Von Uslar, Moritz von
Wir sind an diesem Abend die Ersten, die Allerersten, die vor seinem Haus anstehen: ein Dienstag im Februar, 22.30 Uhr, pazifische Zeit.
Das hätte man zu gern vermieden, dass man bei Prince - bei Prince zu Hause - eingeladen und auf die Minute pünktlich ist. Pünktlichkeit ist auf der ganzen Welt verboten. Cool. Wie herrlich uncool. Man führe am liebsten gleich wieder nach Hause - wäre zu Hause nicht 18 Flugstunden entfernt. So bleiben wir. Es wird in dieser Nacht noch genug passieren.
Lilablaues Licht. Unten an der Einfahrt ist ein Samoa-Ringer aufgebaut, als Absperrung, zwei Meter breit, zwei Meter hoch. Er deckt den Luftraum ab. Ein Van wartet. Es flüstert der Samoa-Ringer in sein Headset. Da fährt ein Wagen des L. A. Police Departments vor; stoppt; blendet auf; rutscht weiter den Berg hinauf.
Pop ist tot. Die Musikindustrie produziert keine große Namen, kaum einen neuen Star - also müssen wir dieses Jahr noch mal zu Prince. Der Alte soll es reißen. In den goldenen Achtzigern hatte Prince, neben Madonna und Michael Jackson, mit die meisten Platten verkauft. Madonna hatten wir gerade. Michael Jackson eröffnet Shopping Malls in Bahrain. Bleibt: er.
Frage ist: Was fragt man einen Mythos? Darf man den überhaupt etwas fragen?
1200 Sierra Alta Way ist leicht zu finden: vom Sunset Boulevard links abbiegen, den Doheny Drive hinauf und wieder links. Gegenüber von Prince' Haus steht ein modernistischer Backsteinbau, flach, einer Garage ähnlich - man denkt: Da wohnt er.
Da wohnt er dann aber nicht. Prince' Haus ist ein architektonisches Unglück. Kein Stil, schon eher der bewährte Stilmix der Superreichen, Bauhaus und Bellagio, funktional, mediterran. Auffällig unauffällig, die Mauern, Kakteenkübel, das schmiedeeiserne Tor. Eine Burg, weiße Festung mit heruntergelassenen Rollläden, ähnlich den weißen Bunkern, die in Hamburg an der Alster oder in Bad Godesberg am Rhein stehen. Im vierten Stock brennt eine Lampe unter vornehmem Schirm.
Deutschland sitzt um diese Zeit beim Frühstück, in Deutschland ist es halb acht in der Früh. In West Hollywood hängen die Sterne so tief wie über keiner Großstadt in Europa, und es zwitschert trotz der Dunkelheit. Die Vögel sind hier größer, bunter, lauter als anderswo.
Am Abend drauf werden in Los Angeles die 48. Grammys verliehen. Es sind dies außerdem die Tage, in denen der Mensch, der nicht extra weghört, die dünne, kleine Melodie des Prince-Songs "Te amo corazón" im Ohr hat. Kein doller Song. Ein Songchen. Tripptrapp. Kleines Auf-, kleines Abwärts. Mit dünnem Stimmchen singt Prince davon, wie ihn das Theater der Frauen fertigmacht. Wer braucht sie noch, die schönen Frauen? Er, Prince. Er kann nie ohne sie, allein dafür hat man ihn gern. Nebenbei erfährt man, was "Liebling" auf Spanisch heißt: corazón. Wie hübsch. Te amo. Ich liebe dich, mein Herz.
Vor 200 Gästen wird Prince (Jahrgang 1958, derselbe Jahrgang wie Michael Jackson und Madonna) sein neues Album "3121" vorstellen: Es sind zehn Journalisten geladen, davon vier aus Japan, drei aus Europa. Der Rest: Business. Business sind alle die, die in der Welt des Pop, der Gema-Millionen,
der operierten Schönheit, der Pools im blauen Flutlicht und der Grammys etwas zu sagen haben. Es ist sein 28. Album. Oder sein 58. Album? In etwa so. Ehrlich, keine Ahnung.
Kameras sind verboten, Handys sind verboten. Erst wird kein Prince zu sehen sein, und dabei läuft das Album, und es werden Drinks gereicht. Rauchverbot.
