30.09.1968

IRAK / REVOLUTIONLeerer Sarg

Das Mädchen Intisar Abdel Amir el-Rubaie ließ Haare für arabische Guerillas: Sie versteigerte ihren schwarzen Schopf für El-Fatah.
Der Künstlerverband des Irak verzichtete zugunsten der Partisanen auf Postkarten-Honorare. Mehr als zwei Millionen Billetts bedruckten die Busbetriebe von Bagdad mit dem Emblem der El-Fatah-Freischärler. Der Staatschef des Irak, General Ahmed Hassan el-Bakr, 56, schickte den Männern im Untergrund vorletzte Woche 11 000 Mark.
Die Partisanen-Zweigstelle im Irak schürt in der verfallenen Villa im Stadtzentrum von Bagdad den Haß auf den Erbfeind Israel -- und dieser Haß wächst offenbar mit der Entfernung: Etwa fünfhundert Kilometer Wüste trennen das Märchenland aus Tausendundeiner Nacht vom Volke Israel -- aber nirgendwo im Nahen Osten wird heute lautstärker für den heiligen arabischen Krieg getrommelt als im Irak.
"Wie jedes unnatürliche Gewächs. so Staatschef Bakr zum SPIEGEL (siehe Seite 120), müsse Israel "entfernt werden". "Heute, nicht morgen", so dröhnt täglich Radio Bagdad, "müssen wir Palästina befreien."
Ähnlich entschlossen hatten die Iraker auch vor dem Juni-Krieg des letzten Jahres gesprochen. Doch zum Schießen kamen sie zu spät -- erst verweigerte Syrien den irakischen Brüdern den Durchmarsch zur Front, dann mißtrauten selbst die Machthaber in Bagdad ihren Militärs: Bevor sie eine Elitedivision aus dem Norden durch die Hauptstadt ziehen ließen, nahmen sie den Soldaten die Munition ab.
Denn seit zehn Jahren wird im Irak vor allen Dingen geputscht. 1958 ermordeten Offiziere den Haschemiten-König Feisal -- seitdem erlebte das Zweistromland auf den Ruinen Babyloniens drei Staatsstreiche, vier Präsidenten, acht Premiers und 16 Regierungen.
Im Juli dieses Jahres stürzten "pflichtbewußte Söhne mit Vertrauen auf Allah" (so die Revoluzzer über sich selbst) mit 22 Panzern und wenigen Jets das Kabinett des Premiers Arif, das nach ihrer Meinung "aus Ignoranten, Spionen, Dieben und Zionisten bestand, die ihre Heimat verkauften ... und das Volk ausplünderten".
Arif-Nachfolger wurde Bakr, ein Putschist mit Erfahrung, der schon 1958 König Feisal und 1963 Staatspräsident Kassim stürzen half. Bakr über die Sünden seiner Vorgänger: "Die tapfere irakische Armee wurde daran gehindert, ihre nationalen Pflichten in Palästina zu erfüllen ... und die arabische und islamische Ehre zu retten."
Mit markigen Parolen und traditioneller Ämterpatronage versucht der Putsch-Profi, sich selbst an der Macht zu halten. Wie nach jedem Staatsstreich, wurden auch diesmal Ämter neu verteilt, Botschafter ausgewechselt, junge, unerfahrene Offiziere zu Kommandeuren ernannt, Diplomaten und Militärs zwangspensioniert und aus dem Staatssäckel großzügig abgefunden.
Der entmachtete Arif, zunächst mit den staatlichen "Iraqi Airways" nach London abgeschoben, lebt heute am Bosporus. Bakr zahlt Villa und Rente. Mit Botschaftsposten fand er "nach Meinungsverschiedenheiten" zwei Putsch-Gehilfen ab: Ex-Premier Naif dient seinem Land in Budapest, Kurzzeit-Verteidigungsminister Daud ist irakischer Diplomat in Rom. "Der Trog bleibt", so spöttelten Oppositionelle in Bagdad über das neue Generals-Regime, "nur die Schweine wechseln."
Doch bisher haben Bestechungsgelder und Staatspensionen noch keine Wirkung gezeigt. Immer noch muß Bakr seinen Palast und das Funkhaus von Panzern bewachen lassen.
