25.03.1968

BRASILIEN / INDIANERArsen und Zuckerstückchen

„Die einzigen braven Indianer waren tote Indianer.“ US-General Sheridan, Held der Indianerkriege 1876
Jeder Brasilianer ist stolz auf Rondon. Denn Marschall Cándido Mariano da Silva Rondon hatte -- anders als US-General Sheridan -- geschworen, "der Sache der Indianer und der Menschlichkeit zu dienen".
Vor fast 60 Jahren gründete Rondon deshalb seinen Indianer-Schutz-Dienst, dessen stolze Devise die Brasilianer schon in der Schule lernen: "Sterben, wenn es sein muß -- aber töten nie!"
Jetzt ist der Stolz Brasiliens "tonnenschwerer Schande" ("Jornal do Brasil") gewichen: Die Indianer-Schutztruppe handelte nicht wie Rondon, sondern nach Sheridan. Sie tötete -- und ausgerechnet ihre Schützlinge, die Indios.
Tausende von ihnen starben wahrscheinlich unter den Foltern der weißen Männer von Rondons Servico de Protecao ao Indio (Spi) nur einige hundert Kilometer von der modernen Retortenhauptstadt Brasilia entfernt.
Wie die Konquistadoren Cortez und Pizarro rotteten die vom Staat geheuerten Helfer ganze Indianerstämme aus, um deren Besitz -- Holz und fruchtbaren Ackerboden -- zu Geld zu machen. Goldsucher und Pistoleiros beteiligten sich an den Verbrechen. Großgrundbesitzer Zentralbrasiliens, Fazendeiros, erwiesen sich als zahlkräftige Abnehmer des Landes, das laut Verfassung unverkäuflich und auf ewig Eigentum der Indios ist.
Wie Cortez und Pizarro kamen die Rondon-Männer angeblich als Freunde, doch sie brachten Leid und Tod: > Im Bundesstaat Mato Grosso verteilten sie Zuckerstücke als Gastgeschenk -- mit Arsen getränkt -, kein Indio kam davon.
> Im Staat Bahia impften sie zwei Stämme der Pataxos-Indianer gegen Pocken -- nur wenige überlebten die künstliche Seuche.
> In Parana banden sie die Indianer an Marterpfähle" bis sie auf ihre Landrechte verzichteten.
> In Mato Grosso rotteten sie den kriegerischen Stamm der Cinta Largas aus, indem sie aus einem Flugzeug Dynamitladungen in die Dörfer warfen und Flüchtende mit Maschinengewehren beschossen. Bereits vor zwei Jahren hatte die in Rio de Janeiro erscheinende Zeitung "O Globo" über Massaker an Indios, über Beutezüge und Strafexpeditionen berichtet. Doch erst vor acht Monaten löste Staatspräsident Marschall Costa e Silva die Spi-Truppe auf und betraute Innenminister General Albuquerque Lima mit der Untersuchung.
Fahnder registierten in 15 brasilianischen Bundesstaaten die Spi-Verbrechen in 103 Kilo Akten: Mord, Betrug, Raub, Notzucht und Korruption -- "alle im Strafgesetz enthaltenen Verbrechen", verriet Staatsanwalt Jader de Figueiredo Correia, Leiter der Untersuchungs-Kommission.
Außerdem deutete er an, daß selbst ein ehemaliger Staatsminister und ein Gouverneur Komplicen der Rondon-Männer waren. 135 Indianerschützer, Politiker, Beamte und Offiziere wurden inzwischen angezeigt, 200 Beamte aus der Regierung entlassen.
Nach Schätzungen der Kommission schrumpften die 90 000 Indianer der von Spi betreuten Stämme auf 20 000 zusammen. 70 000 wurden getötet oder tief ins unwegsame Innere des Landes vertrieben.
Als einer der Hauptschuldigen wird inoffiziell Luftwaffenmajor Luis Vinhais Neves genannt. Er soll 42 Indianerstämme ausgerottet haben. Seine Vernichtungsflüge und andere Einsätze brachten ihm angeblich 1,2 Millionen Mark ein. Der Major war zwei Jahre Direktor der Indio-Schutztruppe.
Anonyme Absender schickten den Zeugen, die den Major und andere Indianerjäger belasteten, Morddrohungen, ebenso dem Staatsanwalt Jader Figueiredo und seinen ausgesandten Fahndern.
Und Innenminister Albuquerque Lima berichtete am vergangenen Mittwoch. daß Brandstifter vergebens versucht hätten, die Spi-Akten zu vernichten. Das belastende Material wurde aus dem brennenden Landwirtschaftsministerium gerettet.

DER SPIEGEL 13/1968
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