20.05.1968

ptx ruft moskau

Adolf Hitler war zu einem Geständnis aufgelegt. "Die Bolschewiken", sagte er am 17. Mai 1942 zu seinen engsten Mitarbeitern, "sind uns auf einem einzigen Gebiet überlegen: in der Spionage." Der Führer des Großdeutschen Reiches wußte nicht, daß er einem unscheinbaren Juden ein Kompliment machte, dem Chef eines Unternehmens, das zum Alptraum von Himmler und Admiral Canaris geworden war.
Denn die Hauptrolle in dieser Geschichte der Roten Kapelle spielt Leopold Trepper, ein polnischer Jude, geboren am 23. Februar 1904 in Neumarkt. Seine Figur verlor sich lange Zeit im Nebel der Geschichte, wenige wußten, wer er war, er, der Grand Chef.
Einem Spion nachzuspüren ist wahrscheinlich noch schwieriger als die Jagd auf verschwundene Urtiere. Ein General hinterläßt glänzende Spuren. Man kennt seine Uniform und seine Taten; man weiß, welche Schlachten er geschlagen hat, der Wortlaut seiner Lageberichte ist bekannt, und häufig stehen sogar seine Memoiren zur Verfügung.
Ein Spion dagegen muß notgedrungen unauffällig sein -- ein Meister in der Kunst, unsichtbar zu bleiben. Man kennt weder seine Pläne noch seine Sorgen, auch nicht sein tägliches Leben.
Sogar seine Tätigkeit ist unauffällig: Er trifft Verabredungen für kurze Wortwechsel an Straßenecken, um
© 1966 Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.
gleich darauf einem anderen Treffpunkt zuzustreben. Mitunter gelingt es der Polizei, ihn festzunehmen, aber dem Zugriff eines Biographen entgleitet er mit unglaublicher Leichtigkeit.
Dieser ist also gezwungen, sein Urweittier mit bunten Farben auszustatten, um es überhaupt erkenntlich zu machen. Kühn muß er uns mit den Gedanken seines Helden vertraut machen, ihm ein auffälliges Gebaren andichten und auf gut Glück einen Tageslauf erfinden. Darum sind von allen historischen Berichten gerade die Spionagebücher besonders lebendig geschrieben und mit vielen Einzelheiten ausgeschmückt.
So enthalten zum Beispiel die meisten Bücher, die sich mit dem sowjetischen Meisterspion Richard Sorge beschäftigen, detaillierte Aufzählungen seiner Handlungen, ja sogar seiner Gedanken. Der Vergleich mit Sorge ist nicht zufällig gewählt.
Als Trepper 1.939 in Belgien sein Spionagenetz aufzieht, arbeitet Sorges Organisation bereits in Tokio. Der Grand Chef holt den Vorsprung schnell auf. Alle Spezialisten der Spionage behaupten, daß Trepper in bezug auf die Wichtigkeit der von ihm ermittelten Nachrichten mit Sorge auf gleicher Stufe stand, ihm in der Organisationstechnik aber weit überlegen war.
Das Schicksal der beiden Meisterspione war nicht das gleiche. Sorges Weg verlief schnurgerade: Er spionierte, wurde gefaßt und gehenkt. Die Geschichte vom Grand Chef verlief ganz anders.
Sie begann im Polen der Pilsudski-Ara. Leopold Treppers Vater, ein einfacher Handelsvertreter, schuftete sich zu Tode, um seine Frau und seine zehn Kinder durchzubringen. Er starb, als der kleine Leopold gerade zwölf Jahre alt wurde.
Leopold ging in Lwow (Lemberg) zur Schule und schrieb sich dann in der Universität von Krakau ein, um Geschichte und Literatur zu studieren. Er war damals 18 Jahre alt und konnte mit einigem Recht glauben, sein Aufstieg sei gesichert. Ein bescheidenes Stipendium und die mühselig aufgebrachten Zuwendungen der Familie erlaubten es ihm, sich recht und schlecht durchzuschlagen.
Ein Jahr später gab es eine Wirtschaftskrise in Polen, und für den Studenten in Krakau begann ein langer Kampf gegen den Hunger. Der Hunger trug den Sieg davon. Trepper wurde erst Maurer, dann Schlosser. Aber die Krise verschonte auch die Handwerker nicht, und Trepper verdingte sich in den Kohlengruben von Kattowitz.
