25.03.1968

BIOGRAPHIEN / GILLES DE RAISWie ein Alp

Sie kämpften und siegten gemeinsam für ihren König Karl und starben beide durch Henkershand. 1431 verbrannte das Bauernmädchen Jeanne d'Arc auf dem Scheiterhaufen in Rouen. Neun Jahre später wurde Sire Gilles de Rais. Marschall von Frankreich, in Nantes am Galgen aufgehängt und den Flammen übergeben.
Der Feuertod brachte der Jungfrau von Orlöéns Märtyrerruhm und Heiligenschein. Ritter Gilles hingegen geistert seit fünf Jahrhunderten öls blutbesudeltes Scheusal, als Räuber, Schänder und Mörder kleiner Kinder durch die Chroniken und Biographien. "Ganz gewiß", schrieb 1891 der Franzose Joris-Karl Huysmans in seinem schwarzen Roman "Là-bas" ("Tief unten"), "ist der Marquis de Sade nichts als ein schüchterner Bürger, ein ärmlicher Phantast neben ihm."
Ganz gewiß hat folglich diese "Satanisten-Gestalt" (Huysmans) im zeitgenössischen Büchersortiment, dem nichts Menschliches mehr fremd ist, noch gefehlt. Im "Leben und Prozeß eines Kindermörders" (Untertitel) wird sie jetzt deutschen Lesern vorgeführt. Der Autor: Georges Bataille (1897 bis 1962), Bibliothekar in Orléans, renommierter französischer Romancier ("Das Blau des Himmels") und Essayist ("Der heilige Eros") von Rang*.
Gilles de Rais sei nicht nur "der grausamste und verbrecherischste" er sei auch im 15. Jahrhundert "unter allen Männern der künstlerischste und erlesenste" gewesen, so belehrte einst Huysmans. Doch Bataille, zeitlebens ein Erforscher mystisch verklärter Abseitigkeiten, lehrt anders. Für ihn war der Jahrhundert-Unhold Gilles nichts als "ein brutaler, skrupelloser Feudalherr" und .Schwachkopf" dazu, unbesonnen, gefühllos, blutrünstig und feige, getrieben vom "krankhaften Ungestüm des Lasters".
Bataille über den von katholischem Weihrauch und Höllendünsten umnebelten "tragischen Heiden" und "kindlichen Faust" Gilles de Rais: "Dieses Kind verfügte über ein Vermögen, das nahezu unerschöpflich schien, und über eine fast absolute Macht" -- zu einer Zeit, als die Mächtigen, laut Huysmans, allesamt "fürchterliche Menschenfresser waren".
Mit 25 wurde Gilles, 1404 als einer der reichsten Erben Frankreichs in der Festung Champtocé an der Loire geboren, neben der Heiligen Johanna als Sieger über die Engländer gefeiert und zum Marschall von Frankreich ernannt.
Er führte ein protzig-ausschweifendes Leben. Auf seinen Reisen begleiteten ihn 200 Reiter, Pagen, Kanoniker, Trompeter, Hexenmeister, Alchimisten, Illummisten und ein Chor von Sängerknaben; sogar eine Orgel wurde mitgeschleppt. Er ließ Mysterienspiele von großem Pomp inszenieren und verpraßte beispielsweise während eines einjährigen Aufenthalts in Orléans an die 100 000 Goldtaler.
Um dieser wahnwitzigen Prunk- und Prahlsucht nachgeben zu können, verschleuderte der " Fassadenmarschall" (Bataille) bedenkenlos seine Besitztümer -- schließlich war der gute Christ Gilles, der Kirchengesänge "bis zum Wahnsinn liebte", fest überzeugt, daß der Teufel ihm zu Hilfe eilen und daß aus den Alchimistenöfen, in denen es auf seinen Burgen unablässig brodelte, doch noch neues Gold kommen würde.
Im verängstigten Volk brodelten währenddessen die Gerüchte von den Greueln des Fronherrn Gilles. "Sobald
* Georges Bataille: "Gilles de Reis". Merlin Verlag, Hamburg; 384 Seiten; 22 Mark.
