27.05.1968

ptx ruft moskau

1. Fortsetzung
Das Agenten-Netz in Belgien Spionagechef Leopold Trepper, der Grand Chef, kann sich beruhigt auf die bevorstehende große Auseinandersetzung mit den Deutschen vorbereiten. Für ihn steht fest, daß der eigentliche Feind Deutschland sein wird, dessen Soldaten Europa wie eine Sturmflut überschwemmen.
Der belgische Apparat ist einstweilen stillgelegt. Nur eine rein routinemäßige Funkverbindung mit Moskau bleibt bestehen, das Nachrichtenmaterial wird von Komparsen geliefert. Die wirklichen "Quellen" werden noch nicht benutzt, der Apparat "schläft". wie es im Funkjargon heißt.
An seiner Spitze stehen zwei Russen, die noch keine 30 Jahre alt sind. Einer von ihnen ist Michail Makarow alias Carlos Alamo. Trepper hat Sympathie für ihn, schließlich ist Makarow ein Held:
Als Luftwaffenoffizier, der freilich nur zum Bodenpersonal gehörte, wurde er nach Spanien geschickt, um auf republikanischer Seite zu kämpfen. Eines Tages gelingt den Falangisten ein Durchbruch, "die republikanische Front kommt in Gefahr. Die Infanterie fordert dringend Unterstützung von der Luftwaffe. Kein Pilot ist zur Stelle. Makarow springt in ein Flugzeug und fliegt los. Er hat keine fliegerische
© 1968 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
Ausbildung, sondern nur die rudimentären Kenntnisse, "die man unwillkürlich erwirbt, wenn man mit Flugzeugen zu tun hat. Er stößt auf die Angreifer herab, wirft Bomben, schießt mit allen Bordwaffen, fliegt zurück und landet ohne Zwischenfall. Im Triumph holt man ihn aus der Maschine. Das ist typisch Makarow.
Im Frühjahr 1939 trifft Trepper ihn zum erstenmal in Belgien. Er lädt ihn zu einem Glas ein. Makarow bestellt Kognak. Der Kellner bringt große Schwenkgläser und gießt die übliche Menge ein.
Makarow aber gibt ihm ein Zeichen, er solle weiter einschenken. Verdutzt gehorcht der Kellner und füllt das Glas bis an den Rand. Makarow schaut befriedigt zu und versteht überhaupt nicht, warum ihm Trepper unter dem Tisch Fußtritte versetzt. Schließlich sagt er ärgerlich: "Was soll denn das? Ich kann's doch bezahlen!"
Er kauft sich ein Auto. Der Grand Chef hält das für gefährlich; ein Spion sollte keinen eigenen Wagen haben. Das kann, besonders bei Unfällen, zu unliebsamen Kontakten mit der Polizei führen. Makarow kennt nur eine Art des Autofahrens: Vollgas.
Eines Tages, als Trepper mit ihm zusammen fährt, verliert Makarow die Kontrolle über seinen Wagen und rast gegen einen Baum. Trepper klettert aus den Trümmern und betrachtet schweigend die Überreste des Autos. Wütend schreit Makarow ihn an: "Wie kannst du nur so ruhig bleiben? Das ist doch nicht normal!"
Ihm wird die Leitung der Filiale von Treppers Tarnfirma "The Foreign Excellent Trenchcoat" in Ostende übertragen. Er versteht nichts vom Geschäft, kommt mit der Buchhaltung nicht klar, geht kaum ins Büro und stöhnt, er langweile sich zu Tode.
Im Juni 1940, während des belgischen Zusammenbruchs, beauftragt ihn Trepper, das in Knokke versteckte Funkgerät nach Brüssel zurückzubringen. Aber Makarow hat keine Zeit dazu: Er bleibt in Ostende, denn er ist in eine Belgierin verliebt, Trepper muß selbst nach Knokke.
Er kann nicht umhin, darüber nach Moskau zu berichten. Am Ende des Sommers wird Makarow wegen notorischer Unfähigkeit telegraphisch nach Moskau zurückbeordert. Er beschwört Trepper: "Meine Karriere ist zum Teufel, du weißt, was das für einen Offizier bedeutet." Er denkt an Selbstmord. Großmütig erwirkt Trepper für ihn eine Gnadenfrist, eine letzte Chance. Er mag eben Michail Makarow gern. Makarow ist schließlich ein Held,
Dagegen hegt niemand Sympathien für den Hauptmann Gurewitsch (Deckname: "Kent"). Das ist merkwürdig, denn er arbeitet vorzüglich. Am 17. Juli 1939 ist er aus Montevideo nach Brüssel gekommen. Sein Paß, Nr. 4649, ist am 17. April 1936 in New York ausgestellt worden. Er lautet auf den Namen Vincent Sierra, geboren am 3. November 1911, wohnhaft in Montevideo, Calle Colón Nr. 9.
Wie Makarow hat auch Gurewitsch in Spanien bei der Internationalen Brigade als Hauptmann gedient. Und wie Makarow hat auch er damals glorreiche Stunden erlebt. Nicht in der Luft, sondern auf dem Meer, als er mit einem Unterseeboot nach Spanien gebracht wurde.
