25.03.1968

FORSCHUNG / LOGOTHERAPIEWillen zum Sinn

Drei Wiener zogen aus, die unter seelischen Komplexen leidenden Amerikaner zu heilen: Sigmund Freud (1856 bis 1939) riet ihnen zu Befreiung durch Lust, Alfred Adler (1870 bis 1937) zur Macht der Anpassung, und Viktor Frankl, 63, Universitätsprofessor und Vorstand der Neurologischen Abteilung an der Wiener Poliklinik, verordnete ihnen die Suche nach Sinn.
An 99 US-Hochschulen hielt der Wiener Psychiater in den letzten Jahren Vorträge. Er war Gastprofessor in Harvard und Dallas. Er produzierte fünf Lehrfilme und drei Langspielplatten, und seine Therapie ist in amerikanischen Gefängnissen Bestandteil des Rehabilitierungsprogramms.
Seine 16 Bücher -- in zwölf Sprachen einschließlich des Chinesischen übersetzt -- haben in Amerika eine Auflage von weit über einer halben Million Exemplaren erreicht.
Frankls Werk, "Der Mensch auf der Suche nach Sinn" -- US-Auflage: 508 000 Exemplare -, wurde von den amerikanischen Hochschulen viermal zum "Buch des Jahres" gewählt. Der Psychologie-Papst aus Harvard, Gordon Allport, der dem Buch ein Vorwort schrieb, nannte es eine "neue Brücke zwischen Amerika und Wien".
Der amerikanische Run auf seine Lehre ist, so der Professor selbst, "keine Leistung, auf die ich mir was einbilde, sondern eher ein Symptom der Massenneurose von heute. Der Mensch ist auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens".
Während Freuds Psychoanalyse um das Lustprinzip und Adlers Individualpsychologie um das Streben nach Macht zentriert war, rückt Frankls "Logotherapie" -- in Fachkreisen "dritte Wiener Schule" genannt -- den heute frustrierten "Willen zum Sinn" in den Mittelpunkt. Laut Frankl ist das Freudsche Zeitalter der sexuellen Frustration vorbei: "Heute sind wir existentiell frustriert."
Frankl: "Im Gegensatz zum Tier sagen dem Mensch keine Triebe, was er tun muß. Im Gegensatz zu früher sagen ihm heute auch keine Traditionen mehr, was er tun soll. Und oft weiß er nicht mehr, was er eigentlich will!"
Die existentielle Frustration wirkt sich auch auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse aus. Entweder will der Mensch, so Frankl, "nur das, was die anderen tun: das ist dann der Konformismus der westlichen Welt; oder er tut nur das, was die anderen wollen, und das ist der Totalitarismus der östlichen Welt".
Den Grund für das "existentielle Vakuum" fand Frankl in der Langeweile, für die gerade eine Überflußgesellschaft wie die amerikanische besonders anfällig ist.
Tatsächlich scheint die von Frankl aufgespürte neue Neurose bei amerikanischen Studenten weit verbreitet, und das" obwohl -- oder richtiger: gerade weil -- sie alles besitzen, "einschließlich Freuds Sex und Adlers Macht". Stichproben während seiner Vorlesungen ergaben, daß unter den US-Hörern 81 Prozent das Sinnlosigkeitsgefühl aus eigenem Erleben kannten. Unter den deutschsprachigen Hörern waren es dagegen nur 40 Prozent.
Wenngleich die Logotherapie dem menschlichen Leben keinen Sinn geben kann, so muß laut Frankl der Logotherapeut im Patienten den "Willen zum Sinn" wecken -- "daß das Leben einen Sinn, gleich unter welchen Bedingungen, hat".
Den therapeutischen "Beistand in der Sinnfindung" nennt Frankl "sokratische Dialoge". Die Funktion des Arztes ist dabei eine rein katalytische -- keine" die einen "Sinn" oktroyiert" aber Kräfte zur Sinnfindung mobilisiert. Offenbar finden einige Patienten schon durch diese Mobilisierung seelischer Kräfte eine Art Gesundung.
Als Beispiel führt Frankl den Brief eines in Vietnam kämpfenden Amerikaners an: "Ich habe in Ihrer Logotherapie keine Lösung für meine Probleme gefunden, aber Sie haben meine Selbstanalyse auf Touren gebracht."
Die Auffassung des Wieners" wonach Neurosen häufig Reflexe auf Langeweile oder auf ein Gefühl der Sinnlosigkeit sind, hat ihn auf die Idee einer besonderen psychotherapeutischen Technik gebracht, die er "paradoxe Intention" nennt.
Während die übliche Therapie den Patienten über die seelischen Ursachen seiner Krankheiten aufzuklären versucht (Psychoanalyse) und sich davon eine therapeutische Wirkung erhofft, legt Frankl Wert auf eine aktivere Auseinandersetzung des Patienten mit seiner Krankheit.
Besondere Erfolge hat Frankl besogenannten Phobien erzielt, also bei Stottern, Platzangst, Erröten und schweren Fällen von Schlafstörungen. Frankl: Der Patient muß sich vornehmen, "den Leuten etwas vorzustottern, auf der Straße zusammenzubrechen, zu erröten oder eine schlaflose Nacht zu verbringen".
Der Heilerfolg beruht dabei wohl auch darauf, daß der Patient -- zumindest zeitweilig -- in der Auseinandersetzung mit der Krankheit eine Art von "Lebenssinn" gewinnt.
Während der Professor an seiner Wiener Klinik ständig von amerikanischen Psychiater umlagert wird, welche die Logotherapie studieren wollen, ist man in Österreich an ihm nicht besonders interessiert.
So haben ihm die österreichischen Behörden das Ausbildungsrecht für angehende Fachärzte entzogen -- mit der Begründung, seine Abteilung verfüge nicht über die vorgeschriebenen 20 Betten.
Frankl trägt die Zurücksetzung mit Gleichmut. Der Professor, der mit Freud dasselbe Gymnasium besucht und mit ihm korrespondiert hat, teilt auch dessen Schicksal, im Ausland höher geschätzt zu werden als in heimischen Kollegenkreisen.
Unerwartetes Echo fand Frankls Logotherapie hingegen bei der katholischen Kirche, die Freud und Adler ablehnt. Erzbischof Franz Jachym aus Wien ist ein Anhänger des Professors und befürwortet dessen Seelentherapie. Dazu Frankl: "Ich habe den Theologen ein wenig das Rückgrat gestärkt, wann immer die Gefahr bestand, daß sie sich an jenem Zynismus, Liebe gleich Sex und der Mensch nichts als ein Computer oder ein Nackter Affe, infizieren."

DER SPIEGEL 13/1968
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