17.06.1968

MIT VIERZIG MARK BEGANNEN WIR EIN NEUES LEBEN

Vor 20 Jahren wurde in Deutschland die Währung reformiert

Am Sonntag, dem 20. Juni 1948, traf in Westdeutschland auf Befehl der Alliierten die Währungsreform in Kraft. Mit drei "Gesetzen zur Neuordnung des Geldwesens" wurden die durch Krieg und Inflation wertlosen Reichsmark für ungültig erklärt und 500 Tonnen in Amerika sowie in England gedruckte Geldscheine verteilt. Jeder Westdeutsche erhielt gegen 40 Reichsmark 40 neue Deutsche Mark eingewechselt; Firmeninhaber pro Beschäftigten 60 neue Mark zusätzlich. Alles Bargeld mußte abgeliefert werden, Bank- und Sparguthaben schrumpften im Verhältnis 100:6,5 zusammen. Das Ende der Zigarettenwährung (Schwarzmarktpreis für eine amerikanische "Camel": sechs Reichsmark) war der Beginn des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs der Deutschen. Mit der anschließenden Währungsreform in der sowjetisch besetzten Zone wurde jedoch gleichzeitig die Teilung Deutschlands besiegelt. Der SPIEGEL befragte prominente Bundesbürger nach ihrer Erinnerung an die Zeit der Geldumstellung.

Vor dem 20. Juni 1948 arbeitete ich als Steinmetz in Düsseldorf auf dem Bau, das heißt ich besserte die Kriegsschäden an einer Bankfassade auf der Königsallee aus, und ein Stockwerk tiefer -- wir Steinmetzlehrlinge konnten es durch die löchrige Decke sehen -- wurde das neue Geld gehäufelt,

Über den Verbleib meiner 40 Mark weiß ich nichts Genaues mehr zu berichten; meine Schwester behauptet, meine Eltern und ich hätten zusammengelegt und ihr ihre erste Armbanduhr gekauft. (Die Uhr gibt es noch, aber sie geht nicht mehr.)

Während andere Leute mit ihren gehorteten Waren ein neues christlich-materialistisches Zeitalter begannen, blieb ich auf meinem Schwarzmarktkapital, etwa 50 Feuersteinen, sitzen.

Als Professor der Nationalökonomie kommt man selbst nur selten in die Lage, unternehmerische Investitionen zu tätigen. Aber ich habe eine eigene Investition aus der Zeit der Geldumstellung in deutlicher Erinnerung: Ich bereitete in jenen Tagen einen Umzug in Hamburg vor, von Fuhlsbüttel nach Blankenese. Und das dreiteilige Bücherregal, das ich vor der Reform in Auftrag gegeben hatte, kostete -- als die Rechnung nach der Reform einlief -- 500 Deutsche Mark.

Das war ein harter Schlag. Ich habe dann den Betrag treu und brav in harter Währung abgezahlt.

Wenn wir Deutsche die Reform auch nicht gemacht haben, wir haben immerhin etwas daraus gemacht. Und die D-Mark war bis ins Jahr 1964 -- abgesehen von den Preissteigerungen des Übergangs, dann des Korea-Booms und schließlich der späteren Boomspitzen -- relativ stabil. Es hätte auch weiterhin so bleiben können, wenn man rechtzeitig eine moderne Wirtschaftspolitik betrieben hätte.

So gerieten wir zuerst in eine Überhitzung und dann in unsere hausgemachte Rezession hinein, aus der wir durch die aktive Konjunkturpolitik des Jahres 1967/68 wieder herausgekommen sind. Die Entwicklung geht jetzt in ein Wachstum nach Maß über. Im April 1966 hatten wir noch eine Steigerung des Lebenshaltungskostenindex von 4,5 Prozent gegenüber dem April 1965. Im Mai dieses Jahres waren es plus null Komma neun Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau. Es gelingt uns jetzt also, Wachstum und Stabilität zu vereinen. Unsere Mark ist heute härter denn je.

