13.05.1968

FRANKREICH / STUDENTENSchlacht ohne Gnade

Im Hospital Cochin in der Pariser Rue Saint-Jacques gingen die Nähnadeln aus. Auf dem Pflaster des Boulevard Samt-Michel lag 40 Minuten lang ein wimmerndes Mädchen -- die Ambulanzen reichten nicht aus.
Im Studentenviertel, dem Quartier Latin, lieferten sich Studenten und Polizisten "eine Schlacht ohne Gnade" ("France-Soir").
Mit Eisenstangen und Holzlatten kämpften etwa 10000 Studenten gegen fast 20 000 Mann Polizei, Gendarmerle und Mobilgarde. Die Studenten rissen Pflastersteine aus den Boulevards und schleuderten sie auf die Ordnungshüter. Und die Polizei warf zurück.
Anders als in Berlin ist die Brutalität der Polizei in Paris nicht vorwiegend durch ein Gefühl innerer Schwäche bedingt. Sie schlägt besseren Gewissens, freier und fester. Während des Algerienkrieges kippte sie Hunderte nicht schwimmkundiger Nordafrikaner in die Seine. Jetzt rammte sie den Studenten und Passanten die Gewehrkolben in Bauch und Rücken.
Durch die Straßen am linken -- akademischen -- Seine-Ufer gellte der Schlachtruf "Aux barricades!" (Auf die Barrikaden), der Paris seit der Revolution von 1789 immer wieder elektrisierte. Die Revolutionäre von 1968 verbarrikadierten sich hinter umgestürzten Autos. Die Polizei schoß Tränengas.
Über 1000 Demonstranten wurden festgenommen, rund 1200 Straßenkämpfer verletzl. Die meisten von ihnen erlitten Platzwunden durch Schläge auf den Kopf.
Die 1257 gegründete Sorbonne wurde erstmals in ihrer Geschichte -- geschlossen. 40 000 Studenten waren ausgesperrt wie eine Fabrikbelegschaft. Das einmalige, das "göttliche Paris" (Victor Hugo) hatte sich die Spitze der europäischen Studenten-Rebellion erobert.
Erziehungsminister Peyrefitte ermahnte die Kämpfenden, die "Eskalation der Gewalt zu stoppen". Doch aus Protest gegen "brutale Polizeimethoden" rief Frankreichs Studentenverband Unef (Union nationale des estudiants de France) die rund 600 000 Studenten der Nation zum Generalstreik auf.
In Lyon und Grenoble, Nancy und Marseille erklärten sich die Studenten solidarisch mit ihren Pariser Kommilitonen. Frankreichs Studenten wollen die Autonomie der Universität gegenüber staatlichen Eingriffen, Mitbestimmung bei der Berufung von Professoren sowie Festsetzung der Studienpläne. Vor allem aber fordern sie die Abschaffung der rigorosen Aussiebungs-Examen" die den hoffnungslos überfüllten französischen Universitäten den Numerus clausus ersetzen
Einer der größten Verbände der Hochschullehrer, das "Syndicat national de l'enseignement supérieur", stellte sich -- wiederum anders als in Deutschland -- auf die Seite der Demonstranten.
Als die Studenten in Berlin, Warschau, Madrid und Rom auf die Straße gingen, um gegen Väter, Professoren, Gesellschaft und Staat zu demonstrieren, hatte sich der Pariser "Aurore" noch gefreut ~. "Das blieb uns erspart."
Der deutsche Professor Golo Mann glaubte zu wissen, warum: "De Gaulle hat echte Autorität." De Gaulle hat Autorität -- doch die stand gar nicht in Frage. Frankreichs Studenten-Rebellion begann nicht politisch, sondern menschlich, französisch, mit der Forderung nach Freiheit -- der Geschlechter.
In den Wohnheimen der Universität von Nanterre, einem Ableger der würdigen Sorbonne in einer Pariser Arbeitervorstadt, lebten die 12 000 Studenten -- überwiegend Philosophen und Soziologen -- streng nach Geschlechtern getrennt; Zuwiderhandelnde wurden mit Ausschluß aus den Wohnquartieren bestraft.
Im Februar standen linke Studenten gegen den Sex-Zwang auf. Unter den Rebellen: Daniel "Dany" Cohn-Bendit, 23, ein blauäugiger Rotschopf mit deutschem Reisepaß. Die Revolution, immer west-östlich verlaufen, marschierte erstmals umgekehrt.