Das U-Boot blieb mehrere Stunden mit Motorschaden auf dem Meeresgrund liegen, und die Mannschaft glaubte sich schon verloren, als es einem Mechaniker gelang, den Schaden zu beheben. Während dieser dramatischen Stunden war Gurewitsch die Ruhe selbst -- so behauptet er wenigstens.
Er hatte ursprünglich nicht für den Grand Chef arbeiten sollen. Seine eigentliche Mission lautete, in Kopenhagen ein Spionagenetz aufzubauen. Sein Aufenthalt in Brüssel sollte kurz sein, einige Monate höchstens; gerade Zeit genug, um seine Sprachkenntnisse zu vervollständigen. Aber nach Kriegsausbruch erhielt er den Befehl. er müsse in Brüssel bleiben.
Trepper ist mit ihm zufrieden. Im Gegensatz zu Makarow-Alamo gelingt es Gurewitsch-Sierra vorzüglich, sich in die Brüsseler Gesellschaft einzuführen. Sein großzügiger Lebensstil, seine prächtigen Empfänge schaffen ihm Beziehungen; er ist fleißig und geschickt. Sierra ist ohne jeden Zweifel ein Gewinn für den Apparat.
Aber keiner mag ihn -- bis auf Margarete natürlich, die ohne ihn nicht leben kann. Margarete Barcza, Witwe eines tschechischen Millionärs, hatte Gurewitsch 1940 bei einem Fliegeralarm kennengelernt unter dem Namen Vincent Sierra, Student aus Uruguay.
Sie erzählt: "Er war wirklich nicht schön; kleiner als ich und blond, und dazu hatte er dicke, aufgeworfene Lippen. Aber er war sehr zuvorkommend und gefällig, und er hatte unglaublich viel Charme. Außerdem war er elegant und reich und verstand, Geld gut auszugeben. Kurzum, es war Liebe auf den ersten Blick, Wir zogen in ein fürstliches Appartement mit 27 Zimmern in der Avenue Siegers. Wir richteten einen Raum als Gymnastiksaal ein, und jeden Morgen kam nach dem Turnen ein Masseur zu uns. Wir hatten auch ein Landhaus. Vincent war ein wunderbarer Tänzer, und wir haben viele Tanzturniere gewonnen.
"Im März 1941 beschloß Vincent, sein Studium aufzugeben, um sich ins Geschäftsleben zu stürzen. Er gründete eine Im- und Exportgesellschaft, die Simexco. Am schwierigsten war es, die vom Handelsgesetz vorgeschriebene Anzahl von Aktionären zu finden.
"Wir versuchten einige belgische Freunde zu interessieren. Ich erinnere mich noch daran, daß ich mit unserem ehemaligen Nachbarn, Monsieur Seghers aus der Avenue Emile-de-Béco, gesprochen habe. So wie man jemanden als vierten Partner zu einer Bridgepartie auffordert, bat ich ihn darum, unserer Gesellschaft beizutreten. Er nahm an. Vincent hatte mit seinen Geschäften großen Erfolg. Er hatte auch viel zu tun. Aber er sprach niemals mit mir über seine Geschäfte."
Gurewitschs Erfolge stimmen die Mitarbeiter nicht fröhlicher. Man hält ihn für hochmütig, stolz und prahlerisch. Einstimmiges Urteil der ehemaligen Mitkämpf er: "Kent? Ein ekelhafter Kerl 1"
Nachdem er den Grand Chef an der Spitze des belgischen Apparats abgelöst hat, heißt Gurewitsch-Sierra auch "Petit Chef". Aber für alle, selbst für Moskau, bleibt er Kent. Diesen Decknamen hat er selbst gewählt.
* Margarete Barcza, Marseille 1942.
1929 erschien in Rußland ein Buch unter dem Titel "Das Tagebuch eines Spions". Der Autor N. G. Smirnow schildert die Abenteuer eines britischen Agenten namens Edward Kent, der sich durch Kaltblütigkeit, unglaubliche Kühnheit und Verschlagenheit auszeichnet. Gurewitsch las mit Begeisterung diesen Roman, als er 18 Jahre alt war. Man stelle sich vor: Bei irgendeinem Nachrichtendienst bewirbt sich heute ein Kandidat, der frei heraus erklärt, er habe sich bereits einen Decknamen zugelegt, er wolle James Bond heißen! Die russischen Dienststellen nahmen keinen Anstoß.
In Brüssel kannte man den Ursprung des Decknamens nicht. Man fand Gurewitsch ohne besonderen Grund unsympathisch. Luba Trepper, die erste Frau des Grand Chef, konnte den arbeitsamen Kent nicht ausstehen. Sie fand seinen Hang zum Luxus und sein verschwenderisches Auftreten beunruhigend. Ihrer Meinung nach würde ein Mensch, der den Genuß so über alle Maßen liebte, davor zurückschrecken, sein eigenes Leben einzusetzen.
Trepper, mit dem sie darüber sprach, nahm die Sache nicht so tragisch. Als er ihn einmal in der prunkvollen Wohnung in der Avenue Siegers besuchte, öffnete Kent stolz seinen Kleiderschrank, in dem mehr als 50 Anzüge hingen. Trepper murmelte kopfschüttelnd: "Bravo, ausgezeichnet! Ich würde an deiner Stelle das alles photographieren, um später einmal eine Erinnerung zu haben. Aber ich bin gar nicht so sicher, ob du jemals dieses Photo betrachten kannst." Kent hat diese Bemerkung ausgesprochen mißfallen.
