08.04.1968

„IHR KÖNNTET UNS LIEBE ERLAUBEN“

Salem, die Schloßschule, erzieht bekanntlich fürs Leben. Mannbare Zöglinge Salems schränken freilich mit Bedauern ein: Für das Leben zu zweit erziehe man sie nicht.
Des Schülers Libido wird abgeblendet. Zwar erteilen Lehrer und Lehrfilme immerhin Auskunft über das in deutschen Elternhäusern häufig totgeschwiegene Schema menschlicher Fortpflanzung: Genitalien im Schnitt, Entwicklung des Eles nach Befruchtung, die brutalen Einzelheiten einer Geburt -- die Abiturienten aus Salem brauchen das nicht von Oswalt Kolle oder seinen Lesern zu erfahren. Doch hinsichtlich der Reflexe und Realitäten des menschlichen Geschlechtstriebes sind sie überwiegend auf Mutmaßungen angewiesen.
Der nahezu unausweichlichen Vereinigung mit dem anderen Geschlecht sehen sie beklommen und bar aller erzieherischen Hinweise entgegen. über Onanie, Orgasmus, Empfängnisverhütung, Impotenz, Geschlechtskrankheiten, das Kaleidoskop sexueller Normen und Anomalien haben sie in ihrer Elite-Schule nichts vernommen. "Der Schüler", klagt mir ein Schüler, "wird behandelt, als könnte er nicht in die Verlegenheit kommen, selbst einmal das Bedürfnis nach Beischlaf zu empfinden."
Abends im Internat öffnen sich andere Quellen der Information. Pin-ups, Protzerei und Pornographie kursieren in den Schlafzimmern derart, daß ein angeödeter Mitschüler behauptet: "Ich wüßte keinen Abend, an dem nicht sexuelle Themen zur Sprache gekommen sind ... Es ist zweifellos Thema eins ... Das Bedürfnis, die Unsicherheit loszuwerden, ist groß."
In dem traditionsgemäß vertraulichen Dialog mit ihren "Mentoren" bewahren die Schüler über ihr bei weitem vitalstes Problem das Schweigen. Salem sine sexu.
Dabei bietet die ruhmreiche Internatsschule Besseres als der gute Durchschnitt der einfachen und höheren Schulen zwischen Flensburg und Reichenhall, deren Menschenbild sich auch inmitten einer von Sexualreizen überfluteten Konsumgesellschaft die verblüffenden Züge geschlechtlicher Neutralität bewahrt. Was man bei "Speculum", der amtlich gerühmten Schülerzeitung für die Große Schule von Wolfenbüttel, über den entsprechenden Lehrstoff denkt, ist typisch für mehr als die Hälfte der deutschen Lehranstalten: "Die Aufklärung endet mit der Bestäubung der Pflanzen." Und man kann schon von Fortschritt reden, wenn es soweit wie am evangelischen Mädchengymnasium in Lippstadt geht, dessen Schüler-Mitverwaltung mir resigniert berichtet: "Beginn beim befruchteten Ei."
Ein Pubertant der Berliner Ernst-Abbe-Schule weist mich darauf hin, daß die Stofflücken sich nicht etwa durch Selbststudium In den Schulbüchern überbrücken lassen: "Da wir den 'Schmeil' besitzen, der einen völlig neuen Menschentyp geschaffen hat, den 'Homo Schmeilanus', den einzigen geschlechtslosen Menschen der Welt."
Ein Gymnasiast aus Gummersbach seufzt nach einem Blick in die lustlose "Biologie des Menschen" aus der Meizlerschen Verlagsbuchhandlung, Stuttgart: "Hoffentlich wird der Biologie-Lehrer mit uns Mitleid haben."
