27.05.1968

MEDIZIN / CONTERGAN-PROZESSGegen u. a.

Sechseinhalb Jahre lang stöberte die Aachener Staatsanwaltschaft in vergilbten Geschäftsbriefen, Vertreterberichten, Besprechungsprotokollen. Staatsanwälte führten Fachgespräche an den medizinischen Fakultäten nahezu aller deutschen Hochschulen. Ermittlungen reichten bis nach Australien, Japan und Ghana -- in 47 Länder.
Denn in 47 Ländern ist zwischen 1957 und 1961 der Schlafmittelwirkstoff Thalidomid -- deutsche Handeisbezeichnung: Contergan -- vertrieben worden, dessentwegen die Aachener Anklagebehörde ermittelte.
Schon vor der Eröffnung der Hauptverhandlung im Kasinosaal der Grube "Anna" zu Alsdorf bei Aachen, schon bevor die Fernseh-Kameras der Welt das juristische Nachspiel zur Contergan-Tragödie ins Haus flimmerten, war deutlich: Es wird der größte Strafprozeß in der Geschichte der deutschen Justiz sein, der hier seinen Anfang nimmt.
Er drohte zu scheitern, ehe er begonnen hatte. Am vorletzten Wochenende ließ das Gericht die mehr als 300 Nebenkläger wissen, daß der prominenteste der neun Angeklagten im Contergan-Prozeß, Firmen-Chef Hermann Wirtz, 71, an der Verhandlung nicht teilnehmen könne: wegen Erkrankung.
Wirtz, geschäftsführender Gesellschafter der Contergan-Herstellerfirma Chemie Grünenthal GmbH in Stolberg bei Aachen, war eine Woche zuvor an einem durchgebrochenen Geschwür des Zwölffingerdarms operiert worden. Ein Amtsarzt, vom Aachener Gericht beauftragt, bescheinigte die Verhandlungsunfähigkeit des Patienten.
Frühestens in drei Monaten, so die Prognose der behandelnden Mediziner, werde Wirtz so weit hergestellt sein, daß er vor Gericht erscheinen könne. Doch angesichts des detailliert ausgearbeiteten Zeitplans für die Hauptverhandlung und bedrängt von den Eltern der geschädigten Kinder -- deren Schadensersatzansprüche erst nach Abschluß des Strafverfahrens durchgefochten werden sollen -, mochte die Aachener Strafkammer den Prozeßbeginn nicht noch länger hinauszögern. Das Verfahren gegen Wirtz wurde abgetrennt.
"Gegen Wirtz u. a." -- so das Deckblatt der Anklageschrift hatte die Staatsanwaltschaft ihre Beschuldigungen vorgebracht und so den Eindruck erweckt, als stünde der Firmen-Chef im Zentrum des Verfahrens. In Wahrheit gehörte er seit Beginn der Ermittlungen zu jenen Beteiligten, die am ehesten eine Chance hatten, vom Strafverfahren verschont zu bleiben. Die allzu wechselvolle Geschichte seiner Verteidigung mag dazu beigetragen haben, daß alles zu seiner Entlastung vorgebrachte Material nicht ausreichte.
Anfänglich hatte sich Wirtz von dem Bonner Rechtsprofessor Hans Dahs vertreten lassen. Aber 1966 trennte sich Wirtz wieder von dem Professor. Dahs hatte unter anderem jene Taktik befürwortet, die zumindest in der Öffentlichkeit dem Image der Firma Grünenthal nach der Contergan-Tragödie Schaden zufügte: Die Firma dürfe auf keinen Fall den Eltern mißgebildeter Kinder finanzielle Hilfe gewähren oder über einen der Wohlfahrtsverbände mit Spenden hilfreich sein -- weil ein solcher Akt, wie Dahs meinte, einer vorzeitigen Schuldanerkenntnis gleichkäme (nach dem Weggang von Dahs spendete Grünenthal dann doch 500 000 Mark).
In Schweden und England, wo das Contergan-Unglück weit geringeres Ausmaß hatte, hatten sich die Lizenz-Firmen, die Thalidomid-Präparate vertrieben hatten, alsbald zu Spenden in der Größenordnung von einigen Millionen Mark bereit gefunden. Aber die Verbitterung der betroffenen Eltern über den Grünenthal-Entschluß schien noch verständlicher, seit das Gerücht umlief, die Firma Grünenthal habe (zusammen mit ihrer Mutter-Firma Dalli-Werke Maurer & Wirtz) für den Fall möglicher Schadensersatzansprüche Rückstellungen in Höhe von 120 Millionen Mark vorgenommen.
Nach Dahs wurde Rechtsanwalt Dr. Josef Neuberger als persönlicher Verteidiger von Wirtz federführend. Und er glaubte am ehesten den Nachweis führen zu können, daß sein Mandant wenig Anteil an den Geschäftsabläufen im Zusammenhang Contergan gehabt habe. Mithin würden die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft den bejahrten Firmen-Herrn am wenigsten betreffen.
Aber Neuberger wurde im Dezember 1966 Justizminister von Nordrhein-Westfalen und mußte die Wirtz-Verteidigung niederlegen. Der Minister hat sich ausbedungen, daß alle Entscheidungen und Weisungen, die sein Ministerium in Sachen Contergan zu treffen hätte, ihm, dem Befangenen, erspart bleiben; Staatssekretär Freiherr Friedemann von Münchhausen entscheidet an Neubergers Stelle.
Mit einer theatralischen Geste hatte sich Grünenthal-Senior Wirtz, wenn er zur Hauptverhandlung hätte erscheinen können, vor Gericht einführen wollen: Er fühle sich nicht schuldig, so der Inhalt einer von ihm schon entworfenen Erklärung, wolle aber, falls es zum Schuldspruch käme, möglichst auch für seine Angestellten mit einstehen.
Nun wird der bieder-ehrsame Chef des niederrheinischen Familienunternehmens am Prozeß um die Tragödie eines Medikaments nicht teilnehmen.
Das wird das Gewicht des Aachener Contergan-Prozesses, in dem mehr zur Debatte steht als nur die etwaige Schuld der verbliebenen acht Angeklagten, wenig mindern. In einer Titelgeschichte (die wegen der Ereignisse in Frankreich verschoben wurde) wird der SPIEGEL in seiner nächsten Ausgabe über diese Aspekte des Aachener Contergan-Prozesses berichten.

DER SPIEGEL 22/1968
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