Zu den beiden Russen gehört noch ein seltsamer Mitarbeiter: Guillaume Hoorickx, genannt "Bill", ein belgischer Maler. "Als ich vor dem Kriege wieder einmal meine von mir getrennt lebende Frau besuchte", so berichtet er, "traf ich einen Uruguayer, der Carlos Alamo hieß. Ein sehr gutaussehender, sympathischer Mann; ich habe bald gespürt, daß mehr hinter ihm steckte, als sein Auftreten als Tangojüngling vermuten ließ.
"Carlos Alamo habe ich 1940 wiedergesehen. Zur gleichen Zeit machte ich die Bekanntschaft eines gewissen Rauch; er war Tschechoslowake. Verhältnismäßig früh hat sich Rauch nach meinen politischen Überzeugungen erkundigt. Als er meiner antinazistischen Gesinnung sicher war, vertraute er mir an, daß er für den Intelligence Service arbeite, und fragte unumwunden, ob ich ihm helfen wollte.
"Ohne Zaudern habe ich eingewilligt. Rauch erklärte mir, daß seine Meldungen durch Alamo, der über ein Sendegerät verfügte, nach London gefunkt würden. Bei mehreren Sendungen war ich anwesend. Das spielte sich in einer Villa in der damaligen Avenue de Longchamp ab. Ein Funker und noch zwei Frauen, an die ich mich nur dunkel erinnern kann, waren ebenfalls anwesend.
"Ich spreche ein akzentfreies Englisch, aber die Leute in ·der Villa beherrschten diese Sprache sehr schlecht. Das fiel mir auf, und ich erkundigte mich bei Rauch nach ihnen. Es sind auch keine Engländer, sagte er, sondern Südamerikaner. Das ist sehr nützlich, Amerika ist neutral, darum ist es für uns viel sicherer, mit Amerikanern zu arbeiten.
"Tatsächlich hatte Alamo mir erzählt, er sei amerikanischer Herkunft und seine Mutter lebe in New York. Aber all das schien mir sehr fragwürdig. Eines Tages verließ er mich plötzlich auf der Straße mit der Bemerkung, er müsse auf dem Uruguayer Konsulat noch etwas erledigen. Ich bin ihm gefolgt, er ist auch bis zum Konsulat gegangen, aber vor der Tür drehte er um und ging fort. Nun war ich überzeugt, daß er kein Uruguayer war. Trotzdem gab ich ihm auch weiterhin alle Auskünfte, die ich erhalten konnte. Eines Tages sah ich über Antwerpen ein einzelnes englisches Flugzeug auftauchen. Der Flieger setzte zum Sturzflug auf die Fabrik der General Motors an und warf eine Reihe von Bomben ab. Dann verschwand er.
"Am gleichen Tag sah ich auch eine Demonstration auf dem Hauptplatz von Antwerpen: Frauen defilierten hinter einer schwarzen Fahne. Ich erkundigte mich nach der Bedeutung der Fahne und erfuhr, daß sie von alters her das Symbol der Hungersnot ist und daß die Frauen gegen den Abtransport der Kartoffelvorräte nach Deutschland protestierten.
"Am Nachmittag kam ich nach Brüssel zurück und berichtete Rauch und Alamo über beide Vorfälle. Sie waren dabei, eine Meldung fertig zu machen, und fügten meine Beobachtungen sofort hinzu. Dann haben wir zu Abend gegessen und geplaudert.
"Um Mitternacht hörten wir wie häufig die Auslandssendungen von Radio Moskau. An diesem Abend lösten sich die Nachrichtensprecher, eine Frau und ein Mann, ab. Ich erinnere mich nicht mehr, ob die Frau den Fliegerangriff schilderte und der Mann die Demonstration oder umgekehrt. Auf jeden Fall hat mir das einen Schock versetzt. Ich blickte Alamo und Rauch an, beide waren sehr verlegen. Dann stand Alamo auf, schaltete das Radio ab und sagte drohend zu mir: "Wenn du je ein Wort darüber verlierst, bist du erledigt!'
"Am nächsten Tag habe ich Rauch zur Rede gestellt. Er hat gesagt: "Hör zu, ich gehöre wirklich zum Intelligence Service und überwache diese Russen. Paß gut auf: Wir riskieren beide Kopf und Kragen. Diese Kerle sind noch gefährlicher als die Deutschen!'" Hoorickx hält jedoch weiterhin Kontakt zu den Russen.
Alamo und Kent: Das ist die junge russische Garde des Grand Chef. Er hat nicht das gleiche Vertrauen zu ihnen wie zu seinen alten jüdischen Weggefährten, die fast alle durch die gleiche Schule des Elends gegangen sind, denen der illegale Kampf vertraut ist, die es gelernt haben, sich unauffällig in jedem Milieu zu bewegen.
Mit ihnen umgibt er sich, als er im August 1940 einen Teil seines Spionageapparats nach Paris verlegt. Doch zuvor muß er ein privates Problem lösen: Er trennt sich von seiner ersten Frau. Er verrät Luba, die Gefährtin der schweren Jahre.
Trepper hatte sie in Palästina kennengelernt, wo sie aktiv in der kommunistischen Gruppe "Einheit" mitarbeitete. Sie ist ebenso alt wie er und ebenfalls Jüdin. Auch sie kommt aus Polen. Sie haben beide in der Jugend die gleichen schweren Zeiten durchgemacht, den gleichen illegalen Kampf geführt.
