29.04.1968

VATIKAN / PAUL VI.

Große Schmerzen

"Jeden Tag sterben wir ein Stückchen", antwortete Paul VI. kurz vor Ostern einem Besucher, der sich nach der Gesundheit des Heiligen Vaters erkundigt hatte.

Seit Ende März kursiert in Rom das Gerücht, der 70jährige Papst werde immer kränker. Im November unterzog sich Paul VI. einer Prostata-Operation. Jetzt verläßt er kaum noch den Vatikan. Sein Gesicht ist fahl, seine Stimme brüchig, sein Gang unsicher. Die Prälaten seines Gefolges müssen ihn häufig stützen und ihm bisweilen sogar den Arm hochhalten, mit dem er den Gläubigen winkt.

Audienzen und liturgische Feiern wurden abgekürzt, damit der Papst sich schont. Zum erstenmal verzichtete er darauf, an allen Fastensonntagen eine römische Pfarrei zu besuchen.

Der Mailänder "Corriere della Sera" berichtete von einer schmerzhalten Arthrose an der päpstlichen Wirbelsäule und die Frauenzeitschrift "Grazia" von lang anhaltenden Weinkrämpfen, die den Heiligen Vater immer häufiger befielen. "Grazia": "Der Papst weint; ein Weinen, das uns erschüttert, uns aber vor allem um ihn fürchten läßt."

Kurz vor Ostern dementierte Vatikan-Sprecher Monsignore Vallainc alle Gerüchte über die schlechte Gesundheit des Papstes: "Sie entbehren jeglicher Grundlage." Doch just an den Feiertagen sah ein größeres Publikum einen hinfälligen Pontifex:

* Bei der symbolischen Fußwaschung in der Lateranbasilika war für die zwölf Seminaristen ein Holzpodest aufgebaut, so daß der waschende Papst sich nicht zu bücken brauchte.

* Auf der "Via crucis" vom Kolosseum zum Palatinshügel trug der Papst nicht wie sonst das Kreuz zu allen 14 Leidensstationen, sondern nur bei den letzten fünf. Die drei Leibärzte des Papstes, Fontana, Piazza und Stabilini, waren stets in seiner Nähe.

* Bei der Osternachtfeier in der Kirche "St. Paul vor den Mauern" verließ Paul nur den Thron, um -- offensichtlich unter großen Schmerzen -- zur Litanei niederzuknien.

* Der übliche Papstbesuch in einer römischen Stadtrandpfarrei am Ostermorgen wurde abgesagt.

Selbst die offiziöse Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) fand, daß der Zustand des Papstes "irgendwie zu wünschen übrig läßt". Doch sei seine Abgespanntheit eher "Auswirkung einer nervösen Spannung, hervorgerufen durch die zahlreichen Schwierigkeiten in der Welt ... und die anscheinende Erfolglosigkeit der päpstlichen Bemühungen um Eintracht und Frieden in der Welt und der Kirche". KNA: "Der Papst ist müde."


DER SPIEGEL 18/1968
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