30.09.1968

PROZESSE / SONDERKOMMANDO 1005Wolkenhöhe

Russische Feuerwehr rückte an, um den nächtlichen Großbrand zu löschen, Ein bewaffnetes Sperrkommando zwang sie zur Umkehr. Das weithin sichtbare Feuer fünf Kilometer vor Kiew war eine deutsche "Geheime Reichssache": lodernde Scheiterhaufen.
Sie waren, nach Augenzeugenberichten, bis zu acht mal acht mal drei Meter groß und "jeweils umschichtig gestapelt: eine Zwischenlage Holz, eine Zwischenlage Leichen" -- von diesen manchmal 2000. Scharf bewachte jüdische und russische Zwangsarbeitergruppen hatten zwei Jahre zuvor angelegte Massengräber öffnen, die Toten aufschichten und mit Öl, Steinkohlenteer oder Benzin übergießen müssen.
Bevor die Scheiterhaufen angezündet wurden, gaben die deutschen Aufpasser -- Männer der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD)) -anderweitig Feuer frei: Um Mitwisser auszuschalten, erschossen sie die Leichengräber und Holzstapler und packten sie ebenfalls auf die Scheiterhaufen.
Wegen Beteiligung an dieser "Aktion 1005" -- so war die 1942 mit höchster Geheimhaltungsstufe versehene Masseneinäscherung im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) registriert -- stehen demnächst vier ehemalige SS-Leute vor einer Stuttgarter Großen Strafkammer. Während die Leichenausgrabungen juristisch nur als Störung der Totenruhe (strafrechtlich nicht mehr belangbar) einzuordnen sind, wertet die Staatsanwaltschaft die Exekution der Scheiterhaufen-Zwangsarbeiter als Mord.
Ein anderer "Aktion 1005"-Prozeß fand bereits im letzten Winter in Hamburg statt: Nach 37 Verhandlungstagen verurteilte ein Schwurgericht am 9. Februar 1968 den ehemaligen SS-Hauptsturmführer Max Krahner, den ehemaligen Schutzpolizei-Revieroberleutnant Otto Goldapp und den einstigen Schutzpolizei-Zugwachtmeister Otto Drews unter anderem wegen gemeinschaftlichen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus.
Allein sieben Verbrechen der fortgesetzten Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens 530 Fällen werden dem Hauptangeklagten des Stuttgarter Prozesses angelastet, dem gelernten Juristen und einstigen SS-Sturmbannführer (Major) Hans Sohns, 61. Mitangeklagte: die früheren SS-Hauptsturmführer Fritz Zietlow, 66, und Walter Ernst Helfsgott, 57, der Ex-Sturmscharführer Fritz Kirstein. 60.
Was ihnen heute vorgehalten wird, war 1942 vom Reichssicherheitshauptamt als Beitrag zur deutschen Gegenwartsbeschönigung gedacht. Damals ging es schon rückwärts an der Ostfront, und es erschien dem RSHA ratsam, vor den heranrückenden Bussen die Spuren von Massengräbern zu tilgen.
In NS-Amtssprache hieß das "Enterdung". Die Massengräber -- so befahl Berlin -- seien schleunigst zu öffnen, die Leichen zu verbrennen, die Aschenreste nach Zahngold und Schmuck zu sieben. Vor allem aber seien die zu diesen Geschäften gedungenen Zwangsarbeiter "grundsätzlich" gleich an Ort und Stelle zu töten -- nach dem grausamen Vorbild ägyptischer Pharaonen, die ihre Pyramidenbauer nach getaner Arbeit umbringen ließen, damit die Lage der gemauerten Schatzkammern nicht verraten werden konnte.
