25.03.1968

VERLAGE / HARPPRECHT-RÜCKTRITTAnfangs schlicht

Keinesfalls werde er auf den Journalismus verzichten, so sprach zu Kollegen der Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehjournalist Klaus Harpprecht, als er Anfang 1966 die Geschäftsführung des 5. Fischer Verlags übernahm.
Letzte Woche verzichtete Harpprecht, 40 -- auf den (mit 10 000 Mark Monatsgehalt dotierten) S.-Fischer-Posten.
"Auf eigenen Wunsch", und "im Einvernehmen mit den Eigentümern", so gab das Frankfurter Verlagshaus am vergangenen Mittwoch bekannt, werde Harpprecht Ende dieses Jahres ausscheiden und sich künftig "auf seine publizistischen, literarischen und politischen Interessen konzentrieren".
Doch diese "offizielle Version", so kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) den Rücktritt, sei "wie so oft nur die halbe Wahrheit". Die andere Hälfte: "Harpprecht hat sich mit seiner vielseitigen Begabung zwischen privaten publizistischen Aufgaben und der für ihn ungewohnten verlegerischen Tätigkeit zerrieben."
Der Vielseitige, als politischer Feuilletonist begabt, hatte sich in der Tat viel zugetraut.
Klaus Christoph Harpprecht, Sohn eines evangelischen Geistlichen aus Stuttgart, Adenauer- wie Sieburg-Verehrer und Gerstenmaier-Protegé war früher für "Christ und Welt" und "Welt am Sonntag", "Welt" und "Weltwoche", "Zeit" und "Tat", "Deutsche Zeitung" und "Süddeutsche Zeitung", "Rias" und "Windrose", SFB und WDR und ZDF tätig gewesen. Seit 1967, weiterhin auch "Christ und Welt"-Mitarbeiter, hielt er drei Spitzenpositionen gleichzeitig besetzt: Harpprecht
> leitete mit dem Haus 5. Fischer einen der traditionsreichsten deutschen Literatur-Verlage;
> steuerte als Mitherausgeber die Zeitschrift "Der Monat", Berlin;
> führte die Interview-Reihe "Dialog" des Zweiten Deutschen Fernsehens. Besorgten Beobachtern dieser Rundum-Aktivität trat Harpprecht stark entgegen: "Doch, das ist zu schaffen." Daß es so nicht zu schaffen war, zeigte sich jedoch schon bald. Die "wechselvolle, aber im ganzen gesehen steile Karriere" (SZ) des Multi-Publizisten kam ins Schlingern.
Seine Fernseh-Interviews mit Prominenten hatten eine durchweg schlechte Presse. Schon nach dem ersten -- feinstilig geschwäbelten -"Dialog" mit dem Landsmann Kiesinger tadelte Walter Jens in der "Zeit" an Harpprecht "manche Devotion": "Kiesinger wurde in keiner Sekunde gefordert... Es wurde von Herzen gelächelt und so flach und gepflegt wie auf Sektreklamen orakelt".
Das galt auch für die meisten folgenden Interviews, und so kam es, daß die Fachkorrespondenz "Kirche und Fernsehen" bald das "kummervolle Siechtum einer großen Sendereihe" konstatieren mußte.
Harpprecht sah seinen Journalisten-Ruf bedroht. Vor seinem "Dialog" mit Axel Springer drückte ihn das Gefühl, nun einmal wirklich "harte Fragen" stellen zu müssen -- nachher meinte er froh, sie tatsächlich gestellt zu haben. Die "Funk-Korrespondenz" nach dem Springer-Gespräch: "Nehmt Herrn Harpprecht weg!"
Ebensowenig Fortüne hatte der übertourige Schwabe bei seinem Einstieg ins Verlagsgeschäft. Zwar hielt vor allem der tonangebende Fischer- und "Christ und Welt"-Teilhaber Georg von Holtzbrinck (SPIEGEL 12/1968) große Stücke auf Harpprecht; zwar sproß dem rötlichblonden Verleger-Neuling bald ein boheme-konformer Kräuselbart; zwar bekannte Harpprecht Kollegen: "Es ist gar nicht mal das Literarische, das mich an diesem Posten vor allem fasziniert, sondern das Geschäftliche, das Arbeiten mit Geld."
