15.04.1968

PASTOREN / TIEREBelferlein im Himmel

Im Haus des katholischen Bischofs zu Hildesheim, so klagte jüngst seine "Kirchenzeitung", "häufen sich Briefe mit mehr oder weniger unverschämtem Inhalt".
Schuld an der Postschwemme gab das Katholikenblatt einem Bilderblatt; "Die "Neue Revue' griff wieder mal in die unterste Kiste."
Denn die Schmähbriefe stammten von Lesern einer Tierquäler-Reportage, die von der Illustrierten veröffentlicht und in der ein Bischofswort aus Hildesheim zitiert worden war:
Denn die Tiere haben keine geistige Seele und kennen kein Fortleben nach dem Tode. Darum haben sie aber auch keinerlei Würde, auf die sie Rechte bauen könnten. Und in der Tat, Tiere haben keine Rechte. Sie haben keinen Anspruch auf Dasein und Gesundheit, auf Eigentum und guten Ruf.
Der 1956 verstorbene Bischof Joseph Godehard Machens hatte das 1949 in einem Fastenhirtenbrief geschrieben, den er der Würde des Menschen widmete: Wäre der Mensch "nichts weiter als ein hochentwickeltes Tierwesen, dann gleicht er nur dem Tiere, nicht mehr Gott". Die "Kirchenzeitung" des Machens-Nachfolgers Heinrich Maria Janssen warf der Illustrierten nun vor, sie habe die Bischofsworte "völlig aus dem Zusammenhang" gerissen. Aber das fromme Blatt beruhigte sich wieder: "Nun denn -- dergleichen mag einen bei der "Neuen Revue' nicht verwundern"
Dergleichen unterlief freilich auch einem evangelischen Amtsbruder: Carl Anders Skriver, 64. In seinem jüngst erschienenen Buch über den "Verrat der Kirchen an den Tieren" zitiert der Geistliche den Machens-Hirtenbrief und nannte ihn einen "Freibrief für alle großen und kleinen Tiermörder"
Der im Ruhestand lebende Pastor Skriver liebt es, über den Buchmarkt Unruhe ins Volk zu tragen. So wies er in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Kulturgeschichte des Weihnachtsbaumes nach, daß des Bundesbürgers liebster Festschmuck erst seit 350 Jahren von Christen benutzt wird, und er verhehlte seine Abneigung gegen den "Kitschbaum" nicht (SPIEGEL 52/1966).
Skrivers überwiegend eigenwillige Thesen finden aber auch bei der Geistlichkeit beider Konfessionen Gehör: Der renommierte West-Berliner evangelische Theologie-Professor Helmut Gollwitzer nennt den schriftstellernden Ruheständler einen "Aufrüttler und Außenseiter", der "seinen Eigenheiten zum Trotz ernst genommen werden sollte".
Skriver hält alle Tiere -- von der Mücke bis zum Mastschwein -- für gleichberechtigte und gleichwertige Menschenbrüder. Der Mensch soll sie weder töten noch auch nur ausnutzen dürfen. Die Lehre beider Kirchen, der zufolge Tiere weder eine unsterbliche Seele besitzen noch Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode haben, verdammt Skriver als "Irrlehre".
Seit es die christliche Kirche gibt, hat sie laut Skriver die Tiere verraten. Den Missionaren habe es seit jeher vollauf genügt, wenn die Heiden ihren Göttern abschworen. Die Abkehr von Gebratenem und Gesottenem sei den Getauften nicht zugemutet worden, weil das "zum Zusammenstoß mit allen Jägern, Fischern, Tierzüchtern, Schlachtern. Pelz- und Lederhändlern, Ärzten ... und den Milliarden süchtigen Fleischkonsumenten geführt" hätte.
Skriver beruft sich auf die Bibel, obwohl sie keinen Satz enthält, der generell den Verzehr von Fleisch, Fisch oder Milch untersagt. Und es ist auch nicht überliefert, daß Jesus vegetarisch lebte und dachte. Gleichwohl ist Skriver davon überzeugt, daß Jesus nur "Pflanzenkost" zu sich genommen habe.
Vor allem aber Martin Luther ruft der lutherische Pastor Skriver als Zeugen der Tierliebe an. Dem redseligen Reformator war einmal der Satz entschlüpft: "Ich glaube, daß auch die Belferlein und Hündlein in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele hat."
Skriver nimmt den Reformator beim Wort und macht ihn zum Vegetarier-Idol, obwohl Luther gut gefüllte Schlachtschüsseln zu schätzen wußte.
Die "fleischessenden Menschen" der Gegenwart sieht Skriver so:,, Äußerlich hübsch und rosig, innerlich aber ein Verwesungsprozeß der verschiedensten Tierteile, voller Totengebein und Unreinheit!" Sogar den fleischlos lebenden Milchvegetariern kreidet er "diebisches Verhalten gegenüber der Kuh" an: "Man schlemmt in Milch, Sahne, Butter, Käse, Quark und Milchschokolade und weiß nicht, daß an der weißen Milch rotes Blut klebt."
Auch für die Lieferung von Serum sind dem Geistlichen die Tiere zu gut. "Die ganze Impf wirtschaft", so gutachtet der Theologe, sei nur "das Resultat einer verkehrt, unrein ernährten und sündhaft lebenden Menschheit und der ihr entsprechenden Medizin".
Gegen die Tierschutzvereine, die -- wie auch Fernseh-Professor Grzimek -- oft nicht für das Überleben, sondern nur für schmerzloses Töten von Tieren eintreten, polemisiert der Pastor mit einem Gleichnis: "Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären in die Hände von Kannibalen geraten, und nun gäbe es unter diesen Kannibalen nette Menschenfreunde, Mitglieder eines Menschenschutzvereins' die sorgten dafür, daß Sie für den Kannibalenschmaus human geschlachtet würden,. mit einem Bolzenschußapparat oder so."
Doch nur selten gestattet sich der Geistliche so schwarzen Humor. Meist meint er es tierisch ernst -- im Buch wie im Leben. Skriver selbst lebt seit 48 Jahren fleischlos und "die letzten 20 Jahre auch ohne jegliches tierisches Eiweiß". Aber trotz Verzicht auch auf Milch, Eier und Käse läuft "meine Körpermaschine wie geölt".
Er verzichtet "aus moralischen, tierfreundlichen Gründen auf Leder", geht in Kunstlederschuhen und reist mit Kunstlederkoffer -- "auf die Gefahr hin, im Lebensstandard eine Stufe tiefer eingeschätzt zu werden".
Mit seinem Buch will er neue Gesinnungsgenossen aus allen Schichten gewinnen. Auf einen Berufsstand allerdings setzt er keine Hoffnungen mehr: auf seinen eigenen.
Theologe Skriver: "Auseinandersetzungen mit den Theologen sind uferlos und sinnlos. Den Leuten ist nicht zu helfen."
* Carl Anders Skriver: "Der Verrat der Kirchen an den Tieren". Starczewski-Verlag, München; 214 Seiten; 14,80 Mark.

DER SPIEGEL 16/1968
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