30.09.1968

Jürgen Moltmann über Ernst Bloch: „Atheismus im Christentum“UND DIE BIBEL IST DOCH LINKS

Professor Jürgen Moltmann, 42, Ist Ordinarius für Systematische Theologie In Tübingen. Sein bekanntestes Werk: „Theologie der Hoffnung“. -- Professor Ernst Bloch, 83, bedeutendster marxistischer Philosoph Deutschlands, lebt und lehrt seit 1961 In Tübingen. Sein Haupt-Werk: „Das Prinzip Hoffnung“.
Die geistigen Monopole zerfallen. Die Fronten verkehren sich. Seit einiger Zeit liegt es offen am Tage, daß der Marxismus sein Erstgeburtsrecht auf "Revolution" einbüßt, obgleich seine Theorien die wesentlichen Beiträge auch weiterhin bleiben werden. So kommt es, daß sich neben anderen auch Theologen des verlassenen Kindes "Revolution" annehmen, und auf christlichen Studentenkonferenzen wird Karl Marx eher als Luther oder Franz von Assisi zum Apostel antiautoritärer Kirchenreform.
Auf der anderen Seite verlieren die verfaßten Kirchen das Monopol auf Christentum. Auch andere lesen die Bibel, und sie lesen sie andersherum als die kirchlichen Traditionen. Bertolt Brecht antwortete auf die Frage nach seiner liebsten Lektüre nicht ohne Hintersinn: "Sie werden lachen, die Bibel." Das begann schon mit dem "Geist der Utopie" und "Thomas Münzer als Theologe der Revolution" von Ernst Bloch. Wir finden es wieder bei Kolakowski im "Himmelsschlüssel" und bei Gardavský, "Gott ist nicht ganz tot".
Mit dem neuesten Werk von Ernst Bloch, das an Sprachgewalt, listiger Ironie und funkelnder Phantasie seinen früheren Werken in nichts nachsteht, erhebt sich der Atheismus mitten im Christentum. Aus den biblischen Quellen selbst sprudelt der Gegenstrom. Die Bibel wird wider den Strich gebürstet. Sie wird von unten, nicht mehr von oben gelesen. Die Geschichten Gottes mit sündigen Menschen verschwinden, und es treten die Geschichten der murrenden, hadernden und aufsässigen Menschen mit ihrem launischen Gott heraus.
So wird die Bibel zu einem subversiven, revolutionären Buch, das sich mit kirchlicher Autorität und staatschristlicher Macht nicht mehr verträgt. Als Biblia pauperum gelesen, offenbart sie ein neues, unerschöpftes Potential an rebellischer Hoffnung auf den Menschensohn und das "aufgedeckte Angesicht" der hier bis zur Unkenntlichkeit erniedrigten Menschen. Nach der Abdankung des "Droben", der irdischen wie himmlischen Throne, zieht jetzt das "Vorwärts" aus "bürgerlichem Establishment" und "halbzaristischem Sozialismus" heraus zu jenem utopischen Reich, von dem Augustin sagte: "Dies septimus nos ipsi erimus" ("Der siebente Tag werden wir selbst sein"), das Bloch biblisch als "unser aufgedecktes Angesicht" namhaft macht und philosophisch mit unserem Identisch-Werden" beerben möchte.
Mit reichem Wissen um absonderliche Gedanken, mit Lust am skurrilen Schein, aber auch als Zeitgenosse dahingegangener Theologen-Generationen aus den letzten 70 Jahren, versucht Bloch sich hier als roter Bibeldetektiv. Er spürt die mehrdeutige Sklavensprache in den von Priestern redigierten Texten wieder auf, findet unter den Trostworten von oben das ursprüngliche Seufzen und Murren von unten und in den religiösen Ideologien der Herrscher die Wunschmysterien der Beherrschten.