Damals in Polen arbeitete sie in einer Schokoladenfabrik und studierte nachts, um Lehrerin zu werden. Sie gehörte einer kommunistischen Zelle an, die von einem sehr jungen Menschen namens Botvine geleitet wurde.
In dieser Zeit richtete ein polnischer Spitzel in den Reihen der illegalen Kommunistischen Partei Polens große Verheerungen an. Zwei Attentate gegen den Verräter mißglückten. Die von Botvine geleitete jüdische Zelle beschließt, das Todesurteil gegen den Spitzel zu vollstrecken, und führt es aus. Luba muß nach Palästina flüchten, wo sie mit Trepper zusammenarbeitet.
Bei einer verbotenen kommunistischen Kundgebung verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, kann sie sich der Ausweisung nur durch die Scheinheirat mit einem palästinensischen Bürger entziehen. Als sie schließlich Trepper in Frankreich wiedertreffen will, benutzt sie den Paß eines syrischen Arabers und gibt sich als dessen Frau aus.
In Brüssel lebt Trepper zunächst mit Luba und ihren zwei Kindern in einer Luxuswohnung. Der erste Sohn wurde 1931 in Paris geboren, aber die illegal nach Frankreich gekommenen Eltern konnten ihn nicht auf dem Standesamt anmelden. Der zweite Sohn wurde (nach Treppers Flucht aus Frankreich) 1936 in Moskau geboren.
Doch das Kind, das in dieser Geschichte eine Rolle spielen wird, stammt nicht von Luba und Trepper: Es ist das Kind, das die Amerikanerin Georgie de Winter in ihrem Schoß trägt; es stammt von einem Liebhaber, der sie verlassen hat. Georgie de Winter -- das ist die andere Frau in Treppers Leben.
Georgie ist die Tochter eines großen, schlaksigen, gutaussehenden Amerikaners, einer Mischung von Gary Cooper und Cary Grant. Er ist ein Filmdirektor aus Hollywood, kommt von der "Paramount" und hat sich auch als Schauspieler versucht. Georgie de Winter ist mit ihrer Mutter nach Belgien übergesiedelt und führt das Leben eines jungen Mädchens aus gutem Hause. Sie studiert klassischen Tanz. Sie ist 20 Jahre alt und sehr schön. Photos zeigen ihren Zauber, ihre graziöse, vollendete Haltung, ihre strahlenden Augen.
Trepper ist 35 Jahre alt. Schön kann man ihn nicht nennen. Er hat zwar ein interessantes, gut geschnittenes Gesicht, welliges, blondes Haar und auffallende Augen, aber er ist von gedrungener Statur und neigt zur Fülle. Sein Charme liegt in einer Mischung aus Heftigkeit und Sanftmut, die ihm eine besondere Anziehungskraft verleiht. "Der geborene Chef!" urteilt der Kunstmaler Bill Hoorickx, einer seiner Mitarbeiter. "Trepper besaß die Kraft und die Vitalität eines Stiers."
Georgie de Winter geht eines Tages in eine Konditorei. Beim Bezahlen läßt sie ihre Handschuhe fallen. Trepper bückt sich schnell und hebt sie auf. Seine Aufmerksamkeit und seine Art zu sprechen gefallen ihr; sie willigt ein, ihn wiederzutreffen. Sie bleiben zusammen -- Leopold Trepper entscheidet sich für Georgie de Winter, gegen Luba. Die alte Gefährtin erklärt sich bereit, nach Moskau zurückzukehren.
Im August 1940 zieht Trepper zusammen mit Georgie nach Paris. Luba und die beiden Kinder sind in Sicherheit. Mit Hilfe der sowjetischen Botschaft in Vichy war es gelungen, sie über Marseille nach Rußland zu schicken.
"Ich bin mit Begeisterung nach Paris gezogen, ich liebe Paris", erinnert sich Georgle de Winter. "Wir führten dort ein herrliches Leben. Sie können sich nicht vorstellen, wie liebenswürdig, wie aufmerksam und zartfühlend dieser Mann (Trepper) war. Wenn er verreisen mußte, besorgte er mir vorher für jeden Abend, den ich allein verbringen mußte Theater- oder Konzertkarten. Und er liebte meinen (Sohn) Patrick, der natürlich bei uns war, wie seinen eigenen.
"Um diese Zeit -- das heißt vor Pearl Harbor -- holte ich für Patrick regelmäßig von der amerikanischen Botschaft Lebensmittelpakete, die von der American Aid Society verteilt wurden. Die Angestellten rieten mir, in die USA zurückzukehren, und Eddy (Trepper) selbst kam immer wieder auf den Vorschlag zurück, er wollte mir genügend Dollars mitgeben, damit ich drüben leben könnte.
"Aber ich liebte ihn zu sehr, ich war bereit mein Leben für ihn zu lassen. Übrigens -- wenn er mir gegenüber auch unendlich zärtlich war, fühlte ich doch, daß er rücksichtslos sein konnte. Einmal kam er ungeheuer aufgebracht nach Hause. Er war böse auf jemanden und sprach eine Weile laut vor sich hin; man hätte glauben können, er sei ein Staatsanwalt, der seine Anklagerede hält. Dann hat er sich plötzlich beruhigt und in friedvollem Ton abschließend gesagt: "Na schön, soll er doch krepieren. Ich muß sagen, das war schon sehr eindrucksvoll.
