30.09.1968

JESUITEN / PAPSTGEHORSAM

Weiß bleibt weiß

General Pedro Arrupe, 60, befehligt 36000 Jesuiten in aller Welt. Von Päpsten werden sie "Soldaten Christi" genannt, ihren Oberen sind sie zu "blindem Gehorsam" verpflichtet.

Aber seine rund tausend Mann starke deutsche Truppe kann der spanische General seit vergangener Woche nicht mehr einsetzen, wenn es um das katholische Thema Nummer eins, um Papst und Pille, geht: Die deutschen Jesuiten verweigern ihm den Gehorsam wie er Ihn versteht.

Der Ordensgründer und erste Jesuitengeneral Ignatius von Loyola hatte einst den Gehorsam gepriesen: "Was meinen Augen weiß erscheint, halte ich für schwarz, wenn die hierarchische Kirche so entscheidet." Die deutschen Jesuiten sind zu solcher Schwarz-Weiß-Macherei nicht mehr bereit.

Den Aufstand der Jesuiten, der außerhalb des Ordens unbemerkt blieb, haben Papst Paul VI. und der "schwarze Papst", wie der Jesuitengeneral wegen seines Habits und seiner Machtfülle genannt wird, selber heraufbeschworen.

Geheime Weisungen des weißen und des schwarzen Papstes waren schon unterwegs, bevor Paul VI. sein Nein zur Pille verkündete. Paul VI. hatte an Arrupe über sich und die Jesuiten geschrieben: "Mehr denn je muß Er heute vorbehaltlos auf sie rechnen können." Jeder Jesuit solle handeln "wie ein Soldat, der mit gleicher Bereitschaft sowohl kämpft wie gehorcht".

Auf eine "passende Gelegenheit" verwies General Arrupe sogleich In einem Brief an alle Jesuiten: Ihre Pflicht sei es, der Enzyklika zur Geburtenregelung "den schuldigen Gehorsam zu leisten und in Schrift und Wort Sorge dafür zu tragen, daß dieser Gehorsam auch von allen Christen geleistet werde". Dieser Brief wurde in den meisten Jesuiten-Häusern zur Kenntnis und zu den Akten genommen. Einen zweiten Brief aber verfaßte Arrupe zwei Wochen später so, daß die Jesuiten entweder gehorchen oder aber sich widersetzen mußten.

Jeder Jesuit, so befahl der General, habe die Enzyklika zu studieren. Das Ergebnis legte Arrupe im voraus fest: "Diese Gedanken mögen zunächst nicht seine eigenen gewesen sein, aber er wird deren Berechtigung im Überschreiten seiner eigenen Einsichten entdecken." Und Arrupe forderte öffentliche Umkehr: "Keine Furcht darf uns dann davor abhalten, gegebenenfalls öffentlich die Änderung unserer bisherigen Meinung kundzutun."

Doch kein Jesuit fand sich bislang zum Widerruf bereit. Und in Deutschland wurde der Widerstand organisiert -- nicht von Außenseitern, sondern von den ranghöchsten Jesuiten selber.

Die Provinziale Heinrich Krauss, 48, in München und Heinrich Ostermann, 50, in Köln sind die Vorgesetzten aller Jesuiten in der Bundesrepublik. Beide gaben bei Professoren der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt ein Gutachten über den Generalsbefehl in Auftrag.

Die Professoren kamen zu dem Schluß: Das Wort des Ignatius über Schwarz und Weiß sei heute anders als Im 18. Jahrhundert zu verstehen, zumal es damals auf alle Katholiken und nicht nur auf die Jesuiten gemünzt war. Und den besonderen Gehorsam der Jesuiten gegenüber dem Papst, auf den sich Arrupe berufen hatte, habe Ignatius anders gemeint, als Arrupe Ihn verstanden habe.

Ignatius hatte einst von allen Jesuiten verlangt, "auf der Stelle auszuführen, was immer der jetzige und alle kommenden römischen Päpste für die Förderung der Seelen und für die Verbreitung des Glaubens befehlen, wohin immer sie uns senden wollen", Laut römischem Jesuiten-General ist dieser besondere Gehorsam gegen den Papst dogmatisch zu verstehen: Jeder Jesuit müsse verfechten, was auch immer ein Papst lehre. baut Frankfurter Jesuiten-Professoren ist es aber geographisch aufzufassen: Wohin auch immer ein Papst Jesuiten schicken wolle, müßten sie reisen.

Daß es Jesuiten zumeist freistand, alte oder neue Lehren zu vertreten, beweisen Geschichte und Gegenwart des Ordens, Jüngstes Beispiel: In der von Paul VI. berufenen Pillen-Kommission gehörten Jesuiten sowohl zur Minderheit, die wie der Papst für ein Verbot war, als auch zur Mehrheit, die für eine Freigabe eintrat.

Zumeist aber sind die Jesuiten eine Vorhut, die ihrer Kirche oft weit voraus ist. Die Weisungen des weißen und des schwarzen Papstes beschworen nun die Gefahr herauf, daß aus dieser Vorhut wieder eine Leibgarde des Heiligen Vaters wird -- -- ihm so unkritisch ergeben wie sein Leibblatt, der "Osservatore Romano" (siehe Kasten),

Aufgrund des Professoren-Gutachtens verfaßten Ostermann und Krauss deshalb einen entschiedenen Protest-Brief an Arrupe. Sie verteidigten die Freiheit ihrer Jesuiten, weiterhin (wie wenige) für oder (wie weitaus die meisten) gegen das päpstliche Pillen-Verbot zu reden und zu schreiben.

Der Kölner Ostermann mißachtete überdies die strengen hierarchischen Grundsätze des Ordens und ließ den Brief vor 120 Jesuiten seiner Provinz verlesen. Es gab stürmischen Applaus.

Und der Münchner Krauss mochte den Brief nicht per Post dem General schicken. Er flog selber nach Rom und übergab ihn Arrupe.

Fünf Tage blieben die Jesuiten da~ heim ohne Nachricht. Am Dienstag vergangener Woche kehrte Krauss zurück. Der General und der Deutsche waren verschiedener Ansicht über den Gehorsam geblieben.

Gleichwohl ist Krauss guten Mutes: "Daß man seine Meinung sagt, muß eine Organisation wie die unsere schon aushalten können."


DER SPIEGEL 40/1968
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