08.04.1968

DDR / WÄHRUNG

M heißt die jüngste sozialistische Errungenschaft. "M" gibt den DDR-Bürgern täglich Brot und alles, was sich für Geld kaufen läßt. "M" kräftigt sogar das Nationalgefühl.
Denn seit die DDR zu Jahresanfang das Signum ihrer Währung von "MDN" (Mark der Deutschen Notenbank) zu "M" (Mark der Deutschen Demokratischen Republik) verkürzte, kommt endlich -- wie DDR-Finanzminister Siegfried Böhm meint -- "klar zum Ausdruck", daß es sich "um die Währung unseres souveränen Arbeiter-und-Bauernstaates handelt".
Der Verzicht auf zwei Buchstaben im Geldnamen -- die Banknoten wurden nicht geändert -- verdeutlicht die Anerkennungs-Neurose der DDR, und er symbolisiert zugleich das Schicksal volkseigenen Kapitals. Binnen zweier Jahrzehnte wurde die deutsche Ost-Mark mehrmals umgetauft und umgemodelt, wandelten sich ständig Wert und Wechselkurs.
Vor zwanzig Jahren, vier Tage nach der westdeutschen Währungsreform, hatte die Sowjetische Militäradministration mit dem Befehl Nr. 111 ihrer Besatzungszone eine eigene Währung verordnet. Vier Tage lang klebten damals ostzonale Bankbeamte Wertmarken auf alte Banknoten, um die speckigen Reichsmarkscheine wenigstens notdürftig zu entnazifizieren.
Im Juli 1948 emittierte die gerade gegründete ostdeutsche Zentralbank die "Deutsche Mark der Deutschen Notenbank" (DM). Doch trotz der Namensgleichheit mit dem Mark-Zeichen westdeutscher Provenienz gerieten die roten Noten sogleich in Rückstand: Ostdeutschlands Konsumbürger trugen ihre Mark über die offene Grenze in die Wohlstandsläden des Westens, tauschten Sozialismus gegen Sanella.
Der Westdrall der Landeswährung stellte die DDR-Ökonomen vor immer neue Planungsrätsel. Und um Klarheit über den Geldumlauf im Lande zu gewinnen, holte die SED 1957 zum "Schlag gegen die Währungsspekulanten" und "das gewerbsmäßige Schiebergesindel" ("Neues Deutschland") aus.
Der Ministerrat verfügte den Umtausch der Banknoten und ließ Polizei wie Volksarmee die Staatsgrenzen sperren. Heimische Ostmarkbesitzer durften zunächst 300 Mark in neue Scheine mit der alten DM-Bezeichnung wechseln, westliche Ostmark-Besitzer hingegen besaßen am Tage nach der Nacht-und-Nebel-Aktion statt DDR-Millionen nur noch Muster ohne Wert.
Doch erst 1961, nach dem Mauerbau, versiegte der Westfluß des Ost-Geldes. 1964 dokumentierte die Staatsbank die seitdem gewonnene Stabilität der DDR und ihrer Währung mit frischen Banknoten und einer frischen Bezeichnung: der "Mark der Deutschen Notenbank" (MDN).
Das neue Papiergeld hob sich nun nicht nur durch seinen Namen von der Westmark ab, auch sein Äußeres pointierte die Eigenständigkeit der DDR: Nur auf den kleinen Werten wird des gesamtdeutschen Erbes gedacht; Goethe, Schiller und Alexander von Humboldt liehen den Zwanzig-, Zehn- und Fünfmarkscheinen ihre Porträts. Von den blauen und dunkelgrünen Hundert- und Funfzigmarknoten aber blicken Marx und Engeis starr auf die Folgen ihrer roten Theorie.
Anlaß zu gesamtdeutschen Verwechslungen freilich boten die beiden deutschen Währungen zu keiner Zeit. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hielten am Potsdamer Platz zu Berlin fixe Schwarzmarkt-Jobber eine Westmark für 30 Kuponmark feil. Auch in ruhigeren Zeiten tauschten östliche West-Wechsler ihr Geld selten günstiger als 5:1. Denn 18 Millionen potentiellen Westmark-Interessenten aus der DDR standen in West-Berlin kaum mehr als zwei Millionen mögliche Ostmark-Käufer gegenüber. Das östliche Überangebot machte das sozialistische Geld billig. 54 konzessionierte Händler und ungezählte illegale Taschenwechsler verdienten an der Dauer-Baisse.
