06.05.1968

„Eine ,Bild'-Schlagzeile ist mehr Gewalt als ein Stein am Polizisten-Kopf“

Der SPIEGEL, der letzte Woche die Veröffentlichung einer Dokumentation über die Oster-Revolte deutscher Studenten begann, untersucht in dieser Woche die Rolle des Springer-Konzerns vor und nach dem Attentat auf den SDSFührer Dutschke. Seit über zwei Jahren haben die Springer-Blätter „Bild“, „Welt“, „Hamburger Abendblatt“, „BZ“ (Berlin) und „Berliner Morgenpost“ die unruhigen Studenten verteufelt; die Reaktion der Rebellen war entsprechend. Politiker, Professoren und andere Zeitgenossen urteilten unterschiedlich über die publizistische Macht des Springer-Konzerns.
1. Fortsetzung
"Bild" vom 7. Februar 1966 über eine Vieznam-Demonstration Berliner Studenten:
Dümmer geht's nicht ... Es ist an der Zeit, diesen Leuten mit aller Deutlichkeit zu sagen: ... Zwei Millionen Berliner lassen sich nicht von 1500 Wirrköpfen auf der Nase herumtanzen. Sie werden dafür sorgen, daß in Zukunft ähnlichen Demonstrationen die gebührende Antwort zuteil wird. Leserbrief in der "Berliner Morgenpost" vom 9. Februar 1966:
... das Trojanische kommunistische Pferd ist in Berlin, es hat Unterschlupf gefunden bei den Studenten ... Franz Labudda, Berlin 20.
"Bild" vom 6. April 1967 Ober das studentische Happening der "Kommune 1" gegen US-Vizepräsident Humphrey (Wurfgeschosse aus Weizenmehl und Joghurt):
Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit sprengstoffgefüllten Plastikbeuteln -- von den Terroristen "Mao-Cocktail" genannt -- und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt vorbereitet.
"Berliner Morgenpost" vom 6. April 1967: FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking. "BZ" vom 7. April 1967:
Was tut sich da für ein Abgrund von Gesinnungslumperei auf! Diese Jungakademiker sollen einmal in leitende Stellungen rücken. Sollen uns regieren, verwalten und belehren. Diese rüden Burschen?
"Berliner Morgenpost" vom 8. April 1967: ... Mit beschwichtigenden Reden und Nachsicht werden wir sie weder zur Vernunft noch zur Friedfertigkeit verlocken können. Im Gegenteil ... Wie lange noch will der Senat, wie lange noch wollen die Berliner sich das ansehen?
"Oie Weit" vom 21. April 1967:
... zunächst einmal gehört auf einen groben Klotz ein grober Keil. "Bild" vom 28. April 1967:
Die "Lehren" Mao Tse-tungs aus dem fernen Peking sind für sie das Evangelium
Was wollen sie eigentlich?
Um jeden Preis den Bürgerschreck spielen .. Die Drahtzieher sitzen jenseits der Mauer. In der Chinesischen Botschaft in Ost-Berlin. Von ihr erhalten die "Rotgardisten" immer neues Propagandamaterial für ihre zahllosen Flugblätter -- und Regieanweisungen.
"BZ" vom 5. Juni 1967 (noch den Demonstrationen gegen den Schah, bei denen der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde):
Was gestern in Berlin geschah -- es hat nichts mehr mit Politik zu tun. Das war kriminell.
Das war kriminell in übelster Weise. Diese Leute können von der Bevölkerung kein Verständnis mehr erwarten.
Zwischen politischem Protest und sinnloser Pöbelei ist ein himmelweiter Unterschied.
Hysterie, Rabaukentum und Terror sind keine Ausdrucksformen der politischen Auseinandersetzung.
Leserbrief In der "Berliner Morgenpost" vom 3. Juni 1967:
die studentischen Rabauken müssen mitsamt ihren mit ihnen sympathisierenden Hochschullehrern sofort von der Freien Universität verwiesen werden ... W. S. Berlin 51.
"Berliner Morgenpost" vom 5. Juni 1967:
·.. Wer es wohl meint mit Berlin ... der jage endlich die Krawall-Radikalen zum Tempel hinaus ...
Leserbrief in der "Berliner Morgenpost" vom 4. Juni 1967:
Die Drahtzieher der Demonstrationen wurden zu Mördern, sie wußten, daß bei ihren Krawallen Blut fließen würde, und sie wollten es offensichtlich auch ... D. Wapler, Berlin 41. Leserbrief in der "Berliner Morgenpost" vom 4. Juni 1967
Wann wird wohl endlich der Rummel aufhören mit den idiotischen Demonstrationen der Studenten? A. H., Berlin 30.
"Bild" vom 3. Juni 1967:
Münchens Polizeipräsident (hat) angekündigt: Von jetzt an billigen wir kriminellen Minderheiten, die das Wort Demokratie nicht einmal buchstabieren können, keine Narrenfreiheit mehr zu. Wir werden sie einfach abschieben. Berlin muß diesem Beispiel folgen!