Am Sonntag bekam ich 40 Deutsche

Mark. Am Montag gab ich 30 Mark aus, und diese Geldausgabe gilt seitdem in meiner Familie als Beweis, wie unvernünftig Vater sein kann.

Als ich am Tage nach der Währungsreform mit dem Fahrrad von der Kupferhütte in Duisburg nach Hause radelte, war das Wunder geschehen: Alle Schaufenster waren voll. Ich konnte nicht widerstehen und kaufte für meine beiden Jungen Ernst-Ludwig und Albrecht eine Märklin-Eisenbahn, weil sie noch niemals richtiges Spielzeug besessen hatten. Mit meiner Frau aß ich in einem Café die erste Buttercreme-Torte seit Jahren.

Im Sommer 1945 hatten die Amerikaner 1200 Angestellte aus den Farbwerken Hoechst auf die Straße gesetzt, ich war einer davon. Zwar protestierte ich gegen meine Entlassung als Werksleiter, dennoch suchte ich mir einen Job. Für 40 Pfennig Stundenlohn begann ich in Marxheim bei Frankfurt als Gärtner, und seither weiß ich, wie kalt und naß November-Monate in einer Gärtnerei sein können. Im Gartenbau waren meine Kenntnisse als Chemiker nicht gefragt, aber ich nutzte sie in der Freizeit und stellte aus Rapsschrot "Leberwurst" her.

Gut zwei Jahre schnitt ich Bäume, streute Dünger und baute Komposthaufen. Dann, im Mai 1947, setzte ich mich per Fahrrad und Anhalter nach Duisburg ab und wurde bei der Kupferhütte wieder Chemiker, was auch materiell von Vorteil war.

Die Kupferhütte hatte zum Beispiel in Kompensationsgeschäften aus dem Ausland Kartoffeln, Mehl und Apfelsinen besorgt, die aber die Duisburger Stadtverwaltung sofort beschlagnahmen wollte. Aber wir waren schneller. Als beispielsweise am Heiligabend 1947 das Schiff in Duisburg eintraf, stand die ganze Belegschaft am Kai. Jeder bekam seinen Anteil und verschwand sofort.

Im Oktober 1948 wurde ich Betriebsführer in der Knapsack AG bei Köln; damals dachte noch niemand an ein großes Chemieprogramm. Wir bauten den Trümmerhaufen zu einem Werk auf und fabrizierten Stickstoff für die Bauern, die mit Kartoffeln für die Belegschaft bezahlten. Das Wichtigste war damals das Überleben.

Meine 40 Mark Kopfgeld habe ich

wie jeder andere Staatsbürger ausgegeben. Ich gehörte ja in jenen Tagen zu den wenigen, die um die näheren Umstände der Währungsreform wußten und die -- gewiß nicht ohne Sorgen -- dennoch dem Gelingen der Aktion vertrauten.

Ich fragte mich damals nicht nach der Verwendung meiner Kopfquote, sondern mein Kopf befaßte sich mit der Frage, was 50 Millionen mal 40 D-Mark Kopfgeld pro Person an Kaufkraft ausmachen und wieviel mit der Auszahlung weiterer 20 D-Mark hinzukommen würde. Diese Rechnung war einfach. Wieviel aber dazu noch aus der Freigabe von fünf Prozent des geldwerten Vermögens zum Markt drängen würde, war nicht so exakt zu berechnen, aber völlig unklar waren die Vorstellungen über die Menge des im Markt vorhandenen Güterangebots.

Die Tatsache, daß ich mit der Währungsreform auch die Aufhebung der Bewirtschaftung verfügte, kann immerhin als Beweis dafür gelten, daß ich dem Wagnis vertraute. Solche Überlegungen also und nicht das Kopfgeld selbst gingen mir im Kopf herum. Und vielleicht fragte ich mich auch, ob mich die Selbstherrlichkeit, mit der ich jene wirtschaftspolitische Entscheidung traf, nicht gar den Kopf kosten könnte. Er blieb aber bekanntlich sitzen!