Zwei Jahre später konnte er als Handlanger in einer Metallgießerei in Dombrowa Arbeit finden. Er hatte immer noch Hunger. Ganz Dombrowa hungerte. Durch ihr Elend an den Rand der Verzweiflung getrieben, entfesselten die Arbeiter Aufstände, die von den polnischen Dragonern schnell unterdrückt wurden.
Einer der Rädelsführer dieser Aufständischen hieß Trepper. Er wurde verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Damals war er 22 Jahre alt und hatte immer noch Hunger.
Trepper verbrachte acht Monate in den Kerkern des Diktators Pilsudski. Die Anhänger der illegalen Kommunistischen Partei wurden Folterungen ausgesetzt, die an Grauen die späteren Gestapo-Methoden übertrafen. Dann wurde Trepper freigelassen, ohne daß man sich die Mühe machte, ihn vor Gericht zu stellen.
Er ging nach Warschau. Von Dombrowa nahm er die ersten vier Buchstaben mit: Für die zehn kommenden Jahre wurde Domb zu seinem Pseudonym. In Warschau gab es jedoch keine Arbeit für einen, der an den Aufständen in Dombrowa teilgenommen hatte. Trepper wußte, daß er in Polen nicht mehr existieren konnte.
Die zionistische Organisation "Hechalutz" war seine letzte Zuflucht. Er trat an sie heran, wurde aufgenommen und konnte endlich Polen verlassen. Leopold Trepper erhielt etwas Reisegeld und gelangte über Wien und Triest nach Palästina.
Zuerst mußte er in Haifa Steine klopfen, dann wurde er Landarbeiter in einem Kibbuz. Seine angenehmste Zeit in Palästina verbrachte er als Lehrling in einem Elektro-Unternehmen.
Manche Auskünfte lassen darauf schließen, daß er 1929 Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Palästinas wurde. Die Gruppe "Einheit" war jedenfalls sein Werk. Vom Kommunismus inspiriert, versuchte die Gruppe, eine Einheitsfront von Juden und Arabern gegen die englische Besatzungsmacht zu bilden, Trepper und seine Leute wurden 1930 von der Polizei entlarvt und verhaftet. Als er erfuhr, daß ihre Deportation nach Zypern geplant war, inszenierte Trepper einen Hungerstreik. Die britische Presse griff den Fall auf, es gab Anfragen im Unterhaus.
Der Vertreter der britischen Krone in Palästina beschloß, die unbequemen Gefangenen freizulassen. Da sie zum Gehen zu schwach waren, wurden sie auf Tragbahren gelegt und vor dem Gefängnistor abgestellt.
Einige Wochen später kam Trepper illegal nach Frankreich. Er arbeitete als Tellerwäscher in einem Restaurant in Marseille, ging dann nach Paris und wurde Anstreicher. Dies sollte die letzte der zahlreichen Gelegenheitsarbeiten sein, die Trepper ausüben mußte. Inzwischen hatte er seinen wahren Weg gefunden: Jetzt begann die Lehrzeit für den späteren Grand Chef.
In Frankreich existierte damals ein sowjetischer Spionageapparat, der mit verblüffend einfachen Methoden zu erstaunlichen Ergebnissen kam. Er war auf dem System der "Rabkors"* aufgebaut.
Die Idee stammte von Lenin selbst. Die russische Revolution hatte die meisten der bürgerlichen Journalisten gezwungen, ins Ausland zu flüchten. Um die Berufsjournalisten zu ersetzen, mußte man sich an Amateure wenden. In Dörfern und Fabriken ersetzten Arbeiter die Pressekorrespondenten; sie überschütteten die Sowjetzeitungen mit Artikeln über lokale Probleme und denunzierten gleichzeitig Verräter und Saboteure.
Die Polizei kam dabei auf ihre Kosten. Das System wurde auf das Ausland ausgedehnt, und diesmal war es der russische Geheimdienst, der aus dieser Organisation Nutzen zog.
In Frankreich gab es 1929 etwa 3000 Rabkors, von denen manche in den Militärarsenalen oder in Fabriken der Rüstungsindustrie arbeiteten. In ihren für die kommunistische Presse bestimmten Artikeln prangerten sie die ungünstigen Arbeitsbedingungen an, was zwangsläufig dazu führte, daß sie auch über die Arbeit selbst berichteten.