Aber weder das Literarische noch das Geschäftliche am immer härter und riskanter werdenden Verlagsgewerbe bekam er richtig in den Griff.
Auf der letzten Buchmesse lief das Wort um, Harpprecht leide an der "Manchester-Krankheit": Er hatte die deutschen Rechte an William Manchesters Buch "Der Tod des Präsidenten" für über 200 000 Mark gekauft -- das Buch war in Deutschland kein beträchtlicher Erfolg.
Die "Anti-Memoiren" von Andre Malraux erwarb Harpprecht für rund 300 000 Mark -- das Buch werde in Deutschland, so prophezeien Branchenkenner, diese Summe wohl niemals einbringen.
Andererseits gingen renommierte Autoren und erfolgversprechende Objekte dem Verlag unter Harpprecht verloren: Fischer-Autor William Styron wechselte just mit seinem Bestseller "Die Bekenntnisse des Nat Turner" (SPIEGEL 49/1967) zu Droemer über. Fischer-Autor Arthur Miller übertrug die Buchrechte an seinen Stücken dem Rowohlt Verlag.
Der neue Roman des Fischer-Autors John Updike, "Ehepaare", dem der Ruf vorauseilt, "eine Art "Peyton Place" geschrieben von Thomas Mann" zu sein, entging Harpprecht, obwohl sein Konkurrent Ledig-Rowohlt ihm eine Chance gab, das Buch und seinen Autor im Fischer-Netz zu halten. (Rowohlt erwarb die "Ehepaare" für 105 000 Mark.)
Die nachgelassene Autobiographie des Fischer-Klassikers Arthur Schnitzler ging dem Verlag verloren, nachdem Harpprecht die Verabredung zu einem Verhandlungsdiner mit dem Schnitzler-Sohn Heinrich versäumt hatte. Mit der Bitte um Entschuldigung schickte Harpprecht dem Versetzten eine Flasche Wein -- Heinrich Schnitzler schickte die Flasche zurück. Seines Vaters Autobiographie wird bei Molden erscheinen.
Auch Verleger-Kollegen berichten, daß Harpprecht nicht immer bei der Sache war -- etwa bei einer verbandsinternen Zusammenkunft: "Wenn es richtig fachlich wurde, ging er weg." Und die mehr als 100 Fischer-Angestellten sahen ihren Geschäftsführer nur zu sporadisch.
Harpprecht ist heute gleichwohl überzeugt, er habe "ein ungeheures Maß an Arbeit in den Verlag gesteckt, den ich nicht im besten Zustand vorgefunden hatte". Dennoch erkannte er schließlich -- wie auch die Verlagsinhaber erkannten -, daß er nicht länger Verlagsleiter und Voll-Publizist zur gleichen Zeit sein könne.
Verlagssenior Dr. Gottfried Bermann Fischer: "Wir hatten nicht erwartet, daß er innerlich so an diesen extroverten Dingen hängen würde."
Der Vertrag wurde in "fairster Weise" (Harpprecht) zum Jahresende 1968 gelöst. Harpprecht will künftig schreiben, TV-Dokumentationen erstellen und seine Bildschirm-Interviews fortsetzen.
Am selben Tag, da sein Fischer-Abgang publik wurde, durfte die Nation aber auch von einem neuen Harpprecht-Anfang erfahren: Per Telegramm an den Nürnberger Parteitag erklärte er seinen Eintritt, in die SPD.
Diese demonstrative Geste, sagt Klaus Harpprecht. der einst mit Franz-Josef Strauß gegen dessen "Verketzerung ohnegleichen" fühlte und sich als Mann der "heimatlosen Mitte" sah, sei eine spontane Reaktion auf den Krawall am Parteitagsbeginn.
Willy Brandt (Fischer-Autor 1968: "Friedenspolitik in Europa") telegraphierte zurück: "Ich. weiß, daß wir keinen bequemen, aber einen wertvollen Kampfgenossen gefunden haben."
Harpprecht zum SPIEGEL: "Ich bin bereit, anfangs auch schlichte Parteidienste zu leisten."

DER SPIEGEL 13/1968
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