Enterdungskommando-Chef Sohns, zuvor hauptamtlicher Funktionär in der NSDAP-Reichsleitung zu München und enger Mitarbeiter des Reichsorganisationsleiters Robert Ley, machte sich mit Zietlow und anderen "1005"-Leuten von September 1943 an zunächst in der Nähe von Kiew ans Werk: in der Schlucht von Babij Jar, wo das deutsche Sonderkommando 4a Zehntausende jüdischer Männer, Frauen und Kinder hingemordet hatte (SPIEGEL 41/1967).
Mit Pickeln und Schaufeln, aber auch mit Baggern ließ Sohns die Massengräber öffnen. ermittelte die Staatsanwaltschaft. Er selber kontrollierte gelegentlich den Fortgang der Arbeit an Ort und Stelle, er selber gab Befehl, die herbeigezwungenen Totengräber durch Genickschuß zu töten. Nur geschossen hat er selber nicht: jemals seine Versetzung oder Abberufung beantragt auch nicht.
Er war immer bei der Sache, meldete jeweils Vollzug unter Stichwort "Wolkenhöhe" aus den Niederungen der Menschenvernichtung. Nachdem bei Kiew die Leichen verfeuert und die Hilfsmannschuft von etwa 330 Arbeitshäftlingen exekutiert worden war, zogen die Sohns-Kommandos eine blutige Spur quer durch das westliche Rußland. Ein Trupp verrichtete sein makabres Handwerk in Uman (5000 Leichen exhumiert, etwa 50 russische Ausgraber exekutiert) und Kamenez-Podolsk (nahezu 2000 Leichen, mindestens zehn Exekutionen), ein zweiter unter anderem in Nikolajew (3000 bis 4000 Leichen, 40 bis 50 Exekutionen) und Wosnessensk (etwa 1000 Leichen, 40 bis 50 Exekutionen).
Mitunter suchten sich die teutonischen Wach- und Schießgesellschaften bei Biergelagen zu stärken. Wenn Verwesungsgeruch und vielleicht auch Ekel vor den eigenen Untaten die Durchhaltekraft zu mindern drohte, schickte Sohns seine Leute zwischendurch für vier Wochen zur Kur in die Hohe Tatra.
In Durchhaltemanier bewältigten die Spezialisten schließlich noch in der Umgebung von Riga verschiedene "1005"-Aktionen. Wahrscheinlich wurden dort etwa 50 000 Leichen ausgegraben und verbrannt, eine nicht mehr rekonstruierbare Anzahl von Arbeitssklaven ermordet. Von Riga aus setzten sich die Täter vor den heranrückenden Rotarmisten mit dem Schiff nach Danzig ab.
Weil auch Häftlinge eines Konzentrationslagers an Bord genommen worden waren, überkam die SS- und SD-Leute freilich Angst. Hauptsturmführer Helfsgott argwöhnte, den "1005"-Geheimnisträgern werde dasselbe Schicksal wie den anderen, schon hingerichteten Mitwissern widerfahren. Aber was deutsche Exekutionskommandos anderen bereitet hatten, blieb ihm erspart.
Helfsgott, der die Möglichkeit einräumt, bei "abschließenden Kontrollen" etwa einem noch nicht toten Exekutierten selbst den "Gnadenschuß" gegeben zu haben, kam nach dem Krieg in seinem alten Beruf als Kriminalist unter und brachte es bis zum Oberkommissar im Düsseldorfer Landeskriminalamt.
SS-Sturmscharführer Kirstein, den Zeugen mindestens einmal beim persönlichen Häftlings-Erschießen gesehen haben wollen, besann sich aufs ehedem erlernte Metier; er wurde wieder Herrenschneider.
SS-Sturmbannführer Sohns verdingte sich einer Stuttgarter Elektrofirma als Lagerarbeiter. Und der Mitangeklagte Fritz Zietlow ließ sich im Telephonbuch wieder als "Schriftleiter" eintragen.
Dieser Beruf ist Tarnung, ebenso wie der andere gelegentlich angegebene eines " Auslandskorrespondenten". In Wirklichkeit blieb Zietlow auch nach dem Zweiten Weltkrieg in geheimen Sachen tätig: für einen bundesdeutschen Nachrichtendienst.

DER SPIEGEL 40/1968
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