20.05.1968

THEATER / HANDKEZeit der Anpassung

Am Pfingstmontag des Jahres 1828 kam eine "pudelnärrische" Gestalt eine abschüssige Straße zu Nürnberg "heruntergewackelt", einen grollen, versiegelten Brief in der Hand.
Der Brief-Träger nahte so zwei Schustern, die ihm Gottes Gruß entboten und nach dem Woher des Wegs fragten. Doch der Fremde antwortete wirr -- mit papageienhaft geplapperten Worten und dem sinnlos wiederholten Satz: "A söchener Reiter möcht i wärn wie mei Voter aner gween is."
Kaspar Hauser, der merkwürdigste Findling der Neuzeit, vermutliches Opfer einer badischen Erbfolge-Ranküne, hatte die Bühne der Welt betreten. Und das Schicksal des Kannitverstan, der ein Jahrzehnt lang wie ein Mastkalb im Verschlag gehalten worden war, bewegt Poeten und Kriminalisten bis auf den heutigen Tag.
Am vorletzten Wochenende betrat Kaspar Hauser die Welt der Bühne -- gleich zweimal. Frankfurts Theater am Turm ("TAT") und Oberhausens Stadtbühne spielten erstmals das neue Drama "Kaspar" des Kärntner Sprechstücke-Schreibers Peter Handke, 25. "Ein bedeutendes Stück", urteilte die "Zeit"; "ein Ereignis, signalisierte die "Weitwoche".
Ein historisches Hauser-Spiel hat Handke nicht verfaßt. Das Findlings-Fatum diente ihm lediglich als "Mythos" (Handke) für ein originelles, fesselndes "Spielmodell": Durch Sprachsalven wird ein dumpfes Wesen bewußt gemacht, für die Gesellschaft dressiert und schließlich zerstört.
Einem Findling ähnlich, war Handke, ein entlaufener Seminarist, vor zwei Jahren in der Welt der Literatur aufgetaucht: Beim Gruppe-47-Konzil in Princeton hatte er sich erhoben, den Bubikopf geschüttelt und mit schmaler, fester Stimme wider die "Beschreibungsliteratur" der 47er gezeugt.
Dem allseitigen Staunen über das Wagestück folgte noch stärkere Verwunderung, als Handke bald darauf in der Frankfurter "TAT"-Bühne die "größte Tragödie des Jahrhunderts" (Handke) aufführen ließ -- sein erstes "Sprechstück im Beat-Rhythmus" mit dem Titel "Publikumsbeschimpfung".
Im Kurzspiel" das weder Held noch Handlung kannte, schleuderten vier Sprecher Rüdes ins Parkett ("Ihr Miststücke"), adressierten die Gäste als Totengräber der abendländischen
und hämmerten den Text mit der Verve einer Beat-Band.
Die serielle Wort-Technik der Kapuziner-Predigt übernahm Handke nun auch für seinen "Kaspar" -- unsichtbare "Einsager" bombardieren den Titelhelden mit Lebensregeln, Satzmustern und Spruchweisheiten, um ihm "Ordnung" beizubringen.
Ähnlich dem Original-Hauser tritt Handkes Kaspar wie der erste Mensch hervor -- auf wackligen, ungeübten Beinen und mit dem Sprachschatz eines einzigen Satzes: "Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist."
Täppisch faßt er Tisch und Stuhl, die auf der Bühne stehen, und gerät mehr und mehr in den Bann der flüsternden, drohenden, scharf skandierenden oder liturgisch singenden "Einsager", bis er schließlich "aufgeknackt" ist.
Er will schöner wohnen, ordnet Tisch und Stuhl und bewirbt sich, sagt Handke "um Einstellung in die Gesellschaft" -- mit solchen Sätzen: "Ich bin fleißig, zurückhaltend und bescheiden ... Ich habe keine besonderen Kennzeichen.
Mählich schiebt sich aber eine Horde weiterer Kaspars auf die Bühne kichernde, rülpsende, bösartige Clowns, die sich mit Feilen und Topfdeckeln in eine Lärmorgie steigern, den Haupt-Kaspar wie Gewurm umkringeln und schließlich zu Boden reißen.
Kaspars letzte Worte: "Ich bin nur zufällig ich"
Der Original-Hauser war, nachdem er laufen, reden, lesen, schreiben, reiten und Klavierspielen gelernt hatte, wesentlich einfacher abgegangen: Ein schwarzbärtiger Unbekannter stieß ihm, fünf Jahre nach dem Nürnberger Auftritt, ein Stilett ins Herz.
Aber schon der historische Findling schien seiner Zeit ein Opfer der Anpassung: Ein Hauser-Mentor, der Appellationsgerichtspräsident Anselm von Feuerbach, beklagte, daß die "leere Tafel seiner Seele" bald "mit nichtswürdigen Dingen überfüllt und entstellt" war.
Das Feuerbachsche Psychogramm des Findlings nutzte Handke stark für die Seelenmechanik seines Helden. Bei öffentlichen Auftritten las er das alte Schriftstück zuweilen vor, ohne den Autor zu erwähnen; als Handke-Text wurde es sehr beklatscht.
Die "Einsager"-Sprüche" die aus dem rohen Kaspar einen ordentlichen Hampelmann machen, kompilierte Handke ebenfalls mit Bedacht -- bei Lenin ("Jeder muß alles können"), bei Mao ("In Türangeln gibt es keine Holzwürmer"), in einem Haushaltsbuch ("Den Boden kehren in der Bretterrichtung") und auch in einer DDR-Broschüre ("Die Arbeit entwickelt bei jedem das Pflichtbewußtsein").
Einen "Kaspar"-Satz vernahm Handke dagegen im Traum -- diesen: "Einmal hörte ich überall "Mörder!" schreien, aber als ich nachschaute" fand ich nur eine geschälte Tomate im Abfalleimer."
Der Dichter Handke ist ein verschlüsselter, scheuer Mensch; statt der "Kaspar" -Premiere beizuwohnen, flog er mit Gattin Libgart, 26, einer Schauspielerin, nach Paris, besuchte Flipper-Lokale und Horrorfilme, und in der Aufführungsstunde fuhr er ziellos Métro.
Auch daheim mag Handke das Flippen nicht entbehren: In Düsseldorf, wo Frau Libgart engagiert ist und die Desdemona spielt, hat er sich eine Wohnung mit "Spielzimmer" eingerichtet.
Der Held des nächsten Handke-Dramas soll wieder eine historische Figur sein -- ein amerikanischer Miet-Killer der dreißiger Jahre; Handke läßt ihn den Papst töten, während dieser gerade den Segen "Urbi et orbi" spendet.
Von künstlerischen Attentätern wird derweil auch Handke verfolgt. Während der kühl-präzisen Frankfurter Premiere (Regie: Claus Peymann) -- die Oberhausener (Regie: Günther Buch) war eher ekstatisch -- kletterte ein Mann auf die Bühne: Der Lyriker Hans Imhoff, der tags zuvor schon im Römer gestört hatte (siehe Seite 142). wollte eine Pressekonferenz abhalten.
Die Unterbrechung kam gelegen: "Kaspar"-Darsteller Wolf R. Redl konnte hinter die Bühne treten und seine stark aufgetrennte Hose wechseln.

DER SPIEGEL 21/1968
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