Sie sind also auch der Ansicht, daß die bisherigen Möglichkeiten der Vermögensbildung -- etwa das 312-Mark-Gesetz, nach dem Arbeitnehmer 312 Mark jährlich steuerfrei sparen können -- ins Leere gehen.
ROSENTHAL: Die derzeitige Vermögensbildung basiert nur auf Freiwilligkeit. Aber Vermögen kann weder durch Seelenmassage der Politiker noch durch Werbung der Banken allein gebildet werden. Man muß als Initialzündung eine nicht sehr große, aber gesteuerte geschenkte Vermögensbildung voranschiehen, wie wir es seit Jahren in der Rosenthal AG machen.
SPIEGEL: Sie haben Ihren Beschäftigten zunächst eine Arbeitsdividende gezahlt und ihnen später zum Jahresende eine Rosenthal-Aktie geschenkt. Der Erfolg war, daß 1965 sechs Prozent, 1967 sogar 20 Prozent der Belegschaft mit eigenem Geld Rosenthal-Aktien zukauften. Trotzdem wollen Sie in Zukunft keine Aktien der eigenen Firma mehr verschenken, sondern Investment-Zertifikate, die Eigentum an verschiedenen Unternehmen verbürgen. Warum?
ROSENTHAL: Weil ich das Argument der Gewerkschaften anerkenne. daß das künftige Vermögen nicht an einen einzigen Betrieb gebunden sein sollte, das wäre unfair. Auch kein Alt-Aktionär besitzt nur Wertpapiere einer Firma. Übrigens haben in diesem Jahr 43 Prozent aller Belegschafts-Aktionäre Investmentzertifikate gekauft und so ihr Geld inflationssicher angelegt.
SPIEGEL: Der Deutsche Gewerkschaftsbund will bei 392 Unternehmen wie in der Montan-Industrie die qualifizierte Mitbestimmung einführen. Auch in Vorstand und Aufsichtsrat Ihrer Rosenthal AG, Nummer 201 der DGB-Liste, sollen Gewerkschaftler als gleichberechtigte Führungskräfte einziehen. Wollen Sie, der Sie die qualifizierte Mitbestimmung ablehnen, durch Selbstenteignung die DGB-Forderung unterlaufen?
ROSENTHAL: Die Wirtschaft ist ein Dampfer, der in Fahrt bleiben muß und bei dem es darauf ankommt, daß die dritte Klasse und das Zwischendeck auf die Lebensmöglichkeiten der ersten Klasse angehoben werden, ohne daß die Maschine heißläuft. Wenn wir die Entscheidungsfreiheit des Managements noch mehr einengen -- im Osten bekommen die Manager zunehmend mehr Freiheit -, dann werden wir an Fahrt verlieren. Ich glaube, daß es nur wenige Arbeiter interessiert, ob Gewerkschaftsfunktionäre in unserem Aufsichtsrat sitzen. Aber Vermögen ist etwas Reales.
SPIEGEL: Es genügt also nicht, den Versorgungsstaat auszubauen und die Renten zu erhöhen.
ROSENTHAL: Wenn wir nur auf Renten abzielen, schaut unsere Gesellschaft bald durch die Röhre: durch die Bier- und Bild-Röhre. Wenn nach Karl Marx das Übel der einseitige Besitz an Produktionsmitteln ist, dann sollte die Gewerkschaft den Arbeitern diesen Besitz verschaffen.
SPIEGEL: Unternehmer verschenken nichts. Wollen Sie, daß die zu Vermögen kommenden Arbeiter mit Lohnforderungen zurückhalten?
ROSENTHAL: Lohn und Vermögen müssen natürlich als Ganzes gesehen werden. Beides muß im Rahmen des Produktivitätsfortschritts liegen: Trotzdem glaube ich, daß auch die Unternehmer Opfer bringen müssen, um den sozialen Ausgleich zu ermöglichen. In Zeiten schlechter Beschäftigung sollte der mögliche Schwerpunkt bei den Löhnen, in Boomjahren bei der Vermögensbildung liegen -- ein weiteres Instrument der Konjunktursteuerung.
SPIEGEL: Die SPD, deren Wahl Sie im Herbst 1965 öffentlich empfohlen haben, hält sich in Sachen Vermögensbildung auffallend zurück.
ROSENTHAL: Weil sich die Parole "Kapital für alle" anstatt "Mitbestimmung für uns" noch nicht in allen Gewerkschaften durchgesetzt hat.
SPIEGEL: Was sagen Ihre Unternehmer-Kollegen zu Ihren Absichten? Gelten Sie dort als der Kapitalist, der es mit Marx hält?
ROSENTHAL: Zunächst: Ich bin weder Erfinder noch Vorreiter. Der Baugewerkschaftler Georg Leber zum Beispiel hat vor mir ähnliche Vorstellungen entwickelt. Meine Schätzung ist, daß vor drei Jahren 95 Prozent der Unternehmer an der Arbeiter-Vermögensbildung desinteressiert waren, heute ist schon die Hälfte dafür. Erst veracht' man"s, dann verlacht man"s, schließlich macht mans.

DER SPIEGEL 20/1968
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