25.02.2006

Alles wird gut

Von Böcking, David; Feldenkirchen, Markus; Geyer, Matthias; Gutsch, Jochen-Martin; Hoppe, Ralf; Hujer, Marc; Jung, Alexander; Kaiser, Mario; Kneip, Ansbert; Schnibben, Cordt; Smoltczyk, Alexander

Trotz Streik und Vogelgrippe - die Bürger von Jammerland blicken so optimistisch in die Zukunft wie lange nicht. Die Stimmung ist endlich mal besser als die Lage, unter dem Motto "Nit quake, make" ziehen die Narren in den Karneval - was ist passiert mit dem Volk der Schwarzseher?

Herr Wettig lässt den Motor laufen, "er muss gleich kommen", sagt er, "wahrscheinlich liest er noch". Sein Auto steht vor einer Wohnung in Berlin-Charlottenburg, Herr Wettig ist Chauffeur und wartet auf seinen Chef.

Hinten auf dem Sitz liegt eine blaue Mappe, "Pressemappe I für Frau Bundeskanzlerin" steht auf dem Deckel. Herr Wettig holt sie jeden Morgen im Bundespresseamt ab, vor acht. In der Mappe liegen Fotokopien, Artikel aus Tageszeitungen, Nachrichtenagenturen, Kommentare. Alles, was gerade so geschrieben wird über Politik. Ein Schnellhefter zur Lage der Nation.

Um Viertel nach acht steigt Thomas Steg ins Auto, ein Mann Mitte 40 mit Pfeifentasche und Hochglanzglatze. Er hat müde Augen, die beiden letzten Nächte waren kurz. Gestern Abend hätte er eigentlich ins Fußballstadion gehen wollen, es ging nicht, er musste zu einem Arbeitsessen mit Angela Merkel. Steg gähnt. Es war ein angenehmes Gespräch, sagt er. Sehr entspannt.

Thomas Steg ist stellvertretender Sprecher der Bundesregierung. Er hatte diesen Posten schon, als Gerhard Schröder noch Bundeskanzler war. Er musste rot-grüne Politik verkaufen, die Politik der Agenda 2010, die Politik der Zumutungen, der Nachbesserungen. Er musste diese Politik erklären, verteidigen, manchmal auch schönreden. Er war Schröders Spin-Doktor. Steg ist ein Mann der SPD, er wusste immer, wo der Gegner stand. Der Gegner war Angela Merkel.

Jetzt gehen sie zusammen zum Abendessen, Gegner aus Tagen, in denen Politik noch Angriff und Abwehr war, schwarz und weiß, Neoliberalismus oder soziale Gerechtigkeit. Sie essen Carpaccio und Pasta und reden dabei über die neue Politik, die Politik der Großen Koalition, Politik, die das Land heilen soll.

Sie reden über 19 Prozent Mehrwertsteuer, über Rente mit 67, über Verschärfungen bei Hartz IV. Über Politik, die zumutet, nachbessert. Die sich nicht verändert hat. Aber es gibt jetzt keine Angreifer mehr und niemanden, der verteidigen muss. Thomas Steg fährt einem ruhigen Arbeitstag entgegen.

Das Auto schnurrt über die Straße des 17. Juni, Steg legt die Kanzlermappe auf seinen Schoß. Er muss sich auf die Bundespressekonferenz mittags um halb zwei vorbereiten. Bundespressekonferenzen konnten anstrengende Stunden sein für ihn, früher, als Schröder noch Kanzler war. Jede Frage ein neues Unwetter, jeder Zwist so schlagzeilenträchtig wie ein Zwist im britischen Königshaus. Die Kanzlermappe war auch dicker damals.

Steg blättert durch die Fotokopien. Er kann keine Unwetter erkennen. Überall nur Schönwetterwölkchen.

Seit Steg Pressesprecher der neuen Regierung ist, läuft es morgens immer so wie an diesem Morgen. In seinem Schnellhefter transportiert er lauter gute Überschriften und Nachrichten zu seiner neuen Dienstherrin. Selbst die Vogelgrippe und der Streik im Öffentlichen Dienst bringen der Regierung keine Probleme, die Wildtierseuche ist nicht mal ein eigener Tagesordnungspunkt in den Kabinettssitzungen.

Die Meinungsforschungsinstitute beliefern die neue Regierung mit rekordverdächtigen Beliebtheitswerten. Von "FAZ" bis "taz" wird sie mit Lob und netten Adjektiven beschenkt. Die Unternehmen und Wirtschaftsverbände des Landes übertrumpfen sich mit immer optimistischeren Prognosen, die Bundesbürger glühen in allen möglichen Umfragen vor Kauflust und Zuversicht - die öffentliche Meinung und die veröffentlichte Meinung scheinen sich einig darin, die Zukunft des Landes viel rosiger zu sehen als noch vor einem halben Jahr.

Konsumklima-Index so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, im Februar schon wieder gestiegen. Optimismus in der Bauwirtschaft so groß wie seit sechs Jahren nicht. Erwartungsindex der Finanzanalysten nach oben gesprungen. 85 Prozent der Deutschen glauben, 2006 werde ein gutes Jahr - solche Nachrichten kann Steg im täglichen Bericht zur Lage der Nation präsentieren.

Aber es ist nur die gefühlte Lage - Konsumenten und Unternehmer äußern sich darüber, was sie von der nahen Zukunft erwarten. Die tatsächliche Lage liefert andere Nachrichten: Wieder mehr als fünf Millionen Arbeitslose, Volkswagen will 20 000 Stellen abbauen, die deutsche Wirtschaft ist im vierten Quartal 2005 nicht gewachsen - es gibt eine Kluft zwischen der Lage der Nation und der öffentlichen Meinung über die Lage.

"Jetzt ist plötzlich alles Gold", wunderte sich Stegs Parteifreund und stellvertretender Fraktionsvorsitzende Joachim Poß denn auch, als der neue Wirtschaftsminister Michael Glos im Jahreswirtschaftsbericht 2006 Deutschland als wettbewerbsfähige und innovative Idylle pries. "Früher hat Glos alles schwarz gesehen, jetzt plötzlich steht Deutschland bestens da", staunte Poß über die neue Sicht der Dinge, die Glos mit vielen Deutschen teilt. Vor einem halben Jahr waren schlechte Wirtschaftsdaten der Grund für Regierungskritik, Pessimismus und Zukunftsangst, nun lassen sich viele Deutsche ihren Optimismus und ihre Zukunftshoffnung durch dieselben Nachrichten nicht trüben.

Auch viele Medien, die im letzten Jahr Deutschland noch in einer existentiellen Krise sahen, sehen das Land nun auf dem Weg nach oben, Überschriften wie "Die mageren Jahre sind vorbei" oder "Merkels Frühling" oder "Kultur des Aufbruchs" steigern die gute Laune. Der einhellig positive Medientenor über eine neue Regierung - das ist eine neue Erscheinung in Deutschland. Überschriften wie "Angies Höhenflug", "Angies Löwenherz"

oder "Rosenroter Teppich für Angela" lassen die Schweizer "Weltwoche" denn auch spotten, in Deutschland würden Artikel über die neue Kanzlerin "zurzeit auf Knien geschrieben". Auch der britische "Economist" weist kritisch darauf hin, die neue Regierung lasse bisher so wenig an Veränderungswillen erkennen, dass zu Optimismus wenig Anlass bestehe ("Waiting for a Wunder").

Ist die Aufschwungseuphorie im Lande also nicht mehr als eine Stimmungsblase, die im Zusammenspiel zwischen veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung den Blick auf die Wirklichkeit verstellt? Oder ist es wirklich so, dass eine neue, noch tatenlose Regierung reicht, um Konsumenten und Produzenten in Euphorie zu versetzen und einer stagnierenden Volkswirtschaft Wachstumsimpulse zu geben?

Wer sich auf die Suche macht nach den wahren Gründen für die besorgniserregend gute Laune im Jammerland zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, der muss nicht nur bei den Konjunkturforschern und Börsianern nachfragen, nicht nur bei Top-Managern und Unternehmern, sondern auch bei Arbeitslosen und Arbeitsvermittlern, nicht nur bei der Kanzlerin und dem Wirtschaftsminister, sondern auch bei Ex-Ministern, bei Harald Schmidt und den Narren der Republik.

Der Konjunkturforscher. Es ist nur eine Zahl, eine einfache Zahl, das Ergebnis einer Umfrage. Die Zahl liegt irgendwo bei 100, mal ein bisschen höher, oft ein bisschen darunter. Sie wird verkündet, einmal im Monat und auf eine Stelle hinterm Komma genau, im großen Saal des Instituts für Wirtschaftforschung (Ifo) in München. Und drei, vier Minuten später, wenn die Nachrichtenagenturen die Zahl weitergereicht haben, sinken an der Börse die Kurse. Oder sie steigen, je nachdem.

Diese Zahl, der Ifo-Geschäftsklima-Index, ist eine der wichtigsten Kennziffern der deutschen Wirtschaft. Sie beschreibt, wie die Bosse die Lage ihrer Unternehmen einschätzen, jetzt und in nächster Zukunft. Der Geschäftsklima-Index ist das Gute-Laune-Barometer von Industriekapitänen, Mittelständlern, Handel- und Gewerbetreibenden. Wenn die Unternehmer gute Geschäfte erwarten, dann steigt der Index, und wenn er ein paar Mal hintereinander steigt, dann heißt das: Der Aufschwung kommt.

Im Februar ist der Index schon wieder gestiegen, zum fünften Mal innerhalb von sechs Monaten. Er kletterte auf 103,3, so hoch wie seit den frühen neunziger Jahren nicht mehr. Mag die Arbeitslosenzahl auch wieder über fünf Millionen liegen - gefühlt geht es nach oben, Optimismus macht sich breit. Schon im Januar hatte der Index den Stand von 2000 erreicht - und 2000 war ein Boomjahr.