Am 20. Juni 1948 galt ich, gemessen

an anderen, als vermögender Mann; denn für insgesamt zehn Familienmitglieder hatte ich 400 neue Deutsche Mark bekommen. Ich lebte damals mit meiner Frau, unseren drei Kindern, meiner Schwiegermutter und vier Pflegekindern in einer alten Arbeitsdienst-Baracke in Oberursel im Taunus.

Vor der Währungsreform hatte ich keine materiellen Güter sammeln können. Mein erstes D-Mark-Geschäft war der Verkauf von tausend Dutzend Handtüchern. Wir haben sie unter Mithilfe von Bekannten von Tür zu Tür verkauft.

Das Handtuch-Geschäft wurde die Basis für die Gründung einer Textilgroßhandlung in der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Natürlich startete ich mit Schulden. Aber mein Angebot preiswerter Textilien lockte die Menschen aus der weiten Umgebung an. Bis zu unserem Warenlager im fünften Stock eines durch den Krieg stark mitgenommenen Hauses bildeten die Frauen so dichte Schlangen, daß wir fürchteten, Treppen und Decken könnten einstürzen.

Nach diesem Erfolg ging ich daran, ein Versandgeschäft aufzubauen. Ich eröffnete es 1950 in Frankfurt, aber der Anfang war sehr schwer. Meine Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte suchten Adressen zusammen und schrieben sie auf. Wir wollten unseren ersten Versandkatalog, ganze zwölf Seiten stark, herausbringen.

Meine Frau Annemarie entwarf die Texte, meine Sekretärin Frau Singer schrieb sie, ihr Mann lag auf dem Fußboden und klebte sie auf. Ich bestimmte die Preise: Wir boten erstmals drei fertige Frauenkleider für neun bis 15 Mark an. Ich weiß noch: Das Modell "Eva" wurde unser Schlager.

Als in Korea der Krieg begann und in Deutschland die Preise stiegen, buchten wir den ersten großen Geschäftserfolg: Wir machten die Preissteigerungen nicht mit. Es war überhaupt mein Sinnen und Trachten, den deutschen Verbrauchern Waren zugänglich zu machen, die man als Luxusgut ansah. Daher unser Slogan: Neckermann macht"s möglich.

1951 verließ ich mit meiner Familie die alte Baracke in Oberursel und richtete uns eine Wohnung in Frankfurt ein.

Um diese Zeit meinte meine Frau auch, daß ich wieder mit dem Reiten anfangen sollte, nachdem ich fast zwanzig Jahre pausiert hatte. Auf lokalen Turnieren errang ich die ersten Siege, dann kamen höhere Ehren wie Weltmeisterschaft und Goldmedaille. Heute stehen in meinem Stall fünf Dressurpferde, die ich bewege, wenn andere noch schlafen: morgens um sechs Uhr.

Das Fest, auf dem ich mich in der

Nacht der Währungsreform befand, hatte zwei Anlässe: den Abschluß einer internationalen Jugendwoche in München und die ab Mitternacht eintretende Geldumstellung. Man trank schlechten Alkohol und amüsierte sich in diesem Zwischenstadium, in dieser Nacht zwischen den Zeiten, leichtsinnig und ohne jeden Gedanken an das Morgen. Ab Mitternacht häuften sich die Reichsmarkscheine auf der Toilette, aufgespießt auf einen Haken, als Toilettenpapier. Es machte anscheinend jedermann Vergnügen, sich damit- Verzeihung -- den Arsch zu wischen.

Mit dem neuen Geld kamen wir uns am anderen Morgen noch armseliger vor als in den vergangenen Jahren. Zwar gefielen uns die Scheine, sie fühlten sich zuverlässig an und sahen wertbeständig aus, aber vierzig Mark und das für viele Wochen, Monate vielleicht? So gaben wir sie sofort aus.