er aufhörte, Krieg zu führen, begannen seine Verbrechen", so erläuterte Bataille, und Huysmans sinnierte, der Umgang mit Jeanne d"Arc habe ihn "zu seinen Schandtaten entscheidend bestimmt": "Es ist ja vom übersteigerten Mystizismus bis zum verzweifelten Satanismus auch nur ein Schritt."
Der Volksglaube hat den historischen Gilles de Rais später mit der gruseligen Märchengestalt des Ritters Blaubart identifiziert, der seine sieben Ehefrauen aufknüpfte. Aber der Päderast Gilles -- der seine Frau Catherine samt Tochter aus seiner Nähe verbannt hatte -- suchte ganz andere Räusche.
Den mittelalterlichen Gerichtsakten zufolge hat "besagter Sire" Kinder und Jugendliche zwischen sieben und 20 Jahren, vornehmlich Knaben, geraubt und rauben lassen, geschändet und schänden lassen, getötet und töten lassen -- "nicht nur zehn, auch nicht zwanzig, aber dreißig, vierzig, fünfzig, sechzig, hundert" zweihundert und mehr, so daß man die Zahl nicht klären kann".
Seine Opfer, Schüler und Bauernkinder, verschwanden auf den Märkten und Straßen, aus den Häusern, beim Viehhüten und Betteln; ihre Eltern schwiegen aus Furcht vor den Schikanen ihrer Herren. Für den Sade-Vorläufer Gilles war, so Bataille, "die Menschheit nur ein Rohstoff chaotischer Wollust".
Gilles -- offenbar metzelte er niemals allein -- und seine Kumpane, vom Wein berauscht, würgten und erhängten, sie schnitten Kinderkehlen durch, hackten Glieder ab, schnitten Bäuche auf und ergötzten sich am Anblick der inneren Organe. Nach der Orgie, wenn Gilles seinen Rausch ausschlief, reinigten die Diener das Zimmer vom Blut, die Leichen wurden im Kamin verbrannt oder in Latrinen versenkt.
Wenn dieser Oger "geschickter und zurückhaltender gewesen wäre", meint sein Biograph Bataille, "hätten seine Verbrechen keine sonderliche Entrüstung hervorgerufen". Aber Gilles, von Reue gepeinigt und enttäuscht von der Alchimie, stürzte sich mit maßloser Dummheit in die Katastrophe: 1440 überfiel er mit 60 Bewaffneten das Schloß Saint-Etienne-de-Mermorte, drang in die Kapelle ein, nahm einen Geistlichen gefangen und verhöhnte so die Autorität der Kirche wie die des Herzogs der Bretagne. Das Ende war da.
Bataille: "Die absurde Geschichte hatte eine Justiz in Bewegung gesetzt, die sich wegen der kleinen Hungerleider, die ein so hoher Herr ermordete, nicht sonderlich erregt hätte."
Noch im selben Jahr wurde dem "Ketzer", "Sodomisten", "Würger" und "Hexenmeister" in Nantes der Prozeß gemacht. Als Gutes de Rais zum Galgen ging, begleitete, wie er es sich gewünscht hatte, "eine ungeheure betende und singende Menschenmenge den Elenden, der die Verachtung des gemeinen Volkes, das ihm nun folgte und für ihn zu Gott flehte, bis zum Äußersten getrieben hatte" (Bataille). Sein Leichnam wurde in der Kirche des Karmeliterklosters von Nantes beigesetzt.
Die Biographen des säkularen Ungeheuers, hatte Huysmans geschrieben, "fallen von einem Staunen ins andere vor diesem geistigen Hexenspuk". "Nichts", so staunte auch Bataille, "erklärt die schließliche Sympathie der Menge für ihn."
Aber eine Erklärung hat Bataille immerhin: "Was uns an der Persönlichkeit des Gilles de Rais interessiert, ist ... unsere eigene Bindung an das Monströse, das dem Menschen wie ein Alp von früher Kindheit an innewohnt."

DER SPIEGEL 13/1968
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