Die aufschlußreichsten Artikel wurden nicht veröffentlicht. Man übermittelte sie der Sowjetbotschaft in Paris, die sie nach Moskau weiterleitete. Sowie irgendein Rabkor besonders interessante Informationen übermittelt hatte, wurde ein Agent zu ihm geschickt, um ihn über jede Einzelheit auszufragen,
Diese erfolgreiche Organisation arbeitete drei Jahre lang ohne jeden
* Rabkors Abkürzung für rabotschije korrespondenty, Arbeiterkorrespondenten. In der deutschen KP nannten sie sich "Betriebsberichterstatter" (EB).
Zwischenfall. Im Februar 1932 ging jedoch bei der französischen Polizei eine Denunziation ein. Dennoch brauchte der mit der Untersuchung beauftragte Kommissar, der den verwirrenden Namen Faux-Pas-Bidet trug, mehr als ein halbes Jahr, um das Spionagenetz aufzudecken.
In seinen Berichten sparte er nicht mit bewundernden Worten für die Spione, um deren Verhaftung er sich bemühte. Besonders der Chef zeichnete sich durch eine ungewöhnliche Geschicklichkeil aus, den Fahndungen zu entschlüpfen und gestellten Fallen auszuweichen. Er schien über eine vollständige Liste aller Häuser in Paris zu verfügen, die einen zweiten Ausgang besaßen.
Fassungslos nannten ihn die Polizisten "Phantomas". Als man ihn endlich gefaßt hatte, stellte sich heraus, daß es sich um einen über Palästina nach Frankreich gelangten polnischen Juden handelte. Er hieß Isaia Bir. An Stelle eines "Phantomas" hatte man einen gewöhnlichen Durchschnittsbürger gefaßt. Der Chef des Spionagerings wohnte in einem Hotel letzten Ranges und empfing weder Post noch Besuch. Die wichtigsten Verbindungen zu seiner Gruppe liefen über eine junge Frau, die allgemein als seine Geliebte galt.
Die Abschirmung der einzelnen V-Leute untereinander war so exakt, daß die meisten Mitglieder des Rings der Polizei entgingen. Unter ihnen: Leopold Trepper. Die Gestapobeamten. die ihm einige Jahre später auf den Fersen waren, hätten in den von Charles Faux-Pas-Bidet zusammengetragenen Akten interessante Hinweise finden können, aber offenbar haben sie sich nicht darum bemüht. Sie kannten wohl Leopold Trepper, Leiba Domb aber war ihnen kein Begriff.
Er entging dem Zugriff der französischen Polizei: Im letzten Augenblick konnte er in einen Zug springen. Sofort nach seiner Ankunft in Berlin setzte er sich mit der sowjetischen Botschaft in Verbindung. Nach einer Wartezeit von einigen Tagen erhielt er den Befehl, nach Moskau weiterzufahren.
Ein bestimmter Zug wurde ihm vorgeschrieben, am Ziel mußte er alle Reisenden aussteigen lassen und allein in seinem Abteil warten: Man würde ihn abholen. So geschah es auch. Trepper hoffte auf einen baldigen neuen Auftrag. Er wartete vier Jahre darauf.
Er mußte sich wieder auf die Schulbank setzen. Von 1932 bis 1934 studiert er an der Hochschule von Prodrowski. 1935 leitet er den kulturellen Teil der für russische Juden bestimmten Zeitung "Emeth" (Die Wahrheit). Er studiert aber auch an der Kriegsakademie, wo der General Orlow Lehrgänge über Spionage leitet.
1937 kommt ein Freund Treppers aus dem Isaia-Bir-Apparat, Alter Strom, aus Frankreich zurück, nachdem er dort seine Gefängnisstrafe abgesessen hat. Er stellt die gültige These über die Ursachen in Frage, die zur Vernichtung des Pariser Spionagenetzes gefühlt haben. Man ist allgemein der Auffassung, ein Redakteur der Pariser kommunistischen Zeitung "L'Humanité", ein gewisser Riquier, sei der Schuldige, aber Strom ist von seinem Verrat nicht überzeugt. Er regt an, Trepper nach Paris zu schicken, um diese Angelegenheit aufzuklären.
Fünf Jahre nach seiner Flucht kommt Trepper mit falschen Papieren, die auf den Namen Sommer lauten, nach Frankreich zurück. Er gibt sich als Verwandter von Strom aus und sucht zuerst die beiden wichtigsten Anwälte des Prozesses auf: Ferruci und André Philip, den Führer der Sozialistischen Partei.
Dann führt er eine gründliche Untersuchung durch und kommt nach einigen Monaten zu der Überzeugung, daß Riquier unschuldig ist. Das ist wichtig, denn die Kommunistische Partei Frankreichs wird dadurch von dem Vorwurf reingewaschen, in ihren Reihen einen Spitzel gehabt zu haben.