"Mit mir hat er niemals über seine Angelegenheiten gesprochen. Im Grunde war er sehr verschwiegen. Gott sei Dank war ich nicht neugierig. Damals war er fast 40 und ich 20 Jahre alt. Er imponierte mir ungeheuer, und ich hatte sofort gespürt, daß man ihm keine Fragen stellen dürfte. Er war unergründlich wie ein tiefer See."
Nach der Abreise Lubas kann sich Trepper ganz dem Kreuzzug gegen die Nazis widmen. Paris erscheint dem Grand Chef als die beste Plattform. Trepper richtet hier sein Hauptquartier ein und bemüht sich, einen Apparat aufzubauen, der den neuen Aufgaben gewachsen ist; Moskau ernennt ihn zum Residentur-Leiter, zum Verantwortlichen für die Sowjet-Spionage in ganz Westeuropa.
Zwei seiner besten Mitarbeiter sind bei ihm. Zunächst kommt Leon Grossvogel, dessen gesamter Besitz auf Grund der antijüdischen Gesetze von der Besatzungsmacht beschlagnahmt worden ist. Er stellt Trepper seine kaufmännische Erfahrung und sein Organisationstalent zur Verfügung.
In wenigen Wochen schafft er der Gruppe die finanzielle Basis und mietet in verschiedenen Gegenden von Paris ungefähr zehn Wohnungen, die als Treffpunkt oder Unterschlupf dienen können; er engagiert auch Agenten, die als "Briefkästen" fungieren sollen, um rasche, interne Verbindungen unter Beachtung strengster gegenseitiger Abschottung zu ermöglichen.
Der gesamte innere Aufbau des Apparates ist sein Werk. Grossvogel bürgt für gesicherten Nachschub, und gleichzeitig errichtet er eine gesellschaftlich eindrucksvolle Fassade. Wer würde diesen seriösen Herrn verdächtigen, der aussieht wie ein Generaldirektor, der immer tadellos gekleidet ist und sich leidenschaftlich für klassische Musik interessiert?
Er hat keinen Sinn für romantische Maskierungen. Er betreibt Spionage mit der gleichen ruhigen Umsicht, mit der er sein Textilgeschäft führte. Er besitzt die Qualitäten eines guten Generalstabschefs: Man steckt ihm ein Ziel, und er beschafft die notwendigen Mittel.
Was läßt sich über Treppers Mitarbeiter Hillel Katz sagen? Befähle ihm Trepper, sich der Gestapo zu stellen, würde Katz gehorchen, ohne ein Wort zu verlieren. Katz ist jung, schmächtig, klein und trägt eine Brille, die das halbe Gesicht verdeckt. Alle finden, daß er wie ein typischer Durchschnittsfranzose aussieht.
Aber auch er ist ein polnischer Jude. Trepper und Hillel Katz kennen sich von Palästina her, wo sie gemeinsam einen Hungerstreik unternommen haben. Dann sind sie nach Frankreich gekommen, und Katz hat sich als Maurer durchgeschlagen, bevor er später die rechte Hand des Grand Chef wurde.
Der kleine Katz ist immer optimistisch, immer vergnügt, von nie versagender Hilfsbereitschaft und totaler Selbstverleugnung. Er ist aus dem Stoff, aus dem die guten Märtyrer gemacht sind.
Die Feuerprobe steht nahe bevor. Man weiß es in Washington und in London, man weiß es in den neutralen Hauptstädten, wo die Zeitungen in Schlagzeilen berichten, daß die deutsche Wehrmacht am polnischen Ufer
Reichsaußenminister von Ribbentrop, August 1839 in Moskau.
des Bug aufmarschiert ist, bereit, nach Osten vorzustoßen.
Man weiß es in Genf, von wo der örtliche Leiter des sowjetischen Geheimdienstes, Alexander Rado, immer alarmierendere Nachrichten durchgibt. Man weiß es in Tokio, von wo Sowjetspion Richard Sorge mehrere Wochen im voraus Moskau das genaue Datum für den bevorstehenden deutschen Angriff meldet: Er wird am 22. Juni 1941 stattfinden.
Man weiß es in Paris. Der Grand Chef unterrichtet den Kreml schon vor dem Mai 1941 über Hitlers Offensivaufmarsch. Trepper hat die Bekanntschaft eines deutschen Ingenieurs namens Ludwig Kainz gemacht. Nach dem Polenfeldzug hat Kainz an den deutschen Befestigungen längs des Bugs mitgearbeitet. Im April 1941 wird er für kurze Zeit wieder dorthin beordert. Sofort fällt ihm auf, wie sich alles verändert hat und daß man sich zum Angriff rüstet.
Nach Frankreich zurückgekehrt, wettet er mit Trepper um eine Kiste Champagner, daß noch vor Ende Mai der Krieg ausbricht. Er verliert die Wette. Aber Kainz beharrt darauf, daß es sich nur um eine Verzögerung von einem Monat handelt: Hitler hat seine Angriffspläne lediglich verschoben, weil er im Balkan eingreifen und den geschlagenen Truppen Mussolinis zu Hilfe kommen mußte.