Dann soll Prince auftreten, wenn er denn überhaupt kommt, und dann ist es schon gegen zwei Uhr früh. Interviews wird er keine geben, das schwört jeder Vertreter jeder Plattenfirma. Auf der per E-Mail verschickten Einladung heißt das: "VIP Listening Party. Valet Parking. Photo ID may be required." Dazu ein aufregend düsteres Partymotto "U can come if u want 2 / But u can never leave" (Tritt ein, wenn du möchtest / Gehen wirst du niemals können). Kommt Pamela Anderson? Eine schöne Frage ist doch, ob Prince, als einer der Letzten in Hollywood, ein Verhältnis mit Pamela hat - heikle Sache: den Frauenkenner Prince nach jüngsten Fraueneroberungen zu befragen. Warum nicht?
Wir, das sind übrigens fünf, die der Zufall am Treffpunkt - im Schein der an- und abfahrenden Limousinen vor dem W Hotel in Westwood - zusammengewürfelt hat: Guten Abend! Hallo? Alles klar.
So ein Club, man weiß es, hält ja immer gleich die ganz Nacht zusammen: eine Vertreterin der Plattenfirma aus Deutschland, blond; eine Vertreterin der Plattenfirma aus New York, Asiatin, dunkelhaarig, bedeutend hübsch anzusehen; außerdem zwei Vertreter von Deutschlands führendem Plakatklebe-Unternehmen, prima Kerle, beide in Nadelstreifen, einer höher, schmaler, einer breiter, kürzer (die Plattenfirmendame in Blond hatte diesen Herren Tickets für die Grammys besorgt, den Prince-Abend nehmen die seitlich mit). Der SPIEGEL-Reporter wird sich im Folgenden, klassisch, "der Reporter" nennen. Und natürlich kann der Reporter nicht anders, als sich Fragen an den Popstar zu notieren, drängende Fragen lauten: Wer gießt Ihre Blumen? Ihre Größe in Zentimetern, bitte! Fühlen Sie sich missverstanden?
Wir sind alle aufgekratzt oder total fertig vom Langstreckenflug oder beides auf einmal. Mann! O Mann! Wir sind bei Prince eingeladen, das kann nicht wahr sein! Doch, das ist jetzt aber so - ein Wahnsinn! Es ist alles so daneben. Man kennt sich kaum. Man hat sich gleich gern.
23 Uhr. An die hundert Gäste warten vor der Kordel. Regloser Ringer. Flüstern.
Flüstern? Ja, bitte leise sprechen, die Nachbarn. Viel Schwarz, die Frauen mit großen Körpern, kleinen Köpfen, die Männer mit Bäuchen und breiten Revers. Durchschnittsalter: alt. Um die 45. Im PopKontext ist das schon Ewigkeit. Tolle Düfte, einige umwerfend glatte und fest trainierte Frauenwaden, eine Frau bespricht mit ihrer Freundin, ob sie ihre Jeans ausziehen und es in Unterwäsche noch einmal beim Türsteher versuchen soll. Letzte Zigaretten. Letzte Nachrichten werden über den Blackberry, den Handycomputer der Medien-Hautevolee, verschickt: Verstehst du. Ich bin hier bei Prince! Später: mehr.
Das Gerücht des Abends lautet, dass sich Jay-Z von Beyoncé Knowles getrennt habe, nachdem er sie monatelang mit einer Wendy seiner Plattenfirma Def Jam betrogen habe. Ab heute sei er offiziell mit ihr zusammen. Kommt Jay-Z mit Wendy? Korrekte Information, dass Prince, Jay-Z und Wendy auch gut zu dritt können?
Mit den Jungs vom Plakatklebe-Unternehmen lässt es sich nun prima darüber reden, wer Prince noch einmal war: Es ist ja total schick, nicht "Purple Rain" (17 Millionen Mal verkauft) für das beste Prince-Album zu halten, sondern "Sign o' the Times". "Purple Rain" sei aber das beste
überhaupt. Die ersten drei Alben, die legendären - kannste alle vergessen: Funkrock. Jazzrock. Zu viel Musik. Nervt nur.
Für kleine Mädchen kam in den achtziger Jahren erst Ponyreiten, dann Prince, beide - na klar - als Sexersatz. Seit "Diamonds and Pearls" (1991) macht Prince Jazz (Saxophon, Triangel), seither hat er kein gutes Album mehr aufgenommen. Wo bleibt der Pop? Wo sind die Melodien, die Grooves, wo sind die Hits geblieben?
Wer keine Party, sondern ein "VIP Listening" feiert, darüber herrscht Einigkeit, der hat das nötig, der muss einigermaßen am Ende sein. Prince 2006 zu treffen ist in etwa so wie Elvis 1976 zu treffen, also 20 Jahre zu spät. Nur dass sich die Fettleibigkeit von Prince nicht in seinem Körper, sondern in seiner Musik auslebt. Wir sind heute Abend auch deshalb hier, weil die Musik von Prince schon längst nicht mehr zu uns spricht.
