30.09.1968

AFFÄREN / OETKERWas für ein Mann

Rund 1200 Gäste hatten Wirtschaftskapitän Rudolf August Oetker und die Stadt Bielefeld für letz-. ten Freitag eingeladen. Fünf Tage vorher wurde die Gesellschaft von Kapitän samt Kommune wieder ausgeladen.
Der Prominenten-Aufmarsch hatte einem glanzvollen Ereignis mit Festrede von Bundesforschungsminister Gerhard Stoltenberg, kaltem Büfett und der Uraufführung von Hans Werner Henzes "Klavierkonzert Nr. 2" gelten sollen: der feierlichen Einweihung des "Richard-Kaselowsky-Hauses -- Kunsthalle der Stadt Bielefeld", für dessen Bau Kaselowsky-Stiefsohn Oetker über 10 Millionen Mark gestiftet hatte.
Doch der Name Kaselowsky hatte Anstoß erregt: Der 1944 verstorbene Oetker-Stiefvater Dr. Richard Kaselowsky war Pg der NSDAP (1. Mai 1933) und Mitglied im "Freundeskreis Reichsführer SS" gewesen -- einer losen Vereinigung von Wirtschafts- und SS-Führern, die Heinrich Himmler alljährlich zur freien Verfügung eine Million Mark spendierte. Die damals von ihm geführte Firma Oetker wurde 1937 als NS-Musterbetrieb mit der "Goldenen Fahne" ausgezeichnet.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD) kamen denn auch späte Bedenken: Eine Woche vor dem Termin sagte er seine Teilnahme an der Festlichkeit ab. Bald darauf verschickten Kunsthallen-Stifter Oetker und Bielefelds SPD-Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl gedruckte Ausladungen -- weil die "Diskussion um die Namensgebung ... eine polemische und teilweise unwürdige Form angenommen" habe.
* Im "Freundeskreis" mit Himmler (l.).
Das Fest fiel aus, der Name Kaselowsky aber soll nach dem Willen der Stadtväter am Gebäude haften bleiben.
OB Hinnendahl, der Bielefeld mit sozialdemokratischer Mehrheit regiert, sowie die Stadträte aus SPD, CDU und FDP berufen sich auf eine 1959 getroffene Abmachung zwischen dem verstorbenen SPD-Oberbürgermeister Artur Ladebeck und Konzern-Chef Oetker, worin NS-Verfolgter Ladebeck dem Kunsthallen-Mäzen zusicherte, "das Haus zur Erinnerung an Ihren Herrn Stiefvater zu benennen
Daß sein Vorgänger Ladebeck damals schon von der Mitgliedschaft Kaselowskys im "Freundeskreis" gewußt hat, hält auch Hinnendahl für "nicht sicher". Die Vergangenheit des Oetker-Stiefvaters sei erst 1965 durch "eine Notiz in einer Zeitung" bekanntgeworden. Der SPD-OB hatte sich überdies mit Parteifreunden und mit dem Stadtrat beraten und erleichtert konstatiert, daß der "Freundeskreis" bei den Nürnberger Prozessen "nicht zu den verbrecherischen Organisationen gerechnet" worden sei.
So sah Bielefelds Stadtregierung keinen Grund, von dem einstimmigen Ratsbeschluß abzuweichen, die "hochherzige Stiftung des Hauses Oetker mit Dank" anzunehmen und "gern" den Wunsch zu erfüllen, das Kunst-Haus nach Richard Kaselowsky zu benennen -- zumal "uns bekannt ist, daß Herr Kaselowsky persönlich keine Verbrechen begangen hat" (Hinnendahl).
Als Kaselowsky-Mahnmal und als Domizil für die bislang unbehauste städtische Kunstsammlung (Direktor: Dr. Joachim-Wolfgang von Moltke" ein Bruder des Anti-Hitler-Verschwörers) war dem Stifter nur das Beste gut gewesen. Oetker berief (so Moltke) den "führenden Museumsarchitekten der Welt", den Amerikaner Philipp Johnson" der sich mit der Erweiterung des New Yorker Museum of Modern Art hervorgetan hat. Für Bielefeld entwarf Johnson ein mustergültiges Kunsthaus; der sandsteinrote Bunker-Bau steht der Berliner Nationalgalerie Mies van der Rohes zwar an baukünstlerischem Rang nach, übertrifft sie jedoch an Funktionswert.
Als schließlich das Kaselowsky-Gedächtnishaus seiner Vollendung entgegenging und der Tag der Einweihung in Sicht kam, begann Bielefelds Apo ihre Frühjahrs-Offensive.
Angeführt vom politischen Klub "Linke Baracke", einer Gründung der "Sozialistischen Jugend "Die Falken"", polemisierte die Außerparlamentarische Opposition in Flugschriften und offenen Briefen gegen Wesen und Wirken des Parteigenossen Kaselowsky.