Doch die meisten Lehrer unterdrücken solches Mitleid im Amt. Sie selber haben Hemmungen, aber sie berufen sich in den meisten Bundesländern zu Recht auch darauf, daß bornierte Eltern, pochend auf ihr erzieherisches Vorrecht, ihnen wegen jedes ungenierten Wortes Unannehmlichkeiten bereiten können. Sie wissen: Diese Jugend wird eher geschlechtsreif und durch ihre Umwelt intensiver animiert als alle Generationen zuvor. Sie wissen aber auch, daß ein Gehemmter über Sexualität effektvoller schweigt als spricht.
"Die meisten Eltern und Lehrer", wie die Berliner Lehrer-Zeitung meinte, "spüren in sich die wahrscheinlich jahrhundertealte Fehlhaltung der Menschen." Es gibt da "falsche, bedauernswerte, sie belastende Reflexe" (Lehrer-Zeitung). Und so mancher billigt bis auf weiteres dem fragenden Schüler etwa soviel Geschlechtlichkeit zu wie einem Mainzelmännchen.
Ein Oberprimaner des Bremer Alten Gymnasiums blickt deshalb zurück im Zorn: "In der 8. Klasse wurde in Biologie lediglich die Fortpflanzung der Bienen, Blumen und Frösche durchgenommen. Alle Fragen nach der menschlichen Verhaltensweise wurden mit dem Hinweis beantwortet, der Mensch käme erst in Klasse 11 an die Reihe. In Klasse 11 gab es aber keinen Biologie-Unterricht ... Im Biologie-Unterricht meiner Klasse (13.) errötet der Lehrer bei einer gelegentlichen Streifung dieses Themas; er ist 40 Jahre alt."
Primanerinnen eines Braunschweiger Mädchen-Gymnasiums gedachten schließlich ihren Wissensdurst in einer von ihnen selbst arrangierten offenen Aussprache mit Fachlehrern zu stillen. Doch die Lehrer gingen nicht mit. Eine Primanerin weist mich auf Umstände hin, die sie auch für ein Resultat solcher Erziehungsverweigerung hält: "Zwei Mütter allein dieses Jahr in der 13. Klasse." Im ganzen Bundesgebiet sehen derzeit mehr als 10 000 Schülerinnen Mutterfreuden entgegen.
Redakteure von 115 deutschen Schülerzeitungen haben mir nach mitunter bewegten internen Aussprachen anvertraut, wieweit sich die sexuelle Aufklärung an ihren höheren Schulen bis zum Jahr 1968 entwickelt hat: 27 sind der Ansicht, ihnen sei nicht einmal minimale Aufklärung zuteil geworden. 56 beanstanden die Bemühungen der Schule als mangelhaft, verspätet oder zu abstrakt. 31 (27 Prozent) erklären sich mit dem Gebotenen einigermaßen zufrieden; gemessen an den tatsächlichen Erfordernissen der Sexual-Psychologie, wie sie jetzt auch schon von Erziehungs-Theoretikern der Kirchen gesehen werden, hätten höchstens zehn dazu Grund.
Diese Schüler, die sich nach der Fehleinschätzung alter Studienprofessoren aus Illustrierten und erotischen Nachschlagewerken längst selber bis zum Überdruß aufgeklärt haben müßten, vermerken es schon dankbar, wenn ihre Biologie- und Religions-Lehrer, wie am Rittersberg-Gymnasium von Kaiserslautern, gelegentlich anderen Stoff einschränken, um ausführlicher von der menschlichen Fortpflanzung zu sprechen. Die Biologie-Lehrer vom "Rittersberg" haben, das imponiert den Maturanden, selbst eine Kollektion einschlägiger Diapositive angelegt. Sie sehen und besprechen mit den Oberklassen den Aufklärungsfilm "Helga", und die Schüler loben das, obwohl die Offenheit dieses Werkes erst jenseits der Empfängnis beginnt.
