25.03.1968

STALINS SOHN FÜHLTE SICH VERSTOSSEN

Zeugenbericht über Jakob Dschugaschwilis Aufenthalt und Ende im KZ Sachsenhausen

Von Cushing, Thomas

Im elektrisch geladenen Drahtzaun des Konzentrationslagers Sachsenhausen starb am 14. April 1943 Jakob Dschugaschwili, Stalins ältester Sohn. Zusammen mit einem Neffen des sowjetischen Außenministers Molotow, Wassilij Kokorin, und vier irischen Soldaten war Dschugaschwili Häftling in einer Prominenten-Baracke des KZ gewesen. Über das Ende des Stalin-Sohns waren jüngst Dokumente aus dem amerikanischen Außenministerium in die Öffentlichkeit geraten (SPIEGEL 9/1 968). Das Bild, das sich aus diesen Papieren ergeben hat, ergänzt und korrigiert in einem Zeugenbericht für den SPIEGEL der Ire Thomas Joseph Cushing, damals -- obschon nicht prominent -- ein Mithäftling Jakob Dschugaschwilis, heute Angestellter im Meldewesen des britischen Verteidigungsministeriums.

Es war Anfang Februar 1943. Auf dem Lagergelände lag Schnee. Ich war etwa eine Woche als Häftling in der Prominentenbaracke, da brachte die Wache zwei weitere Männer.

Im Waschhaus lernte ich einen der beiden kennen. Zwischen vier Waschbecken, zwei Toiletten, zwei Urinalen und zwei kalten Duschen stellte ich mich vor: "Sergeant Cushing". Er erwiderte auf russisch: "Dschugaschwili, Jakob, Oberleutnant". Dann gaben wir uns die Hand.

Der Name Dschugaschwili sagte mir so wenig, wie ihm meiner sagen mochte. Er schien darüber enttäuscht. So stellte ich mich noch einmal vor, diesmal auf deutsch: "Feldwebel Cushing". Und ich fragte: "Was sind Sie für ein Landsmann? Pole? Russe?" Darauf Dschugaschwili in gebrochenem Deutsch: "Ich bin Stalins Sohn."

Dschugaschwili wurde in eine der acht Zellen in unserer Baracke einquartiert. In jeder Zelle stand ein Bett mit einer Decke, ein kleiner Tisch, ein Stuhl und ein Koksofen. Jeden Tag konnten wir uns unter Bewachung eine Ration Koks holen. Der Ofen durfte um halb fünf Uhr angesteckt werden; der Koks reichte dann bis zehn Uhr abends.

Dschugaschwili bekam wie wir jeden Tag einen halben Laib Brot, etwas Margarine und Wurst. Zum Frühstück gab es Ersatzkaffee, zum Mittagessen meist Kartoffeln mit Sauerkraut oder Kohlrabi, gelegentlich auch Erbsensuppe mit Speck.

Lebensmittelpakete erhielt Dschugaschwili nicht. Ich gab ihm manchmal von dem Tee ab, der mir geschickt wurde. Er trank ihn schwarz. Zu lesen hatte er, soviel ich sah, nichts.

Der Sohn Stalins wusch und rasierte sich regelmäßig. Er trug russische Soldatenstiefel, Reithosen, abwechselnd ein Khaki- oder ein bläuliches Arbeiterhemd und einen Pullover.

Wie die anderen Häftlinge der Prominenten-Baracke durfte er aufstehen, wann er wollte. Meist war er um halb sieben Uhr früh schon auf den Beinen. Er ging auch viel auf dem Hof spazieren. Doch während wir anderen richtig marschierten, um uns fit zu halten, schlenderte er nur herum. Er bezeichnete sich als Amateurringer und einmal boxte er sogar mit mir und ließ sich ein paar Griffe zeigen. Besonders gut war er allerdings nicht.

Ich nannte ihn "Jakob"; er redete mich meist als "Herr Cushing" an. Die Verständigung war mühselig, denn er konnte nur wenig Deutsch. Er sagte mir, nach dem Krieg wolle er sich die Welt anschauen und dazu Englisch lernen.

So vereinbarten wir einen gegenseitigen Sprachunterricht. Er wollte Englisch lernen und ich Russisch. Aber es kam nicht viel dabei heraus. Ich lernte nur Flüche.

Oft zeigte sich der junge Stalin launisch und eigenbrötlerisch. Eine typische Geste bei ihm war, sich mit den Fingern durch die Haare zu streichen. Er schaute dann auf die Hand und wischte sie an den Hosen ab. Das wiederholte er alle fünf Minuten. Es sah aus, als machte er sich wegen Haarausfalls Sorgen.