Die "Linke Baracke" lieferte eine Dokumentation, nach der
* Himmlers Freundeskreis 1937 -- als Kaselowsky noch nicht Mitglied war -- das KZ Dachau und 1939 -- als Kaselowsky Mitglied war -- das KZ Oranienburg besuchte;
* der Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes Oswald Pohl im Nürnberger Prozeß zu Protokoll gab: "Von 1937 an waren jedenfalls die Mitglieder des Freundeskreises ausgesuchte politisch zuverlässige und loyale Leute";
* Freundeskreis-Sekretär Fritz Kranefuß nach dem Bombentod Kaselowekys in einem Brief an den SS-Standartenführer Dr. Rudolf Brandt berichtete, Kaselowsky habe sich, "wenn er auch nicht einer unserer alten Freunde aus der Zeit vor der Machtübernahme war ... außerordentlich bewährt" und sich "immer bemüht, an unseren Zusammenkünften teilzunehmen". Mäzen Oetker, der von 13,8 Millionen Baukosten 10,9 Millionen übernimmt, ließ den OB Hinnendahl nunmehr in einem Gespräch angeekelt wissen, die Familie Oetker beharre nicht länger auf dem vorgesehenen Namen, vielmehr liege die Entscheidung darüber bei den Politikern -- wie auch immer sie ausfalle, sein, Oetkers, Verhältnis zum Rat werde dadurch "nicht getrübt oder belastet".
Am 18. September entschied sich der Rat: Die Stadtväter beharrten einstimmig auf ihrem Beschluß. "Nicht zuletzt", so SPD-Oberstadtdirektor Heinz-Robert Kuhn, "weil ja auch Blessings Name unangefochten auf jedem Geldschein steht*."
Auf jener Ratssitzung "verlor die Demokratie eine Schlacht" ("Westfalen-Blatt"). Verwaltungs-Chef Kuhn (SPD) hatte die Apo einfach ausgesperrt: 80 Prozent der Plätze auf der Zuhörertribüne waren zur Ratssitzung mit städtischen Beamten frühzeitig besetzt. Als die Apo anrückte, waren der Saal gefüllt und die Türen verschlossen und von städtischen Feuerwehrleuten behütet; in der Bibliothek drosch ein Polizeikommando Skat.
Von den Alarm-Meldungen aus der Provinz aufgeschreckt, gab Ministerpräsident Kühn (SPD) plötzlich seine Absage bekannt und erläuterte seinem Bielefelder Parteifreund pathetisch und mit Verspätung, daß "ich es nicht für richtig halte, jemanden durch die besondere Ehrung ... noch nachträglich hervorzuheben, der immerhin dabei mitgemacht hat, solche, die verbrecherisch an unserem Volk gewirkt haben, zu unterstützen".
Hinnendahl, "aufs tiefste verletzt", eilte in das Haus der mächtigen Mäzenen-Familie und erfuhr neue Hiobsbotschaft: Jetzt hatte auch der in Bad Wiessee zur Kur weilende Hausherr "keine Lust mehr zum Feiern".
* Karl Blessing, Präsident der Deutschen Bundesbank, war ebenfalls Mitglied im "Freundeskreis Reichsführer SS"
Die Lustlosigkeit grassierte. Ex-Dachau-Häftling D. Ernst Wilm, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, der schon früher abgesagt hatte, telephonierte mit seinem Freund Gustav Heinemann und übermittelte dem Bundesjustizminister den dringenden Wunsch der Evangelischen Jugend Bielefelds, Heinemann möge seine Zusage zur Einweihung zurückziehen.
Der Minister brauchte sich nicht mehr zu entscheiden: Am Montag letzter Woche, um zwölf Uhr mittags, traten die Stadtväter noch einmal zusammen -- und hatten plötzlich auch keinen Spaß mehr an der Freud.
Ehrengast Hans Werner Henze, der in seinem italienischen Domizil Rekonvaleszent Rudi Dutschke beherbergte, wurde jedoch erst auf dem Flughafen Hannover gewahr, daß sein eigens für die Einweihung komponiertes Klavierkonzert nunmehr als normales Konzert aufgeführt werden soll und es nichts zu feiern gab.
Den Komponisten ("Ich mache keinen Unterschied zwischen "aktiven" und "passiven" Nazis") reut nun die Annahme des Honorars. Denn "niemals" hätte er diesen Auftrag angenommen, wenn "man mich darüber informiert hätte, was das für ein Mann war". Das Geld hat er schon: 50 000 Mark.

DER SPIEGEL 40/1968
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