Mit der sexuellen Erziehung geht es der deutschen Schule ähnlich wie mit der politischen: Sie humpelt zirka zwei Jahrzehnte hinter der gesellschaftlichen Wirklichkeit drein. Das gilt sogar für viele Schulen von Berlin, dessen Volksbildungssenator vor sechs Jahren die Sexual-Erziehung erstmalig offiziell als "Recht und Aufgabe" der Lehrer aller Schul-Kategorien deklarierte und den Bildungspolitikern aller Bundesländer mit solchen Richtlinien weit vorauseilte. Es gilt auch für Hamburg oder Frankfurt, wo theoretisch ebenfalls bei abgeschlossener Volks- oder Oberschulbildung eine sexuelle Tour d"horizon absolviert sein sollte.
Ein Unterricht, der sich noch immer den sexuellen und staatsbürgerlichen Tabus der Jahrhundertwende verpflichtet zeigt, gegen alle biologischen und gesellschaftlichen Erfordernisse noch immer auf Keuschheit und Unterordnung hinauswill, treibt jetzt die politisch Unruhigen unter den Schülern zu Protest und Provokation.
Die Verachtung für ein altbackenes Erziehungssystem, das über Liebe und Demokratie nicht aufrichtig und ohne Verklemmung reden kann, entzündet revolutionäre Impulse. Das von Frankfurt ausstrahlende "Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler" (AUSS) und die ihm angeschlossene "Unabhängige Schülergemeinschaft" Berlins (USG), in der Peter Brandt, ein Sohn des Außenministers, mitspricht, bringen mit dem Ruf nach Antibaby-Pillen und Liebeszimmern für Oberschüler politische Spannung in die Biologie-Stunde.
Der Gedanke, daß die Schüler auch zur Selbsthilfe schreiten könnten, wo die Schule die Antwort verweigert, gedeiht besonders kräftig im konservativen Humus deutscher Kleinstädte. Von jenem "Homberger Schulecho" her, dem es vor Jahresfrist gelang, im gleichnamigen NPD-Kürort Nordhessens mit ein paar unverschämten Wahrheiten über den Biologie-Unter-
* Aus Linder/HÜbler: "Biologie des Menschen". Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart; 1965.
richt ein autoritäres Gewitter zu entladen, rührt die Idee zur Gründung einer deutschen Gegenschule, verwirklicht im unruhigen Frühling 1968.
"Meinst Du", hatte der Primaner Hanspeter Bernhardt im "Schulecho" gehöhnt, "ein Biologie-Lehrer hätte einen Penis an die Tafel gemalt und dran geschrieben, wie die Einzelheiten bezeichnet werden, welche Funktionen ihnen zukommen? Da lernt man stumpfsinnig, wie die Einzeller alle beißen und weiß noch nicht einmal, wie ein weibliches Geschlechtsteil aussieht, bevor man nicht selber nachgesehen hat."
Diese Tonart hatten Hombergs Geschäftsmänner mit einem Anzeigen-Boykott beantwortet. Vom Direktor des betroffenen Theodor-Heuss-Gymnasiums, einem Befürworter der gütig begrenzten Aufklärung in der Schule, war das Echo für die Unter- und Mittelstufe verboten, vom Verein der Ehemaligen Homberger Gymnasiasten die übliche Abnahme von 400 Exemplaren aufgekündigt und· das freche Blatt damit über die Grenzen der Pressefreiheit belehrt worden.
Folge: Der Knabe Bernhardt und sein SDS-Freund Dieter Bott, nun Studenten des Frankfurter Links-Soziologen Theodor Adorno, versammeln wöchentlich zweimal in einem Gasthof der Heimat 30 mangelhaft aufgeklärte Homberger Pennäler zur Nachhilfe in sexueller Emanzipation.
Mit einem Penis an der Tafel ist es nun nicht mehr getan: Der Lehrstoff wird tiefer geschürft, aus der Trieb- und Gesellschaftslehre von Freud, Marx, Adorno und Wilhelm Reich. Die Homberger Unterdrückten erstreben die sexuelle Utopie des AUSS: Sie wünschen Antibaby-Pillen für reifgewordene Schülerinnen, Liebesherbergen für Jugendliche, und darüber hinaus projektieren sie die generelle Demokratisierung des autoritären deutschen Schulsystems.