Der Mann, der den Ifo-Geschäftsklima-Index als Erster zu sehen bekommt, heißt Klaus Abberger, er ist 39 Jahre alt, seit eineinhalb Jahren leitet er die Abteilung für Unternehmensbefragungen, vorher hat er an der Universität Statistik unterrichtet. Abberger formuliert sorgfältig, er ist schon oft missverstanden worden.

Dass der Geschäftsklima-Index im Januar den gleichen Stand hatte wie im Jahr 2000, das ist zum Beispiel etwas, woran sich Journalisten und Politiker klammern. Abberger würde ihnen das gern ausreden, von der Warte eines Statistikers betrachtet, ist der Vergleich mit 2000 oder gar den neunziger Jahren ziemlicher Quatsch. Aber da kann er lange reden.

Abbergers Index beruht auf einer sehr simplen Umfrage, die er jeden Monat an 7000 Unternehmen faxen lässt. Ein DIN-A4-Blatt mit einer Handvoll Fragen, Manager haben wenig Zeit. Nur zwei davon sind wichtig für den Index: "Wir beurteilen unsere wirtschaftliche Lage als gut / befriedigend / schlecht". Und, die Erwartung für die Zukunft: "Unsere Geschäftslage wird eher günstiger / etwa gleichbleiben / eher ungünstiger". Welche Faktoren der Unternehmer berücksichtigt, um seine Firma zu beurteilen, bleibt völlig ihm überlassen. Auftragseingänge, Energiekosten, Fachkräftemangel, Dollarkurs - egal. Abberger will Einschätzungen hören, keine Zahlen.

Deshalb kann man die Zahl aus dem Jahr 2000 mit der vom Januar auch nur

bedingt vergleichen. "Damals war das Wirtschaftswachstum stärker als heute", sagt Abberger. "Heute reicht sehr viel weniger, um Optimismus auszulösen." Nach fünf Jahren der Stagnation wird halt jedes schwache Lichtlein sofort zum Silberstreif verklärt.

Der Geschäftsklima-Index misst nur die Stimmung, nicht die Lage.

Auch das Konsumklima, erfragt von der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) misst ja nicht, ob die Deutschen endlich wieder mehr Geld ausgeben oder ob sie immer noch ängstlich ihr Erspartes beisammenhalten. Die GfK fragt nach der Anschaffungsneigung, also ob jemand plant, sich bald wieder etwas Größeres zu leisten.

Ebenso wie der Ifo-Index geht auch der GfK-Index in die Höhe. Die Bereitschaft, sich etwas zu kaufen, wächst weiter. Gelesen werden die Zahlen wie ein Versprechen.

Tatsächlich lässt sich aus der Stimmung unter den Unternehmern eine Prognose über die künftige Lage ableiten: Legt man die Ifo-Klima-Kurven über real existierende Konjunkturdaten, etwa das Bruttoinlandsprodukt, dann sieht man: Die Wirtschaftskurve folgt der Unternehmerlaune. Geht die Stimmung nach oben, dann steigt auch die Konjunktur, mit einer Verzögerung von drei bis vier Monaten. Das Bewusstsein bestimmt offenbar das Sein, eine Erkenntnis, die so manchen Philosophen verwirren müsste.

Wie stark die Erholung ausfällt, wie lange sie andauert, ob und wie viele Arbeitsplätze sie bringt - all das sagen die Zahlen nicht. Aber immerhin: 7000 Unternehmer, ganz allgemein nach ihrer Befindlichkeit befragt, können vorhersagen, ob es endlich bergauf geht oder nicht.

"Im Moment sehen wir positive Zeichen, dass die Talsohle durchschritten ist", sagt Abberger. Selbst ein kleiner Dämpfer im Klima-Index würde den Gesamttrend nicht umkehren, meint er.

Ist das jetzt der Merkel-Effekt?

Abberger schweigt. Völlig falsche Frage. Er ist Statistiker. Der Miniframe-Computer im Keller des Ifo liefert Zahlen, pünktlich zur Verkündigung am Vormittag. Um Motive sollen sich andere kümmern.

Der Minister. Stille, als er auf die Bühne steigt, als er in die Scheinwerferspots tritt, 3500 Augenpaare, die ihm folgen - dem Mann, der geschworen hat, den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm zu wenden, so wahr ihm Gott helfe, und in seinem Fall bedeutet das: für gute Laune zu sorgen

Applaus brandet auf. Er blinzelt ins Publikum, grimassiert, verbeugt sich. Knapp und steifhüftig. Die Hände packen das Rednerpult.

Michael Glos, Müllermeister, römischkatholisch, ehemaliger CSU-Landesgruppenchef, der Mann, der Trittin einen Öko-Stalinisten nannte und Fischer einen ehemaligen Terroristen - Michael Glos ist seit dem 22. November vergangenen Jahres Angela Merkels Minister für Wirtschaft und Technologie und damit Hauptverwalter des Lächelns im Lande. Er wird es gleich selbst betonen, im Verlauf seiner Rede, indem er eine Abweichung vom Redemanuskript riskiert, einen Schlenker macht zu Ludwig Erhard und dem weidlich bekannten Zitat, dass Wirtschaft vor allem Psychologie sei. Und, so Glos, der Psychologe: Zwar gebe es immer noch viel zu beklagen hier im Land, aber man müsse

sich auch mal auf die deutschen Tugenden besinnen, Licht am Ende des Tunnels, und ohne den Mittelstand, Damen und Herren, ginge schon mal gar nichts. Zwischenapplaus. Kurz, aber freundlich.

Die Rheingoldhalle in Mainz, ein Mittwochabend, der Saal ist für Fastnachtssitzungen geschmückt, mit großen goldenen Kugeln. Die Narren tun sich in dieser Saison schwer mit Spott über die Obrigkeit. Sie halten sich zurück, gewähren Schonfrist. Und in Köln ziehen sie sogar mit dem staatstragend aufbauenden Motto "Nit quake, make" in den Rosenmontag. An diesem Abend empfängt die Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen die Unternehmer des Landes. Der Bundesminister spricht von der Anhebung der degressiven Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter 2006 und 2007 um 20 bis 30 Prozent.

Er redet langsam, fast schwerfällig. Links und rechts vom Rednerpult leuchten Großprojektionen auf, Glos' bulliges Gesicht wirkt in der Vergrößerung, als würde er, während er die Strategien zur Haftungsfreistellung der Banken erklärt, eine Handvoll Haselnüsse zerbeißen. Änderung der Erbschaftsteuer. Steuerboni für handwerkliche Renovierungen an Häusern, Grundstücken, Wohnungen. Neuordnung der Ausbildungsordnungen. Abbau von bürokratischen Hemmnissen. So wie er das sagt, klingt es fast drohend, zermalmen wird er, was sich dem Aufschwung in den Weg stellt.

So kommt es also daher, das neue Lächeln, das durchs Land geht?

Sogar Glos' Vorgänger, Wolfgang Clement, wirkte beweglicher, leidenschaftlicher, jedenfalls anfangs, als er noch nicht aussah wie magenkrank durch Nürnberger Zahlen. Clement galt, vor allem in seiner Zeit als Ministerpräsident, als glühender Verfechter alles Neuen, von Biotech, Stammzellen, Internet; Clement war der Politiker des Neuen Marktes. Glos hingegen ist Old Europe, bedächtig, grantlerisch, und er wirkt ziemlich desinteressiert an medialer Wirkung. Der Aufschwung, sagt sein Auftritt, den wir schaffen, wird echt sein - keine New-Economy-Blase sein, die zerplatzt.

Und dann strömen sie alle aus der Halle ins Foyer. Weiße Stehtische, Brezelkörbe, es gibt roten Spätburgunder aus der Pfalz, einen weißen Rheinhessen-Silvaner.

Rund 3700 Leute sind gekommen, selbständige Klempnermeister mit sieben Beschäftigten

ebenso wie Landesbank-Direktoren, Rechtsanwälte, Maschinenbauer, Vorstandschefs. Teure Uhren, schwere Zweireiher, geschätztes Durchschnittsalter: Ende 50, geschätzte Haltung zu Glos' Vortrag und zur Stimmungslage im Land: Zufriedenheit, Noten zwischen drei plus und zwei minus. Dabei unterscheiden sich die Einschätzungen je nach unternehmerischer Power: Die, die eine kleine Firma steuern, starren mit Kaninchenblick auf die Politik. Die anderen: achselzuckend.

Zum Beispiel der Vorstandschef einer Hightech-Glasfirma, Keramik, Parabolspiegel, Photovoltaik, 17 000 Mitarbeiter weltweit, davon die knappe Hälfte im Inland, 78 Prozent der Produktion wird exportiert.

"Wir treffen sehr langfristige, strategische Entscheidungen, ganz unabhängig von der jeweiligen Regierung", sagt er.

Zum Wohl. Man trinkt.

Der Händler. Er hänge ja direkt an der Konjunktur dran, sagt Gerd Klein, und wer sich am Stand C71 auf der Konsumgütermesse in Frankfurt am Main umsieht, ahnt, was er meint. An der Wand hängen Filz-Schlittschuhe mit Holzkufen, auf den Regalen stehen MP3-Radios. Der Blickfang aber sind dieses Jahr Sparschweine von einem New Yorker Künstler. Es gibt sie in Natur, Chrom und Gold, und sie kosten bis zu 250 Euro.

Klein ist im "gehobenen Designfachhandel", er verkauft Dinge, die schön, aber nicht lebensnotwendig sind. Dass für so etwas kaum Geld da war, hat er in den vergangenen Jahren deutlich gespürt, hier auf der "Ambiente", der größten Kon-

sumgütermesse der Welt. Die Kunden meckerten rum, kauften oft nur ein Exemplar. Jetzt ist Klein, ein lässig-schicker Hanseat, fast schon enthusiastisch. Kaum noch Nörgler, die Parkplätze vor der Frankfurter Messe überfüllt. Wenn nicht noch der Kölner Dom einstürze, werde er dieses Jahr 20 bis 30 Prozent Zuwachs haben.