Aber Trepper gelingt noch mehr: Er findet den wirklichen Verräter, einen Holländer, der als ehemaliger Chef eines sowjetischen Spionagerings in den Vereinigten Staaten von der amerikanischen Bundeskriminalpolizei FBI verhaftet und "umgedreht" worden ist; er liefert dem amerikanischen Geheimdienst noch Nachrichten, nachdem ihn Moskau nach Frankreich versetzt hat.
Trepper fährt nach Moskau zurück, um seinen Vorgesetzten Bericht zu erstatten, und benutzt für diese Reise einen luxemburgischen Paß, der auf den Namen Mai eris ausgestellt ist. Fünf Monate später kommt er nach Frankreich zurück, um die Beweise für den wirklichen Verrat abzuholen: die Photokopien aller Briefe, die zwischen dem holländischen Agenten und dem amerikanischen Militärattaché in Paris gewechselt worden sind.
Ein Jahr später ist Trepper wieder auf dem Weg nach Westeuropa, er fährt seinem großen Auftrag entgegen: in Belgien eine Spionageorganisation aufzubauen. Er hat sich einen neuen Namen zugelegt -- und den Paß eines anderen.
Michael Dzumaga, Kanadier, am 2. August 1914 in Winnipeg geboren, war im Spanischen Bürgerkrieg als Freiwilliger zu der Internationalen Brigade gegangen. Er kam nach Spanien mit dem Paß Nr. 43 671, der 1937 ausgestellt worden war. Der Paß wurde ihm bei seiner Ankunft abgenommen.
Das weitere Schicksal von Dzumaga ist unbekannt; vielleicht ist er gefallen, vielleicht lebt er noch, aber wenn er je wieder nach Kanada zurückgekommen sein sollte, dann auf jeden Fall ohne seinen Paß. Der war im Besitz des Grand Chef, gut gefälscht lautete er jetzt auf den Namen Mikler.
Der Grand Chef, jetzt Adam Mikler, kommt im Herbst 1938 nach Brüssel. Aus strafrechtlichen und geographischen Überlegungen hat er sich in Brüssel niedergelassen. In Spionageangelegenheiten ist die belgische Gesetzgebung besonders nachsichtig. Nur die gegen Belgien selbst gerichteten Aktionen sind strafbar.
Trepper setzt sich sofort mit dem jüdischen Geschäftsmann Leon Grossvogel in Verbindung, den er aus Palästina kennt. Grossvogel stammt aus einer angesehenen Straßburger Familie, die dort seit Generationen ansässig ist. Nach einem romantischen, kurzen Aufenthalt in Palästina ist er wieder ins Geschäftsleben zurückgekehrt und leitet in Brüssel eine Firma mit mehreren Zweigniederlassungen: "Au Rol du Caoutchouc", ein Fachgeschäft für Regenmäntel aller Art.
Als leidenschaftlicher Kommunist stimmt er ohne Vorbehalt den Plänen von Trepper zu. Trepper verfügt über 10 000 Dollar. Es wird beschlossen, sie in einem Exportgeschäft anzulegen, das dem Spionagenetz als Tarnung dienen soll.
So wird die Firma "The Foreign Excellent Trench-Coat" gegründet -- es bleibt bei Regenmänteln. Als Direktor wird ein Belgier engagiert, ungefähr 60 Jahre alt, rundlich und jovial, mit weißem Schnurrbart und rosigem Teint, ein Liebhaber von guter Kost und guten Weinen: Jules Jaspar.
Das ist ein Meisterstreich. Die Jaspars sind eine der großen belgischen Patrizierfamilien. Der Bruder von Jules war Ministerpräsident. Eine Straße in Brüssel wurde nach ihm benannt. Er selbst hat lange als belgischer Konsul in Indochina und später in Skandinavien gewirkt. Mit einer solchen Persönlichkeit an der Spitze ist die Firma über jeden Verdacht erhaben. Selbstverständlich ahnt der gute Jules Jaspar nichts von den geheimen Aktionen, die unter dem Schutz seiner Regenmäntel geplant werden.
Im Jahre 1939 wird das Netz aufgebaut und seine Leistungsfähigkeit geprüft. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist der Grand Chef imstande, die aus Rußland kommenden Befehle auszuführen. Ein Jahr danach kommt sein erster großer Einsatz.