Die Homberger Tonart versetzte auch im nahen Eschwege Bürger in Rage. Dort kam Studiosus Bott in der Schülerzeitung "Laterne" mit einem Artikel zu Wort, in dem unter anderem das empörende Wort "Scheißeltern" fiel. Der Regierungspräsident und schließlich sogar der Staatsanwalt wurden aufgeboten; der aber stellte die Ermittlungen bald wieder ein -- wegen Geringfügigkeit.
Wie in Hessen, so in Schwaben: In der unbeweglichen Luft von Neckarsulm, der zwar das unermüdliche Sexprickeln aus Inseraten, Illustrierten und Filmen nichts anhaben kann, verursacht das unbedachte Wort einer Minderjährigen in der Schülerzeitung "Der Auspuff" bedrohliche Fehlzündungen. Aufgebrachte Honoratioren erheben sich Ende 1967 wider die "Auspuff"-Redakteurin Jutta Fritton.
Sie hatte sich vom revolutionären Verlangen nach oraler Antikonzeption in ihrem 40-Pfennig-Blatt distanziert, dabei aber Worte wie Antibaby-Pille und Sex-Raum nicht vermieden, ja sogar selbst beklagt, man könne in Biologie zu dem Schluß kommen, "Geschlechtsverkehr ist ein notwendiges Übel um der Fortpflanzung willen".
Väter von zehnjährigen Mitschülerinnen des Neckarsulmer Albert-Schweitzer-Gymnasiums, die den "Auspuff" für ihr Taschengeld ebenfalls erstehen, rückten mit dem Strafgesetzbuch nun heran. Denn sie fürchten erheblichen seelischen Schaden für ihre Kinder, die solche Worte noch nicht lesen, nach den Erkenntnissen der Sexual-Pädagogie allerdings schon über das Mysterium der Vaterschaft aufgeklärt werden sollten.
Von einer Pfarrersfrau, einer nur von 200 Empörten, die sich telephonisch über den "Auspuff" hermachten, bekam die minderjährige Gesellschaftskritikerin Jutta zu hören, daß sie "scheißig, kommunistisch und pervers" sei. Pfui-Rufe erhoben sich unter den Eltern, als die Sünderin bei einer offenen Aussprache erneut Worte wie "sexuelle Lust" und "Geschlechtsverkehr" gebrauchte.
Auch in Neckarsulm regt sich eine sozialistische Schülergemeinschaft, die außerhalb der Schule sexuelle Entwicklungshilfe und die Pille unter den Schülern verbreitet. In Ahlen am Ufer der Werse drohten Eltern notfalls mit Gewalt gegen eine geplante Selbsthilfe von Gymnasiasten der Oberstufe vorzugehen; Aufklärung unterblieb auch weiterhin generell. In Bremen verhörte die Kriminalpolizei Pennäler, weil sie Fragebogen zur Erforschung der Sexualität an ihre Mitschüler verteilten.
In Berlin unterbreitete Oberstudiendirektor Müller von der Lessing-Oberschule den Redakteuren der Schülerzeitung, die sich im selben Heft mit dem Liebesleben einer Krankenschwester befaßte und Unterschriften für eine Vietnam-Debatte sammelte, Richtlinien des Senats, wonach dergleichen nicht zu ihren Pressefreiheiten gehöre. Doch die Richtlinien waren offenbar Müllers eigene Eingebung. Der Senator kannte und billigte sie nicht.