"Angela Merkel hat es geschafft, durch Nichtstun eine positive Stimmung zu verbreiten", sagt Klein. Diese ganzen Hiobsbotschaften, dieses Gezappel, das hätten die Leute nicht mehr gewollt.

An der eigentlichen Misere, sagt Klein, ändere so ein Aufschwung natürlich nichts. "Das hat nur was mit Psychologie zu tun. Die Realität ist grausam: Wir sind alle pleite". Dann geht er wieder goldene Sparschweine verkaufen.

Auf der "Ambiente" gibt es vom Motiv-Klodeckel bis zu Juwelen alles, was Menschen zum Geldausgeben animieren könnte - die Messe soll das weltweit wichtigste Konjunkturbarometer für Konsumgüter sein. Die deutschen Aussteller sagen, sie spürten eine Aufheiterung. Dass mehr daraus wird, glauben nur wenige.

In Halle 9.1 sucht Hartmut Gehring nach Erklärungen. Bei einer großen Koalition hätten die Lobbyisten auf beiden Seiten weniger Einfluss. Daher wohl diese neue Ruhe in der Politik, für die auch Gehring dankbar ist. Aber den Optimismus in den Zeitungen, "den können wir nicht teilen".

Gehring redet von sich und seinem Bruder, der mit ihm an einem kleinen Stand auf Kunden wartet. Sie stellen in zweiter Generation in Solingen Messer her. Keine Filzschlittschuhe, ein Produkt, das jeder braucht. Und trotzdem gehören die Gehrings zu den Letzten, die komplett am Ort produzieren, und wäre "Solingen" nicht ein geschützter Qualitätsbegriff,

dann wären wohl auch sie schon abgewandert.

Das mit dem Aufschwung werde geschrieben, weil die Politiker es so hören wollten, glaubt Gehring. Er hat selbst so seine Erfahrungen gemacht mit Verbandssprechern und ihren Jubelmeldungen. Kürzlich hat er sich mal hingesetzt und ausgerechnet, wie viel Verluste seine Firma seit 2001 hatte. Im Schnitt waren es pro Jahr 18 Prozent. Da wird sie so schnell nichts rausreißen, auch nicht das angepeilte Umsatzplus von maximal 5 Prozent in diesem Jahr. Asien droht die Gehrings zu überrollen, in Halle 9.1 hat es sie schon mit vielen kleinen Ständen eingekreist. "Fuji Cutlery" steht daran, "Seki Japan" oder "Takefu Knife".

Wo denn die neuen Jobs herkommen sollten, fragt Gehring ein bisschen verzweifelt. "Es kann doch nicht jeder bei Wal-Mart die Tüten füllen."

Am nächsten Tag schreiben die Veranstalter in einer Bilanz, der deutsche Handel sei diesmal "in bester Laune" gewesen, und die "Ambiente" habe gezeigt, "dass die mageren Jahre nun vorbei sind".

Der Konsument. Ein bedrückender Himmel hängt über Wolfsburg, als der ICE aus Berlin in den Bahnhof einfährt, Regen fällt auf die Stadt. Jammerwetter. Anke und Andreas Grathwohl gehen über die Brücke, die sich über den Mittellandkanal spannt, und als sie auf der anderen Seite ankommen und durch riesige Glastüren gehen, lassen sie das graue Land hinter sich.

Sie betreten ein lichtdurchflutetes Atrium, eine gläserne Kathedrale, in der sie wie Winzlinge wirken. Sie gehen unter einer Globusskulptur hindurch und fahren mit der Rolltreppe hinauf in die "AbholerWelt", das Wort "VorFreude" zieht wie ein Psalm an ihnen vorbei. An ihren Händen halten sie ihren Sohn Leo und zwei Autokennzeichen mit den Initialen ihrer Namen.

Die Grathwohls sind nach Wolfsburg gekommen, ohne die Stadt zu betreten. Sie haben sofort den Kanal überquert und sind in die Autostadt eingereist, die Kapitale des Volkswagen-Konzerns. Die Grathwohls haben zwei Kinder, zwei Jobs und zwei Autos, sie sind der Traum jeder Regierung. Sie sind Deutschland. Und sie sind das Problem. Sie konsumieren zu wenig, bisher.

An diesem grauen Nachmittag sind die Grathwohls aus Berlin gekommen, um ihr neues Auto zu holen, einen Touran Highline FSI, Fahrgestellnummer 1TZ6W115273, tornadorot, Lackfarbe LY3D. Auf die Farbe ist Herr Grathwohl besonders gespannt.

Andreas Grathwohl wird dieses Auto selten fahren, er ist Geschäftsführer einer Offset-Druckerei und hat einen Firmenwagen, einen 5er BMW. Der Touran ist für seine Frau und die Kinder, das jüngste wurde vor einem Jahr geboren. Im Haushalt der Grathwohls wohnt seit einiger Zeit auch ein Au-pair-Mädchen, da wurde die A-Klasse von Mercedes zu klein.

Anke Grathwohl hat den Mercedes sieben Jahre gefahren, er kam in ein Alter, in dem die Reparaturen häufiger wurden. Sie hat mit ihrem Mann lange überlegt, ob sie sich ein neues Auto leisten sollten. Als Geschäftsführer eines Unternehmens mit 230 Mitarbeitern verdient Grathwohl gut, und auch seine Frau arbeitet seit dem Erziehungsurlaub wieder halbtags als Sekretärin. "Aber als angestellter Geschäftsführer", sagt er, "hat man nie einen sicheren Job."

Angstsparen nennt man das, wenn Leute wie die Grathwohls nicht konsumieren, obwohl sie eigentlich könnten. Vor fünf Jahren sparten die Bundesbürger noch 9,2 Prozent ihrer Löhne und Gehälter, inzwischen sind es 10,6 Prozent, das entzieht der Binnennachfrage etwa 20 Milliarden Euro.

Heißt das nun, wenn Leute wie Familie Grathwohl mehr Vertrauen in die Zukunft

haben (weil zum Beispiel eine neue Regierung ihnen Hoffnung macht), dann plündern sie ihre Konten und kaufen sich Autos, neue Fernseher und neue Küchen? Nicht ganz. Angst vor Arbeitslosigkeit ließ (und lässt) die Leute sparen, natürlich. Aber je geringer das Einkommen ist, desto weniger sparen die Leute prozentual von ihren Einkünften (in den unteren Einkommensgruppen zwischen 5 und 6 Prozent); je höher das Einkommen, desto mehr sparen die Leute prozentual (in den oberen Einkommensgruppen zwischen 20 und 30 Prozent).

Und weil die höheren Einkommen in den letzten Jahren viel stärker gestiegen sind als die niedrigen, ist auch die Sparquote stark gestiegen. Nicht weniger Angst ist deshalb der beste Konjunkturmotor, sondern mehr Lohn für die Niedrigverdienenden, wie es das Mitglied des Sachverständigenrats Peter Bofinger vorschlägt.

Grathwohl allerdings ist ein klassischer Angstsparer. Die Krise der Werbewirtschaft hatte Grathwohls Unternehmen hart getroffen, vor einem Jahr hatte er sich gegen ein neues Auto entschieden. Doch als Schröder Neuwahlen verkündete und ein Regierungswechsel wahrscheinlich wurde, spürte Grathwohl Bewegung in seiner Branche. "Die Werbewirtschaft ist ein guter Indikator", sagt er, "sie ist der Konjunktur sechs bis neun Monate voraus."

Die Grathwohls hatten sich Schwarz-Grün in Berlin gewünscht, doch sie freun-

deten sich mit der Idee einer Großen Koalition schnell an. "Die Konstellation bietet enorme Chancen", sagt Grathwohl. "Die können jetzt unangenehme Sachen beschließen und dann sagen, wir mussten es wegen denen aus der anderen Partei machen." Im Dezember bestellten die Grathwohls ihr neues Auto.

Der Touran, wie die Grathwohls ihn wünschten, kostet rund 28 000 Euro. Sie haben ihn bei der Volkswagen Bank finanziert, zu einem Zinssatz von 1,9 Prozent. Den Mercedes gaben sie für 5500 Euro in Zahlung. Vier Jahre lang müssen sie nun jeden Monat 480 Euro zahlen, bis der Touran ihnen gehört.

Doch daran denken die Grathwohls nicht, als sie in der "AbholerWelt" einer freundlichen Dame die Kennzeichen überreichen. Jetzt müssen sie sich um nichts mehr kümmern, nur noch warten auf den Moment der Übergabe, der in der Kathedrale der Autostadt zelebriert wird wie eine Messe. In einem der beiden Lagertürme, die wie gigantische gläserne Dosen aus dem Werksgelände ragen, wird der Touran aus dem Regal gehievt, während die Grathwohls im Kundencenter darauf warten, dass ihr Name auf einer elektronischen Tafel aufleuchtet.

Auf dem Übergabeplatz 28 steht der neue Touran der Grathwohls, glänzend, tornadorot. Eine Stunde lang erklärt ihnen der Einweiser, was das Auto kann.

Immer mehr Kunden kommen in die Autostadt, um ihren neuen Wagen zu holen. Das Jahr begann 2006 glänzend, im Januar rollten 45 739 neue Volkswagen durchs Land, 27,5 Prozent mehr als im Januar 2005. Und doch will der Konzern 20 000 Stellen abbauen. Deutschland rollt wieder, 223 108 neue Pkw wurden im Januar angemeldet, 10,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Kundencenter startet Anke Grathwohl jetzt ihren neuen Wagen, und ihr Mann und ihr Sohn steigen ein. Am Tor reicht ihnen jemand ein Erinnerungsfoto durchs Fenster, es zeigt die Familie mit ihrem neuen Auto. Herr Grathwohl betrachtet das Bild und küsst seine Frau.