Kainz schließt eine neue Wette ab und verdoppelt den Einsatz: Termin Juni! Der Grand Chef hat aber noch andere Informationsquellen. Er steht in ständiger Verbindung mit einem braven österreichischen Oberst, der für die Versorgung der Wehrmacht in Frankreich verantwortlich ist.
Im Frühjahr 1941 vertraut dieser Mann Trepper an, daß er jetzt sehr viel weniger Versorgungsstationen benötigt: Aus Frankreich werden Besatzungstruppen abgezogen. Wohin? Trepper weiß es aus Hunderten von Berichten, die er von französischen Eisenbahnern erhält: nach Osten, in Richtung Polen.
Schließlich erhält er nach zahlreichen Trinkgelagen in Pariser Nachtklubs von einer Gruppe höherer SS-Führer die letzte Bestätigung: Sie feiern ihre Verlegung nach Polen und trinken mit ihm auf die bevorstehende russische Niederlage.
Zweimal warnte Trepper seine Moskauer Vorgesetzten. Seine Berichte werden durch den Militärattaché an der sowjetischen Botschaft in Vichy, General Susloparow, weitergeleitet. Eigentlich darf Trepper keinerlei Kontakt zu ihm unterhalten. Aber er ist beunruhigt, denn er sieht die entscheidende Stunde heranrücken und ist noch nicht gerüstet für den Kampf. Er braucht Sendegeräte.
Er setzt sich über die Befehle hinweg und bestürmt den Militärattaché Susloparow, ein phantasieloser Berufsoffizier, beruhigt ihn und meint, es sei doch alles nicht so brandeilig.
Am Abend des 21. Juni 1941 kommt Trepper nach Vichy und stürzt zu Susloparow: "Hier ist eine dringende Meldung, die sofort übermittelt werden muß!" Susloparow will die Gründe für seine Aufregung wissen. Trepper eröffnet ihm, daß die Wehrmacht noch in der gleichen Nacht Rußland angreifen wird.
Der General lacht schallend: "Du bist vollkommen verrückt, du dummer Kerl! Das ist undenkbar. Völlig ausgeschlossen. Auf keinen Fall gebe ich diesen Funkspruch durch, du machst dich nur lächerlich." Trepper läßt nicht locker, der andere gibt schließlich nach. Der Spruch wird abgeschickt.
Erschöpft geht der Grand Chef in sein Hotel. Am nächsten Morgen weckt ihn der Hotelbesitzer: "Monsieur, es ist soweit. Sie sind in Rußland eingefallen!"
Zwei Tage später kommt der Adjutant von Susloparow auf Umwegen von Moskau nach Vichy zurück. Trepper erkundigt sich, ob seine Warnung beachtet wurde. Der Russe antwortet: "Ich habe den Direktor (des Geheimdienstes der Roten Armee) an dem Abend gesehen, an dem dein Funkspruch eintraf. Er hat mir versichert, die Meldung sei unverzüglich dem Chef (Stalin) gezeigt worden, Der soll, sehr überrascht, gesagt haben: "Gewöhnlich schickt uns Trepper wertvolles Material, das seinem politischen Verstand Ehre macht. Warum hat er nicht sofort gemerkt, daß es sich nur um eine plumpe englische Provokation handeln kann?"'
Eine englische Provokation? Dieses Wort ist dem Direktor des sowjetischen Nachrichtendienstes schon geläufig. Im Laufe des Monats April hat er Stalin den Bericht eines tschechischen Agenten übermittelt, aus dem hervorging, daß die Rüstungsfabriken von Skoda den Befehl erhalten hatten. russische Bestellungen nicht mehr auszuführen, und daß die Deutschen begannen, Truppen an der sowjetischen Grenze zusammenzuziehen.
Mit roter Tinte hatte Stalin auf den Bericht geschrieben: "Diese Information ist eine englische Provokation. Herausfinden, von wem diese Provokation stammt und ihn bestrafen." Der Major Achmedow' Chef der 4. Abteilung des russischen Geheimdienstes, wurde sofort in der Tarnung eines Korrespondenten der Agentur "Tass" nach Deutschland geschickt, um den Schuldigen zu suchen; der deutsche Angriff ließ ihm aber keine Zeit dazu.
Moskau hat sich also bis zum ersten Kanonenschuß geweigert, an den unmittelbar bevorstehenden Krieg zu glauben, der ihm aus Genf, aus Tokio und aus Paris angekündigt worden war.
Seit langem hatte Stalin immer wieder proklamiert, er werde dem Kampf zwischen kapitalistischen und faschistischen Ländern ruhig zusehen; die Rote Armee würde sich nur in Bewegung setzen, um nach der Erschöpfung aller kriegführenden Nationen die Ernte in Europa einzuheimsen.
Im Frühjahr 1941 glaubte Stalin, die Frucht sei noch nicht reif. Stalin hat sich getäuscht. Wir kennen den Preis, den sein Land zahlen mußte: Tausende am Boden zerstörte Flugzeuge; überrannte, umzingelte, vernichtete russische Divisionen -- der Weg nach Moskau offen ...