Offenkundig litt Dschugaschwili darunter, daß er, der Sohn des großen Stalin, nicht eine einzige Fremdsprache beherrschte und keinerlei Weltläufigkeit aufweisen konnte. Er war das Produkt einer der technischen Hochschulen Rußlands, die wie Fabriken sind: man lernt sein Spezialfach und sonst nichts.

Von Literatur, Musik, Theater hatte der junge Stalin keine Ahnung. Manchmal dozierte er über Details aus der Technik. Einmal überraschte er mich, als er sagte, er sei felsenfest davon überzeugt, daß der Stacheldraht um unser Lager gar nicht elektrisch geladen sei, denn das wäre doch eine Verschwendung von Elektrizität. Jakob hatte Elektrotechnik studiert, wußte aber anscheinend nicht einmal, daß der Strom im Draht nur kursiert und deshalb überhaupt nicht verbraucht wurde.

Sein bevorzugter Gesprächsstoff war Politik. Manchmal machte er auch den Versuch, mich zum Kommunismus zu bekehren. Er sprach dann ausführlich über Erziehungswesen und erläuterte mir das kommunistische Wirtschaftssystem. Seine Argumentation bei solchen Unterhaltungen lief aber meist auf bloße Rechthaberei hinaus: "Ich muß es doch wissen. Ich bin doch schließlich Stalins Sohn."

Gern erging sich Dschugaschwili auch in Zukunftsvisionen, die sich etwa so anhörten: "Das ist der letzte Krieg, den wir für den Kommunismus führen. Nach dem Krieg werden wir alles so billig produzieren, daß wir die ganze Welt mit unseren Waren überfluten werden, nicht nur mit Verbrauchsgütern, sondern auch mit Autos und anderen Luxusartikeln."

Von den Errungenschaften anderer Völker und Staaten hörte er nur ungern. Sein Gesicht wirkte mißtrauisch und ungläubig, wenn ich ihm von meiner Heimat erzählte, wo schon vor tausend und mehr Jahren großartige Gold- und Silberschmiede und Buchillustratoren gearbeitet haben. Oder wenn ich behauptete, die deutsche Oper sei die beste der Welt,

"Ich bin ein Russe", unterstrich Jakob immer wieder. Und das klang so stolz, als sei es das Herrlichste auf der Welt.

Gleichwohl rühmte sich Dschugaschwili mir gegenüber auch seiner guten Beziehungen zur deutschen Lagerleitung. Er könne die Baracke jederzeit als freier Mann verlassen, behauptete er.

In der Tat wurde er oft von einem Posten zum Kommandanten des Lagers gebracht. Während dieser Zeit wurden wir anderen im Gang der Baracke eingeschlossen. Was in der Lagerleitung mit dem Stalin-Sohn besprochen wurde, habe ich nie erfahren. Wahrscheinlich sollte er für die antikommunistische Propaganda gewonnen werden.

Der andere russische Häftling in unserer Baracke, der zusammen mit dem Stalin-Sohn eingeliefert worden war, war Wassilij Kokorin, ein Neffe des Außenministers Wjatscheslaw Molotow. Er erzählte mir einmal, die Deutschen hätten Dschugaschwili nach seiner Gefangennahme im Juli 1941 in Zivilkleidung gesteckt, ihm das Ruhrgebiet und Berlin gezeigt und ihn sogar in eine Oper geführt. Auch das schien ein Indiz dafür, daß der Stalin-Sohn auf Antikommunismus umgeschult werden sollte.

Kokorin erschien auf den ersten Blick vertrauenswürdiger und aufgeschlossener als sein russischer Mithäftling. Er war Flieger bei der sowjetischen Armee. Nach dem Absturz hatte er ziemlich lange im Schnee gelegen. Die Deutschen hatten ihm im Lazarett zwei oder drei erfrorene Zehen amputieren müssen. Ich habe ihm manchmal den Fuß massiert.

Untereinander konnten sich die beiden Russen nicht vertragen. Ihre Zellen lagen sich direkt gegenüber, und oft beschimpften sie einander durch die offenen Türen. Da sie nicht miteinander essen wollten, wurde ihnen separates Blechgeschirr vor die Tür gestellt. Einmal prügelten sie sich sogar im Korridor, und ich mußte sie mit Gewalt trennen. Ich packte den jungen Stalin an der Jacke und zerrte ihn weg." Der Kokorin ist doch ein Invalide", sagte ich.