Die acht Millionen Iraker, die 1958 beim Sturz des Monarchen Feisal "jubelnd auf die Straßen liefen und sich In unvergleichlicher Freude küßten" ("Baghdad Observer") haben keinen Grund zum Jubeln: Zwar fördert der Irak jährlich 70 Millionen Tonnen Rohöl und erzielt daraus einen Gewinn von etwa 1,5 Milliarden Mark. Zwar könnte der Irak das stärkste Land des Nahen Ostens sein. Aber das gewaltige Wirtschaftspotential des Staates liegt brach. Immer noch arbeiten zwei Drittel der Iraker in der Landwirtschaft. Im einstigen Zentrum der arabischen Geisteswelt sind heute etwa zwei Millionen Iraker im Alter von 14 bis 45 Analphabeten.
Hinzu kommt: Bakr ist uneins mit den arabischen Brüdern in Damaskus. Die Syrer zogen an der Grenze zum Irak Truppen zusammen, seit Syriens Ex-Präsident General Hafis und sein Premier Bitar im Irak gemeinsam mit etwa 200 getreuen syrischen Offizieren, Soldaten und Mig-Piloten gegen die Regierung in Damaskus zu konspirieren scheinen.
Ein Heimkrieg, von seinen Vorgängern übernommen, ist Bakrs dritte Hypothek: Die Rebellion der rund zwei Millionen irakischen Kurden, die seit Jahren einen autonomen Staat verlangen. Der Krieg kostete den Irak pro Kampftag drei Millionen Mark. 1000 Kurdendörfer wurden zerstört, fast 10 000 Menschen getötet.
Der General Bakr hatte sich in den erbitterten Kämpfen zwischen dem Bergvolk und irakischen Truppen den Ruf eines "Kurdenfressers" erworben. Der Putsch-Präsident Bakr wollte sich mit den Kurden arrangieren und versprach ihnen zunächst drei Ministersitze in seiner Regierung. Als er sein Angebot auf zwei reduzierte, verzichteten die Kurden auf die Vereidigung ihrer Abgesandten.
Vergebens bat Bakr den Kurden-Führer Mustafa Barasani zu Verhandlungen nach Bagdad. Der Kurde, der in den letzten sechs Jahren die Hauptstadt mied, blieb mit seinen zwei Frauen, neun Kindern, 150 Leibwächtern in seinem Bergversteck. Barasani lehnt es nach wie vor ab, Steuern an die Zentralregierung zu zahlen, kassiert Zölle und kontrolliert die Straßen nach Persien. "Wenn es zu keiner Einigung mit Bagdad kommt", so ein Kurden-Führer zum SPIEGEL, "müssen wir wieder kämpfen." Schon stehen zwei der besten irakischen Divisionen kampfbereit im Norden.
"Um die nationale Einheit zu stärken", ließ Bakrs Revolutions-Komitee die Akten 949/65 1/65 der Bagdader Sicherheitspolizei schließen und entließ 300 Verdächtige aus dem Gefängnis. Auch 1100 Kommunisten durften ihre Zelle in den 16 Zuchthäusern des Irak verlassen. Und mit Wirkung vom 1. Oktober "sollen alle Regierungsbeamten, die aus politischen Gründen ihre Ämter verloren haben, auf ihre alten Posten zurückkehren".
Selbst sein eigenes Gehalt beschnitt Bakr, Besitzer eines Chevrolet, von 8800 auf 6600 Mark, seine Minister freilich kutschieren trotz Importbeschränkungen in neuen Mercedes-Limousinen durch die Stadt.
Den palästinensischen Terroristen-Verbänden gewährt Radio Bagdad jeden Abend eine Stunde Sendezeit. Für die Ausbildung der Partisanen soll erstmals ein Lager im Irak errichtet werden. Die 421. Brigade des Irak, in Jordanien stationiert, versorgt die Freischärler mit Fahrzeugen und Munition.
Die künstlich erzeugte Kriegsstimmung soll die Iraker von der Misere ihres Landes und Ihres Präsidenten ablenken. Die grenznahen Militärflugplätze werden ausgebaut, in den Ministerien hektographierte Verhaltensregeln für Luftangriffe verteilt.
Am vorletzten Dienstag trauerte Bagdad erstmals um einen "Märtyrer": Die Leiche des Partisanen Ajad Abdel Kadir wurde, so der "Baghdad Observer", "zur letzten Ruhe gebettet".
Das Volk weinte am Grab des Heiden, Nur, so verriet ein EI-Fatah-Partisan dem SPIEGEL: "Der Sarg war leer."

DER SPIEGEL 40/1968
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