Cohn-Bendit, Sohn eines vor den Nazis geflohenen jüdischen Berliner Anwalts, 1945 im französischen Montauban geboren, war schon im liberalen "Odenwald-Internat" in Oberhambach, das er sechs Jahre lang besuchte, "ein progressiv eingestellter Schüler", so sein einstiger Direktor Dr. Schäfer. 1965 bestand der "einfallsreiche, ungewöhnlich temperamentvolle Junge" (Schäfer) das Abitur (Gesamtnote: 2) und zog wieder nach Frankreich.
In Nanterre entlarvte Soziologiestudent Cohn-Bendit die "sexuelle Segregation" im Campus als einen Akt gesellschaftlicher Repression, der -- genau wie Amerikas Vietnam-Krieg -- zum spätkapitalistischen System gehöre.
Bei der Einweihung des Studenten-Schwimmbads von Nanterre legte sich der "heranwachsende germanische Danton" ("Combat") mit Frankreichs Minister für Jugend und Sport, Francois Missoffe, an. Cohn: "Warum haben Sie in Ihrem Weißbuch über die Jugend nicht die sexuellen Probleme erwähnt?"
Missoffe, Vater von acht Kindern, riet zum swim-in: "Wenn Sie sich abreagieren wollen, dann springen Sie doch ins kalte Wasser."
Cohn: "Ihre Antwort erinnert mich an Argumente der Hitler-Jugend."
Die rund 800 -- untereinander rivalisierenden -- Maoisten, Trotzkisten und Dutschkisten von Nanterre erkoren Cohn-Bendit zum Sprecher. Gemeinsam wollten sie "Kritik an der bürgerlichen Universität und der Rolle der Studenten in der Gesellschaft" üben. Sie tauften die Hörsäle ihrer Universität nach ihren Idolen "Ho Tschi-minh", "Che Guevara" und "Rudi Dutschke". Und nach Berliner Vorbild gründeten sie in Nanterre eine "Kritische Universität" -- aus Protest gegen die Technokraten.
Danton sammelte seine Truppen. Sie boykottierten ein Psychologie-Examen, weil es zu schulmäßig und zu "pointillistisch" sei. Ein Spanisch-Seminar wurde zu einer Kundgebung gegen Franco genutzt, die Aufführung eines Theaterstücks von Claudel gestört, weil der Autor klerikal sei.
Stets hielt Cohn-Bendit Verbindung zu seinen linken Freunden in der deutschen Heimat. Anders als von den Vätern des deutsch-französischen Freundschafts-Pakts de Gaulle und Adenauer vorausgesehen, arbeiten deutsche und französische Studenten heute zusammen: gegen Establishment und überkommene Ordnung.
Schon am 13. Juni letzten Jahres, fast zwei Wochen nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg in Berlin, deutete der Franko-Deutsche, Student im fünften Semester, in Berlin die Zukunft: "Man soll nach diesem ersten Toten in Deutschland nicht glauben, daß das Gewaltpotential in anderen Ländern kleiner ist."
Im Februar dieses Jahres traf der französische Dutschke beim Vietnamkongreß in Berlin sein deutsches Vorbild. Der "rote Rudi" bekam einen Bruder, den "roten Dany".
Eine von deutschen Studenten in Paris gebildete SDS-Filiale hält heute unter der Leitung des SDS-Hochschulexperten Ulrich Preuß Verbindung zu den Pariser Gleichgesinnten. Unef-Auslandsreferent Jean-Marcel Bouguereaud ist auf französischer Seite der Kontaktmann. Er übersetzt SDS-Flugblätter in de Gaulles Idiom.
Cohn-Bendit lud den SDS-Chef Karl Dietrich Wolff nach Nanterre ein. Wolff sprach, Cohn dolmetschte. Anschließend demonstrierten sie, stürmten Studententrupps die Verwaltungsräume der Universität.
Fast täglich kam es in Nanterre zu Prügeleien zwischen rechten und linken Studenten. Frankreichs gefürchtete CRS-Truppen (compagnies républicaines de sécurité), eine Art Bereitschaftspolizei" die laut Schweizer "Weitwoche" aus "Schlägertypen, Streikbrechern und Studentenprüglern" besteht, wurden Dauergäste in Nanterre.
Rollkommandos der ultrarechten Organisation "Occident" drohten: "Wir werden die Bolschewiken zertreten." Doch das "Mouvement du 22 mars", eine von Cohn-Bendit und seinem Gefolge gegründete Bewegung, gewann innerhalb weniger Tage über 2000 Anhänger.