In Tokio und an anderen Orten zahlte man auch: mit Nerven. Nichts ist für einen Spion unfaßbarer als die Entdeckung, daß er sein Leben für nichts und wieder nichts aufs Spiel gesetzt hat, daß seine Warnrufe zwar gehört, aber nicht beachtet werden. Klausen, der Funker von Richard Sorge, sagt: "Richard war außer sich, es war das einzige Mal, daß wir beide maßlos wütend waren. Sorge ist aufgesprungen, im Zimmer auf und ab gerannt, hat sich den Kopf mit beiden Händen gehalten und immer wieder gestöhnt: "Jetzt hab ich's aber satt! Warum glauben sie mir nicht? Wie können nur diese Unglücksmenschen unsere Meldungen so völlig außer acht lassen?'" Moskau hatte auf Sorges Meldung geantwortet: "Wir bezweifeln die Glaubwürdigkeit Ihrer Information
Trepper dagegen ist einfach glücklich; das Gefühl der Erleichterung fegt alles hinweg, auch den Groll, verkannt worden zu sein. Alle, die ihn während dieser historischen Woche gesehen haben, bestätigen seinen Enthusiasmus; er strahlte vor Glück, er war im wahrsten Sinne des Wortes närrisch vor Freude.
Natürlich fehlte es ihm nicht an politischem Verständnis. Er hatte eingesehen, daß der deutsch-sowjetische Pakt notwendig war, um der Roten Armee eine längere Atempause zu verschaffen. Aber welch ein Kampf für ihn, welche Qual, die tiefsten Gefühle betäuben zu müssen!
Trepper und seine alte Garde waren keine Berufsspione; sie glichen in keiner Weise den "Supermen' der Spionageromane, die, mit allen möglichen komplizierten "gadgets" ausgerüstet, jedwede Mission für jedweden Auftraggeber ausführen; sie unterschieden sich sogar von den heutigen Spezialisten, ob Kommunisten oder nicht, bei denen die Leidenschaft für ihren Beruf den verschwundenen Glauben ersetzt hat.
Hätte man Trepper und seinen Leuten gesagt. sie seien Spione, würden si diese Bezeichnung schroff zurückgewiesen haben: Sie hielten sich für Revolutionäre. Ein gerader Weg führt Trepper von den Aufständen in Dombrowa über die politische Tätigkeit in Palästina bis zu der Arbeit für den Geheimdienst. Für ihn ist es der gleiche Kampf, nur an verschiedenen Fronten.
Der 22. Juni 1941 ist für Treppers Apparat der Beginn eines unbarmherzigen Kampfes, der für jeden von ihnen die Gefahr birgt, das Leben oder die Selbstachtung zu verlieren. Aber diese Gefahren bedeuten wenig gegenüber der ungeheuren Erleichterung, endlich aus einer zwiespältigen Situation herausgerissen zu werden.
Der Spionageapparat beginnt die Arbeit. Brüssel ist zunächst das Herz der Roten Kapelle; Berlin ist ihr Hirn -- ein Hirn, das mit der Präzision einer elektronischen Rechenmaschine alle Nachrichten aus Deutschland sammelt und verarbeitet -, Paris aber stellt das Nervenzentrum des großen Netzes dar. Von Paris aus schwärmen Kuriere mit den Befehlen des Grand Chef durch ganz Europa, in Paris strömen alle Berichte zusammen, die -- nach Moskau weitergeleitet -- dem Direktor ermöglichen, die Tätigkeit der Agenten bis in alle Einzelheiten zu verfolgen.
Der Grand Chef sorgt dafür, daß die Spionagegruppen in Brüssel und Paris sich kaum berühren -- oft wissen in einer Gruppe die Mitarbeiter nichts voneinander. Das zeigt sich am Beispiel der Trepper-Gehilfen Makarow und Grossvogel.
Moskau hatte schon 1939 dem Grand Chef zur Verstärkung des belgischen Netzes Michail Makarow alias Carlos Alamo geschickt. Zunächst galt es, Makarow die sichere Deckung der Textilfirma "Au Roi du Caoutchouc" zu verschaffen.
Makarow verfügte über 10 000 Dollar. Trepper schlägt ihm vor, in der belgischen Presse eine Anzeige zu veröffentlichen, in der ein südamerikanischer Geschäftsmann eine Beteiligung an einem gutgehenden Handelsunternehmen sucht. Zur gleichen Zeit bestürmt Madame Grossvogel, die eine Zweigniederlassung der Textilfirma in Ostende leitete, ihren Mann, einen Stellvertreter zu ihrer Entlastung zu suchen.
Der Grand Chef rät Grossvogel, auf Zeitungsannoncen zu achten. Das Angebot von Carlos Alamo fällt dem Belgier auf; er antwortet. Makarow seinerseits unterrichtet den Grand Chef, der ihm versichert, daß eine Textilfirma als "Deckung" günstig ist. Die Sache klappt. Makarow übernimmt die Zweigniederlassung in Ostende.
Dieses Vorgehen ist ein Musterbeispiel für die russische Schulung. Im Moskauer Spionageunterricht hat der Schüler Trepper sicherlich von einer Kontaktaufnahme zweier sowjetischer Agenten in einem angelsächsischen Land gehört: Beide Männer schrieben sich als Mitglieder im gleichen Golfklub ein, vermieden es aber auf das sorgfältigste, sich auf dem Gelände zu treffen. Eines Tages gab der Präsident des Klubs ein Abendessen, zu dem beide eingeladen wurden. Da sie sich nicht zu kennen schienen, machte der Präsident sie miteinander bekannt.
