06.05.1968

BUNDESPRÄSIDENT / LÜBKE

Gutes Geschäft

Viele von Ihnen sind wohl gekommen mutmaßte Heinrich Lübke, "um diesen Schwerverbrecher einmal zu sehen." Der Bundespräsident sprach von sich selber.

Anders konnte sich Staatsbesucher Lübke am Samstag vorletzter Woche das Gedränge auf einem Empfang in der Residenz des deutschen Tunesien-Botschafters nicht erklären. Derart viele Angehörige der deutschen Kolonie und Neckermann-Touristen vom Hammamet-Strand hatten sich eingefunden, daß dem deutschen Staatsoberhaupt übel zu werden drohte: "Die Luft ist zum Schneiden. Ich bin nicht sicher, daß ich nicht umfalle."

Unter den Anwesenden war auch Bonns Außenminister und SPD-Chef Willy Brandt. Er wollte sich auf seiner ersten Auslandsreise mit Heinrich Lübke auch über die Frage schlüssig werden, ob es für die SPD ratsam sei, einen Vorstoß des CDU/CSU-Fraktionschefs Rainer Barzel zu unterstützen, der Lübke zum vorfristigen Rücktritt bewegen sollte.

Wenige Tage vor der Abreise nach Tunesien hatte Lübkes prinzipielles Einverständnis Schlagzeilen gemacht, vorzeitig in Pension zu gehen, wenn durch eine (von Barzel angeregte) Verfassungsänderung die Amtszeit des nächsten Präsidenten auf sieben Jahre festgelegt und eine Wiederwahl ausgeschlossen werde. Zu diesem Zeitpunkt waren Brandt und seine SPD noch unschlüssig. Der SPD-Pressedienst schrieb, das Grundgesetz dürfe nicht ohne Not geändert werden.

Nun, in Tunesien, hatte der SPD-Vorsitzende Erlebnisse, die geeignet

* Mit (v. l.) Staatschef Habib Burgiba, Frau Lübke, Frau Burgiba und Außenminister Brandt.

waren, seine Meinungsbildung zu beeinflussen.

Willy Brandt war dabei, als Heinrich Lübke bei einem Essen für seine tunesischen Gastgeber im Hilton-Hotel zu Tunis für die korrekte Wiedergabe der deutschen Nationalhymne focht. Dem Bundespräsidenten mißfiel die orientalische Interpretation der Haydn-Melodie durch die tunesische Militärkapelle, und er gab seinem Dolmetscher Auftrag, dem Tischnachbarn Habib Burgiba etwas auszurichten: "Sagen Sie dem mal, daß die Musik falsch ist."

Der bedrängte Dolmetscher tat sein Bestes, dem tunesischen Staatschef in diplomatisch gewundenen Worten klarzumachen, daß der Bundespräsident die Wiedergabe der deutschen Hymne ungewohnt, aber dennoch reizvoll finde. Doch dem Bundespräsidenten war das zu umschweifig: "Sagen Sie ihm, daß die Musik falsch ist!"

Nun geriet der Übersetzer ernstlich in Schwierigkeiten. Denn Burgiba hatte trotz aller verbalen Verschleierungen Lübkes Rüge verstanden und ließ ein wenig gekränkt erwidern, die Hymne sei doch genau nach der Partitur einstudiert worden. Aber Heinrich Lübke ließ sich nicht beirren: "Das genügt nicht, diese Noten. Sagen Sie ihm, dann hätten sie sich auch eine Schallplatte kommen lassen müssen."

Der Dolmetscher befürchtete einen Eklat. In höchster Not kritzelte er die Bitte auf seinen Notizblock, die Tafel aufzuheben, und gab den Zettel an AA-Protokollchef Schwarzmann weiter. Der begriff sofort, eilte herbei und machte der Peinlichkeit ein Ende, indem er mit herzlichem Dank an Burgiba die Staats-Party auflöste.