Denn als wir zurück zu unserer Einzimmerwohnung gingen, erlebten wir die große Überraschung: Alle Geschäftsauslagen waren vollgestopft mit Waren, die wir seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Heinzelmännchen oder sonstige Wunderwesen mußten sie über Nacht herangeschafft haben. Niemand wußte, wo sie plötzlich herkamen. Jetzt packte uns eine Freß-, Sauf- und Kaufgier ohnegleichen. Morgen schon oder in einer Stunde konnte alles wieder ebenso geheimnisvoll verschwunden sein.

Wir kamen an einem Gemüsegeschäft vorbei, in dem es bis dahin kaum eine Schwarzwurzel gegeben hatte, aber jetzt lag alles vor der Tür: Radieschen, Spinat, Kohlrabi, Rotkohl, Wirsingkohl, Weißkohl, Kartoffeln, Rettich. Meine Frau konnte nicht widerstehen. Sie lief auf das Geschäft zu und begann hemmungslos zu kaufen. Sie kaufte -- und ich weiß es noch genau -- für 18,90 Mark. Es war viel zuviel Gemüse, aber sie konnte es nicht lassen, sie sagte immer wieder: "Morgen gibt es das doch nicht mehr."

Wir aßen, rauchten, feierten und glaubten keinen Augenblick, daß es so bleiben würde. Und da war das Geld, die vierzig Deutschen Mark, alle. Es dauerte nicht einmal drei Tage. Als wir später noch einmal vierzig Mark bekamen, hatte die Zeit der großen Pumperei schon begonnen. Einer pumpte den anderen an, und es entstand ein System, das sich ziemlich lange, ich glaube, bis in das Jahr 1950, hielt. Es war ein "Pumpste-mir-pump-ich-dir-System", das mit Grundbeträgen von zehn bis fünfzig Mark funktionierte.

Mein Kaufhaus in Duisburg, mehrmals ausgebombt, hatte in einem Café auf der Duisburger Königstraße seine letzte Ausweichunterkunft. Die 170 Quadratmeter Verkaufsfläche waren noch zu groß, wenn ich an die Ware dachte, die fehlte. Ich besaß für den erwarteten Tag X kein Warenlager; Luftangriffe und Plünderungen hatten fast zum Nullstand geführt.

Trotzdem feierten wir am Tag vor der Währungsreform unser erstes Personalfest, wobei auch eine Kapelle aufspielte (Hauptschlager: "Es geht alles vorüber; es geht alles vorbei Aber Punkt Mitternacht verstummten die Musikanten: Sie waren nicht mehr bereit, für wertlose Reichsmark zu fiedeln. Da die neue Mark noch nicht ausgegeben war, wurde ein besonderes Honorar festgesetzt: pro Stunde Musik zehn Flaschen Wein.

Am Morgen ging ich schnurstracks zum Amt, kassierte meine 40 neuen Mark und brachte sie voll ins Geschäft ein. Mitarbeiter stellten mir von ihrem neuen Geld etwas zur Verfügung, und die Bank räumte über die gesetzlichen sechs Prozent des alten Reichsmark-Kontos hinaus den ersten D-Mark-Kredit ein. Schon am 13. August 1948 begann ich in Duisburg mit dem Bau eines neuen Kaufhauses. 3000 Quadratmeter Verkaufsfläche standen nach genau 100 Tagen Bauzeit mit voller Warenausstattung zur Eröffnung bereit.

Rückblickend meine ich, daß die Jahre 1948 bis 1955 die schönste Zeit waren, denn wir alle waren geradezu hektisch von dem Wunsch besessen, die Trümmer verschwinden zu lassen, aufzubauen und wirtschaftliche Ordnung wiederherzustellen. Ja, damals hatten wir noch Schwung ...

Es war etwas sehr Unoriginelles,

was ich mit dem neuen Geld angefangen habe: Ich kaufte weder Sahnetorte noch Kognak oder Filzpantoffeln, sondern es wird wohl Brot und Butter gewesen sein. Wir haben den 20. Juni 1948 ohne Steinhäger und Festivitäten verbracht, wir brauchten die 40 Mark dringend, um nicht elend des Hungertodes zu sterben.

