25.02.2006

IRAK-GESCHÄFTEStille Örtchen für die Front

Ein Geschäftsmann aus Bayern liefert der US-Armee wichtige Utensilien für den Kampf im Irak: Tausende mobiler Toiletten.
Die Mission von Karl-Friedrich Krause ist heikel, sogar "top secret". Er dürfe nichts verraten, über Mengen, über Orte. "Da sind die Amerikaner sensitiv", sagt Krause an einem verregneten Vormittag in seiner Regensburger Villa, "die stehen sonst morgen hier vor der Tür." Er hat es in seinen Lieferverträgen stehen, dass er schweigen muss.
Aber so viel kann er sagen über die Geräte, die er auf dem Landweg in langen Lastwagenkonvois ins Kampfgebiet im Irak bringen lässt: Es seien Tausende, manche seien blau, aber viele "sandfarben, das ist beliebt in der Wüste". Die meisten sind also gut getarnt, und deshalb geriet bislang nicht eines der Geräte unter Beschuss, zumindest nicht in besetztem Zustand.
Die Geheimniskrämerei ist sinnvoll, denn Krause, 45, liefert der US-Armee seit Kriegsbeginn mobile Toilettenhäuschen samt Papier. Wo ein Klo steht, sind die GIs nicht weit, und austreten muss der Soldat auch im Gefecht - oder vielleicht gerade dann. Deshalb könnten Angaben über Anzahl und Einsatzorte der Plastikhäuschen dem Feind einiges über US-Stellungen verraten.
Dass sich der amerikanische Feldzug im Irak - was die dringendsten Bedürfnisse angeht - ausgerechnet auf einen Deutschen stützt, ist ungewöhnlich. Und hätte Krause keine ungarische Dependance, "ich hätte da unten keinen Blumenstrauß gewonnen". Deutsche Unternehmer nämlich stehen ganz oben auf der schwarzen Liste der Amerikaner, wenn es um Lieferverträge in den Irak geht, weil Berlin sich gegen den Krieg gesperrt hatte.
Aber Krause ließ sich nicht abhalten, schließlich ist die Karriere des Bayern untrennbar mit den transportablen stillen Örtchen und den Amerikanern verbunden: Als Student jobbte er für den US-Konzern Dixi und stellte in den achtziger Jahren während diverser Nato-Manöver in Deutschland dessen meist blaue Chemietoiletten auf. Nach dem Jura-Examen blieb Krause bei Dixi hängen, wurde Vertriebsmanager.
Dann aber zogen US-Soldaten 1995/96 zur Absicherung des Friedens in Bosnien auf den Balkan. "Dixi wollte keine Mitarbeiter entsenden, da hab ich mit einem Partner das Geschäft selbst gemacht", sagt Krause. Es sollte das Geschäft seines Lebens werden. Der aufstrebende Bayer entwarf sein eigenes Lokus-Label, nannte das mobile Örtchen "Toifor", sollten sich dort doch die Friedensschützer der Bosnien-Truppe "Ifor" erleichtern.
Die Sache klappte gut, der Regensburger stockte seinen Frontservice auf und garantierte bald komplette Ver- und Entsorgung. Die Häuschen wurden nun nicht mehr nur geliefert, sondern auch gereinigt und desinfiziert; zudem wurden Mülleimer ausgeleert und Hausmeisterdienste angeboten. "Life Support" nennt man so etwas bei der Army.
Toifor war bald nicht mehr wegzudenken aus den US-Camps, und als George W. Bush 2001 in Afghanistan zuschlug, waren Krauses Truppen an seiner Seite, halfen dort nun auch den Briten, Holländern und der Bundeswehr bei der täglichen Verrichtung.
Als der Militärschlag gegen Bagdad drohte, sammelte sich Krauses Toifor-Brigade frühzeitig in Kuweit, lagerte dort Gehäuse, Papier und Chemietanks für den absehbaren Einsatz. Die Vorbereitungen sollten sich lohnen. Denn der bayerische Entsorgungsexperte war als einer der ersten Händler an der Front und bekam den Großauftrag.
Es war gefährlich und aufregend, aber Krause dachte ans Geschäft. "Dass da rundrum geschossen wird, da erschrickt man" - dennoch schlug das Unternehmen sein Quartier bald im Flughafen von Bagdad auf. Es zeichnete sich ja ab, dass die Sache im Irak länger dauern könnte.
Krauses Leute bezogen verlassene Villen der geflüchteten irakischen Oberschicht, zumindest so lange, bis nachts Handgranaten vor die Tür flogen. Der Lieferant aus Deutschland gab nicht auf, heute arbeiten tausend Leute für ihn in Bagdad, darunter viele Iraker. Die Truppe putzt, reinigt in eigenen Wäschereien die Uniformen der Streitkräfte und holt den Müll ab.
Krauses Firma kümmert sich sogar um das berüchtigte Foltergefängnis von Abu Ghureib, derzeit das wohl brisanteste Unterfangen von Toifor. Dort dürfen seine Leute freilich nur nachts arbeiten, werden von einem Militärkonvoi geholt, hineinbegleitet und danach wieder nach Hause eskortiert. Die Stimmung rund um das Gefangenenlager ist extrem explosiv.
Trotz solcher Beschwernisse möchte Krause weiter mit den Amerikanern im Geschäft bleiben, denn das könnte Zukunft haben, wo auch immer sich der nächste Krisenherd auftut. CONNY NEUMANN
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 9/2006
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