Herr Prince, hier eine niveauvolle Frage: Was ist die Botschaft Ihres Superpops in Zeiten säkularer Orientierungslosigkeit und islamistischen Terrors?
23.30 Uhr. Der Van rutscht mit Tempo zehn die Einfahrt hinauf. Da kniet ein Gentleman (Jahreseinkommen geschätzte fünf Millionen Dollar) am Busboden und hält sich an den Ledersitzen fest. Nach 30 Metern dürfen alle aussteigen: Flash! Es mahnt ein lilafarbenes Prince-Symbol, diese Kreuzung aus männlichem und weiblichem Geschlechtssymbol, als Wappen über dem Torbogen des Hausherrn.
Eintritt. Eingangshalle. Und noch eine Eingangshalle, diese zweite mit einer Bar, Billardtisch, Bücherregalen, Musikboxen, afrikanischen Instrumenten. Es sieht aus wie bei einem reichen Teenager zu Hause.
Im Regal stehen ein ledergebundenes Folk-Lexikon und Hubert Selbys "Last Exit to Brooklyn". Gerahmte Fotos zeigen Spike Lee und Wyclef Jean von den Fugees. Umwerfende Barfrauen, die hawaiianisch-kreolische Mischung. Das angebotene "Fiji"-Wasser, so erfährt man, sei auch Mary J. Bliges Lieblingswasser und außerdem das teuerste Wasser der Welt. Lilafarbene Papierservietten mit silberner "3121"-Prägung. Diese Servietten steckt der Reporter sich in die Brusttasche seines Jacketts.
Die Prince-Landschaften, in denen der Besucher sich bewegen darf, bestehen aus den zwei Eingangshallen, einer Terrasse mit Stehtischen (Bar), einem Tanzsaal (Bar), Treppen, Zwischenterrassen. Dort, wo es nicht weitergeht, hängen Kordeln. So weit gilt der private Rahmen, dass man sich an die Kordeln hält. Die am höchsten gelegene Terrasse bietet Zugang zu einem Tennisplatz, einem "3121"-Springbrunnen und Blicke über das Lichtermeer der Stadt, Century City und Downtown L. A., begrenzt vom Glitzerstreifen des Ozeans.
Ein Aufzug, mit lila Samt ausgelegt und herzförmigem Spiegel. Ist das der Spiegel auf dem Innencover von "Sign o' the Times"? Das ist er. Der Aufzug ist der beste, der privateste Raum in diesem Haus. Man stellt sich vor, wie Prince hier mit einer Frau zur Sache kommt: kommt gut.
Prince hält sich Räume, in denen es weitaus privater zugehen muss als in diesen hier, so weit der Eindruck. Luxus lebt der, der sich eine Privatsphäre neben der Privatsphäre leistet - diese Sphäre hier kann Prince der Plattenfirma ausleihen.
24 Uhr. Im Ballsaal läuft arabische Musik. Monte Lipman, der Präsident von Universal Records, begrüßt die Gäste: "Wir schreiben hier Geschichte. Wir glauben, dass die Menschen in diesem Raum Geschichte schreiben können." Applaus. "Ihr seid die Ersten auf der Welt, die ,3121' zu hören bekommen." Es läuft das Album.
Frage: Wo bleibt sein Wille zum Hit?
Um 0.20 Uhr ist der große Moment gekommen, an dem der Reporter bei Prince aufs Klo geht. Die Nachricht: Er spült auch nur mit Wasser. Verspiegelte Wände. Von oben hört man Schritte.
Das Album "3121" ist das vielleicht beste Prince-Album seit 20 Jahren.
1.30 Uhr: Auftritt Prince. Da steht der Reporter gerade draußen und lässt sich von den hawaiianischen Barfrauen bedienen: "Are you ready for a fresh beer?" Gern noch einen dieser Gummibärchen-Drinks, gern noch einen Wodka Cranberry.
Er hat drei Frauen in die erste Reihe gestellt, eine schwarze Sängerin, zwei weiße Tänzerinnen, zum Verwechseln ähnlich, offensichtlich Zwillinge - alle drei bestialisch sexy. Sie legen los, kreischen, stampfen, tanzen, als hätten sie Wunderdrogen geschluckt. Eine Frau am Schlagzeug. Den Job, den Prince-Schlagzeugerinnen seit Sheila E. haben, erfüllt auch diese perfekt: halbnackt, Haarmähne werfend, um sich schlagend. Dann wird auch noch die echte Sheila E. auf die Bühne gerufen. Sie bekommt ein eigenes Schlagzeug hingestellt.