Das hessische Kultusministerium wiederum sah sich genötigt, in einem vorsichtshalber nicht im Amtsblatt wiedergegebenen Erlaß jede Art von Sexual-Forschung innerhalb der Schulen strikt zu untersagen. Dies war offenbar mit ein Reflex auf die Umfrage des Frankfurter Schüler-Blattes "Bienenkorb-Gazette"" bei der auch 13jährige -- also bereits menstruierende Mädchen -- diskret über sexuelle Erfahrungen Angaben machen konnten. Die Schulleitung hatte das genehmigt, aber eine Woge pathetischer Entrüstung war aus den Spalten von "FAZ" und "Bild" über sie und die Gazette hinweggeschwappt.
Manche Rektoren, vor allem südlich des Mains" sorgen durch erhöhten Druck für Ruhe. Sie machen von ihren diktatorischen Möglichkeiten Gebrauch, Zensur von Schülerzeitungen zu üben oder anzudrohen, deren Inhalt mitzubestimmen, als guter Onkel Redaktionspost zu öffnen, ex cathedra zu beantworten oder zurückzuhalten. "Die Aufklärung geschieht ... in einer vollkommen natürlichen Weise", erledigt Oberstudiendirektorin Philumene Lehner vom Karl-Theodor-von-Dalberg-Gymnasium unter der Auslauf-Nr. 2186 eine diesbezügliche Anfrage an die Schülerzeitung. Die Zeitung muckste sich nicht.
Das Schülerblatt "Tintenklecks" in Riedlingen konnte es vor einiger Zeit nicht einmal wagen, den Bericht über die Geburt eines Kalbes zu drucken, den ein Sextaner verfaßt hatte.
Im "Tintenklex", Bad Gandersheim, erhebt sich der ergreifende Hilferuf eines Jünglings, der es noch gut mit Vater und Mutter meint: "Liebe Eltern, gebt Euch endlich einen Ruck!" Man möge ihnen doch durch einen Psychologen nahelegen lassen, wie sie von ihrem geheiligten, wenig genutzten Elternrecht Gebrauch machen, ihren Kindern die Wahrheit über deren unaufhaltsame Entwicklung doch noch selber offerieren könnten.
Die stärkeren Bedürfnisse der Oberstufe reimt ein gereifter Schüler der Neckarstadt Mosbach in der Schüler-Zeitung des Nicolaus-Kistner-Gymnasiums, die wiederum "Tintenklecks" heißt:
ihr könntet uns Liebe erlauben aus Dankbarkeit für unseren Schweiß statt uns Jedes Fühlen zu rauben: Die Liebe verdirbt nicht den Fleiß.
Solchen Tendenzen gegenüber zeigt der deutsche Briefkasten-Großonkel Walther von Hollander eine erhabene Konzilianz. "Entweder besorge ich die Antibaby-Pille und sage: So ist das, mein Kind", sprach der alte Seelendoktor zu seinen Interviewern von der "Diagonale" des Gymnasiums Elmsbüttel, "oder ich sage: Wir lassen das! Es gibt auch andere Möglichkeiten des Zusammenseins ...
Eine souveräne Art, zu entscheiden. Nur ist sie für die absolute Mehrheit der deutschen Maturanden nicht einschlägig. "Was passiert, weiß jeder Sextaner"" befürchtet die Kaiserslauterer Gymnasiasten-Zeitung "Die Waage", "aber wie es passiert, das wissen nicht einmal die Primaner." Woher auch? Von 200 Schülerinnen und Schülern unterschiedlichen Alters sagten In Itzehoe 90 der Pennäler-Gazette "ZeZe" zwar, daß man sie rechtzeitig, 180 aber, daß man sie ungenügend eingeweiht habe. Nur zwei von 200 hatten von den Eltern etwas über Verhütungsmittel erfahren. Aber 150 waren überzeugt, sie hätten darüber etwas hören müssen. Bei den meisten der Schüler gilt das Thema Sexualität zu Hause als Tabu.
