20.05.1968

LITERATUR / AVANTGARDESchöngeist im Schuh

Wer auf moderne Dichtkunst steht, kann nun im wahren Sinne des Wortes stehen: Der Bremer Verlag "Schöngeist -- Bei Esprit" offeriert eine Schuheinlegesohle ("Größe 43, gebrauchsfertig, bei kleinerem Fuß nach eigenem Ermessen beschneidbar") "mit betretbarer Lyrik, Prosa & Graphik" -- eine Idee, die nicht einmal dem Alt-Nürnberger Schuster-Poeten Hans Sachs in den Sinn gekommen ist.
Wer mit "Konkreter Poesie" schöner wohnen möchte, wird. gleichfalls gut bedient. Da gibt es eine Gedichtlampe, über den Couchtisch zu hängen, die der Holländer Herman Damen mit eigenen Versen verziert hat, außerdem ein Damen-Gedicht auf Glas und, fürs Schlafzimmer, ein mit lyrischen Damen-Worten bedrucktes Präservativ.
Autor Hansjürgen Bulkowski wiederum bietet als eine Art Tapetenersatz ein 100-Meter-Poem auf Nessel feil, und der Verlag Hansen & Hansen, Itzehoe, sorgt für die Küche: Sein Happening-Buch im Mini-Format enthält ein Säckchen Mehl.
Das Säckchen, die Sohle und die übrigen Sachen sind, zusammen mit durchaus konventionellen Publikationen, gegenwärtig in den Frankfurter Römerhallen ausgestellt. Dort hat Horst Bingel, 34, Manager des "Frankfurter Forums für Literatur", über 500 Handpressendrucke, Flugblätter und Zeitschriften der Avantgarde aus 18 Ländern des Ostens und Westens zu einer "Literarischen Messe 1968" zusammengetragen.
Denn Schriftsteller Bingel ist nun einmal kein stiller Schreibtisch-Mensch. Er verfaßt nicht nur Gedichte und Geschichten, er gibt nicht nur Anthologien heraus und ediert nicht nur die "Streit-Zeit-Schrift" Bingel ("Wir leben im Zeitalter der Demonstrationen") organisiert mit Vorliebe auch manch zünftigen Literatenrummel sowie das nötige Geld dazu.
Letzten Herbst etwa, beim "2. Internationalen Autorentreffen" des "Forums", trieb er seine Schriftsteller-Trupps zu öffentlicher Lesung in einen halbfertigen Frankfurter U-Bahn-Schacht. Und noch kürzlich drängelte er sich mitten im Frankfurter Berufsverkehr vier Stunden lang in einer überfüllten Tram der Linie 13 und las den Fahrgästen aus seinem neuen Prosawerk "Herr Sylvester wohnt unter dem Dach" vor.
Die Magistratsherren am Main, so scheint es, wissen solch unermüdlichen Auftrieb der Poeten wohl zu würdigen -- jedenfalls stellten sie für die neueste Bingel-Schau nun gar ihr Rathaus zur Verfügung. Mitte Mai durfte der Frankfurter Impresario für Belletristen (Bingel: "Man muß Literatur verkaufen können wie Käse") seine Messe 68 eröffnen.
Das heißt, zu Bingels Eröffnungsrede kam es dann doch nicht, und auch John Willett aus London konnte kein Geleitwort entbieten: Ein junger Adorno-Schüler, der sich "einziger Dichter Europas" nennt, hatte das Mikrophon ergriffen und gab es nicht wieder her.
"Ich begrüße Sie", sprach der Jüngling in die kommunizierende Röhre, "ich heiße Hans Imhoff, ich bin durch Bingels literarisches Forum berühmt geworden, und ich sage Ihnen, Sie gefallen mir alle nicht. Am besten gehen Sie nach Hause, es sei denn, Sie wollen mich hören; etwas anderes lohnt sich sowieso nicht."