Er bedient die Leadgitarre, schaut seine Frauen, sein Publikum von weit hinten an. In Prince' Band ist Prince unwichtiger als sein Keyboarder. Prince-Ansagen:
"You can dance!"
"Now - scream!"
"Somebody bring me a towel!"
Das Publikum macht: "Yeah."
Die Band spielt die neue Single "Black Sweat" und ein undefinierbares, trotzdem mitreißendes Funkmedley. Ein Song kann schon mal 20 Minuten dauern. Zwischendrin klingen Klassiker an wie "Play That Funky Music White Boy". Die eigenen Hits spielt er nicht.
Prince ist, Achtung - groß. Jedenfalls größer als erwartet. Nicht so klein wie ein kleines Kind. Eher so groß wie ein großer Teenager. 1,58 Meter plus 10 Zentimeter Korkabsätze. Er ist einer der ganz wenigen 47-Jährigen im Popgeschäft, die verstehen, dass der Hals des älteren Herrn hinter hohen Kragen gut aufgehoben ist.
Gerade jetzt gilt: keine Fragen. Besser ist es, man schaut ihm jetzt nur zu.
Einmal reißt Prince die Schlussakkorde von "Kiss" auf der Gitarre an - Kreischer der Erleichterung und Vertrautheit im Publikum. Und bricht ab. Sein berühmtes schelmisches Augenzwinkern, der Ruf nach dem Wachpersonal: "Security".
Einmal legt Prince seine Gitarre dem Publikum zu Füßen und lässt das elektrische Instrument auf dem Fußboden weiter vor sich hin wummern. Gitarrenjaulen. Prince macht das Prince-Gitarrensolo-Gesicht: Sein Hals streckt sich. Der Schnurrbartstrich wölbt sich über die Zähne. Prince greift die Luftgitarre. Da braucht das Instrument seinen Herrn für einen Moment lang - o Erlösung - nicht.
Applaus.
Respekt dem Gastgeber.
Seine umwerfenden Frauen.
Es kommt dann, gegen zwei Uhr, der Moment, in dem Prince den Reporter auf die Bühne holt, vor Zeugen, vor Publikum. O nein. O doch. Jetzt gilt es, Spaß an der Sache zu haben, stark zu sein.
Die Sängerin Tamar hatte sich mit den tanzenden Zwillingen Mandy und Mya per Blickkontakt auf mich verständigt: Der mit der lila Serviette im Anzug soll es sein. Auf der Bühne wird der Reporter auf einen Drehstuhl gesetzt und von den Körpern der Zwillinge - wie sagt man? - gesandwicht. Zur Funk-Gitarre muss der Reporter Fragen beantworten - es ist eine verkehrte Welt, die Dada-Version des Geschäfts: Der Star interviewt den Journalisten. Nicht zu fassen. Die Antworten brüllt das Publikum.
"Do you like Prince?"
Yeah!
"Do you like twins?"
Yeah!
Die Aufforderung, noch näher zu kommen, Hilfe!
"What do you do for a living?"
Kleinlaut antwortet der Reporter, dass er nicht von den hohen Künsten, sondern vom Zeitungschreiben lebt.
Prince spricht zum Publikum, als fiele diese Erklärung nicht zu seiner Zufriedenheit aus: "Oh my God ... and I thought he was a producer!" (Und ich dachte, er sei Produzent).
Seliges, erschöpftes Publikum.
Prince ab.
Im Haus von Prince bestimmt immer noch Prince, wer die Fragen stellt und wer die Antworten gibt. Zeit für Gegenfragen war - definitiv - nicht. Das muss man aushalten. So stark musst du sein.
Die Plattenfirmenfrau in Blond: "Schönes Interview!" Der Bruder von der Plakatfirma, schulterklopfend: "Mann, warst du peinlich! Ganz, ganz wunderbar."
Einer japanischen Journalistin diktiert der Reporter nun, ein wenig pathetischer Stimmung, sein Fazit des Abends in den Notizblock: "Oben am Gipfel bleibt nur noch der Abstieg. Und es ist ein langer, langer Weg nach unten. Gute Nacht."
Heimweg über den Sunset Boulevard, Straße der tausend Lokale. Menschenleere. Türen zu. Lichter aus. Es gibt nichts Toteres als eine Amüsiermeile, die schläft. Die Stadt liegt im Schönheitsschlaf für den Grammy. Der Pop ist gerettet. Vorerst.
DER SPIEGEL 9/2006
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