Mit der Bühne war damals kein Geld zu verdienen, und ich kann nur sagen, jene Leute vertraten einen vernünftigen Standpunkt, die zu Hause blieben. Im nächsten Monat nach der Geldumstellung fanden sich dann doch ein paar Besucher ein, Leute, die tägliche Einnahmen hatten, wie Lebensmittelhändler und Ärzte. Wir "Unterhaltungsmenschen" spielten zum erstenmal auf Teilung, das brachte mir 180 Mark ein, damals in Frankfurt. Aber was waren im Juli 1948 schon 180 Deutsche Mark, wenn schon das Zimmer 150 Mark kostete.

In einem geliehenen Regenmantel

und mit einem nicht ganz astreinen Permit war ich 1948 das erstemal wieder nach Selb in Bayern gekommen. Als jeder seine 40 neuen Mark bekam, war ich besser dran: Ich besaß 40 englische Pfund.

Damit hatte mich meine Familie in die US-Zone geschickt, um etwas von dem Vermögen zurückzugewinnen, das durch Nazizeit und Krieg verlorengegangen war. Letzteres war für mich eher ein Vorteil, denn nach Schule und Studium in Oxford lernte ich neun Jahre die Welt ohne Geld und von unten kennen: in Afrika als Legionär und Bergarbeiter, in England als Bäckerlehrling und Journalist.

Der Auftrag, das Vermögen zurückzuholen, wurde mehr als eine Urlaubsaufgabe. Daß ich mein Ziel, eine Professur in Oxford, dann aufgab, war Schuld von Max Geiger -- damals mein Verhandlungspartner, heute mein Aufsichtsratsvorsitzender -, der ganz gegen die Meinung der anderen bei Rosenthal sagte: "Den holen wir uns."

Begonnen habe ich als Werbeleiter. Da mir nicht recht gefiel, für was ich werben sollte, fing ich mit Design an. Da den Vertretern nicht gefiel, was ich machte, mußte ich in den Verkauf einsteigen. Mein Glück war, daß der jeweilige Ressortleiter immer gerade kurz vor der Pensionierung stand, bis ich 1958 Vorstandsvorsitzender wurde. Wenige Tage vorher waren plötzlich Vorschüsse gekommen, die ich nicht erwartet hatte, für Veröffentlichungen nach der Währungsreform; es gelang mir, diese unerwarteten Kapitalien noch auf dem Schwarzmarkt am Chlodwigplatz in Köln unterzubringen, und so bekam ich für die Erstveröffentlichung einer längeren Kurzgeschichte ein Viertel Pfund Tee und ein Viertel Pfund Kaffee, für die Erstveröffentlichung einer anderen Kurzgeschichte acht Zigaretten, Marke "Camel".

Am Tag der Währungsreform stellten wir fest, daß wir die einhundertzwanzig Reichsmark zum Umtausch gegen einhundertzwanzig harte Deutsche Mark nicht zusammenbekamen. so half uns mein Vater aus, und wir fingen zu dreien mit einhundertzwanzig Mark ein neues Leben an: Wir kauften Obst, Fleisch, noch einmal Tee und Kaffee (selbstverständlich auch Zigaretten), und zum Ärger einer auf Besuch weilenden Tante kaufte ich mir "wirklich schönes" (und lächerlich teures) Schreibpapier, eine Briefwaage, die ich -- was die Tante heftig abstritt -- schon lange benötigte.

