25.03.1968

PRESSE / JASMIN

Seid doch so nett

Kaum war Nummer eins von "Jasmin" ("Die Zeitschrift für das Leben zu zweit") fertig, griff Chefredakteur Günter Prinz, 38, zur Feder: "An die Chefredakteure unseres Hauses".

Prinz erinnerte seine Kollegen im Springer-Konzern an das jüngste Unternehmen, das der Hamburger Großverleger (bisher: 18 Zeitungen und Zeitschriften; Gesamtauflage: 18 Millionen) am 14. März in München starten wollte. Ein Muster (228 Seiten, 600 Gramm) lag dem Brief bei. Der Chef an die Chefs: "Wenn Ihr mögt, dann seid doch so nett und helft uns."

Die Kollegen halfen gern und gut. Sie informierten ihre Leser, teils reich illustriert, über die Novität aus München -- nicht nur im Anzeigen-, sondern im Nachrichtenteil und unter attraktiven Überschriften ("Doppelleben in der Finchley Road").

Die "Jasmin"-Geschichten enthielten, diskret verpackt, harte Werbung: >"Die Welt"( Auflage: 283 000) klaubte am 14. März aus der neuen Zeitschrift "authentische Äußerungen über den Mann um 40" und machte ihren gehobenen Leserkreis mit dem Preis und der Erscheinungsweise des Blattes vertraut.

> "Bild" (4,7 Millionen) stellte dem Volk am 15. März den Titel der neuen Zeitschrift vor, verbrämt mit einer aus "Jasmin" entnommenen Krankengeschichte über Curd Jürgens ("Kleiderschrank aus Germany").

> Das "Hamburger Abendblatt" (409 000) druckte am 16. März eines der "exzellenten Farbphotos" aus "Jasmin" nach und bot seinen Abonnenten unverfälschten Werbejargon. "Ein ganz neuer Typ von Zeitschrift, den es bisher noch nicht gegeben hat."

> "Bild" stieß eine Woche später mit einem Bildbericht noch einmal nach: "Die Sensation aus der Flimmerwelt liefert die neue Zeitschrift Jasmin.

Die Kampagne des Hauses Springer ist ein Modellfall für die unbegrenzten Möglichkeiten konzertierter Aktionen einer konzentrierten Presse. Rund fünf Millionen "Bild"-, "Welt"- und "Abendblatt"-Lesern wurde per Schleichwerbung das neue Produkt (Startauflage: 900 000) präsentiert. Und so unverhüllt wie die publizistische Macht des Konzerns, der nach Bedarf den hauseigenen Blätterwald rauschen lassen kann, trat auch die finanzielle Potenz des Presse-Imperiums zutage.

Die Investitions- und Startkosten für "Jasmin" sind zwar "Betriebsgeheimnis", aber "Jasmin" kann, wie die Münchner Springer-Filiale durchblicken läßt, "gut und gern zehn Millionen" Mark für Werbung einsetzen.

Springer setzte ein: Schübe von ganzseitigen Vorausanzeigen im November vorigen Jahres ("Sprechen wir von Jasmin"), 60-Sekunden-Fernseh-Spots und bunte Hi-Fi-Werbung in acht Zeitungen am Erscheinungstag, Werbung im Hörfunk, weit gestreute Kleinanzeigen und künstliche Jasmin-Blüten, die an den Kiosken für die ersten Käufer bereitstanden.

Bilanz der ersten fünf Tage des Werbefeldzuges bei, von und für Springer: 84 Prozent der "Jasmin"-Auflage sind abgesetzt.

Jubilierte Springer-Berater und "Jasmin"-Schöpfer Karl-Heinz Hagen, 48: "Wir sind praktisch ausverkauft." Und: "Das nächste Mal drucken wir 1,2 Millionen."


DER SPIEGEL 13/1968
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