Der Manager. Neulich in Nord-Norwegen: Eine junge Frau aus dem Volk der Samen spricht zu einer Gruppe Besuchern. Sie steht in einem Zelt, es ist mit Rentierfellen ausgelegt, ein Feuer brennt. Die Frau erzählt von der Geschichte ihres Stammes, dann singt sie ein Lied, ihre Stimme klingt so brüchig wie die von Björk. Alle hören genau hin. Nur Wolfgang Reitzle nicht. Der Vorstandschef von Linde tippt auf seinem Blackberry herum.

Reitzle sucht das Mobilgerät nach Nachrichten ab. Er ist auf Geschäftsreise hier, Linde hat den Norwegern eine Erdgasverflüssigungsanlage geliefert. Im Geiste aber scheint er ganz woanders zu sein. Bei seiner Frau, der Fernsehmoderatorin Nina Ruge, vielleicht? Oder doch bei dem Coup, den er gerade vorbereitet?

Linde, weltweit die Nummer fünf im Geschäft mit Industriegasen, will die Nummer zwei übernehmen, die britische BOC-Gruppe. Das ist ungefähr so, als wollte sich Porsche über DaimlerChrysler hermachen. Ziemlich kühn, beinahe irrwitzig. Jetzt ist so etwas wieder denkbar.

Die Top-Konzerne im Deutschen Aktienindex strotzen vor Kraft, sie wissen kaum, wohin mit ihrem Geld. Sie haben in den letzten Jahren Kosten reduziert, Leute entlassen, sind reorganisiert, haben unprofitable Bereiche abgestoßen. Die Steuersätze sind unter der rot-grünen Regierung stark gefallen, die Firmen werden effektiv ein Fünftel weniger belastet als 1998, die Gewinne sind auf Rekordniveau. Die Dax-Unternehmen könnten allein 120 Milliarden Euro für Übernahmen lockermachen: Bargeld, nicht bloß Aktien. Investmentbanker spielen selbst verwegene Kombinationen durch. Die Zeit ist gekommen für einen wie Reitzle.

Nun kann er endlich zeigen, ob er wirklich so begabt ist, wie ihm immer nachgesagt wurde. Er will zur ersten Liga der Weltkonzerne aufschließen. Da war er schon einmal. In gewisser Weise geht es Wolfgang Reitzle wie Deutschland zu Beginn 2006: Er will wieder dahin kommen, wo er mal war. Für Reitzle, im Jahr 1949 geboren wie die Bundesrepublik, war sein schneller Aufstieg bis fast an die Spitze von BMW wie sein persönliches Wirtschaftswunder. Aber ganz an die Spitze kam er nicht, er wurde zweimal übergangen und verließ BMW.

Vor drei Jahren übernahm Reitzle die Führung bei Linde, er will den Konzern

zu etwas Neuem, etwas Großem formen.

Er trennte sich von der Hälfte des Top-Managements. Sogar die Urzelle des 127 Jahre alten Unternehmens, die Kältetechnik, hat er vor zwei Jahren verkauft, ausgerechnet zum Firmenjubiläum. Und siehe da: Heute geht es Linde glänzend, wie anderen deutschen Unternehmen ist es dank reduzierter Kosten und ausgereifter Technologie wettbewerbsfähig auf den Weltmärkten und profitiert von hohen Wachstumsraten in den USA, in Asien und Osteuropa.

Reitzle will in diesem Jahr etwa 50 Prozent mehr investieren als im Vorjahr, und zwar in Deutschland. Einige hundert Mitarbeiter werden eingestellt, darunter viele Ingenieure. Im Anlagenbau kann sich das Unternehmen vor Aufträgen kaum retten: "Wir stoßen an die Grenzen dessen, was machbar ist", sagt Reitzle.

Und nun noch der Coup in Großbritannien. Es wäre eine der größten Übernahmen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Es wäre eine späte Genugtuung für das ewige Wunderkind.

Und es wäre sein besonderer Triumph über die alte Bundesregierung. Vor der September-Wahl hatte Reitzle im "manager magazin" über Rot-Grün gegiftet, das Hauptproblem des Landes sei die Weltsicht der Achtundsechziger: feindlich gegenüber Technologien, skeptisch gegenüber dem Markt. Was Deutschland nun brauche, sei "eine mentale Fitnesskur" und eine Elite, die mit Besessenheit etwas Bahnbrechendes schaffen könnten. Solche Leute wie Reitzle, klar. Du bist Porsche. Du bist Daimler. Du bist Deutschland. Alles wird gut.

Der Börsianer. Wenn der berühmte Frank Lehmann sich zwei oder drei oder vier Stunden lang mit Aktiencharts, Hedgefonds, bereinigter Eigenkapitalrendite und Kernkapitalquoten gequält hat, in seinem fensterlosen Büro und in öffentlich-rechtlicher Mission, dann wird es Zeit für einen Ausflug ins Leben, Zeit für ein bisschen Trost bei Gisela. Ihre Kartoffeln mit grüner Soße sind dann so tröstlich wie ihre Linsensuppe.

Heute ist es kalt, ein Linsensuppe-Tag. Bratwurststände vor der Alten Börse in Frankfurt am Main, Stände mit Obst, Käse, chilenischen Pudelmützen, und Lehmann steht bei Gisela, der Imbissfrau, man kennt sich, duzt sich, er hat den Mantelkragen hochgeschlagen, träufelt Essig in die Suppe. Und er unterhält sich mit dem Volk.

Wobei das Volk kaum zu Wort kommt. Die Leute erkennen ihn, manche bleiben stehen, staunen ihn an - "da ist der Börsen-Guru von der ,Tagesschau'", tuschelt einer -, doch Lehmann kennt das und lässt ihnen keine Zeit, ihn um Autogramme oder Aktientipps anzuhauen. Er hält sie in Schach, mit Jovialität.

"Rotwein? Oho, na, zum Wohl, aber dass wir net zu sehr in Stimmung kommen, hehe!" (zu einem älteren Herrn, der ein Glas Glühwein hält.)

"Na, ist auch ordentlich Wurst in der Suppe, Gisela, oder warst du wieder geizig, ha?" (Die Imbissverkäuferin verzieht keine Miene, hat diesen Scherz wahrscheinlich zu oft gehört.)

Lehmann ist der Anchor-Mann von "Börse im Ersten", er ist das Gesicht für Baisse und Hausse. Für seine Auftritte hat er die prominenteste Sendezeit der Republik, direkt vor der Tagesschau. Jeden Tag pappt er komplizierte Wirtschaftsvorgänge zu einer kleinen Story, außen knusprig, innen locker, zack, eine Neuemission, zack, der Irrsinnsboom bei den Sonnenenergie-Versorgern, zack, der Jahresüberblick der Deutschen Bank ("Da saß er. Josef Ackermann. Gelassen. Selbstbewusst.")

Immer am Schluss die Weisheiten aus 17 Jahren Börsenbeobachtung, es gibt da ein Rotationsprinzip:

"Geduld ist eben doch wichtig!"

"Reichtum ist wie Salzwasser, je mehr man trinkt, desto durstiger wird man!"

"An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil!"

Aber woher das Börsen-Hoch, Herr Lehmann? Gibt es einen Stimmungswandel im Land, kommt der Aufschwung?

Er starrt das Telefon an. "Die meisten Kleinanleger zögern noch. Dennoch werden wir wohl einen Aufschwung kriegen", sagt er. "Merkel macht das geschickt, indem sie erst mal die Unruhe rausnimmt. Und so viele mittelständische Unternehmen in Deutschland haben ihre Hausaufgaben gemacht, haben sich entschuldet, sind phantastisch aufgestellt - aber alles wartet auf den entscheidenden Schuss."

Was für ein Schuss?

"Das hat der Wulff gesagt, ich fand das klug. Dass diese Regierung einen einzigen, entscheidenden Schuss frei hat, vor allem in Richtung Flexibilisierung, und darauf wartet die Wirtschaft. Dann würde mit einem Ruck die Konjunktur nach innen durchschlagen - den derzeitigen Börsenboom verdanken wir ja dem Interesse aus dem Ausland. Deutsche Ak-tien sind vergleichsweise billig. Viele Anleger gehen raus aus dem amerikanischen Markt, kommen her. Deutschland hat immer noch ein gutes Image, es fehlt nur an Mut."

Also Psychologie?

"Wenn die Zahlen nicht stimmen, taugt die ganze Psychologie nichts, ist ja klar. Aber wenn die Zahlen ordentlich sind, wird der Glaube an sich selbst ganz wichtig - du bist nur so gut, wie du selbst glaubst, es zu sein."

Das hat der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache noch schöner gesagt: "Man fliegt immer nur so weit, wie man im

Kopf schon ist." Und der hat es von wem? Von Skispringer Jens Weißflog. Der Lehmann, der Köhler, der Weißflog, ein Volk von Weitfliegern.

Die Arbeitsvermittlerin. Silvia Wiesner sitzt in ihrem Büro, draußen vor dem Fenster liegt Schnee. Frau Wiesner hat ein paar Unterlagen rausgesucht, Statistiken, und es ist nicht ganz klar, was die Statistiken sagen. Frau Wiesner ist eine freundliche blonde Frau, 57 Jahre alt und Leiterin der Arbeitsagentur Senftenberg, einer kleinen Stadt in der Nähe von Cottbus. Die Arbeitslosenquote in der Geschäftsstelle Senftenberg, so kann man in der Statistik, im Arbeitsmarktreport, den Frau Wiesner jetzt aufschlägt, lesen, betrug im Januar dieses Jahres 26,6 Prozent. Eine schwere, traurige Jammerzahl.

Frau Wiesners Finger läuft weiter und zeigt auf die Vorjahreszahl, da waren es 26,9 Prozent. Das ist, wenn man so will, der Erfolg. Eine 0,3-Prozent-Verbesserung. Es gibt noch weitere Verbesserungen: Im Januar 2006 meldeten sich in Senftenberg 1642 Menschen arbeitslos. 98 weniger als im Januar 2005. Im Januar 2006 gab es in der Geschäftsstelle Senftenberg 239 Stellenangebote. Im Vergleich zum Vorjahr 46 Stellen mehr.