Stalins Mißtrauen gegenüber seinem Landsmann beruhte auf einem Verfolgungswahn, den ich erst später erkannte. "Der Kokorin ist ein Gestapo-Agent", behauptete er immer wieder. "Er soll auf mich aufpassen. Molotows Neffe ist er auch nicht. Molotow hat überhaupt keinen Neffen."

Die in Washington gefundenen und vom SPIEGEL wiedergegebenen Dokumente der Gestapo stellen diesen Punkt nicht ganz richtig dar. Denn nicht wir Iren hielten Kokorin für einen Agenten; Stalin tat das. Ich und meine Kameraden haben nie an die Agenten-Version geglaubt. Wozu sollte denn die Gestapo Dschugaschwili auch noch im Lager überwachen? Sie hatte ihn ja ohnehin und konnte mit ihm tun, was sie für gut hielt.

Auch die Toiletten-Affäre ist von der Gestapo nicht ganz richtig protokolliert worden. Der Zwischenfall spielte sich nämlich nicht am Todestag Dschugaschwilis ab, wie es anscheinend die Gestapo-Kommission behauptet hat, sondern am Tag zuvor.

Stalin war aus der Toilette herausgekommen, hatte aber die Spülung nicht gezogen." Sie sind hier nicht in der Steppe", sagte ich zu ihm, "ziehen Sie die Kette!" Das ärgerte ihn, und er wurde handgreiflich. Aber ich packte ihn und schrie noch einmal: "Ziehen Sie gefälligst!" Das tat er dann auch. Mit seinem Ende hatte dieser Zwischenfall aber nichts zu tun.

Was Stalins Sohn veranlaßte, den Tod zu suchen, war wahrscheinlich ein ganz anderer Vorfall. Die Deutschen hatten im Gang der Baracke einen Lautsprecher aufgehängt, über den in regelmäßigen Abständen englisch- und russischsprachige Nachrichten des Propagandaministeriums verbreitet wurden.

Eines Tages sah ich Dschugaschwili sehr bleich und sichtlich verstört an der Wand unter dem Lautsprecher lehnen. Ich begrüßte ihn, aber er reagierte nicht. An diesem Tag wusch und rasierte er sich nicht, und seine Blechtöpfe mit dem Mittagessen ließ er unberührt vor seiner Tür stehen.

Kokorin versuchte mir in seinem miserablen Deutsch die Ursache für Jakobs Verstörung zu erklären. In den Propagandanachrichten war von sechs Millionen russischen Gefangenen die Rede gewesen. Und die Meldung war mit einem angeblichen Stalin-Zitat garniert: "Hitler hat überhaupt keine russischen Gefangenen. Er hat nur russische Verräter, und die werden wir erledigen, wenn der Krieg vorbei ist."

Ferner habe Stalin in dieser Nachrichtensendung dementiert, daß sein Sohn Jakob in Kriegsgefangenschaft geraten sei, und zwar mit der Behauptung: "Ich habe gar keinen Sohn Jakob."

Stalins Sohn fühlte sich nach dieser Propagandasendung aus Berlin wohl als Verräter eingestuft und verstoßen. Da er von Natur aus unter Depressionen litt, die sich während der Haft noch verstärkt hatten, wollte er an diesem Tag nach meiner Einschätzung freiwillig seinem Leben ein Ende machen.

Den Vorfall am Lagerzaun habe ich nicht selbst gesehen. Ich saß in der Baracke, als draußen ein Schuß fiel. Ich rannte hinaus und sah Dschugaschwili tot im Draht hängen. Sein Fleisch war an vielen Stellen verbrannt und schwarz.

Die Deutschen ließen ihn etwa 45 Minuten hängen, bis der Kommandant, dessen Adjutant und noch ein paar andere die Sache inspiziert und photographiert hatten. Sie waren alle ziemlich aufgeregt.

Die Leiche wurde dann in eine Decke gehüllt und weggetragen. Später wurde ich davor gewarnt, über den Vorfall zu reden -- sonst würde mir Schlimmes passieren.

Ich glaube nicht, daß Stalins Sohn von einem Posten erschossen wurde, Wahrscheinlich hat er durch Berühren des geladenen Todesdrahts den Tod gefunden.

Die Wachen haben offenbar, wie aus den Washingtoner Dokumenten hervorgeht, falsch ausgesagt, um sich zu retten. Denn nach den deutschen Vorschriften hätten sie schießen müssen, längst bevor Jakob den Todesdraht erreichen konnte. Wahrscheinlich hatten sie nicht aufgepaßt oder zu lange gezögert und dem Toten dann nachträglich einen Kopfschuß beigebracht.


DER SPIEGEL 13/1968
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