Als dieselbe Schülerzeitung sich mit respektvollen Empfehlungen für die Sexual-Erziehung hervorwagte, schickte die Redaktion die Exemplare für die Jüngeren vorsichtshalber an die Eltern, mit der Bitte, sie an Töchter und Söhne weiterzureichen. Bei einem anschließenden Test stellte sich heraus, daß 103 von 288 Familien den Schülern ihre Zeitschrift vorenthalten hatten.
Die "Triangel", Blatt des Leibnitz-Gymnasiums in Gelsenkirchen-Buer, meldet nach Befragung von 200 Mitschülern: 108 habens von den Eltern erfahren, acht in der Schule, die anderen anderswo (und nur selten zuverlässig).
Im Gymnasium von Olpe erklären von 46 Zöglingen einer Oberklasse nur sieben die einschlägige Unterweisung für genügend, in Attendorn nennen 35 von 68 Oberstufen-Schülern die Erläuterungen ihrer Eltern ungenügend. 32 sagen, die Schule habe sie ungenügend, zu spät oder überhaupt nicht ins Bild gesetzt. Über eines sind sie sich einig: Mit ihren Vätern möchten sie nicht gerne über so etwas reden. Doch über einiges denken sie noch wie die Väter: 33 von 68 wünschen eine unberührte Frau zur Ehe.
Die Eltern, deren ungeliebtes Vorrecht es ist, den Kindern selber die Wahrheit als erste zu sagen, hüten dieselbe häufig wie ein peinliches Staatsgeheimnis. Häufig auch reagieren sie sogar reizbar, wenn die Schule sie, wie das jetzt mehr und mehr im ganzen Bundesgebiet zur Übung wird, mit guten Ratschlägen und Druck-" schriften in die gewünschte Richtung schieben möchte.
Dem katholischen Volksschulrektor Richard Härter, der mit Billigung des Bayerischen Kultusministeriums im Lande Hundhammers herumreist und die Eltern ermutigt, ihre Grundschulkinder möglichst früh, fromm und fröhlich über die "Liebe zwischen Vater und Mutter" aufzuklären, sagte zu Mühldorf am Inn ein ungnädiger Familienvorstand: "Mein Bub, wenn mich nach so was fragert, dann hauert ich ihn untern Tisch nei." Eine Untersuchung Im Landkreis Mühldorf erwies denn auch -- laut Härter -, daß 75 Prozent der Kinder von den Eltern fürs erste mit dem Gedanken an den Klapperstorch vertraut gemacht werden.
Nur in Bayern? Eine Gymnasiastin in einem Hamburger Vorort klagte öffentlich, Mutter habe ihr bei Eintritt der ersten Regel zum besseren Verständnis dieses Sachverhaltes lediglich gesagt: "Nun fängt die Schweinerei auch bei dir an." Und etliche biedere Schwaben hielten ihre reifenden Töchter fern, als die Rektorin des Stuttgarter Hölderlin-Gymnasiums einen Frauenarzt über das sprechen ließ, was man in deutschen Schulen und Elternhäusern gerne mit "diese Dinge" umschreibt.
Zwar werden heute keinem Lehrer ernsthaft Schwierigkeiten von seiten seiner Schulbehörde bereitet, wenn er in Biologie, Religion oder den anderen für das Thema Sexualität auch noch geeigneten Fächern (Deutsch, Erdkunde, Kunstgeschichte, Sprachen, Chemie) die alten Tabus vergißt. Die meisten, vor allem unter den Oberschullehrern, stellen sich trotzdem lieber taub, schreiten flugs Voran zu weniger vitalem Lehrstoff, suchen bizarre Auswege in Fauna und Flora. Es fehlt an Wortschatz wie an Gelassenheit -- nicht nur an Schaubildern und verbrieften Richtlinien der Obrigkeit.