Man kann sagen, es bewegt sich nichts. Es gibt zu viele Arbeitslose in Senftenberg. Die Lage ist schlecht. Man kann aber auch sagen, es bewegt sich was.

Um 200 000 soll die Zahl der deutschen Arbeitslosen abnehmen in diesem Jahr, besonders kleinere Unternehmen mit 100 bis 500 Beschäftigten wollen zusätzliches Personal einstellen, haben deren Manager in Umfragen angegeben. Wenn die Wirtschaft um 1,4 bis 1,7 Prozent wächst, wohlgemerkt. Statistisch gesehen könnte die Arbeitslosenquote in Senftenberg also am Ende des Jahres bei 25,5 Prozent liegen.

Frau Wiesner hängt an der Region, sie ist in Senftenberg geboren, aufgewachsen, ihr Großvater, ihr Vater waren Bergleute, damals, als die Lausitz noch voller Braunkohletagebaue war, das Energiezentrum der DDR. Seit 2003 ist sie Chefin der Arbeitsagentur, also das, was früher Arbeitsamt hieß, das klang zu sehr nach Endstation. Frau Wiesner benutzt oft Kunstworte wie "Lebensjüngere" und "Lebensältere", Worte, die nur in der Arbeitsvermittlungswelt existieren. Frau Wiesners Lieblingswort ist allerdings: Geschäftssystem. Es gehört zu den verbesserten Umständen. Es ist der größte Erfolg der vergangenen Monate. "Das neue Geschäftssystem wird von den Kunden gut angenommen", sagt Frau Wiesner. Oder: "Das neue Geschäftssystem gefällt uns allen wirklich gut."

Das neue Geschäftssystem kam mit den Arbeitsmarktreformen. Es geht dabei um Termine, Effektivität und die Bekämpfung der Warteschlangen. Die Warteschlangen nervten alle. Die Wartenden und die Bearbeiter, vor deren Türen die Menschen wie eine Drohung saßen. Das gibt es jetzt nicht mehr. Die Wartezeit bis zur Terminvergabe soll fünf bis zehn Minuten betragen, so sieht es das neue Geschäftssystem vor.

Die Vermittler haben mehr Zeit. Sie können sich kümmern. 5 bis 6 Kunden am Tag, nicht mehr 20. "Das ist eine schöne Erfahrung für uns", sagt Frau Wiesner. Seit Januar hat sie sechs Vermittler mehr.

Alle fühlen sich jetzt besser. Frau Wiesner, ihre Mitarbeiter, die Kunden. Im März kommt noch das neue Computersystem. Die Vermittler müssen die Kunden jetzt nur noch vermitteln.

Die Frage ist, wohin.

Der Gastgeber. Man muss Hartmut Pirl nicht fragen, wie seine Stimmung ist, weil ein paar Zahlen alles erklären: Am 9. Juni beginnt in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft. Und die soll nicht nur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sein, sondern auch eine Stimmungskanone für das ganze Land. 32 Mannschaften werden spielen. 31 Mannschaften werden für die Zeit des Turniers irgendwo im Westen wohnen oder im Westen von Berlin. Nur eine im Osten. In Potsdam, Land Brandenburg. In Pirls Seehotel.

Man könnte sagen, Hartmut Pirl hat die Lage etwas entspannt. Den Ost-West-Fußball-Weltmeisterschaftskonflikt. Am Ende, als abzusehen war, dass keine der Mannschaften in den Osten wollte, als die Zeitungen bereits Deutschland-Karten druckten mit dem Ballungsraum West und dem Leerstand Ost, als Regierungssprecher Thomas Steg darauf hinwies, dass auch die Quartiere im Osten "ein sportlich gutes Abschneiden" fördern würden, als also die ganze schöne Weltmeisterschaft wieder vor unangenehmen Diskussionen stand, meldete sich plötzlich Hartmut Pirl. Er sagte, dass die Ukraine nach Potsdam kommt.

Das war nicht nur wichtig für das Seehotel, für Potsdam, für Brandenburg. Das war wichtig für ganz Deutschland, denn die Weltmeisterschaft soll das Land vereinen, soll die Deutschen stolz machen auf sich selbst, und da wäre es schlecht gewesen, wenn der Osten vor der ganzen Republik als ungastliche Steppe dagelegen hätte. Wieder schlechte Stimmung.

Die Ukraine hat Andrej Schewtschenko, den Star des AC Mailand, und als Trainer Oleg Blochin, Europas Fußballer des Jahres 1975. Die Ukraine ist also nicht schlecht.

Matthias Platzeck, der Ministerpräsident und SPD-Chef, gratulierte, es kamen die Reporter, die Fernsehteams. Pirl ist jetzt selbst ein kleiner Star geworden, eine Hoffnung oder ein Beweis, je nachdem.

Man hat den Osten am Ende nicht vergessen, könnte Pirls Geschichte bedeuten. Oder auch das Gegenteil. 31:1, sagen die

Zahlen. Am Ende ist es wohl eine Frage der Einstellung. Man kann sich beschweren. Oder die Dinge nutzen.

Die Weltmeisterschaft soll Begeisterung auslösen, eine nationale La-Ola-Welle, so erhoffen es sich Pirl, Merkel, Köhler, darauf stimmen sie die Deutschen seit Monaten ein. Als "Land der Ideen" will der Bundespräsident zusammen mit Unternehmen wie der Deutschen Bank die Bundesrepublik präsentieren, der Fußball soll die Wirtschaft anstoßen. Mit 60 000 Arbeitsplätzen und 10 Milliarden Euro Umsatz rechnen Wirtschaftsexperten, aber noch mehr soll die emotionale Mobilmachung bringen, ein Ball, ein Volk, ein Wille. In Fanclubs sollen sich die Deutschen zum Land bekennen, und an jedem Tag präsentieren die Initiatoren der Kampagne einen Ort, der beispielhaft für die Kreativität und den Ideenreichtum Deutschlands stehen soll. 20 Millionen Euro stehen bereit, um die Deutschen nach Initiativen wie "Partner für Innovation", "Konvent für Deutschland" und "Du bist Deutschland" mit dem nächsten anschwellenden Mutgesang in Aufbruchstimmung zu versetzen.

Hinter all diesen Initiativen steckt die Heilserwartung, die Bernd Kundrun, Gruner + Jahr-Chef und Mitinitiator von "Du bist Deutschland", so formuliert: "Ein wesentlicher Teil unserer Probleme kommt durch die schlechte Stimmung und fehlendes Zukunftsvertrauen im Land: Wir haben das Gefühl, es bewegt sich nichts, und man kann nichts bewegen." Der Umkehrschluss: Wenn wir an uns glauben, versetzen wir Berge, auf jeden Fall aber biegen wir die Kurve des Bruttosozialprodukts nach oben. Die Anzeigen und Fernsehspots von "Du bist Deutschland" hätten jeden Deutschen durchschnittlich 16-mal erreicht, bilanzieren die Kampagnenmacher. In der Werbersprache sind das 1,3 Milliarden Kontakte, das ist versuchte Gehirnwäsche im Dienste des Vaterlands.

Pirl läuft mit kleinen, schnellen Schritten durch sein Hotel, ihm bleibt nicht viel Zeit. Er braucht noch neue Auslegeware, Playstations für den Clubraum, zwei russische und einen ukrainischen Fernsehsender auf den Zimmern, ukrainische Speisekarten, ukrainische Hinweisschilder, und zusammen mit dem Potsdamer Oberbürgermeister überlegt er gerade ein Konzept "für den würdigen Empfang der Mannschaft in der Stadt". Potsdam ist jetzt auch so was wie WM-Stadt. Zumindest WM-Quartier-Stadt. Man will nichts falsch machen. Es geht um die Beflaggung in Potsdam, um die Terrassenzeit in Biergärten, um Ladenöffnungszeiten, ukrainische Folkloregruppen, am 1. März beginnt für Pirls Mitarbeiter das "interkulturelle Training": ukrainische Höflichkeitsformen, Ess- und Trinkgewohnheiten, Vokabeltraining. Die Ukraine zu Gast bei Freunden.

Ein bisschen Weltöffentlichkeit wäre nicht schlecht. Die Weltöffentlichkeit ist die Hoffnung in Brandenburg. Die Weltöffentlichkeit verspricht einen höheren Bekanntheitsgrad, ein Image, Touristen. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast 20 Prozent. Pirl spricht von "Nachhaltigkeit" oder auch "Strahlkraft". Alle glauben jetzt an die WM. Ganz Deutschland. Irgendwas soll dann passieren. Eine kleine Explosion. So ein 1954er Gefühl am besten. Der Bundeswirtschaftsminister formuliert es so: "Am besten wir gewinnen, dann sind wir noch sympathischer."

Hartmut Pirl glaubt erst mal an Andrej Schewtschenko. Das muss er auch. Fliegt die Ukraine in der Vorrunde raus, hat er siebzig leere Zimmer.

Der Meinungsforscher. Natürlich kann man erklären, weshalb die Große Koalition zurzeit so gute Noten bekommt. Angela Merkels gelungene Auslandsauftritte, die anziehende Konjunktur, der Zauber des Neubeginns - alles richtig, gewiss.

Glaubt man Matthias Jung, dem Vorstandssprecher der Forschungsgruppe Wahlen, dann gibt es noch eine weitere Erklärung - und die ist weniger schmeichelhaft und mindestens genauso einleuchtend. "Die Deutschen", sagt Jung, "sind einfach harmoniesüchtig."

Den Parteienwettstreit ums beste Rezept verstehen sie nicht als Ausdruck politischer Kultur. Sie sehen nur Gezänk. Die Deutschen, sagt Jung, mögen ihre Politik kuschelig, einvernehmlich, geräuschlos.