Ungebrochen erteilte Heinrich Lübke am folgenden Tag in der Residenz des deutschen Botschafters seinen Landsleuten im vertraulichen Du Unterricht über richtiges Benehmen im Ausland: "Wenn Du ein gutes Geschäft gemacht hast, gibt es immer die Möglichkeit, Whisky zu bekommen. Dann bitte denke daran, Du mußt auf Deutschland Rücksicht nehmen."

Aufkommendes Gelächter erstickte er: "Sie glauben, das ist scherzhaft gemeint, das war es in diesem Sinne nicht." Lübke wiederholte, was ihm so ernst war: "Wenn jemand bei Geschäftsabschluß nicht ganz richtig geblieben ist, dann heißt es gleich, das ist ein Deutscher."

Doch hatte Lübke über solch landesväterlichen Belehrungen keineswegs den Blick für die Probleme der Unterentwickelten verloren: . Jedes Jahr sind es 38 Millionen, die am Hungertod gestorben sind -- ohne die Leute zu zählen, die ungesund gelebt haben."

Wie sehr sich ein deutscher Beitrag im Kampf gegen den Hunger der Welt auszahle, erläuterte Lübke am Beispiel der Uno: "Sie wissen ja alle, daß wir in diesem äh ... äh ... internationalen Völkerkommando noch nicht vertreten sind. Dort haben wir die Feststellung getrieben, daß sich alle, die wir freundlich behandelt haben, für uns eingesetzt haben."

Lübke-Tester Brandt war auch dabei, als Habib Burgiba mit dem Stolz des Freiheitskämpfers, der seinem Land die Unabhängigkeit von französischer Kolonialherrschaft erfochten hat, dem deutschen Staatsgast einen gerahmten Steckbrief zeigte. Es war Burgibas Steckbrief, mit dem die Franzosen ihn 1937 wegen "Landfriedensbruchs, Anstiftung zum Aufruhr und Anstiftung zum Rassenhaß" hatten suchen lassen. Lübke, der bei der Anfahrt Ausgrabungsstätten im antiken Karthago passiert hatte, sah sich die zwei Photos und die zehn Fingerabdrücke des Steckbriefs an und fragte dann: "In welcher Erdschicht haben Sie denn das gefunden?"

An der Mittagstafel des tunesischen Außenministers Habib Burgiba jr., 41, erkundigte sich der Bundespräsident bei einem Reisebegleiter: "Wo ist denn dieser junge Außenminister?" Die Antwort, der sitze direkt zu seiner Linken, ließ Lübke nicht gelten: "Nein, dort drüben der Schwarzhaarige ist es." Unterwiesen, daß dies der tunesische Botschafter in Bonn sei, triumphierte Heinrich Lübke: "Sehen Sie, ich wußte doch, daß ich ihn kannte."

Auch bei seinen Ausflügen ins Landesinnere blieb Heinrich Lübke ganz Heinrich Lübke. Auf einer Musterfarm in Sedjenane beglückte er die Bauern: "Gestern habe ich Ihrem Präsidenten Unimogs überreicht. Dazu gehören natürlich Zündschlüssel. Die möchte ich heute zum Ausdruck bringen."

Nach der Landpartie lobte Lübke Land und Leute: "Sie sind, soweit ich gehört habe, 1956 unabhängig geworden und haben vieles geleistet, was vorher in Trümmern lag." Und: "Die Oasen sind nicht zur Vermehrung der Menschen da."

Als Willy Brandt wieder zu Hause in Bonn war, berichtete er seinen Führungsgenossen, was er mit Heinrich Lübke in Tunesien erlebt hatte.

Und am Freitag letzter Woche verkündete SPD-Informationsdirektor Wesemann die neue Haltung seiner Partei in der Präsidentenfrage: "Eine Lösung ist unumgänglich; je rascher sie gefunden wird, desto besser."


DER SPIEGEL 19/1968
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