Da rüsteten die ersten, denen eine solche Publikumsbeschimpfung noch immer nicht ins Ohr gehen will, eilends zum Aufbruch; weitere Bürger folgten, von bösem Avantgardisten-Gelächter begleitet, bald nach -- ihnen schien auch das, was sie da ausgestellt sahen, keine Messe wert.
Sie sahen, was es sonst kaum zu sehen gibt: Drucksachen aus Ein- oder Zwei-Mann-Verlagen mit winziger Auflage, die zum Literaturbetrieb der Arrivierten nichts beitragen mögen und die dennoch recht literaturfördernd sind: Die verschiedenen Verleger der schon zwei Jahrzehnte alten Eremiten-Presse zum Beispiel haben sich seit je als talentierte Talentsucher bewährt.
Sie sahen bibliophile Mappenwerke und Flugblätter, die zu Kriegsdienstverweigerung und Revolution aufrufen; einen "Monatskalender für Schwangere" zum Preis von 300 Mark; ein paar "Zwergschul-Ergänzungshefte": viel Jux und Farbe auf den Bilderbögen aus der Rixdorfer Werkstatt.
Sie sahen viel Pornographisches, Poetisches und Psychedelisches, amerikanische Underground- und Hippie-Zeitschriften ("Bulletin from Nothing"), Photos, Manifeste und Plakate von ungarischen, polnischen und tschechischen Happenings (die es auch längst schon gibt) und die originelle Graphik der italienischen Publikation "b t".
Der Berliner Briefträger Simon Traston, Autor eines vor mehreren Jahren als jugendgefährdend indizierten Buches "Tag, Nacht und Traum", bietet für 30 Mark eine mit lasziven Linolschnitten garnierte "Passion" feil. Der junge "Totalkünstler" Timm Ulrichs, nach eigenem Urteil "egozentrisch-monomanisch", verschenkt in Stapeln sein plakatgroßes Photo mit der erläuternden Unterschrift "Ich bin ein Gedicht". Für 1000 Mark versucht der Eröffnungsredner Hans Imhof!, geheimnisvolle Buchstabenfolgen an den Mann zu bringen. Titel des Kunst-Stücks: "Propaganda".
Zu sehen sind Werke aus der "Neuen Rabenpresse" des alten V. O. Stomps, Produkte aus dem Typos-Verlag und der "Allerheiligenpresse", sind die Zeitschriften "Kürbiskern" und "Egoist". Und der Happening-Regisseur Bazon Brock, dem immer wieder etwas Neues einfällt, wartet wieder mit Neuem auf -- mit bunten "Literaturblechen" nach Art von Verbotsschildern, die jedoch nicht das Rauchen oder das Betreten des Rasens verbieten, sondern etwa fordern: "Der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter." Unterschrift: "Bazon Brock".
Brock: "Dieses Blech soll an die Zäune, die Garagen und Häuserwände. Die Natur muß als Publikationsorgan nutzbar gemacht, sie muß als Natur abgeschafft werden. Ich will, daß ein Baum statt der Blüten kleine Metallschilder mit der Aufschrift "Blüten" trägt."
Ach ja, Bingels Messe ist schon eine "irrsinnig wilde" Schau (Bingel) -- eine Schau in den Untergrund der Nicht- oder Noch-nicht-Etablierten, der Außenseiter, Dissidenten und Eulenspiegelfechter" denen die so gepflegte Oberwelt einfach nicht mehr paßt, wenn sie ihnen überhaupt je gepaßt haben sollte.
"In der "Literarischen Messe 1968"" so hatte Bingel auf einer Pressekonferenz erklärt, "sind viele Texte ein politisches Stimmungsbarometer für die internationale Einschätzung unserer Republik, die sich einen alten Nazi als Bundeskanzler geleistet hat. Das beginnt jetzt zu wirken. Warum hört man nicht etwas mehr auf die jungen Leute?"

DER SPIEGEL 21/1968
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