Im Januar hat Jung seine Wahlforscher mal wieder die Frage stellen lassen, was eigentlich die Hauptaufgabe der Opposition sei: die Regierung heftig zu kritisieren oder ihr konstruktiv zuzuarbeiten. "Zwei Drittel", sagt Jung, "da kriegen Sie zwei Drittel aller Deutschen, die meinen, die Opposition solle die Regierung unterstützen." Er sagt das wie ein Arzt, der nach der Diagnose resigniert: Ist Veranlagung, da kann man gar nichts machen.

Jung ist der Herr des ZDF-Politbarometers. Jeden Monat werden dort die zehn wichtigsten Politiker präsentiert, ihre Beliebtheit gemessen. Für die Abgeordneten sind die Politbarometerzahlen immens wichtig, sie schmeicheln der Eitelkeit und taugen als Argument: Wer gute Zahlen kriegt, hat Recht.

Zurzeit führt Angela Merkel die Charts an, auf der Skala von -5 bis +5 kriegt sie durchschnittliche Sympathiewerte von 2,2. Das ist ziemlich sensationell, normalerweise kommen Kanzler kaum über 0,5 hinaus.

Nun kann das in diesem Fall daran liegen, dass vor der Wahl zwei Drittel der

Deutschen Angela Merkel nicht zur Kanzlerin wollten und nun erleichtert sind, dass ihre schlimmsten Erwartungen nicht eingetroffen sind: Sie winkt auf Staatsbesuchen nicht mit großen Schweißflecken unter dem Arm in die Kameras, sie redet immer öfter frei, und sie spricht sogar besser Englisch als ihr Vorgänger.

Aber die guten Werte für Frau Merkel, meint Jung, liegen gar nicht an Frau Merkel. Zwar pflege Merkel einen anderen Stil als Schröder, sie komme den Bürgern bürgernäher vor, sagt Jung. Aber der Hauptgrund ihrer Popularität sei der: "In einer Großen Koalition fehlt der Gegner. Es wird nicht mehr polarisiert. Da kriegt Merkel auch Zustimmung aus dem SPD-Lager, und CDU-Wähler geben Müntefering gute Noten."

Erst zwingen die Wähler alle in ein Boot. Jetzt saufen sie sich den Kapitän schön.

Matthias Jung öffnet einen der Schränke in seinem Büro. Jahre von Politbarometern sind hier abgelegt. Sie zeigen, dass die Deutschen ihre grundsätzlichen Auffassungen kaum ändern - egal wer gerade regiert. Und zum gelernten Politikrepertoire der Bürger gehört das Misstrauen: "Hier", sagt Jung, 1993, ein Krisenjahr. "Damals entstand das Gefühl der Bedrohung und das Gefühl, dass die Politik machtloser wird." Oder unfähiger.

Die guten Noten für die Mannschaft von Angela Merkel verdecken, dass die Deutschen den Regierenden in Wahrheit auch heute nicht viel zutrauen. Jeweils ein gutes Drittel sagt, keine der Parteien könne die Arbeitslosigkeit bekämpfen, die Rente sichern. Das ist ein generelles Misstrauen, unabhängig von Parteiprogrammen und Konjunkturvorschlägen.

Eines jedoch ist unter der Großen Koalition anders als früher: "Der Grad der Ablehnung für eine Reform", sagt Jung, "hängt immer davon ab, wie groß der Streit unter den Parteien ist." Wenn ein Thema lang und breit diskutiert wird, steigt also die Zahl der Gegner.

Das heißt: Die Koalition braucht ihre Vorhaben nur in Ruhe zu verhandeln. Dann müssen die Gesetze gar nicht mal gut sein. Sie kommen trotzdem besser an.

Der Ex-Minister. In der Britischen Botschaft sitzen drei Männer und zwei Frauen auf der Bühne, sie sind bewaffnet mit Papieren, auf denen Zahlen und Argumente stehen. Hinter ihnen prangt ein Schriftzug. "Germany - Waiting for a Wunder". Es soll um Deutschland gehen.

Das britische Magazin "Economist" hat eine Studie veröffentlicht. Sie kommt zu dem Schluss, dass es keinen Grund gibt für Optimismus in Deutschland. Es ist ein überraschender Schluss, denn vor einem halben Jahr hatte das Blatt das Gegenteil verkündet, und obendrein sind die Deutschen gerade fest gewillt, optimistisch zu sein. Darüber muss man reden.

Die Moderatorin stellt die Gäste vor, zuerst den Herrn rechts außen. "Danke, dass Sie kommen konnten, Herr Eichel", sagt die Moderatorin. "Ich hab ja jetzt Zeit", sagt Hans Eichel.

Die Studie lese sich wie die Beschreibung eines Scherbenhaufens, sagt die Moderatorin. "Haben Sie den mit angerichtet?" Er hat auf die Frage gewartet. Er öffnet den Mund, lockert die Zunge, dann drückt er den Knopf des Tischmikrofons.

Er sagt, dass es gar keinen Scherbenhaufen gebe, dass Deutschland eine hochleistungsfähige Volkswirtschaft sei und dass er diese Debatte nicht mehr ertragen könne. "Ich bin dieses ganze hin- und herschwanken leid." Sein Kopf zuckt jetzt hin und her, es sieht aus, als säße er im Tennisstadion. "Wirklich leid." Wegen der schwankenden Stimmung der Deutschen hat Hans Eichel jetzt so viel Zeit.

Eichel ist ein Stimmungsopfer. Er war der Chef eines riesigen Ministeriums, von rund 2000 Mitarbeitern. Nun sitzt er zusammen mit seinem Mitarbeiter Herrn Manz in einem schmalen Büro, Paul-Löbe-Haus, Zimmer 7740. Er hat Deutschland in der Welt vertreten, jetzt vertritt er Kassel in Deutschland. Sein Reich ist geschrumpft.

Eichel drückt sich in eine Ecke seines schwarzen Stoffsofas. Wenn er aus dem Fenster blickt, kann er in viele Büros von anderen Abgeordneten hineingucken und die anderen in seins. Im Hintergrund klappert Herrn Manz' Tastatur.

Eigentlich müsste er jetzt Genugtuung empfinden. Eigentlich könnte er sagen, der Schröder hat für die Merkel die Thatcher gemacht. Eigentlich bräuchte er bloß mit dem Spruch des Deutschland-Experten der OECD zu wedeln. "Die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland ist im Vergleich zu dem Durchschnitt der Euro-Zonen-Länder in den letzten Jahren am stärksten gestiegen."

Eigentlich hat Eichel immer gesagt, dass die Stimmung sich endlich der guten Lage anpassen müsse. Wolfgang Clement und er waren die chronischen Optimisten der Regierung Schröder.

Eichels Lieblingswort hieß Trendwende, er hatte alle paar Wochen eine neue ausgemacht, der Aufschwung stand immer unmittelbar vor der Tür. Während Hans

Eichel Interviews gab, hatte der Aufschwung meist schon angeklopft und wartete nur noch darauf, dass Eichel das Interview beendet, um ihn hereinzulassen.

Das Dumme war nur, dass sich Hans Eichel meist allein auf die Zukunft freute. Die Deutschen wollten ihm nicht folgen, und am Ende hatte Hans Eichel ein Stück seiner Würde verloren.

Nach der Wahl durfte die SPD weiter den Finanzminister stellen, sie nahm Peer Steinbrück. Eichel sagt, dass er traurig gewesen sei, aber dass er die Entscheidung verstehen könne. "Mit einem zerschossenen Gesicht wie meinem können Sie keinen Aufbruch signalisieren." Er streicht sich zart über die glattgebügelte Wange. "Das ist eine Frage des Images. Das habe ich verstanden."

Rechts neben Eichel steht ein Schwein auf dem Teppichboden. Es ist aus Pappe zusammengeklebt und geht ihm bis zum Knie. Er beherbergt viele Sparschweine in seinem Büro, die meisten aus Porzellan.

Die Schweine hat ihm sein Medienberater auf den Schreibtisch gesetzt, zu einer Zeit, als Eichel bei den Menschen gut ankam. Es folgten die Jahre, als er seine Zahlen nicht mehr unter Kontrolle hatte und der Optimist hinter den Schweinen zur tragischen Figur wurde. Die Schweine wirkten plötzlich peinlich.

Jetzt stehen sie herum wie ein Mahnmal gegen politische Propaganda. Sie erinnern daran, dass man eine Stimmung nicht erzwingen kann.

Eichel hat sich Gedanken gemacht. Er sagt: "Die Stimmung ist davon abhängig, was in den Köpfen der Menschen drin ist, nicht davon, was wirklich ist."

Man hört ihm zu, und es entsteht der Eindruck, als ginge es im politischen Kampf darum, möglichst viel in die Köpfe der Menschen reinzupressen, so wie man Mastgänsen ein Rohr in den Hals steckt und sie gegen ihren Willen fett macht.

Im politischen Mastbetrieb ist jene Partei erfolgreich, der es gelingt, die meisten Thesen und Slogans in den Hirnen zu verankern. Es geht nicht darum, immer die Wahrheit zu sagen. Man kann auch die Wahrheit sagen, die der eigenen Partei am meisten hilft. Eichel weiß, wovon er redet, er saß mal vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Wahlbetrug".

Die Stimmung im Lande hängt demnach vor allem davon ab, ob die geschicktere Partei gerade an der Macht oder in der Opposition ist. Die Regierung braucht eine positive Stimmung, die Opposition profitiert von einer schlechten.

Die Köpfe werden jetzt von einer Großen Koalition bearbeitet, es gibt kaum andere Stimmen. Die Regierung kann endlich als Stimmungskanone funktionieren.

"So einfach ist das", sagt Eichel.

Er sei deshalb schon lange für die Große Koalition gewesen, aber er durfte das nie sagen. Jetzt darf er es. Er freut sich darüber, er schaut hinaus in die Büros der Kollegen. Hans Eichel hatte schon immer die Gabe, die Dinge positiv zu sehen.