Nun sind zwar nicht alle biblischen Geschichten nach dem Muster der "Geschichte der KPdSU(B)" verschrieben worden, und nicht immer gibt das historische Material die Alternative "Krieg den Palästen -- Friede den Hütten" oder umgekehrt her, ja zuweilen wirkt dieser Schlüssel bei Bloch wie eine Kneifzange. Nachdem aber die Theokratisierung der Bibel an Hiob und am Gekreuzigten so lange vorüberging und durch Gewohnheit nicht wahrer wurde, ist Blochs "Enttheokratisierung der Bibel" für Christen und Atheisten mindestens ein Weg zu vielen Überraschungen.
Nachdem Ludwig Feuerbach die religiöse Aufklärung im Bewußtsein betrieben hatte, beginnt Bloch mit der fälligen meta-religiösen Aufklärung im Objekt selbst. Sie macht ihn weder trivial noch hintergrundslos. Mit Hilfe marxistischer Methoden stößt er auf metaphysische Fragen, die den Marxismus selber überholen, ihn zur bloßen Zeitbedingung des nach Identität hungernden Menschen machen.
Die Schläge des zornigen alten Mannes gehen dabei nach allen Seiten. Die theologische Entmythologisierung gerät in "Bultmanns gute religiöse Stube, "moderner Mensch"", Karl Barth kommt ins "Geheimkabinett und feste Burg der Transzendenz", der Katholizismus bekommt einen deutschen Hirtenbrief von 1936 zu lesen, die lutherische Geduld des Kreuzes wird an die Leiche im Schrank Thomas Münzer erinnert. Vieles ist hier einseitig und In grelles Licht getaucht, doch sollte man sich fragen, ob es nicht eine notwendige Einseitigkeit gibt; jedenfalls auf dieser Erde.
Von unten gelesen, beginnt die "Revolte-Linie" der Bibel mit der Verheißung der Schlange, dieser Raupe der Göttin Vernunft: "Ihr werdet sein wie Gott", und sie endet mit dem Ausblick auf das homousios, auf die Wesensgleichheit des Menschensohnes mit Gott. Nicht wie Gott sein zu wollen, wird dann zur Ursünde des stumpfen Menschengeschlechtes. Aus ihm erheben sich Kam und Jakob, Mose und Hiob. Sie entthronen die Götter, zerbrechen das Joch himmlisch verfügten Schicksals und machen aus der Jahwe-Figur des Alten Testamentes eine veränderliche, zukunftsoffene Erscheinungsform des Göttlichen, die zur Machtergreifung durch den Menschen einlädt.
Ein Höhepunkt des Buches ist zweifellos Blochs Hiob-Auslegung. Ist Hiob der berühmte Dulder oder ein hebräischer Prometheus? Die Geschichte ist offen und ohne Antwort. Theologische Deutungen fallen leicht in den bigotten Ton der Freunde Hiobs zurück. Atheistische Lösungen der Theodizeefrage* sind nicht besser als Hiobs Frau: "Sage Gott ab und stirb." Hiob aber ruft nach seinem "Bluträcher" (nicht "Erlöser"), und für Bloch überdauern Hiobs harte Fragen auch den platten Atheismus;
* Theodizee = philosophische Rechtfertigung Gottes gegen den Vorwurf, das Übel In der Welt zu wollen oder machtlos dagegen zu sein.
seine eigene Antwort ist die Einweisung in den Auszug aus Gott und in die Hoffnung, die sich mit Empörung verbindet, um in den konkret gegebenen Möglichkeiten eines neuen Seins fundiert zu werden. Was aber hätte Hiob zu dieser möglichkeitsfrommen Kosmodizee gesagt?
Blochs Lesart des Neuen Testamentes ist nicht weniger frappierend. Der "Menschensohn" statt des "Gottessohnes" wird zum Geheimzeichen Jesu. Dieser Archetyp wird mit Hilfe gnostischer und kabbalistischer Spekulationen seiner humanistischen Aufklärung entgegengeführt. Der Christ-Impuls kann sodann leben, auch wenn Gott tot Ist, ja er erst ersetzt durch Menschenmystik die Vatergottverehrung.
Ironischerweise vertritt Bloch gegen den alten Arianismus und seine neueren liberalen Varianten die Wesensgleichheit Jesu mit Gott. Doch bezeichnet die Formel nicht mehr die reale Menschwerdung Gottes, sondern die volle Gottwerdung des Menschen. Hier kehrt sich der radikale Atheismus zur vollendeten Gottesmystik herum. Gott und Mensch werden ununterscheidbar eines Wesens. Mystisch-utopische Vernunft erfüllt die Schlangenverheißung.