Zwar wurde nach der Mauer das Ostmark-Angebot knapp, doch die DDR-Währung blieb unbeliebt. Der Kurs stieg vorübergehend auf fast 2:1, aber heute kostet eine Ostmark am Bahnhof Zoo wieder nur 30 Westpfennige. Und nur am Bahnhof Friedrichstraße diktiert die SED den Preis.
Sie setzte den Ostmark-Westmark-Kurs auf 1:1 fest und verkauft mithin ihr Staatsbank-Geld um fast 50 Prozent unter seinem angeblichen Geldwert -- denn seit 1953 behauptet das Ost-Berliner Finanzministerium, seine Aluminiummark entspreche 0,399902 Gramm Gold und sei daher fast doppelt so kostbar wie die vernickelte Bundesmark.
Was aber die DDR-Mark wirklich wert ist, läßt sich weder mit der Goldwaage noch mit politischen Kursen bestimmen. Wie alle Binnenwährungen wird auch das Ostgeld allein durch die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und das im Staate erwirtschaftete Vermögen gedeckt.
Im Auslandsgeschäft muß sich die DDR deshalb anderer als ihrer eigenen Geldwert-Maßstäbe bedienen. So fungiert im innerdeutschen Handel die westliche DM, "Verrechnungseinheit" genannt, als Leitwährung, und die Außenhandelsumsätze werden in "Valuta-Mark" berechnet. Auch hinter dieser Rechengröße steht die Westmark: Eine Valuta-Mark entspricht 95 Westpfennigen. Die 5-Pfennig-Differenz datiert aus dem Jahre 1961, als die Bundesrepublik ihre Mark aufwertete und den Dollarpreis von 4,20 auf vier DM senkte; die souveräne DDR aber blieb damals beim alten Kurs.
Für die DDR-Bürger jedoch ist der Außenwert ihrer Währung kaum von Belang. Die Devisengesetze untersagen die Ausfuhr des heimischen Geldes, und für einen Aufenthalt in der CSSR -- gleich welcher Dauer -- bewilligen die Banken gegen Zahlung von zwölf Mark nur ein kümmerliches 36-Kronen-Taschengeld.
Im Alltag von Karl-Marx- und Eisenhüttenstadt gilt nur die Kaufkraft der Mark, und die ist in den letzten Jahren ständig gewachsen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in West-Berlin hat in einem statistischen Vergleich für 1966 errechnet, daß die Lebenshaltungskosten von vierköpfigen ost- und westdeutschen Arbeitnehmerfamilien sich immer mehr angleichen: "Für den gleichen Verbrauch an Waren und Diensten" seien h n Bundesgebiet 740 Mark und in Mitteldeutschland 879 Mark erforderlich. Die Kaufkraft der Ostmark war mithin nur noch um 16 Prozent geringer als die der DM (1960: 22 Prozent).
Beim Vergleich der Lebenshaltungskosten von Rentnerehepaaren schnitt die DDR wegen des "relativ geringen Verbrauchsniveaus" der Alten noch besser ab. Die Differenz betrug nur noch drei Prozent zugunsten der Bundesrepublik.
Zwar ist das billigste DDR-Auto, der strapaziöse "Trabant", noch immer erst nach bestenfalls zweijähriger Wartezeit und nicht unter 7800 M zu haben, aber die DDR-Konsumenten können mit konstanten Lebensmittelpreisen rechnen zehn Pfund Kartoffeln kosten seit Jahren 85 Pfennig -- und beziehen öffentliche Dienstleistungen zu subventionierten Spottpreisen: Eine Fahrt mit der Straßenbahn ist 20 Pfennig und eine Kilowattstunde Strom acht Pfennig billig.
Doch exklusiven Konsum erlaubt auch die dritte Wiedertaufe der Ostmark Arbeitern und Angestellten (Durchschnittseinkommen: etwa 650 Mark) nicht: Wer am 2. Januar dieses Jahres im exquisiten Linden-Shop "Havanna" eine Flasche "Johnnie Walker" erstand, hatte nichts gewonnen als ein neues Währungsgefühl. Die Verkäuferin verlangte statt 80 MDN nun 80 M.

DER SPIEGEL 15/1968
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