Die Talkmeisterin. Es ist Viertel nach neun bei Sabine Christiansen, die meisten Gäste sind schon in der Maske, die Zuschauer eingewiesen, nur noch wenige Minuten sind es, bis die Sendung beginnt, da kommt Christiansens Pressesprecher die Treppe hinaufgeeilt. "Das ist eine Premiere", sagt er. "Horst Teltschik hat gerade abgesagt."

Horst Teltschik war geladener Gast bei Sabine Christiansen, der Ex-Kanzlerberater, Ex-BMW-Vorstand. Er hätte 60 Minuten bundesweite Aufmerksamkeit garantiert bekommen, 4,36 Millionen Zuschauer im Schnitt, er hätte was sagen können; die Republik hätte ihm zugehört. Dass er verzichtet hat, ist die beste Erklärung dafür, warum die Stimmung im Land plötzlich ganz anders ist.

Eine Absage Minuten vor der Sendung, das hat es noch nie gegeben, noch nie in der Geschichte dieser Sendung, nicht in den ganzen acht Jahren "Christiansen", nicht in 380 Sendungen.

"Und wissen Sie, warum?" Christiansens Pressesprecher Michael Ortmanns

macht eine kleine Pause, alle wollen wissen, warum Teltschick abgesagt hat?

"Keine Lust gehabt", sagt Ortmanns. Zu streiten schien ihm nicht wichtig.

"Die Stimmung im Land hat sich zu Beginn des Jahres gedreht", sagt Christiansen. "Die Stimmung ist plötzlich gut."

Und warum? "Weil niemand mehr streiten will." Minister und Parteivorsitzende kommen gegenwärtig, wenn überhaupt, nur widerwillig. "Die Große Koalition will sich zurzeit öffentlich nicht mehr kritisieren", sagt Christiansen.

Ihre Wunschgäste kommen nicht. Verteidigungsminister Franz Josef Jung zum Beispiel, sie hätte ihn gern in der Sendung gehabt, wegen des Karikaturenstreits, wegen der inneren Sicherheit. Aber Jung ließ sich schon früh in der Woche entschuldigen.

Stattdessen sitzt sie nun neben Friedbert Pflüger, dem Bürgermeisterkandidaten von Berlin. Es geht um den Islam, um Muslime in Deutschland. Pflüger ist kein Mächtiger wie Verteidigungsminister Jung, und wenn er sagen würde, die Lage sei ernst, dann hätte das nur bedingt ein Gewicht. Aber nun sitzt er da und sagt noch nicht einmal, die Lage sei ernst.

"Eins macht mir Hoffnung", sagt Pflüger, "dass sich Muslime in Deutschland sehr verantwortlich verhalten. Wir sollten die schlechte Stimmung nicht nach Deutschland übertragen."

Christiansen versteht das. Die gute Stimmung ist eigentlich nicht gut für die Quote, aber vielleicht muss man sich von der schlechten Stimmung manchmal auch einfach erholen. Es ist ein bisschen wie Urlaub.

Jetzt wartet sie darauf, dass es wieder anders wird. Am Mittwoch, vier Tage vor der nächsten Sendung, sitzt sie in der Redaktionskonferenz am Potsdamer Platz. "Wir haben alle angefragt, aber alle haben abgesagt", sagt eine Redakteurin. Finanzminister Steinbrück, Ver.di-Chef Bsirske, Vizekanzler Müntefering. Alle haben sich entschuldigen lassen, keiner von ihnen wollte öffentlich streiten über den Streik im öffentlichen Dienst. "Schade", sagt Christiansen. "Ich hatte schon ein bisschen gehofft."

Die Analytiker. Der eine legt die Produzenten auf die Couch, der andere die Konsumenten. Der eine ist Systemtheoretiker an der Universität Witten/Herdecke und so etwas wie ein Wirtschaftspsychologe, der andere ist Late-Night-Talker und so etwas wie ein Volkspsychologe, der die Deutschen zweimal in der Woche schon über ihre massenpsychologische Krise aufklärt, bevor sie sie selbst wahrnehmen. Baecker heißt der eine, Schmidt der andere.

Dirk Baecker erklärt das Lächeln auf den Lippen der Deutschen mit "einer Erleichterung darüber, dass man nicht mehr dauernd mit großen Gesten der Problemlösung, der Schönrederei und der utopischen Zielsetzungen konfrontiert ist". Es ist das Gefühl, dass unideologischere Zeiten angebrochen sind: "Man weiß, was man weiß, und man weiß, was man nicht weiß. Es geht nicht mehr um die Lösung von Problemen, sondern um einen möglichst intelligenten Umgang mit ihnen. Und da glaubt man sich bei Frau Merkel in guten Händen."

Harald Schmidt sitzt apfelstrudellöffelnd in der Cafeteria des Museum Ludwig in Köln und ist dankbar für die Erlösung von Ideologie: "Endlich wird Politik wieder von denen gemacht, die dafür gewählt wurden", sagt er. Endlich muss der Bürger nicht mehr multipler Experte sein für Vogelgrippe, Bilderverbot, Feinstaub und Afrika, das bei uns ständig vor der Tür steht. Dank der Großen Koalition war ein Thema wie Rente mit 67 in einer halben Stunde durch. Das wäre mindestens zwei

Wochen Talkshowthema gewesen, zu Schröders Zeiten, mit den üblichen Aufregungen.

Die Deutschen seien, sagt Schmidt, immer noch erschöpft von den Nachwehen der Einheit, der Angst vor Globalisierung und Arbeitslosigkeit: "Die Leute sagen, bitte, lasst uns mit allem in Ruhe. Herr, lass WM werden. Wir wollen die WM als Dauerzustand haben."

Die Deutschen hätten mit der ihnen eigenen Gründlichkeit ein Wahlergebnis hingelegt, dass die beiden politischen Lager zum Einsturz gebracht hat. Und damit eine Entwicklung amtlich abgesegnet, die sich seit Jahren in der Gesellschaft abgezeichnet hat.

In dieser Hinsicht habe der Kanzlerwechsel geradezu Wunder gewirkt, sagt Baecker: "Man wartet nicht mehr darauf, wie die Politik wieder aus ihren uneinlösbaren Versprechen herausfindet, sondern man erwartet, dass sie realistische Markierungen setzt, auf die man sich verlassen

kann. Frau Merkel traut man solche Markierungen zu."

Und das schafft Zuversicht. Stimmungen sind nicht nur bloße Launen, sondern können heftig ins Kontor schlagen. "Wirtschaftliche Akteure im Supermarkt, auf dem Autohof oder auf den Finanzmärkten dieser Welt diskontieren blitzschnell die Informationen, die ihnen angeboten werden, und treffen ihre Entscheidungen. Man kann ihnen politisch vor allem dadurch helfen, dass man auf Desinformation und auf das Produzieren von Rauschen verzichtet."

Als dieses "große, weiche, empfindliche Ungeheuer" sieht Hans Magnus Enzensberger das Volk, es habe "ein weitverzweigtes Gehirn", und man wisse nie, wohin sich die öffentliche Meinung bewege, mal sei sie "überraschend intelligent, phantasievoll, realistisch" und manchmal "schäbig, dumpf und tückisch".

Die Meinung jedes einzelnen Menschen wird beeinflusst durch seine Lebensumstände, durch andere Menschen und durch Medien; und aus dem Echo vieler Meinungen, die sich überschneiden, entsteht die öffentliche Meinung, die erst messbar ist, wenn sie von Medien zur veröffentlichten Meinung wird und so wieder die öffentliche Meinung beeinflusst. So einfach ist das und so kompliziert.

Es wird den Anhängern einer aufgeklärten Demokratie nicht gefallen, aber der Souverän, dieses nette Ungeheuer, ist wohl nicht so informationsgeil, wie das Denkmodell der Demokratie es unterstellt. Die letzten Jahre bundesdeutscher Demokratie zeigen: Die Deutschen waren schlecht gelaunt, weil sie fortwährend mit Fragen belästigt wurden, auf die sie selbst keine Antwort haben wollten. Wie soll der Bürger wissen, ob Kopfpauschale oder Bürgerversicherung die Rentenkassen retten könnte?

Bisher gab es zu jeder Frage zwei Antworten, eine von Schwarz-Gelb, die andere von Rot-Grün. Wer Recht hatte, das wusste keiner, schon gar nicht die Expertenrunden. Weshalb sollte der Bürger es besser wissen?

Die Große Koalition erlöst den Wähler von der Last, zu jeder Ministervorlage eine Meinung haben zu müssen. Deswegen wirkt sie so euphorisierend. Der Bürger weiß jetzt, dass in Berlin irgendwelche Ministerialreferenten in diversen Sitzungen Optionen abwägen. Sie tun ihren Job, und der Bürger kann sich gedanklich mit zu toten Schwänen und zu dünnen Models beschäftigen.

Der Apfelstrudel ist vertilgt und Harald Schmidt bester Laune. Die politischen Lager sind implodiert, Schmidt war schon immer die verkörperte Implosion, die Geschichte hat ihm also Recht gegeben. Soll Sabine Christiansen doch damit hadern, in ihrer Show keine Streitkultur mehr hinzukriegen.

Harald Schmidt ist selig: "Die Stimmung motiviert. Man muss sich nicht mehr in den Parteienkleinkrieg einarbeiten, sondern hängt sich an das allgemeine Es-gehtaufwärts-Gefühl heran. Wir können uns jetzt richtigen Nullthemen widmen, denn man weiß ja nicht, ob das morgen nicht wirklich das wahnsinnige Thema ist. Es würde mich nicht wundern, wenn sich der Bundestag morgen mit Heidi Klum beschäftigt. Oder wenn Christian Wulff sagt, die Model-Show mache uns fit für die Globalisierung. Sigmar Gabriel war gerade noch Pop-Beauftragter, jetzt ist er Gletscherexperte in Montreal."

