25.03.1968

RECHTSANWÄLTE / MAHLERStück im Schrank

Das ist der Mahler, schlagt ihn tot!" schrien hysterische Berliner und packten einen Falschen. Derjenige, der gelyncht werden sollte, war gar nicht da: der Berliner Rechtsanwalt Horst Mahler, 32.
Doch das Schlagetot-Geschrei vor dem Schöneberger Rathaus, wo Berliner für "Freiheit und Frieden" -- gegen die linken Studenten demonstrierten, macht deutlich, welchen Zorn der junge Jurist auf sich gezogen hat. Seit Wochen wagt seine Ehefrau Ruth nicht mehr, Sohn und Tochter abends
* Berliner Studenten Fritz Teufel und Rainer Langhans.
** Unter Wasserwerferbeschuß auf dem Kurfürstendamm während einer Demonstration gegen das Militärregime in Griechenland am 3. Februar 1968.
allein in der Wohnung zu lassen, "weil sie", sagt der Anwalt, "fürchten muß, daß die Fensterscheiben eingeworfen werden.
Denn Mahler steht links -- so weit, daß ihn der "Extra Dienst", das schmächtige Organ der Berliner außerparlamentarischen Opposition, in nahezu jeder Ausgabe lobt und Springers "Berliner Morgenpost" empfiehlt, "diesen Rechtsanwalt Mahler ... sehr scharf im Auge" zu behalten.
Zu übersehen ist Mahler tatsächlich nicht mehr. Im Kaufhaus des Westens (KaDeWe) erteilt er Rechtsrat bei Protest-Aktionen gegen späten Ladenschluß. Auf der Straße demonstriert er gegen den Vietnam-Krieg. In den Justizgebäuden verteidigt er rebellierende Studenten oder bahnt ihnen den Weg -- so unlängst, als er beim Verwaltungsgericht durch einstweilige Anordnung ein Demonstrationsverbot des Berliner Senats aufheben ließ. Er plädiert pathetisch: "Fritz Teufel ist ein Held!" Und seine stärksten Worte findet Mahler, wenn er, wie im jüngsten Prozeß gegen Teufel und Langhans, aus Protest sein Mandat niedergelegt oder auf ein Plädoyer verzichtet. Dann erklärt der Berliner Verteidiger dem Gericht, warum es "feige" wäre, "mit formalen juristischen Argumenten um Freispruch oder milde Bestrafung zu feilschen".
Von verwerflicher "Anpassung an die verrottende spätbürgerliche Gesellschaft" spricht Mahler dann und von schuldverstrickender "Kollaboration mit den Kollaborateuren". Dann wird der Advokat zum Bekenner: "Ich bin es mir als Bürger und Anwalt schuldig, mich mit der Tat der Angeklagten zu solidarisieren."
Er war es sich auch schuldig, in der West-Berliner SED-Zeitung "Die Wahrheit" diesen Neujahrswunsch kundzutun: "Ich wünsche mir, daß die studentische Protestbewegung weiter an Boden gewinnt und andere Bevölkerungsschichten erreicht, um die Voraussetzungen für eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu schaffen."
Sein undurchdringliches Bleichgesicht ist dem studentischen Protest ein guter Mond. Im stets dunkelgrauen Einreiher tritt er auf für die Rebellen in Kord- und Nietenhosen. Durch die dunkelgetönten Gläser seiner Hornbrille betrachtet er die Welt aus der Perspektive des Dr. Marcuse. Und er ist bemüht, wie seine Klienten zu sprechen. "Objektiviert", "subversiv", "faschistoid" -- so drückt sich der ehemalige Stipendiat der "Studienstiftung des deutschen Volkes" aus, seit Freunde vom SDS seine " unreflektierte Diktion" (Mahler) bemängelten.
Zwar machte sich der Rechtsanwalt bereits einen Namen, als die linken Studenten noch keine revolutionären Sprüche klopften -- er verteidigte zum Beispiel 1964 im Thyssen-Bank-Prozeß, wodurch er sich selber ein immer noch anhängiges Ermittlungsverfahren einhandelte. Zwar errang Mahler seinen juristisch bedeutsamsten Erfolg, als die Berliner Polizei noch keine Studenten schlug -- er brachte 1966 im Fall Wemhoff als erster deutscher Anwalt eine Beschwerde bei der Europäischen Kommission zum Schutze der Menschenrechte in Straßburg durch.
Doch erst als Linker ("Ehe ich nach dem Honorar frage, frage ich nach der Verfassung") geriet der Anwalt in aller Berliner Munde. Und er selber sieht sein Anwaltsdasein als "Durchgangsstation" auf dem Weg zum Politiker -- Station eines Mannes, der stets nach Engagement suchte: als FDJ-Mitglied in Dessau (bis 1949, als seine Mutter nach West-Berlin verzog); dann als Mensuren schlagender FU-Student in der Landsmannschaft "Thuringia" (die ihm einen "ehrenvollen Austritt" gewährte, als er dem SDS beitrat); dann als Genosse in der SPD (die ihn wegen seiner SDS-Zugehörigkeit aus der Partei ausschloß).
Und Mahler sucht weiter. Wie die Utopisten unter den Linksstudenten will er die gegenwärtigen "Abhängigkeiten" der Menschen beseitigen, aber er räumt ein, daß danach andere Abhängigkeiten entstehen würden. Er will seine Mitmenschen von der "Angst" befreien, aber ei" hat selber welche, wie er zugibt. Er liest die revolutionären Botschaften eines Che Guevara, aber er wirkt eher wie ein Handlungsreisender in Revolution -- goldenes Kettchen quer über der Dozenten Krawatte, Hosenträger unter dem Jackett.
Und Mahler ist Bürger wie die, die Argwohn gegen ihn hegen -- am Rande der Gesellschaft freilich. Wie andere in der Eckkneipe trinkt er sein Bier in der Studenten-Pinte "S-Bahn-Quelle". In seiner Fünf-Zimmer-Altbau-Wohnung am Lietzensee-Ufer steht Modernes in Palisander und Schleiflack, aber auch eine "Sitzgruppe" (Mahler) -- im Goldton.
Das Wartezimmer der geräumigen Praxis in der Konstanzer Straße -- nahe dem Kurfürstendamm -- ist mit schwarzen Ledersesseln ausstaffiert, in denen neuerdings auch linke Gastarbeiter Platz nehmen. Die zahlungskräftige Klientel aus Wirtschaft und Bankwesen dagegen hat sich teilweise mit "wohlwollendem Schulterklopfen" (Mahler) zurückgezogen.
In seinem Arbeitszimmer wirkt Mahler, hinter einem riesigen Nußbaumschreibtisch, ein wenig beklommen vom eigenen Stil, denn er empfindet heute die Einrichtung seiner Kanzlei als "unangemessen". Doch das Geschenk des Republikanischen Clubs, ein schlichtes weißes Stehpult, dient andererseits vornehmlich als Ablagebord in der Ecke.
Vor Jahren kaufte sich der Anwalt der Berliner Linken -- "um auszubrechen", wie er selber sagt -- einmal einen Anzug in der Farbe seines BMW 1800, burgunderrot. Das Stück hängt ungenutzt im Schrank.
* 1964 im Thyssen-Bank-Prozeß.
** Mit Ehefrau Julie (M.)

DER SPIEGEL 13/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RECHTSANWÄLTE / MAHLER:
Stück im Schrank

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch