13.05.1968

MEDIZIN / ERKÄLTUNGENDämonen am Fenster

Die Forscher wälzten Lexika und blätterten in Lehrbüchern. Sie durchstöberten medizinische Fachjournale, zurück bis zur Jahrhundertwende. Aber die Lesefrucht war dürftig: eine halbe Seite in einem Lehrbuch für Kinderheilkunde von 1906, ein Absatz in einem ähnlichen Werk aus den zwanziger Jahren.
Mehr ließ sich, wie jetzt die südafrikanischen Wissenschaftler 5. Levin und V. Cornick in der britischen Ärztezeitschrift "Lancet" mitteilten, an medizinischer Information nicht finden über eine alltägliche Erscheinung, von der die meisten Menschen überzeugt sind, daß sie krank mache und zu meiden sei: Zugluft.
Kein Widerwort hilft, wenn der Schlachtruf: "Es zieht!" in Büro oder Betrieb, bei Bahn- oder Busfahrten die Frischluftbedürftigen niederstimmt. Kaum eine medizinische Volksweisheit hält sich so hartnäckig wie die, daß Zugluft Krankheiten heraufbeschwöre. besonders bei Kindern: wenn ein Kind gerade gebadet hat, wenn sein Haar gewaschen worden ist, wenn es an Schnupfen oder Husten leidet oder, wie Levin und Cornick von vielen Müttern hörten, "wenn seine "Widerstandskraft herabgesetzt' oder es "in schlechter Verfassung ist' -- was immer das bedeuten mag".
Und die Skala der Krankheiten, die nach gängiger Volksmeinung durch Zugluft hervorgerufen werden, reicht von Erkältungen und "steifem Hals" über Rheuma bis zu Lungenentzündung.
Daß sie in der medizinischen Fachliteratur so gut wie keine einschlägigen Hinweise fanden, bestätigte die beiden Johannesburger Wissenschaftler nur in dem Verdacht, den sie nunmehr durch weitere Experimente erhärten konnten: Die angeblich krank machende Wirkung von Zugluft besteht tatsächlich nur als eine über Jahrtausende tradierte Einbildung.
Schon vor einem Jahrzehnt haben englische Forscher zumindest für die sogenannten Erkältungskrankheiten nachgewiesen, daß weder Kälte noch Zugwind Husten, Schnupfen oder ähnliche Symptome auslösen oder verschlimmern kann. Allein eine Infektion mit bestimmten Virus-Typen ließ die Kehlen rauh werden und die Nasen laufen.
Mit eindrucksvollen Experimenten wurde diese These am britischen Institut für Erkältungsforschung in Salisbury gestützt. An einigen tausend freiwilligen Versuchspersonen suchte dort Professor Christopher Howard Andrewes aufzuklären, welche Umstände zu einer Erkältung führen.
Andrewes und seine Mitarbeiter bemühten sich, freiwilligen Versuchspersonen, die sich zu jeweils zehn Tagen Hausarrest in Andrewes' Institut verpflichtet hatten, Erkältungen beizubringen. In einer Reihe von Experimenten mußten die Versuchspersonen ein warmes Bad nehmen und anschließend eine halbe Stunde lang auf einem kalten, zugigen Flur im nassen Badeanzug frieren.
Eine Erkältung stellte sich indes nur ein, wenn die Versuchspersonen zuvor mit Viren infiziert worden waren. Auch dann erkrankten nicht alle Teilnehmer des Versuchs. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion zu erkranken, war unter den vom Zugwind Angewehten nicht größer als unter denjenigen Infizierten, die sich warmgehalten und Zugluft sorgfältig gemieden hatten.
Die Erfahrung, daß ein geöffnetes Fenster im schnellfahrenden Auto oder anhaltender Durchzug in einem Zimmer bei winterkaltem Wetter bei manchen Menschen einen "steifen Hals" machen kann, scheint indes unwiderleglich. Doch sind solche Erscheinungen dann wohl eher auf partielle Unterkühlung unbedeckter Körperzonen zurückzuführen.
Eine andere Möglichkeit -daß nämlich der Mensch, wenn es zieht, in besonderem Maße Krankheitserregern ausgesetzt ist -- stellten die Südafrikaner Levin und Cornick nun mit einem Test auf die Probe: Sie verteilten in 31 Kinderzimmern von Privatwohnungen Glasschalen mit Nährböden für Bakterien. 24 Stunden lang blieben die Fenster der Räume entweder geöffnet oder geschlossen. Als die Forscher untersuchten, wie viele Bakterien auf die Nährböden geweht waren, ergaben sich jedoch keine signifikanten Unterschiede.
Demnach bleibt für Levin und Cornick nur eine irrationale Erklärung übrig: Sie deuten die weitverbreitete Furcht vor Zugluft als kulturelles Erbe, das offenkundig bis zu Babyloniern und Sumerern zurückreicht.
"Zugwinde", so erläuterten die beiden Forscher den Volksglauben, "sind schließlich nichts anderes als böse Dämonen, die durch ein Fenster hereinfliegen, einem Kind Schaden zufügen oder es töten und augenblicklich durch ein anderes Fenster oder eine Tür wieder entweichen." Levin und Cornick verweisen darauf, daß der Name des obersten Dämons bei den Sumerern Lilitu -- "Wind" -- bedeutete.
Während der ersten 40 Lebenstage galten Babys bei den alten Völkern des Nahen Ostens als besonders anfällig für die Dämonen, die von dem Ober-Dämon "Wind" angeführt wurden. Noch heute werden Säuglinge in manchen Gebieten Persiens und Nordafrikas während der ersten 40 Tage ihres Lebens nicht aus den Behausungen herausgebracht.
Doch auch in der abendländischen Kultur fanden die beiden Südafrikaner die ominöse 40-Tage-Regel noch lebendig. Nicht nur in Johannesburg, sondern auch etwa in London und New York sahen sie bei jungen Müttern die Vorstellung weit verbreitet, daß man Neugeborene erst ins Freie bringen dürfe, wenn sie sechs Wochen alt geworden seien.
Daß solche Mär, wenn auch nicht in medizinischen Lehrbüchern, so doch in den Köpfen praktizierender Heilkundler gelegentlich spukt, mußten Levin und Cornick gleichfalls einräumen. Ihre Erfahrung: "Sogar manche Ärzte raten Müttern, ihre Kinder die ersten sechs Wochen lang nicht aus dem Hause zu nehmen."

DER SPIEGEL 20/1968
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