Der Regierungssprecher. Herr Wettig fährt den Chef ins Bundespresseamt, der Lift bringt Thomas Steg in den dritten Stock, im Konferenzraum lauscht er der morgendlichen Lage, hier wird alles vorgetragen, was die Nation und die Regierung bewegen könnte, der Streik, die Vogelgrippe, all diese alltäglichen Aufregungen. Herr Wettig fährt den Chef weiter ins Kanzleramt, um halb zehn ist Kabinettssitzung, um elf ist der Chef zurück. Thomas Steg geht in sein Büro, zieht eine Pfeife aus der Pfeifentasche, stopft Tabak hinein.

Die Frage ist, warum sich eine Politik, die gleich geblieben ist, heute besser verkaufen lässt als gestern. Warum etwas, was gestern "Reformunfähigkeit" hieß, heute "Bescheidenheit" genannt wird. Wie es passieren kann, dass "Stillstand" und "Pragmatismus" denselben Zustand meinen.

Steg setzt die Pfeife in Brand, er stößt feine Wölkchen in die Luft, während er nachdenkt. "Punkt eins", sagt er dann, "könnte man nennen: Der Verdruss am Verdruss."

Alles hat seine Zeit. Es gebe die Zeit, sagt Steg, in der die Bürger sagen: Nichts wird besser, alles wird schlechter, es gibt nichts mehr, woran man sich festhalten könnte. Man kann eine Zeitlang so leben, im Zustand der Depression, Deutschland hat drei Jahre lang so gelebt, mindestens seit Schröders Rede zur Agenda 2010.

Dann muss etwas Neues kommen, eine Phase der Entlastung, der gefühlten Entlastung. Es gab dieses Bedürfnis schon, als Rot und Grün das Land noch regierten, aber Rot-Grün konnte das Bedürfnis nicht mehr bedienen. "Es war keine Konstellation mehr, die Hoffnung geben konnte", sagt Steg. Die Wahlen in Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen, die Visa-Affäre, fünf Millionen Arbeitslose, alles in einem halben Jahr, es war zu viel, kein Spin-Doktor der Welt kann da noch etwas drehen.

"Punkt zwei: Politik fühlt sich jetzt anders an", sagt Steg. Er spricht häufig von Gefühl, von etwas also, was einfach da ist, ohne dass man es erklären könnte.

Die Leute, sagt Steg, hätten das Gefühl: Wir sind Gefangene gewesen der politischen Reflexe. Jede Gesetzesinitiative der Regierung stößt auf eine Gegeninitiative der Opposition, Politik ist ein Spiel, ein Nullsummenspiel, ein Manöver ohne Raumgewinn.

Es gibt jetzt keine Opposition mehr, jedenfalls keine mit Gewicht, die FDP ist marktliberal, die Linke populistisch, die Grünen auf der Suche nach irgendwas. Steg sagt: "Wir haben jetzt eine Konstellation, in der die Menschen nicht das Gefühl haben, es geht um Blockade, sondern es könnte entschieden werden, dass etwas passiert." Die Regierung kann ihre Ideen in die Luft schmeißen und zusehen, wohin der Wind sie weht.

"Punkt drei: Entwertung, Delegitimierung von Lobbyinteressen und Verbandspolitik."

Man hört nichts mehr, kein Geschrei, keine Empörung, keine Bulletins, nichts von Arbeitgeberverbänden, nichts von Wirtschaftsverbänden, sie halten still, nur Ver.di will das Land lahmlegen, wegen 18 Minuten Mehrarbeit am Tag, und Frank Bsirske wird zum einsamsten Mann Deutschlands, je länger es dauert. Früher, sagt Steg, hatten die Lobbyisten die Parteien als Transmissionsriemen ihrer Interessen benutzt, sie hatten ihre Rolle in

diesem Spiel der Polarisierung, der Lagerbildung, aber wohin jetzt, wo es keine Lager mehr gibt, jedenfalls keine, die man gleich erkennen würde?

Eine Gestalt vom Bundespresseamt kommt ins Büro, trägt Unterlagen herein, Schriftliches zum agrarpolitischen Bericht der Bundesregierung. Zeugs. Steg schiebt die Papiere zur Seite und stopft die Pfeife nach.

"Punkt vier: Die Konflikte dringen nicht mehr ins Bewusstsein der Leute."

Den grundsätzlichen Konflikt deutscher Politik, den gibt es ja noch, den Konflikt zwischen Verändern und Bewahren, den Konflikt zwischen Reformen und sozialer Gerechtigkeit. Für das Erste ist eigentlich die Union zuständig, für das Zweite die SPD. Würden sich beide Parteien auf diese Arbeitsteilung einigen, sagt Steg, dann könnten beide am Ende nicht hinreichend gewinnen.

Die Union muss ein paar Zugeständnisse an die Gerechtigkeit machen, sonst wäre sie nur noch die Partei der kalten Vollstrecker. Die SPD muss darauf achten, dass sie nicht nur als Betriebsrat dieser Koalition wahrgenommen wird. Deswegen kommen die neuen Zumutungen jetzt aus dem Haus von Franz Müntefering, die Rente mit 67, die Kürzungen bei Hartz IV. Sie kommen über das Land wie ein neues Tiefdruckgebiet, etwas, wogegen man nichts machen kann, woran man sich gewöhnt hat.

"Es hat eine gewisse Konditionierung stattgefunden. Der innenpolitische Erfolg von Gerhard Schröder ist die Mentalitätsveränderung der Deutschen", sagt Thomas Steg.

Vor ein paar Tagen erst hat er Schröder in seinem neuen Büro besucht. Steg ist jetzt ein Merkel-Mann, aber er darf Schröder nicht verraten dabei. Er wäre gern ein Merkel-Mann in der Tradition des Schröder-Manns.

"Punkt fünf", sagt Steg, dann stoppt der Redefluss. Er guckt seinen Wölkchen hinterher. Er sagt, Punkt fünf sei der Punkt, der ihm jetzt etwas schwer falle.

"Punkt fünf ist die Figur Merkel."

Der Wechsel der Person, des Politikstils. Die Leute, sagt Steg, hatten eine emotionale, eine affektive, eine ambivalente Beziehung zur Politik der Vorgänger. Sie fühlten sich angezogen und abgestoßen von Typen wie Schröder, Schily, Fischer, beides zugleich. Immer war da auch die Frage nach den Motiven, die Frage danach, ob das, was sie machen, gerade staatspolitische Gründe hat oder doch eher persönliche. Immer machten sie den Eindruck, als gäbe es Politik mit Letztgewissheiten. Merkel, Steinbrück, Müntefering machen Politik unter Vorbehalt. Sie sind Suchende wie die Bürger. Man verzeiht ihnen leichter.

Steg klopft die Pfeife aus, er liest die Unterlagen auf seinem Tisch, man darf sich nicht überraschen lassen, er liest das Zeugs, manche Sätze unterstreicht er mit einem gelben Filzstift.

Herr Wettig fährt den Chef hinüber zur Bundespressekonferenz, man braucht keine fünf Minuten. Thomas Steg hat ein paar Zettel dabei, das Nötigste; er sagt, wichtig sei ja auch, dass Borussia Dortmund wieder auf die Füße komme. "Ich muss nicht mehr ständig aus der Defensive argumentieren, ich habe nicht mehr diesen permanenten Rechtfertigungszwang", sagt er, steigt aus, läuft eine Treppe hinauf in einen Saal mit 220 Klappstühlen, 40 davon sind besetzt, 50 vielleicht, wenn es hochkommt.

Steg setzt sich hinter ein Mikrofon, er redet mit warmer, ruhiger Stimme. Er könnte auch Sendungen im Radio moderieren, nachts, zum Einschlafen.

Dann kommen Fragen zur Rente mit 67. Steg sagt: "Im Kabinett gibt es absolute Übereinstimmung mit dem Minister. Es geht um die Umsetzung des Koalitionsvertrages." Nachfragen werden zugelassen, zaghafte, matte Versuche, sie fliegen auf den Regierungssprecher zu wie Wattebäuschchen, harmlos, ungefährlich. Steg schickt Sätze zurück, die Journalisten den Mut nehmen können, Sätze wie: "Sie dürfen das so verstehen, dass sich die Regierung als Gesamtes versteht."

Nach 45 Minuten ist alles vorbei, und nichts ist passiert. Thomas Steg steigt ins Auto, ach ja, sagt er, es gibt noch einen sechsten Punkt. "Die Rolle der Medien." Früher, sagt er, hatten die Medien ihre Rolle, sie waren Mitspieler, meistens waren sie Opposition. Im Moment haben Medien keine Rolle mehr, sagt Steg. "Die einzige Rolle, die sie übernehmen könnten, wäre die, selbst Fundamentalopposition zu spielen."

Er geht noch mal in sein Büro, es ist Mittwochnachmittag, der Mittwoch der Woche, in der es zum ersten Mal so schien, als könnte in Berlin etwas passieren. Thomas Steg guckt auf seinen Terminkalender und sagt, eigentlich sei die Woche ja jetzt gelaufen. DAVID BÖCKING,

MARKUS FELDENKIRCHEN, MATTHIAS GEYER,

JOCHEN-MARTIN GUTSCH, RALF HOPPE,

MARC HUJER, ALEXANDER JUNG,

MARIO KAISER, ANSBERT KNEIP, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK

* Minister Müntefering, Regierungschefin Merkel im Bundestag, Seniorentheater in Köln, Kunstaktion in Neuruppin, Fußballer Jürgen Klinsmann, TV-Moderator Harald Schmidt.* Mit Harald Augter, Präsident der IHK für Rheinhessen.* In Frankfurt am Main.* Mit Familie Grathwohl.* Bei der Verleihung des Ordens "Wider den tierischen Ernst" in Aachen am 11. Februar.

DER SPIEGEL 9/2006
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