Der Vorteil eines solchen Vorgehens liegt auf der Hand: Falls die Polizei einen von ihnen verhaftet und versucht, den anderen als Komplicen zu entlarven, können sie behaupten, daß sie sich auf ganz harmlose Weise kennengelernt haben.
Aber der Grand Chef verfeinert diese in Rußland gelernte Methode sogar noch. Makarow und Grossvogel wissen nichts von ihrer Zugehörigkeit zum gleichen Spionagenetz. Der Russe ist überzeugt, in einer banalen Handelsfirma "Deckung" gefunden zu haben. Der Belgier glaubt, er habe es mit einem schlichten Südamerikaner zu tun. Selbst unter schlimmsten Torturen könnten Grossvogel und Makarow sich nicht gegenseitig denunzieren: Sie wissen nichts voneinander.
* Links: Heeres-Oberbefehlshaber von Brauchitsch. Rechts: Heeres-Generalstabschef Halder.
So sieht das Spionagenetz aus, das von Brüssel aus seine Fäden über den Kontinent ausbreitet. Zugleich aber ist Brüssel Kommandostand einer Organisation, die sich über Belgien und Holland erstreckt und Informationen über diese Länder an die Widerstandsbewegungen weiterleitet.
Vor allem aber ist es das Herz des erstaunlichen Spionageapparates der Roten Kapelle. Von Dutzenden über ganz Europa verstreuten Agenten werden Nachrichten nach Brüssel gepumpt und von dort an die Zentrale in Moskau weitergegeben.
Für Moskau, betäubt vom Kanonendonner und vom Dröhnen der deutschen Flugzeuggeschwader, ist die Stimme aus Brüssel die Stimme der Hoffnung. Fronten werden eingedrückt, ein Deich nach dem anderen bricht, die feldgraue Flut überschwemmt das Land und kommt den Mauern des Kreml bedrohlich näher.
Aber es gibt den Brüsseler Horchposten, der inmitten glorreicher deutscher Siegesmeldungen winzige Dissonanzen registriert: die Zweifel von Hitlers Generalen, die Erschöpfung der Truppen, die Materialverluste.
Zu der Zeit, da Adolf Hitler vor den Berlinern brüllt: "Ich erkläre heute ohne jede Einschränkung, daß unser Feind im Osten niedergeschlagen ist und sich niemals wieder erheben wird', ist es die Stimme aus Brüssel, die Moskau immer wieder ermutigt, nicht alle Hoffnung aufzugeben.
Sie übermittelt dem Generalstab der Roten Armee auch viele taktische Auskünfte, aber die sowjetischen Generale, vom Feind bedrängt, können keinen Gebrauch davon machen; die deutsche Übermacht ist so groß, daß die Russen, selbst wenn sie vom bevorstehenden Angriff unterrichtet sind, den Vorstoß nicht abfangen können. Der Roten Armee ist es noch nicht gelungen, genügend Raum zwischen sich und dem Feind zu gewinnen, um die Truppen neu zu ordnen und die erhaltenen Informationen erfolgversprechend verwerten zu können.
Aber am 12. November 1941, genau an dem Tag, an dem sich die Generalstabschefs von drei deutschen Armeen in Orscha treffen, um den letzten Ansturm gegen die russische Hauptstadt vorzubereiten (die Vorhuten der Panzertruppen stehen 25 Kilometer vor Moskau), trifft ein Funkspruch aus Brüssel bei der Zentrale ein.
Dieser Funkspruch sollte in die Geschichte eingehen.
Von Kent an Direktor. Quelle: Choco. Plan III mit Ziel Kaukasus, der ursprünglich für November vorgesehen war, tritt Im Früh-Jahr 1942 in Kraft, Aufmarsch soll bis 1. Mai beendet sein. Alter Nachschub geht am 1. Februar mit Hinblick auf dieses Ziel. Aufmarsch für Kaukasus-Offensive: Losowaja -- Balakleija -- Tschuguiew -- Belgorod-Achtyrka-Krasnograd. Oberkommando In Charkew. Weitere Einzelheiten folgen.
Moskau wird nicht erobert werden. Fünf Tage später, am 17. November, wirft sich die Kavallerie der 44. mongolischen Division vor Mussino, 50 Kilometer vom Kreml entfernt, mit blankem Säbel dem Feind entgehen, und ihre blutige Attacke gibt den aus Sibirien herangebrachten Truppen das Signal zum Angriff. Diese frischen Divisionen hat Stalin vor seiner Hauptstadt zusammenziehen können, weil der Agent Richard Sorge ihm versichert hat, daß Japan nicht in Sibirien angreifen, Rußland also nicht in den Rücken fallen wird.
Und während die Rote Armee sich noch vor den Toren von Moskau schlägt, nennt ihr die Rote Kapelle mit dem historischen Telegramm vom 12. November -- neun Monate im voraus -- schon den Ort der nächsten Schlacht, an der weitentfernten Wolga: Stalingrad.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Rote Kapelle unterwandert die deutsche Besatzungsarmee im Westen -- Moskaus Geheimdienst verliert die Verbindung mit Berlin -- Treppers Tarnfirmen erzielen Rekordgewinne
Von Gilles Perrault

DER SPIEGEL 22/1968
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