30.09.1968

KUNST / DESIGNMagisches Ding

Das Ei des Kolumbus war originell, aber unästhetisch -- die Schale geknickt, das Gleichmaß zerstört.
Das Ei des Piet Hein ist originell und dazu noch schön. Der walnußgroße Messing-Körper balanciert frei auf seinen schmalen Rundungen; wenn er umgekippt wird, richtet er sich (manchmal) sogar selber auf.
In Skandinavien und Amerika, neuerdings auch in der Bundesrepublik, malen Manager nicht mehr Männchen -sie kullern Heins Ei auf dem Konferenztisch. Geplagte Mütter beruhigen damit ihre Nerven. Künstler stellen es in schöpferischen Pausen auf die Spitze: Es ist das neueste Spielzeug für große Leute.
Das magische Gebilde, ersonnen von dem dänischen Physiker und Designer, Ingenieur und Poeten Piet Hein, 62, vereinigt Rundes und Rechtwinkliges so harmonisch wie vordem keine andere Form. Es ist, der Erfinder sagt es, schlechthin "das Super-Ei".
Dabei ist es eher ein Nippes-Nebenprodukt. Den Umriß des Super-Eis, die Super-Ellipse, hatte Hein ursprünglich als Idealform für Straßenkurven entwickelt, später auch auf Hausrat übertragen. Und in gigantischem Maßstab wird dieses ausgeklügelte Oval bald mehr als 100 000 Menschen umschließen: Das neuerhaute Azteken-Stadion von Mexiko, Schauplatz der olympischen Fußballspiele, ist ebenfalls eine Super-Ellipse.
Den Ausgleich von Gegensätzlichem hatte der vielbegabte Hein schon immer angestrebt. "Mein Betätigungsfeld", erklärte er sein wissenschaftliches und künstlerisches Tun. "reicht über alle Fachgebiete."
Er diente dem dänischen Atomphysiker Niels Bohr als "geistiger Ping-Pong-Partner" und war des öfteren bei Albert Einstein zum Tee. Der Kybernetiker Norbert Wiener schrieb im Hause von Hein und dessen -- vierter -- Frau sein letztes Buch. Hein selbst war als Ingenieur, mit optischen Erfindungen, erfolgreich und verfaßte Gedichte und Essays.
Nachdem 1940 deutsche Truppen in Dänemark eingerückt waren, ging er in den Untergrund. Als Präsident der Anti-Nazi-Union veröffentlichte er nebenher eigentümliche, witzige Sinnsprüche, die er mit einem Nonsens-Wort "Gruk" nannte.
Seine Landsleute, von der Okkupation bedrückt, verstanden zwischen den Gruk-Zeilen zu lesen: Die Menschen, sagt der Teufel, sind einander liebe Brüder -- sie kehren nicht vor der eigenen Tür, sondern lieber gegenüber.
In Skandinavien wurden die (bislang 7000) Gruks so populär, daß als einfallsreicher Tischredner nur mehr gilt, wer Piet Hein nackt zitiert. Denn Passendes findet sich Immer, wie etwa die "Inschrift für ein Denkmal an einer Kreuzung":
Hier liegt, hinweggerafft Inmitten seines
Strebens,
ein Opfer des modernen Lebens. Gestern holte er keine Zeit, heut hat er die Ewigkeit.
In jedem zehnten Dänen-Haushalt steht der Gruk-Zitatenschatz bereit. Der schwedische Rundfunk legte eine "Gruk-Bank" an, um für alle Anlässe ein Hein-Wort auf Tonband zu haben. Eine amerikanische Gruk-Ausgabe wurde sinnigerweise von einer Wissenschaftler-Hochburg, dem Massachusetts Institute of Technology, besorgt.
Den mathematisch begabten Dichter baten schließlich auch schwedische Städteplaner um Rat, als alle Entwürfe, nach denen Stockholms zentraler Versammlungs- und Einkaufsbummelplatz Sergels Torg neugestaltet werden sollte, unbefriedigend ausfielen. Hein, der die zivilisierte Menschheit "von einem tiefen, wenn auch selten registrierten Konflikt zwischen zwei uralten Formen -- dem Kreis und dem rechten Winkel -- bedrängt" sieht, suchte nach moderner City-Harmonie.
Mit Hilfe eines Computers fand er in wenigen Tagen die Formel für die gefälligste, raumsparendste und zum flotten Fahren geeignetste Kurvenführung -- die Super-Ellipse. Und diese geometrisch exakte Mischform aus Ellipse und Rechteck erschien dem Poeten Hein selbst in winzigem Maßstab auf dem Reißbrett "so vollkommen wie ein Musikstück".
Damit konnte die ästhetische Revolution in Gang kommen -- gegen die Diktatur von Kreis und Quadrat und auch gegen unpräzise Ovale, etwa von Fernseh-Bildschirmen, die -- so Hein -- "selten etwas anderes sind als willkürliche Kartoffelkurven".
In skandinavischen Restaurants können inzwischen an superelliptischen Tischen 15 Prozent mehr Gäste Platz nehmen. Design-bewußte Hersteller von Hausrat produzieren superelliptische Teller, Schüsseln und Lampenschirme.
Und sogar die aus Spielerei ins Dreidimensionale übersetzte Hein-Form, das Super-Ei, entbarg ungeahnte Qualitäten*. Super-Ei-Spieler entdeckten darin Orakelkraft: Es sage "Ja", wenn es nach einer ungeraden Zahl von Versuchen stehen bleibt, nach einer geraden aber "Nein".
Daß womöglich dem rundlichen Ding noch andere Potenzen innewohnen, läßt ein Gruk von Hein ahnen:
Alles ist entweder konkav oder -vex.
Also was du auch träumst -- es dreht sich um Sex.
* Vertrieb in Deutschland: Neho-Versand, 6101 Seeheim/Bergstraße, Frieedrich-Ebert-Straße 62. Preis: 19,50 Mark.

DER SPIEGEL 40/1968
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