17.06.1968

SCHRIFTSTELLER / BRINKMANNSo im Gange

Wir haben so eine schrecklich glatte, gut polierte Literatur in Deutschland", spricht der junge Kölner Autor Rolf Dieter Brinkmann, 28, und er findet, "es wäre gut, wenn dieser ganze hohe Kulturbegriff in Deutschland kaputtgemacht würde."
Aber er sagt auch: "Ich kenn' nix anderes als Literatur." Und er findet das "Image des Vitalen, Spontanen", das ihm jetzt oft angehängt werde, "einfach widerlich".
Brinkmann, ein untersetzter Gesinnungsunrasierter mit schlaksigem Mundwerk, preist die "happy obscenity" der neueren, vor allem amerikanischen Pop- und Untergrund-Kultur, und er begrüßt Kommunarde Kunzelmanns öffentliches Bekenntnis seiner "Orgasmusschwierigkeiten" als einen "wahren politischen Akt".
Aber er wehrt sich auch gegen die Etikettierung als Pop- und Sex-Autor: "Als wenn ich einer wäre, der nur mit 'm Pint schreibt."
Glatt und gut poliert ist das, was Brinkmann schreibt, sowenig wie er selbst -- aber erfolgreich ist es neuerdings: Brinkmanns erster Roman "Keiner weiß mehr", von der "Zeit" als "außerordentlich (und) obszön" gelobt, steht seit Ende Mai auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Mit Hubert Fichtes Hamburger Gammler-Report "Die Palette" und Peter 0. Chotjewitz' Berliner Bohème-Collage "Die Insel", zwei anderen Prosa-Erfolgen dieses Frühjahrs, markiert Brinkmanns so intensive wie introvertierte Kölner Ehe-Studie (siehe Besprechung Seite 127) den Aufstieg einer neuen deutschen Autoren-Generation -- Böll-fern und Beat-nah.
"Keiner weiß mehr" ist nicht Brinkmanns erstes Buch. Der Sohn eines Angestellten und Sonntagsdichters aus Vechta (Brinkmann: "Katholisches Kleinstadtmilieu, vor allem sexuell ungeheuer repressiv") fühlte sich als Lehrling einer katholischen Buchhandlung in Essen unwohl, tröstete sich mit Gedichten von "diesem Gottfried Benn", hatte mit Célines "Reise ans Ende der Nacht" sein stärkstes Leseerlebnis (Brinkmann: "Das war wie 'n Hammer"), ließ sich vom Nouveau Roman und von Wilhelm Reichs "Funktion des Orgasmus" beeindrucken und debütierte 1962 mit einer Erzählung in der vom Kiepenheuer & Witsch-Lektor Wellershoff herausgegebenen Nachwuchs-Anthologie "Ein Tag in der Stadt".
Nach sechs Semestern Studium an der Pädagogischen Hochschule in Köln, nach der Veröffentlichung von zwei weniger erfolgreichen Erzählungsbänden und einem Lyrikband haust der freie Schriftsteller Brinkmann nun im vierten Stock eines Kölner City-Altbaus -- mit seiner Frau, die noch an der PH studiert, und einem dreijährigen Sohn, mit Kiepenheuer-Zuschüssen (bisher: monatlich 300 Mark) und gelegentlichen Rundfunk-Honoraren, mit Bildern von Céline, Burroughs, Mao, Teufel-Langhans und allerhand Pop an der tristen Wand -- und bangt, daß der Erfolg seines Roman-Erstlings ihn etwa "jetzt in diesen ganzen Kulturbetrieb integrieren" könnte.
Denn das ist für Brinkmann, der die unvermeidliche Einladung zur "Gruppe 47" ausschlug" das Wichtigste: "Man muß einen inneren Widerstand gegen den Kulturbetrieb in sich aufbauen." Er versteht die jungen Kollegen nicht, "die meinen, man brauchte 1000 Mark im Monat", wie er jene Generationsgefährten nicht versteht, die zwar die Gesellschaft revolutionieren wollen, aber ihren privaten Lebensstil unrevolutioniert lassen. Brinkmann: "Es kommt auf die Befreiung aus den alltäglichen Zwängen an."
Politik und Literatur will Brinkmann, der "natürlich auch mal demonstrieren" geht, deutlich auseinanderhalten. Von Agitprop-Kunst hält er nichts, wie er nichts von den Versuchen junger Altersgenossen hält, mit "einer älteren Generation" zu diskutieren: "Die fühlt sich doch nur körperlich attackiert."
Die Jungen, sagt Brinkmann, der ihr Autor sein will, "sollen ihre eigene Generation ansprechen, sollen mit sich selbst experimentieren, sollen ihren eigenen Kram machen" -- auch in der Literatur. Und diese Literatur soll, notfalls abseits der großen Verlage und in Untergrund-Blättern wie dem Berliner "Linkeck", das Brinkmann beim Notstands-Sternmarsch auf Bonn verkaufte, nicht "Kunst" anstreben, sondern einfach "aufnehmen, was so im Gange ist, was sich bewegt".
Viel klarer kann Rolf Dieter Brinkmann noch nicht formulieren, was in der jungen Literatur im Gange ist -- und sie bewegt sich doch.

DER SPIEGEL 25/1968
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