30.09.1968

MÄRKTE / BIERGesicht nach Westen

Auf der Terrasse seiner Villa hatte Togos Handelsminister Eklou die zündende Idee: "Wir nennen das neue Bier Bière Benin." Sein Gast, der Brau-Ingenieur Joachim Haase aus Hamburg, stimmte zu: "Bière Benin klingt gut. Das wird Ihren Landsleuten gefallen*."
Den Togolesen gefiel nicht nur der Name, sondern auch das von Haase speziell für Togos Tropenklima zubereitete Bier: Seit die gemeinsam vom togolesischen Staat, von der Hamburger Holsten-Brauerei und der Berliner Schultheiss-Brauerei nördlich der Hauptstadt Lomé errichtete "Brasserie du Benin" im Januar 1966 die ersten Flaschen abfüllte, ist der Bierkonsum in Togo auf nahezu das Dreifache gestiegen.
Noch 1965, im Jahr vor der Brauerei-Eröffnung, tranken die Togolesen etwa 1,6 Millionen Liter Import-Bier aus Europa und dem Nachbarland Dahomey. 1966 konsumierten sie bereits 3,6 Millionen und 1967 fast 4,2 Millionen Liter.
Den höheren Bierausstoß verbuchte allein die Brasserie du Benin. In knapp zwei Jahren gewann sie einen Anteil am einheimischen Bierkonsum von 86,3 Prozent, verdrängte das Importbier weitgehend vom Markt und revolutionierte die Trinksitten des Landes.
Wohlhabende Togolesen tranken vordem hauptsächlich Whisky und Gin, meist mit Soda zu Long Drinks gemixt, sowie Wein aus Frankreich und Portugal. Das einfache Volk begnügte sich mit Hirsebier, einem unvollständig vergorenen Gebräu für harte Männer.
Heute dagegen drängen sich auch togolesische Arbeiter um die Bierstände fliegender Bière-Benin-Händler, aus deren Zapfhahnen Faßbier schäumt. In einer nach bayrischer Bräustüberl-Fasson eingerichteten "Mini-Brasserie" Lomés stemmen togolesische Angestellte und Beamte an blankgescheuerten Holztischen ihre Maßkrüge.
Der deutsche Bier-Erfolg in Afrika ist vor allem das Werk des Brau-Ingenieurs Haase, 43. Der Hamburger ist Verwaltungsrat-Vorsitzender der Brauerei in Togo und stattet ihr jährlich fünfmal einen Besuch ab. Haase: "Abends verlasse ich mein Hamburger Büro, morgens betrete ich das Büro in Lomé."
In Hamburg ist der ehemalige Marine-Fähnrich Chef der Firma "Haase-Brauerei GmbH. Beratende Brauerei-Ingenieure", die auf das schlesische Familienunternehmen der Haases zurückgeht. Nach dem Totalverlust in Schlesien bestand das Unternehmen 1945 nur noch als Firma ohne Produktionsbetrieb.
Joachim Haase wußte den leeren Firmenmantel bald mit Aktivität zu füllen. Nach dem Vorbild amerikanischer Beratungsbüros bot er deutschen und ausländischen Brauereien an, sie beim Bau und Betrieb neuer Niederlassungen in Übersee zu beraten. Die Kenntnisse dafür hatte er sich nach dem Krieg durch eine dreijährige Brauerlehre, durch ein sechssemestriges Studium an der Brauerei-Fakultät Weihenstephan der Technischen Hochschule München sowie in ausländischen Brauereiunternehmen erworben.
Sein erstes großes Projekt bekam der diplomierte Brau-Ingenieur von einem französischen Coca-Cola-Abfüllbetrieb, der auf der Insel Réunion im Indischen Ozean eine Brauerei errichten wollte. Haase entwarf die gesamte Anlage und überwachte den Bau, bis das erste Bier floß. Gleichzeitig übernahm er die regelmäßige Kontrolle einer in Bagdad von arabischen Katholiken erbauten Brauerei.
Als Togos erster Präsident Sylvanus Olympio** für sein Land eine eigene Brauerei wünschte, war Haase mit einem Plan zur Stelle. Seine Vorschläge gefielen nicht nur Olympios Planungskommissar und späterem Handelsminister Eklou, sondern auch Schultheiss-Generaldirektor Hans Sixtus und Holsten-Vorstand Dr. jur. Kurt Waas. Sie waren bereit, sich an der Gesellschaft zu beteiligen.
* Benin war der Name eines Im 12. Jahrhundert von Sudan-Negern gegründeten Stadtstaates westlich des Nigerdeltas; mehrere noch heute gebräuchliche geographische Bezeichnungen sind davon abgeleitet, so "Golf von Benin" für die Bucht vor der Küste Togos.
** Olympio wurde Im Januar 1983 das Opfer eines Attentats.
Die beiden deutschen Brauereien investierten in das Togo-Projekt rund 2,3 Millionen Mark. Schon im ersten Geschäftsjahr konnten sie sich und dem togolesischen Staat (25 Prozent Kapitalanteil) sechs Prozent Dividende ausschütten. Im Geschäftsjahr 1967 kassierten sie bereits zehn Prozent, und für 1968 rechnet Haase mit einer noch höheren Ausschüttung.
Mit großem Werbeaufwand machte Haase seinen Gerstensaft zum neuen togolesischen Nationalgetränk. So begründete er ein nationales Radrennen, das jedes Jahr unter der Schirmherrschaft der Brasserle du Benin veranstaltet wird. Eine aus den 200 Arbeitern und Angestellten der Brauerei zusammengestellte Fußballmannschaft tritt zweimal im Monat zu Freundschaftsspielen an, unter anderem gegen Nationalmannschaften der Nachbarländer. Und als Haase kürzlich ein nach Art englischer Dunkelbiere (Guinness Stout) gebrautes "Boxer Stout" herausbrachte, schlugen sich im katholischen Gemeindehaus "Pius XII." in Lomé zwei hauptstädtische Boxstaffeln vor 500 Zuschauern zu Ehren des neuen Bieres. Togos Postminister Nivédor sorgte durch Herausgabe einer Briefmarke mit dem Bild der populären Brauerei für weitere Publicity.
Den verhältnismäßig hohen Preis für ihr heimisches Gebräu -- ein Liter der Hauptsorte "Lager" kostet umgerechnet 1,20 Mark, ein Liter "Pils de Luxe" sogar 1,65 Mark -- entrichten Togos Biertrinker ohne Zögern. Haase: "Die Leute verzichten bei dem heißen Klima lieber mal auf eine Mahlzeit."
Der Brauereiexperte hält den Markt für noch längst nicht ausgeschöpft. Er will jetzt auch die mohammedanische Bevölkerung im Norden Togos an den Bierkonsum gewöhnen. Religiöse Schwierigkeiten sieht er dabei nicht.
Haase: "Selbst für gesetzestreue Muselmänner ist Bier heute kein Problem mehr. Die wenden einfach das Gesicht von Mekka weg nach Westen, bevor sie die Flasche ansetzen."

DER SPIEGEL 40/1968
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