30.09.1968

DEM PAPST GEHORSAM WIE SOLDATEN?

Katholisches "Ruhr-Wor?" kontra Vatikanblatt "Osservatore Ramona"

Mit der sowjetischen Militärzeitung "Krasnaja Swesda" wird dos Vatikanblatt "Osservatore Romano" in einem Artikel verglichen, den Jetzt das "Ruhr-Wart", die von dem Essener Bischof Franz Hengsbach herausgegebene "Wochenzeltung im Bistum Essen" veröffentlicht hat. Zu dieser bislang schärfsten Kontroverse zwischen zwei katholischen kirchlichen Blättern kam es, weil im "Osservatore Romano" seit Wochen nur zustimmende Erklärungen zur Enzyklika "Humanae vitae" und dem in diesem Dokument verhängten Pillen-Verbot Papst Pauls VI. veröffentlicht werden und jede innerkatholische Kritik verschwiegen wird. Dem Artikel des "Ruhr-Wart" sind die folgenden Auszüge entnommen.

Die Diskussion über "Humanae vitae" geht weiter, wie Papst Paul VI. es angeregt hat. Auch im Organ des Vatikans: "Osservatore Romano". Seit Wochen berichtet diese Zeitung über die Zustimmung in aller Welt zur Enzyklika. Die Kritik allerdings wurde nicht der Mühe wert befunden, zitiert zu werden.

Drei Tage hindurch attackierte auf Seite eins ein Dominikanerpater, M. R. Gagnebet, alle Kritiker unter dem durchgehenden Motto: "Die Autorität der Enzyklika Humanae vitae". Es wurden Gedanken zu Papier gebracht, die zum Teil eines Tages sogar als Waffe gegen die Kirche benutzt werden können.

Es fragt sich, weshalb Papst Paul selbst davon gesprochen hat, daß über seine Enzyklika diskutiert werden solle. Nach dem "Osservatore Romano" gibt es nämlich nichts als Unterwerfung, und er verweist dabei auf den von Christus dem Petrus versprochenen Beistand:

"Auch wenn ein Katholik Schwierigkeiten hätte, den bindenden Charakter dieser Entscheidung zu begreifen, sei es infolge seiner wissenschaftlichen Bildung oder aus irgendeinem anderen Grund, hätte er deswegen doch die Pflicht, Gehorsam zu leisten. Denn diese Pflicht Ist nicht von wissenschaftlichen oder sonstigen Gründen abhängig, sondern wird der Autorität des römischen Papstes geschuldet."

Da der Papst eine Fach-Kommission (von Bischöfen und Theologen) arbeiten ließ, zu deren Mehrheit die von dem "Osservatore Romano"-Autor als bedeutungslos dargestellten wissenschaftlichen Fachleute gehörten, ist natürlich eine schwierige Situation entstanden. Mit diesem Problem wird der "Osservatore Romano" aber leicht fertig;

"Worauf stützen sich also manche Journalisten, wenn sie behaupten, die Mehrheit der Bischöfe sei für die neue Meinung gewesen, die der Papst zurückgewiesen hat? Gewiß sind einige Reden unvergessen, die im Konzil Echo gefunden hatten. Aber nichts deutet darauf hin, daß sie die Ansicht der Mehrheit der Väter ausgedrückt hätten. Nach der Veröffentlichung der Enzyklika brachte der "Osservatore Romano" durch drei Wochen die Zustimmungserklärungen von Bischofskonferenzen, von Kardinälen und Bischöfen aus der ganzen Welt. Die katholischen Bischöfe kennen die Pflicht der Unterwerfung unter den römischen Papst besser als die Journalisten."

Über den Sinn des ehelichen Lebens und die Funktion der Geschlechtlichkeit schreibt P. Gagnebet:

"Obwohl die Enzyklika nicht unfehlbar ist, zeigt sie einen sicheren Weg, den die Katholiken in der ganzen Sicherheit ihres Gewissens beschreiten müssen, in der Überzeugung, daß er sie zu Gott führt und daß in Ihm die Gatten in ihrer Vereinigung Freuden finden werden, die ihnen die Befriedigung ihrer natürlichen Triebe niemals bieten könnte."

Wenn man solche Passagen über die Ehe bereits mit Staunen liest, so stockt einem der Atem bei folgender Auffassung vom "Gewissen" und von der "Freiheit" des Menschen:

"Die Soldaten des letzten Krieges führten die Befehle ihrer Offiziere aus, ohne die Strategie der großen Führer und die Taktik ihrer unmittelbaren Vorgesetzten zu kennen. Warum könnte also nicht im Bereich des Glaubens und der Sitten die von Gott stammende Autorität der Hirten der Kirche eine ähnliche Unterwerfung fordern, nachdem sie alles getan hat, sich und ihre Untergebenen aufzuklären?"

Eine solche Aufforderung zum Verzicht auf Gewissen und zu einem Handeln nach dem berüchtigten Motto "Befehl ist Befehl" hat die Kirche nach der von Hochhuth hervorgerufenen "Stellvertreter" -Unruhe wahrhaftig nicht gebraucht.

Es ist wie eine Ironie: Fast zur gleichen Zelt hat die sowjetische Militärzeltung "Krasnaja Swesda" in einem Leitartikel -- nach dem Einmarsch in die CSSR -- geschrieben: "Die Soldaten müssen zur totalen Ergebenheit erzogen werden."

Die Parallele zwischen der sowjetischen Militärzeitung und dem Organ des Vatikans muß jedem Sorgen machen, der genau das erhalten und gesichert sehen will, was der "Ossservatore Romano" über die oben in Zitaten wiedergegebene Artikelserie gesetzt hat; "Autorität",

Es bleibt aber die Hoffnung, daß auch im Vatikan die Bereitschaft zu der vom Papst selbst angeregten sachlich-wissenschaftlichen Diskussion wächst. Kommentatoren wie jener P. Gagnebet bleiben aber unter dem Niveau, das die Kirche in dieser ernsten Zeit des Gesprächs braucht.


DER SPIEGEL 40/1968
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