So endet das Buch mit der Vermählung zweier Texte: "Radikal sein, heißt die Dinge an der Wurzel fassen. Die Wurzel aller Dinge ist der Mensch". sagte Karl Marx. "Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist", sagte der 1. Johannesbrief.
"Hätten die beiden Textstellen einander gelesen", meint Bloch, "dann fiele auf das Realproblem der Entfremdung in allem und ihrer möglichen Aufhebung ein gleichzeitig detektivisches wie utopisches Licht." Marxismus würde sich nach Engels" Rückgang von der Utopie zur Wissenschaft wieder mit religiös-rebellischen Archetypen verbinden, und es käme eine Allianz zwischen Revolution und Christentum zustande. wie sie nur im deutschen Bauernkrieg einst als Sternstunde einem kommenden Tag vorangeleuchtet habe.
Atheisten wird das Buch zu fromm, Christen zu atheistisch erscheinen. Wenn sie es aber unvoreingenommen lesen, werden sie es nicht aus der Hand legen, ohne auf neue Ideen und Fragen gekommen zu sein.
Wenn nach Bloch das Beste an den Religionen darin besteht, daß sie Ketzer hervorbringen, so werden die Ketzer es von sich weisen, neue Orthodoxien begründen zu wollen. Um Simon Magus und Ernst Bloch kritische Ehre zu erweisen, ließe sich darum fragen, ob es bei richtiger Entlarvung der Allianz zwischen religiösem Monotheismus und Caesarismus nicht auch eine Transzendenz gab und gibt, die von Herrschaftsmythos und Untertanengeist frei war und ist. Muß mit dem Kaiser auch Gott fallen, der nach Psalm 2,4 ohnehin schon über die Herrschsüchtigen spottete? Der "Vater im Himmel" war zwar durch den pater patriae verfälscht worden, doch wurde er auch als Geheimnis des von Rom Gekreuzigten verehrt.
Der Weg zu einer demokratischen und revolutionären Transzendenz ist noch weit, nicht nur der monarchische Episkopat steht dazwischen. Aber darum muß "Gott" als "Geist der Gemeinde" noch nicht mystisch und identitätsphilosophisch mit dem zukünftigen Menschen zusammenfallen. Es könnte ja sein, daß die Wurzel der Religion nicht im arbeitenden Menschen und dem "Reich der Notwendigkeit", sondern im spielenden Menschen und dem bisher nur fragmentarisch antizipierten "Reich der Freiheit" und des Vertrauens liegt.
Im Bann der Produzentenlogik Feuerbachs gibt es nur Selbstentfremdung und Wiederaneignungen des entäußerten Selbst. Im Spiel aber kann sich der Mensch auch zum Ganz-Anderen und Fremden vertraut verhalten. Hier ist nicht die "Heimat der Identität" sein Ziel, sondern die unerschöpfliche Fülle der freien Entsprechungen. Und so geht die Eschatologie vom endlich "aufgedeckten Angesicht" nicht auf pure Selbstbegegnung aus, sondern auf die Widerspiegelung der Klarheit Gottes im Bilde des Gekreuzigten, warm Selbstbegegnung vermittelt ist.
Davon kann im Reich der Untertanen nur schmerzlich die Rede sein. Im Reich der Rebellen, deren Kampf vom Widersacher geprägt Ist, ist es nur verzerrt präsent. Sollte es nach der Wendung vom Gehorsam der Knechte zur rebellischen Bruderschaft des Menschensohnes nicht noch einmal eine Aufhebung geben müssen in ein Reich, wo nicht nur die Schmerzen der Unterdrückten, sondern auch die Opfer der Rebellen vergessen werden in dem, was "ewige Freude" genannt wurde? Auch mit "Atheismus im Christentum" ist die Bibel nicht erschöpft. Bloch: "Atheismus selber tut dem Unerschöpften nichts an: im Gegenteil."

DER SPIEGEL 40/1968
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