25.03.1968

WETTER / STÜRMEAllerleirauh

Vier Tage vor Frühlingsbeginn duckte sich Deutschland unter Winterstürmen.
Anfang letzter Woche meldeten die Nordsee-Halligen "Land unter", raste eine Föhn-Front über München hinweg, konnten Hochsee-Schlepper das Küstenmotorschiff "M. Gerkens" nur mit Mühe vor dem Auflaufen an Dänemarks Küste bewahren.
Über verhagelte Autobahnen rutschten die Wagenkolonnen im Stadttempo. Ausflügler, schon auf Sommerreifen, blieben im Harz in Schneeverwehungen stecken. Böen schleuderten im Kreis Süderdithmarschen einen Mopedfahrer vor ein Auto und brachten ein Schlauchboot in der Schlei zum Kentern. Moped- und Bootsfahrer wurden getötet.
Der steife West in diesem Vorfrühling bestätigte von neuem eine Beobachtung der Meteorologen: Überdurchschnittlich häufig wird Mitteleuropa neuerdings von Stürmen verheert.
Dreimal seit Beginn letzten Jahres verzeichneten die Wetterwarten Orkane, zuletzt Mitte Januar (50 Tote in Europa). Solche Stürme mit mehr als 120 Stundenkilometer Geschwindigkeit, erläuterte jetzt der Meteorologe Hans Frank aus dem niedersächsischen Hooksiel in der Segler-Zeitschrift "Die Yacht", sollten "eigentlich nur alle zehn Jahre vorkommen
Tatsächlich hatte vordem etwa das Feuerschiff "Elbe 1" in der Helgoländer Bucht seit 1924 nur zweimal Windstärke zwölf -- Orkan -- registriert.
Die rauhen Luftströmungen veranlaßten auch den Hamburger Klimatologen Dr. Johann Richter vom Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes, nach einem Trend bei den soge-
* Durch den Orkan am 15. Januar dieses Jahres.
nannten Starkwinden (Stärke sechs und sieben) und Stürmen (acht und stärker) zu fahnden. Der Forscher analysierte sämtliche Wettermeldungen von "Elbe 1" aus 38 Jahren -- insgesamt 83 220 Windbeobachtungen.
Mittels Lochkarten und Computer wies Richter "eine beträchtliche Zunahme der Starkwind- und Sturmhäufigkeit" nach. So lag der Anteil der Messungen, bei denen Windstärken von sechs bis zwölf registriert wurden zwischen 1924 und 1961 bei durchschnittlich 13 Prozent; seither aber beträgt die Starkwind- und Sturmquote mehr als 22 Prozent. Eine Erklärung dafür haben die Meteorologen bisher nicht.
Überhaupt weht es mehr. Das Jahresmittel der Windgeschwindigkeit, so fand der Hamburger Wetterwissenschaftler, ist seit der Zeit vor 1950 um drei Stundenkilometer gestiegen.
Eine Ausnahme freilich kam bei der Auswertung der "Elbe 1 "-Aufzeichnungen zutage: Der nach seinem typischen Wetter übel beleumdete April ist durchweg ruhiger geworden; hingegen wehen die traditionell lauen Vorfrühlingslüfte nun rauher.
Dächer, Bäume und Baugerüste in Mitteleuropa sind offenbar auf die stärkere Bewegung in der Atmosphäre nicht eingerichtet. So mußten beispielsweise nach dem diesjährigen Januar-Sturm im Hamburger Stadtteil Hohenhorst einige Mietshaus-Dächer, die schlankweg davongeflogen waren, nicht nur erneuert, sondern zusätzlich fester verankert werden.
Versicherungsfirmen spüren den Luftzug schon bedrohlich in den Kassen. "Das Jahr 1967", bekundete letzte Woche der Verband der Sachversicherer in Köln, "nahm bei den Sturmschäden einen katastrophalen Verlauf."
Insgesamt mußten Westdeutschlands Versicherer allein für Sturmschäden im letzten Jahr mehr als 200 Millionen Mark ausschütten. Das aber bedeutete den Assekuranz-Rechnern schon Atemnot: Die Schadenssumme überstieg die Prämieneinnahmen um 30 bis 40 Prozent.

DER SPIEGEL 13/1968
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