01.04.1968

THEATER / BROOKKönig und Karate

Übermannshoch ragte ein vergoldeter Phallus in die Szene; schwarzgewandete Gestalten traten zum Veitstanz ins Glied; zum Geschmetter des Gassenhauers "Ausgerechnet Bananen" kam der König "Ödipus" auf die Bühne.
Der Auftritt des mythischen Griechenherrschers verlief schauriger als jemals zuvor: Im Londoner "National Theatre" verschärfte sich die Tragödie des verblendeten Thebaners, der seinen Vater liquidiert und seine Mutter Jokaste zur Gemahlin nimmt, zum krassen Horror-Spektakel.
So mußten die Theatergänger besehen, wie sich Ödipus sühnend die Augen aus dem Kopfe reißt; auch Jokastes Suizid -- sie pfählt sich mit einem goldenen Pflock durch den Schoß zu Tode -- wurde ihnen breit vorgespielt.
Mit diesem Gewalt-Akt adaptierte der "Ödipus"-Regisseur Peter Brook, 43, erstmals ein Stück der Antike für eine Bühnenform, die der französische Theatertheoretiker Antonin Artaud proklamiert hatte -- das "Theater der Grausamkeit".
Nach den Lehren des Franzosen hatte Brook, Englands eigenwilligster und politisch couragiertester Bühnen-Meister, früher bereits surreale, barbarische und ekstatische Effekte angewandt -- mit dem Ziel, "den Zuschauer aufzustören". Mit dem "Ödipus" ist Brook nun -- so der "Obser-
* Irene Worth und John Gielgud.
ver -- seinen engsten Zeitgenossen um Lichtjahre voraus".
Vor acht Jahren verstörte und aktivierte Brook das Publikum mit Shakespeare -- den "König Lear" brachte er als Zeitgenossen Samuel Becketts ("Endspiel") auf die Bühne. Peter Weissens "Marat/Sade" ließ er auf dem Theater und später auch im Film als präzises Orgien-Spiel erstehen -- mit geifernden, schielenden, sabbernden, lüsternen Blödmännern und Wahnweibern.
In dem Vietnam-Stück "US" schließlich, einer aggressiven Bühnencollage, schockte er mit sadistischen Verhör-Szenen und feurigen Beispielen: Er ließ brennende Schmetterlinge fliegen.
Als "sauer-ironische" Paraphrase auf das "ständig eskalierende Vietnam und die hilflosen Gesten der heutigen Herrscher" erkannte denn auch der "Daily Mail"-Kritiker die Brooksche "Ödipus"-Auslegung. Solchen Eindruck hätte Brook freilich nicht mit dem klassisch-kühlen "Ödipus" des Griechen Sophokles machen können.
Vielmehr förderte Brook einen "Ödipus" von "außerordentlicher Direktheit" ans Bühnenlicht: Sein Rollenbuch, das ihm vorkam wie ein "Dokument, das uns die Geschichte des Evangeliums aus erster Hand erzählt", bezog er aus dem alten Rom.
Den römischen "Ödipus" hatte der Philosoph und Satiriker Lucius Annaeus Seneca verfaßt, ein Zeitgenosse Jesu Christi. Der Römer, als Erzieher Neros in antiken Greueln bewandert, brachte den "Ödipus"-Komplex jedoch nicht bis zur Bühne. Vielmehr ließ er die wilden und blutrünstigen Dialoge vor seinen Landsleuten rezitieren, "während sie in den Bädern geknufft und massiert wurden" (Brook).
Den Briten wurde das Lese-Stück mit modischen Zusätzen vorgeführt. "Die Götter", dekretiert der Chor jetzt, "sind tot." Und: "Die Wahrheit ist unmenschlich."
Die neue Wahrheit, in zehn Proben-Wochen gefunden, verbreitete Brook in orgiastischen Ritualen: Aus einem goldenen Kubus traten die Solisten hervor, zerklüfteten mit Karate-Hieben die Luft und schlugen auf goldene Trommeln.
Den antiken Chor hatte Brook über Bühne und Zuschauerraum verteilt: An Säulen gebunden und während der ganzen Aufführung (100 Minuten) summend, seufzend, heulend, schnurrend, lachend und stöhnend, erregten 36 zum Kammer-Chor gedrillte Schauspieler einen "Hurrikan menschlicher Emotionen" ("Observer").
Auch mit der Enthüllung des goldenen Phallus -- Brook hatte sie dem widerstrebenden Theaterchef Sir Laurence Olivier abgetrotzt -- befolgte der Regisseur eine Regel des "Theaters der Grausamkeit": Artaud hatte die "konkrete Erscheinung neuer überraschender Objekte" vorgeschrieben.
Das Standbild überraschte 24 Londoner Schülerinnen; vorzeitig verließen sie die Vorstellung.

DER SPIEGEL 14/1968
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