Cohn-Bendit wurde derart populär, daß ihn die Polizei während eines zwölfstündigen Verhörs aus Angst vor Demonstrationen in verschiedenen Kommissariaten einvernahm. Zehn Polizisten durchsuchten die Wohnung des Deutschen am 27. April nach subversiven Schriften. Sie beschlagnahmten sein Adreßbuch und Liebesbriefe.
Vorletzten Donnerstag sperrte Nanterre-Dekan Grappin seine 12 000 Studenten wegen fortgesetzter Unruhen aus. Gegen Cohn-Bendit und sieben andere Revolutionäre leitete die Universität Disziplinarverfahren ein.
Aus Solidarität sammelten sich 500 Studenten im Innenhof der Sorbonne zu einem sit-in. Hätte Rektor Jean Roche die Protestler sitzen lassen, wären die Straßenschlachten im Quartier Latin wahrscheinlich nicht ausgebrochen. Doch Roche verlor die Nerven und rief die Polizei.
Mit polierten Helmen gegen Kopfschläge und Steinwürfe geschützt, marschierten die Ordnungshüter in die Alma mater. Ein Polizeioffizier versprach den Demonstranten freies Geleit, falls sie freiwillig den Hof räumten. Die Studenten stimmten zu. Doch sie wurden nicht in die Freiheit, sondern in bereitstehende Polizeibusse geleitet -- sogenannte Salatkörbe. Noch am gleichen Wochenende erhielten sieben Studenten im Schnellverfahren Gefängnisstrafen.
Mit den ersten Opfern lieferte die Polizei den Studenten ein Programm: "Libérez nos camarades!" (Befreit unsere Kameraden) hieß jetzt die Parole. Tausende gingen auf die Straße. Mit Tränengas-Granaten vernebelten Polizisten das Studentenviertel.
Dem deutschen Fernsehreporter Peter Scholl-Latour feuerten die Ordnungshüter eine Gasgranate zwischen die Beine. Blutend mußte er sich in ärztliche Behandlung begeben. Den Pariser SPIEGEL-Korrespondenten Rolf Steinberg warfen Gewehrkolben-Stöße zu Boden.
Das Volk von Paris -- anders als das von Berlin -- verfolgte das revolutionäre Treiben der Jungakademiker ohne Haßgefühle. Vier von fünf Panzern so ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Ifop, sympathisierten gar mit den Studenten. Nur einige rechte Bürger schickten dem Revolutionär Cohn-Bendit Drohbriefe ins Haus: "Ein Preuße und Jude wie Sie, der infame Karl Marx, vergiftete schon einmal das Universum. Wir hoffen, daß die Polizei Sie recht bald mit einem Tritt in den Hintern über die Grenze befördert." Cohn-Bendit, der mit einer Wiedergutmachungs-Beihilfe des Landes Hessen sein Studium in Frankreich finanziert: "Dann würde ich an eine deutsche Universität gehen" an der es einen starken SDS gibt."
Die Polizei schaffte Verstärkungen aus der Provinz an die Front. Die Blauen knüppelten mit 60 Zentimeter langen Gummi-Stöcken, gegen Steinwürfe wehrten sie sich mit Metall-Schilden. Das Quartier Latin wurde Schlachtfeld. "Le Monde": "Nicht einmal zur Zeit des Algerienkrieges gab es in Paris eine Bewegung von solchen Ausmaßen und vor allem von solcher Dauer."
De Gaulles Nation war schockiert: Das Gastland der historischen Vorkonferenz für den Frieden in Vietnam bot ein Bild der Zerrissenheit. Der General sah sich zu einem allerhöchsten -- richtigen und doch banalen -- Wort genötigt: "Die Universität muß sich wandeln und erneuern -- doch mit Gewalt auf der Straße wurde noch kein Dialog herbeigeführt."
Tatsächlich hat die französische Universität größere Chancen, sich zu erneuern, als die deutsche. Sie hört nur auf einen Herrn, das Pariser Erziehungsministerium. Sie lebt zwar in einer Gesellschaft, die konservativer ist als die deutsche, aber auch mit einer Intelligenz, die fortschrittlicher ist, in der kein Kommunist als Ungeist gilt.
In Nanterre verließen 80 Professoren eine außerordentliche Vollversammlung der Hochschullehrer und gingen demonstrieren. Am letzten Mittwoch marschierte an der Spitze eines Demonstrationszuges ein Fürst der Wissenschaft, Professor Alfred Kastler, Nobelpreisträger für Physik.

DER SPIEGEL 20/1968
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