"Berliner Morgenpost" vom 4. Juni 1967:
Das Maß ist nun voll ... Wir sind es endgültig leid, uns von einer halberwachsenen Minderheit, die noch meist Gastrecht bei uns genießt, terrorisieren zu lassen. "BZ" vom 5. Juni 1967:
Mit diesen Leuten kann nicht mehr diskutiert werden! Denn sie haben selber den Boden der Demokratie verlassen! ... Wenn diese Leute Staat und Gesellschaft weiter herausfordern, dann muß diese Herausforderung angenommen und ihr Terror gebrochen werden.
Leserbrief in "Bild" vom 6. Juni 1967:
Raus mit den randalierenden Studenten. Sie dürfen nicht länger den Ruf Berlins gefährden. Ursula K., Berlin 62.
William S. Schlamm in der "Welt am Sonntag" vom 10. Dezember 1967:
Es ist an der Zeit, sich bewußt zu machen, daß die Dutschkes und Teufels die deutsche Jugend etwa so repräsentieren wie ein Rohköstler die Münchner Fleischselcher repräsentieren würde.
"Hamburger Abendblatt" vom 20. Januar 1968:
Da aber ist die Grenze erreicht, wo Ordnung und Autorität, ohne die auch ein demokratisches Staatswesen nun einmal nicht existieren kann, in unmittelbare Gefahr geraten ... da hilft nur noch eins: Härte.
Matthias Walden in der "Welt" vom 7. Januar 1967:
Es geht darum, die Wahrheit zu sagen: wir haben es hier mit einer akademischen Variante des Gammlertums zu tun.
Der "unwissenschaftlichen" physischen Ungewaschenheit als Mittel, fehlende Geltung und Mangel an Persönlichkeit durch Bürgerschock zu ersetzen, erstand eine noch viel unangenehmere Parallele der vorsätzlichen geistigen Ungewaschenheit. Wir sind Nasenzeugen des peinlichen Geruches, der dabei entsteht
"Die Welt" vom 3. Februar 1968:
...Ulbricht muß, wenn er die Berichte über tumultuarische Ereignisse in der Bundesrepublik liest, die Überzeugung gewinnen, sein Weizen blühe schon im freien Teil Deutschlands und die Erntezeit rücke heran. Manche der von Ulbricht beklatschten und ermunterten Radikalen wissen nicht, was sie tun, andere wissen es desto besser und spielen ihre Rollen, wie es die Regie vorschreibt. Es ist an der Zeit, dies zu erkennen und entsprechend zu handeln.
"Bild" vom 7. Februar 1968:
... und jetzt -- 1967,"68 -- gibt es den Wanderzirkus der Revolution -- in Berlin, in Bremen, in Freiburg, in Bochum, in Frankfurt
Man darf über das, was zur Zeit geschieht, nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.
Schlafen unsere Richter? Schlafen unsere Politiker? Wie lange wollen sie noch zulassen, daß unsere jungen Leute von roten Agitatoren aufgehetzt, daß unsere Gesetze in Frage gestellt, unterwandert und mißachtet werden?
Sind wir denn eine Apfelsinen-Republik, in der man Recht und Gesetz, Autorität und Ordnung unter fadenscheinigen Vorwänden mit Füßen treten darf?
Aber unsere Jung-Roten sind inzwischen so rot, daß sie nur noch rot sehen, und das ist gemeingefährlich und in einem geteilten Land lebensgefährlich. Stoppt ihren Terror jetzt! "Bild" vom 23. Februar 1968:
Sie kochen ihr Süppchen auf dem Feuer der Radikalen und merken nicht, daß Dutschkes Zottelhaare Otto Normalvorbraucher im Halse stecken bleiben.
"Bild" vom 13. April 1968:
Im Berliner Westend-Krankenhaus ringen die Ärzte um Dutschkes Leben. Und wer hat auf ihn geschossen? Nicht Bundeskanzler Kiesinger, nicht Berlins Regierender Bürgermeister Schütz und auch nicht Springer ... Der fanatische Linksradikale Dutschke wurde das Opfer eines halbirren Rechtsradikalen
Martin Luther Kings Kampfgefährten beschworen nach seinem Tode die farbige Minderheit Amerikas: "Laßt nicht die Gewalt über uns kommen.
Dutschkes Anhänger jedoch rufen auch jetzt, da er das Opfer des von ihm gepredigten Hasses wurde, nach Gewalt.
Sie fragen weder nach dem Täter noch nach Motiven. Sie übersehen geflissentlich, daß Kiesinger, Schütz und Springer nichts, aber auch gar nichts mit einem Mann zu tun haben, der einen Hitler- und Napoleon-Tick hat ...
Einer der größten Industriestaaten der Welt darf kein Hottentottenland werden, in dem jeder, der sich ungerecht behandelt fühlt, Steine wirft, Feuer legt oder zur Pistole greift.

DER SPIEGEL 19/1968
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