25.02.2006

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer stille Amerikaner

Warum ein Texaner in den USA im Gefängnis vergessen wurde
Walter Mann ist 69 Jahre alt, seine Haut ist schwarz, er lebt von einer Behindertenrente, ist seit ewigen Zeiten arbeitslos und leidet an Schizophrenie, sie kommt in Schüben, und wenn die Krankheit ihn gefangennimmt, dann weiß er nicht mehr, wer er ist, wo er sich befindet und wohin er will. Seine Frau hat ihn verlassen, sein Sohn hat ihn geschlagen, so lange, bis man den 13-Jährigen in ein Gefängnis steckte. Mit diesen Sätzen lässt sich Manns Leben zusammenfassen, bis zum Herbst des vorvergangenen Jahres. Es war kein glückliches Dasein, und der einzige Trost, der Mann geblieben war, lautete: Es konnte nicht schlimmer kommen.
Mann irrte.
Am 21. September 2004 suchten ihn zwei Polizisten auf. Sie gehörten zur Polizei von Dallas, Texas, und die Männer teilten ihm mit, dass er verhaftet sei, wegen Missachtung des Gerichts.
Nach der Verurteilung seines Sohnes hatte ein Gericht verfügt, dass Mann sich an den Kosten für die Unterbringung beteiligen müsse. 50 Dollar im Monat sollte Mann zahlen, weil er nicht in der Lage gewesen war, seinem Sohn die Grundregeln des sozialen Miteinanders beizubringen. Doch Mann zahlte nicht. Mann wurde vor Gericht geladen. Dort erschien er nicht. Ein Richter erließ einen Haftbefehl.
Im Herbst 2004 landete Mann in einer Zelle, im Dallas County-Gefängnis. Es war sein erster Zwangsaufenthalt hinter Gittern, Mann war bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorbestraft. Jemand sagte ihm, er würde bald vor Gericht zu erscheinen haben, man werde seinen Fall verhandeln.
Mann wartete.
Einen Tag. Eine Woche. Einen Monat. Ein Jahr. Nichts geschah, niemand besuchte ihn. Kein Verteidiger, kein Familienmitglied. Manchmal holten ihn Wärter aus seiner Zelle, setzten ihn in einen Gefangenentransporter und fuhren ihn zum Gericht. Doch dort wurde sein Fall nie aufgerufen, immer gab es Wichtigeres als einen arbeitslosen Behinderten, der dem Staat rund 3000 Dollar schuldete, die er sowieso nicht zahlen konnte. Mann hat nie einen Gerichtssaal von innen gesehen, nie vor einem Richter gestanden. Er protestierte nicht gegen das Unrecht, das ihm widerfuhr. Vielleicht fehlte ihm dazu der Mut. Vielleicht war es ihm auch egal. Es vermisste ihn ja ganz offensichtlich niemand. Seine Ex-Frau und sein Sohn lebten ihr Leben ohne ihn.
13 Monate lang saß Mann im Gefängnis, dann erschien Jim Brooks in seiner Zelle. Brooks war wegen Diebstahls verurteilt worden und sollte sich die Zelle mit Mann teilen, sie machten einander bekannt, dann fragte Brooks: "Und, weswegen bist du hier?"
"Mein Sohn geriet in eine Prügelei", sagte Mann. "Sie verurteilten ihn zu einer Geldstrafe und sperrten mich ein. Vor über einem Jahr. Ich habe nicht einmal einen Verteidiger gesehen." So erinnert sich Brooks an das Gespräch.
Brooks informierte seinen Anwalt. Der wiederum informierte das Büro der Pflichtverteidiger, die nie etwas gehört hatten von einem Walter Mann, verhaftet vor mehr als einem Jahr wegen Missachtung des Gerichts. Eine der Verteidigerinnen, ihr Name ist Shoshana Paige, prüfte die Akten, sah, dass Mann nicht log, war entsetzt und machte ein paar Anrufe. Unter anderem informierte sie Cheryl Lee Shannon, die Richterin, vor der Manns Fall hätte verhandelt werden müssen. Auch sie prüfte die Akten. Kurze Zeit später war Mann frei, und die Suche nach einem Schuldigen begann.
Richterin Shannon sagte einem amerikanischen Journalisten, sie könne zu der Angelegenheit keine Auskünfte geben, außer, dass sie es nicht dulden würde, dass jemand so lange auf seine Verhandlung warten müsse.
Don Peritz, Sprecher des Sheriff's Department, sagte, Mann sei so lange im Gefängnis gewesen, weil kein Richter das Gegenteil verfügt habe.
Jack Sampson, Rechtsprofessor an der Universität von Texas, sagte: "Der Bursche ist einfach vergessen worden."
Hätte Walter Mann jemals vor seiner Richterin gestanden, wäre er von ihr schuldig gesprochen und zur Höchststrafe verurteilt worden, dann hätte er sechs Monate im Gefängnis gesessen. So saß er, ohne Verhandlung, 15 Monate in seiner Zelle. Den Staat, dem er rund 3000 Dollar schuldete, kostete seine Unterbringung etwa das Dreifache.
Eine Entschuldigung wäre angebracht gewesen, eine Entschädigung ebenfalls. Stattdessen erhielt Mann wenige Tage nach seiner Entlassung eine Vorladung. Er habe am 5. Januar 2006 vor Gericht zu erscheinen, weil einer seiner Schecks geplatzt sei, so der Inhalt des Dokuments. Mann hatte den Scheck vor seiner Verhaftung ausgestellt, einen Scheck über 67,05 Dollar.
Vor Gericht erschien Mann nicht mit einem Verteidiger, sondern mit einem Pfarrer. Der Richter setzte die beiden davon in Kenntnis, dass Mann die ausstehende Summe zu zahlen habe, außerdem ein Bußgeld von 500 Dollar und 93 Dollar Gebühren.
Mann war entsetzt. Der Pfarrer auch. Die Presse berichtete. Der zuständige Staatsanwalt intervenierte. Unter den gegebenen Umständen solle man alle Verfahren gegen Walter Mann einstellen. Der Staatsanwalt gab der US-Presse später zu Protokoll, er habe es "um der Gerechtigkeit willen getan".
Mann will die USA verklagen.
UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 9/2006
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