Am 10. Mai 1940 greift die deutsche Wehrmacht im Westen an. Hitlers Panzer rollen über Landstraßen, die von Gefangenen verstopft sind, sie überholen Flüchtlingstrecks, deren schwerfällige Karren in die Straßengräben gestoßen werden müssen, um freie Bahnen zu schaffen. Inmitten dieses kläglichen Stroms rollt ein Privatwagen, auf dessen Dach keine Matratze und in dessen halboffenem Kofferraum kein Vogelbauer verstaut ist; die Passagiere sind also keine Flüchtlinge.
Sie fliehen nicht vor der Schlacht: Sie fahren mit, schlängeln sich zwischen den Panzerkolonnen hindurch, bleiben in der Nähe der Befehlsstände, stoßen mit einem Benzintransport bis zur vordersten Kampflinie vor, müssen hier den Maschinengewehrgarben der Stukas, dort dem Granatfeuer der Alliierten ausweichen.
Deutsche Feldgendarmen mit großen Silberschildern auf der Brust halten das Auto an, um die Papiere der Insassen zu kontrollieren, nehmen sofort Haltung an und geben die Durchfahrt frei. Den Wagen fährt Duroff, der bulgarische Konsul in Brüssel; ein Beamter, der um so mehr respektiert wird, als sein Land mit Deutschland sympathisiert. Neben ihm sitzt Grossvogel, auf dem Rücksitz der Grand Chef.
Zwischen Knokke und Brüssel hat der Wagen eine Panne. Ein hilfsbereiter 55-Standartenführer stellt dem bulgarischen Konsul einen Wagen zur Verfügung und befiehlt einem jungen Untersturmführer, das Gepäck der drei Reisenden umzuladen. Trepper sieht gelassen zu, wie der Untersturmführer vorsichtig den Koffer mit einem Sendegerät verstaut.
Es scheint, daß Duroff nicht dem sowjetischen Spionagenetz angehört hat. Er war ein Freund von Grossvogel, oder genauer: Grossvogel unterhielt Geschäftsbeziehungen mit dem Bulgaren Petroff, der die beiden miteinander bekannt gemacht hatte.
Einige Tage nach dem Einfall in Belgien sprach Grossvogel mit Duroff über seine geschäftlichen Sorgen: Die Zweigniederlassung des Hoi du Caoutchouc in Ostende ist durch einen deutschen Bombenangriff zerstört worden; er möchte wissen, was aus seinen anderen Lagern geworden ist. Duroff schlägt vor, die Filialen an Ort und Stelle zu besichtigen. Offiziell tritt der Konsul die Reise aus Sorge um bulgarische Staatsangehörige an, die sich im Gebiet der Kampfhandlungen befinden.
Die Inspektionsreise beginnt am 19. Mai 1940, als der belgische Feldzug seinen Höhepunkt erreicht hat. Der Grand Chef, der inzwischen seinen kanadischen Paß vernichtet hat, verfolgt als privilegierter Zuschauer den Durchbruch bei Sedan und die Schlacht um Abbeville. Er fährt mit den deutschen Panzern in Richtung Dünkirchen und erlebt den Fall der Stadt.
In seiner Tasche steckt ein eng beschriebenes Notizbuch. Er interessiert sich besonders für die Organisation des Nachschubs, den Einsatz der Stukas und für die Durchbruchstaktik der deutschen Panzerdivisionen. Sobald die drei Kumpane ihre Rundreise beendet haben, schickt der Grand Chef nach Moskau einen 80 Seiten langen Bericht über Hitlers Strategie: über den Blitzkrieg.
Wie alle vorhergegangenen Meldungen gelangt auch dieser Bericht durch Vermittlung sowjetischer Diplomaten an seinen Bestimmungsort. Daß der Grand Chef Diplomatengepäck benutzen kann, enthebt ihn der Notwendigkeit, seine Nachrichten durch Funk zu übermitteln, aber er ahnt bereits, daß die Verbindung mit Moskau recht bald auf drahtlosem Weg hergestellt werden muß.
Zur selben Zeit, da Wjatscheslaw Molotow, der russische Außenminister, Hitler zu den glänzenden Erfolgen der Wehrmacht beglückwünscht, bereitet sich der Grand Chef schon auf den kommenden deutsch-sowjetischen Krieg vor.
Der Grand Chef warnt Moskau vor dem deutschen Überfall -- Stalin mißtraut seinen Spionen -- Die Rote Kapelle prophezeit die Schlacht von Stalingrad

DER SPIEGEL 21/1968
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