27.05.1968

MUSIK / PALMMit doppeltem Bogen

Immer wenn es Europas Neutöner nach einem Cello-Solisten verlangt, ist nur einer zur Stelle: Siegfried Palm aus Köln, 41, streicht, zupft und schlägt auf seiner Kniegeige einfach alles, was zeitgenössische Cello-Musik an Vertracktem zu bieten hat.
Unlängst saß der Virtuose mit dem Backenbart, der zu den kühl-intellektuellen Interpreten der jungen Musik-Generation gehört, auf der Bühne des Barmer Opernhauses und begleitete schwitzend, hechelnd und zäh wie ein Hochleistungs-Sportler eine choreographische Kreation des jugoslawischen Tanzmeisters Ivan Sertic mit dem Zweiten Cellokonzert von Bernd Alois Zimmermann ("Die Soldaten").
Wochen zuvor hatte er bei der Bremer Uraufführung des "Capriccio" von Krzysztof Penderecki seine hohe Force-de-frappe-Kunst demonstriert; weitere Neutöne aus Palms großem Repertoire (von Debussy, Penderecki, Hindemith, Webern, Zimmermann und Ligeti) offeriert die Firma "Wergo" demnächst auf einer ersten Palm-Platte.
"Ich könnte", sagt Palm, "drei ganze Vortragsabende ausschließlich mit zeitgenössischer Musik bestreiten" -- und das ist viel. Denn in den letzten anderthalb Jahrhunderten europäischer Musikgeschichte wurde das Violoncello als Solo-Instrument nie sonderlich geschätzt, von den Komponisten der Klassik und Romantik sowenig wie von den Zwölftönern.
Erst den Avantgardisten der fünfziger Jahre wurde klar, daß sich der bislang so verschmähten Tenorgeige völlig neue und durchaus erwünschte Klangeffekte entlocken ließen -- zumindest dann, wenn Siegfried Palm sie zwischen den Knien hielt.
Der Cellisten-Sohn Palm, einst Paukenschläger in der HJ, nach dem Krieg jugendlicher Solo-Cellist im Hamburger Rundfunk-Symphonie-Orchester, war 25 Jahre alt und wohlgeübt im traditionellen Strich nach Vivaldi und Haydn, als er vom Komponisten Winfried Zillig für die moderne Musik rekrutiert wurde:
Zillig bot ihm 1953 den Solopart in seinem kniffligen Cellokonzert an; Palm akzeptierte, ohne die Stimme geprüft zu haben, und entzückte mit makellosen Doppelgriffen sowohl Zil lig wie Zulligs Zunftgenossen. Ob Zimmermann oder Penderecki, György Ligeti, Milko Kelemen, Robert Wittinger oder Yannis Xenakis -- sie alle hatten fortan für den so unverhofft entdeckten Virtuosen viel Arbeit, und recht mühselige dazu.
So verlangt Zimmermann von seinem Interpreten ein bis dahin unbekanntes Terzenflageolett, das nur mit drei Fingeransätzen erzeugt werden kann, oder Doppelgriffe, die nur dann möglich sind, wenn der Bogen unter den Saiten bindurchgeführt wird. Ligeti wiederum schreibt für den Beginn seines Cellokonzerts ein achtfaches Pianissimo vor (Palm: "Wenn man nichts mehr hört, ist es noch zu laut"). Und Xenakis fordert, laut Palm, bei seinem Stück "Nomos Alpha" schlicht die "absolute Selbstaufgabe des Cellisten".
Allerdings, mag er sich zuweilen auch selbst aufgeben, seinen kostbaren Streich-Bogen weiß Palm wohl zu schützen, wenn er zu Pendereckis "Sonate für Violoncello und Orchester" aufs Podium tritt: Bei den zahlreichen Partien, in denen die Cello-Saiten nicht mit den Haaren des Bogens, sondern mit dem Holz der Stange ("col legno") gestrichen oder geschlagen werden, legt Palm sein 3000-Mark-Holz beiseite und schlägt mit einem billigeren Stück.
Doch ob nun mit billigem oder teurem Bogen, seinen Ruhm streicht Palm auf seiner Giovanni Battista Grancino -- ein Motorboot gleichen Namens liegt vor Palms Ferienhaus in Bardolino am Gardasee -- allemal heraus. Seit Jahren leitet er in den Darmstädter Internationalen Ferienkursen für Neue Musik eine Cellistenklasse, seit Jahren lehrt er auch an der Musikhochschule in Köln, der Heimstatt Karlheinz Stockhausens und Mauricio Kagels.
Die beiden Radikalkomponisten in seiner Nachbarschaft freilich haben dem Palmschen Virtuosentum noch nichts Konzertantes abgefordert. Stockhausen mißtraut dem sinnlich-seidenen Klang des Cellos zu sehr, Kagel betrachtet jedes Solokonzert als "unbrauchbares Relikt einer spätbürgerlichen Musizierpraxis".
Dafür präsentierte Kagel während eines Darmstädter Ferienkurses den Cellisten als zirzensisches Wunderwesen, das nach Anweisung je drei verschiedene Hand- und Fingergriffe mit der Rechten und Linken gleichzeitig ausführen mußte. Kagel: "Das geht zwar nicht, aber er bemüht sich."
Und gelegentlich lädt Kagel den Casals der neuen Töne, der die Vorliebe seines
Marx-gläubigen Sohns Stefan, 14, für Beatmusik teilt, gelegentlich mit Klaus Storck, einem anderen Kölner Cello-Professor, zu seinem "Match", einer Art "musikalischem Ping-Pong-Spiel",aufs Konzertpodium' wo
beide Cellisten mit Musik-Fetzen abwechselnd gegeneinander ankämpfen -- der Kölner Schlagzeuger Christoph Caskel dient dabei mit Handzeichen, Pauken, Rasseln, Klingeln und Trillerpfeife als Schiedsrichter.
Siegfried Palm, der seine Tourneen nach dem Schlemmerlokal-Verzeichnis der "Chaine des Rötisseurs" plant -- das Baden-Badener "Stahlbad" steht ihm selbst an Ruhetagen und nach Mitternacht zum Gelage offen -- und der im Opel Diplomat von Podium zu Podium rast, ist auch zu solch klangvollem Sport bereit.
Er scheut nicht Experiment noch Jux und billigt auch jenen exklusiven Wohltätigkeits-Klub (120 Mitglieder), der letztes Jahr beim Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Prag gegründet wurde und der seinen Namen trägt.
Der Klub heißt: "Internationale Gesellschaft zur Förderung von Siegfried Palms Bart".

DER SPIEGEL 22/1968
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