Wir verbrachten damals ohnehin die meiste Zeit an den Ufern des Rheins -- und verbrachten auch den Tag der Währungsreform dort: Es war sonnig und warm, und die einhundertzwanzig Deutschen Mark kamen uns wie ein ungeheures Vermögen vor, weil wir ja am Morgen nicht einmal einhundertzwanzig Reichsmark besessen hatten. Meine Frau schwärmte von Obst und Gemüse, ich von Zigaretten und "wirklich schönem" Schreibpapier; unser Sohn Raimund (eineinviertel Jahre alt) ahnte von nichts, .und die Tante murrte ein wenig: Sie wohnte auf dem Land, war Schwarzmarktpreise nicht gewöhnt, und Geld für Schreibpapier und etwas wie eine Briefwaage auszugeben, gar für Zeitschriften -- erschien ihr sündhaft.

Ich weiß nicht, wie lange wir mit unserem neuen Geld auskamen, ich fürchte, lange kann es nicht gewesen sein. Ich hatte gerade mein erstes Buch geschrieben (eine längere Erzählung) und hatte die Zusage von einem Verlag (der später pleite ging) schon in der Tasche.

Ich habe für die Hälfte meiner 40

neuen Mark Benzin gekauft, um mit meinem Wagen politische Versammlungen der CSU in Bayern wahrnehmen zu können.

Ich war damals stellvertretender Landrat in Schongau, und als Junggeselle mußte ich mich auch selbst verpflegen. Dafür ist der überwiegende Teil der zweiten Hälfte der Kopfquote draufgegangen. Ich mußte bis zur nächsten Gehaltszahlung aushalten. Damals waren die Zeiten noch so schlecht, daß nicht alle Parteifreunde, die "Selbstversorger" waren, mich zum Essen eingeladen haben, wenn ich kam, um in ihren Versammlungen zu sprechen.

Im übrigen habe auch ich damals nicht in vollem Umfang geahnt, welche große Bedeutung der Einführung einer neuen Währung im westlichen Teil Deutschlands für das weitere politische und wirtschaftliche Schicksal unseres Landes zukam.

An die steile wirtschaftliche Entwicklung, die dann eingetreten ist -- im Ausland vielfach als "Deutsches Wirtschaftswunder" bestaunt -- und die uns in wenigen Jahren, verbunden mit einer Politik der Eingliederung in die freie Welt, wieder zu einem gewissen Ansehen in der Welt verholfen hat, hat damals wohl noch niemand von uns geglaubt. Wohl aber wußte ich, daß Währungsreform und Aufhebung der Zwangswirtschaft unerläßliche und zwingende Voraussetzungen für eine absehbare Wende der Not und für einen neuen wirtschaftlichen Aufstieg waren.

Meine Situation war durch eine Art höhere Fügung höchst angenehm: Ich drehte damals "Berliner Ballade" und hatte für die Rolle des Otto Normalverbraucher einen Vertrag auf Reichsmark-Basis abgeschlossen. Gleichzeitig mit der Nachricht von der Geldumstellung erfuhr ich, daß unsere Verträge 1:1 von RM auf die neue DM "aufgewertet" würden. Ein köstlicher Gedanke, denn plötzlich waren die Geschäfte voll von Lebensmitteln zu normalen Preisen, und die allgemeine Freßwelle kam ins Rollen. Ich rollte mit und ließ mir langentbehrte kulinarische Genüsse schmecken, bis mich nach ungefähr zwei Wochen mein Regisseur, Robert A. Stemmle, fragte: "Was ist denn mit dir los? Du nimmst zu!" Er war leicht empört und verordnete mir bis Drehschluß eine Otto-Normalverbraucher-Kost, damit ich die für den Film nötige dürre Figur behielt. Noch sieben Monate!

Die Kopfquote habe ich aber dennoch für Tafelfreuden ausgegeben. Ich entdeckte in einem Geschäft am Kurfürstendamm ein hochelegantes Picknick-Köfferchen, welches offensichtlich noch aus der Vorkriegszeit stammte und für bessere Tage aufgehoben worden war. Das kaufte ich, damit ich mir bei Außenaufnahmen die etwas schmale Normalverbraucher-Diät wenigstens lukullisch servieren konnte.


DER SPIEGEL 25/1968
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