Biologie- und Religions-Lehrer, die sich nicht vorwerfen lassen wollen, sie hätten gar nichts getan, aber doch fürchten, rot oder kritisiert zu werden, überlassen die salbungsvoll enthüllenden Worte gerne einer jener Schallplatten, wie sie der Christophorus- Verlag auf den Markt bringt ("... der Augenblick des Eins- und Ganzglücklichseins ..."). Manche verteilen Gedrucktes, in dem je nach Ursprung höchst unterschiedliche Auffassungen über Onanie, Petting, vorehelichen Verkehr und die heutigen Grenzen der Scham verbreitet werden.
Ein Biologie-Lehrer in Mettmann verteilte unter die wegen des delikaten Unterrichtsgegenstandes "Mensch" bereits getrennten Schülerinnen und Schüler des Konrad-Heresbach-Gymnasiums abgezählte Handzettel mit der Überschrift G. K., in denen vor jeglichem Geschlechtsverkehr dringend gewarnt wurde. Denn G. K. bedeutet: Geschlechtskrankheiten.
Nach einer Weile sammelte er sie wieder ein und erklärte die Aufklärung insgesamt für abgeschlossen. Ein alter Biologie-Lehrer in Gummersbach vertröstete seine fragenden Schüler auf ihren Instinkt, der jedes weitere Wort seinerseits überflüssig mache: "In den entscheidenden Stunden hat die Natur noch immer ihren Weg gefunden."
Der Rektor des Röntgen-Gymnasiums in Remscheid-Lennep, Vater von sechs Kindern, sammelt dagegen jährlich Geld bei ehemaligen Schülern, um Eltern, deren Kinder in Biologie bald zum Menschen vordringen, den Bestseller des Münchner Jugend-Psychologen Kurt Seelmann "Woher kommen die kleinen Buben und Mädchen?" (Auflage 394 000) an die Hand zu geben.
Dem Rektor des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums, den Bayerns Kultusministerium als einen in diesen Dingen besonders fortschrittlichen Mann empfiehlt -- obwohl in seiner Anstalt die Sexual-Erziehung sich ebenfalls erst im Embryonalstadium befindet -, schwebt vor, Seelmann selbst vor den Schülern sprechen zu lassen.
Als einer der wenigen Stegreifredner, die vor Deutschen aller Altersstufen behaglich über Lust und Liebe referieren können, hat Seelmann in weniger als fünf Jahren tausend Vorträge gehalten. Von der Humanistischen Union, die in München Jugendliche unter Ausschluß Erwachsener zum Preise von 4,50 Mark restlos aufklärt, wird dieser krampf lösende Senior ebenso um Mitwirkung gebeten wie von bayrischen Landfrauen, von denen er einen ganzen Bierkeller voll in die Geschlechtserziehung einführte.
Auf keinem anderen Sektor der Erziehung herrscht ein derartiges, unentwirrbares Durcheinander von Methoden und Maßstäben. So geraten katholische Schüler im Sindelfinger Gymnasium in Religion schon in der 3. Klasse an das Thema Geschlechtsleben, während der evangelische Religions-Lehrer daran kein Wort verschwendet.
Mancherorts erweisen sich katholische Priester und Nonnen als Kräfte einer freudgestimmten Aufklärung, mancherorts sind sie wahre Bastionen der Prüderie. Ein Religions-Lehrer in Olpe diktiert seinen Schäflein ins Heft: "Daß man sein will wie Mann und Frau, ist schwere Sünde." Doch an katholischen Akademien diskutieren Klosterschwestern über die in der Deutschstunde von ihnen angesetzte Lektüre der "Blechtrommel", auch darüber, wie der Gruppenonanie der ihnen anvertrauten Kinder abzuhelfen sei, ohne daß man Komplexe erzeuge.
Katholische Moraltheologen kritisieren öffentlich das Sechste Gebot, wie es sich vielen katholischen Kindern präsentiert ("Du sollst nicht Unkeuschheit treiben"). Mit doppelter Verneinung, dazu dem bösen Wort "treiben", werde man dem natürlichen Sachverhalt nicht mehr gerecht.
Die "Menschenkunde" aus dem Bayerischen Schulbuch-Verlag nennt die menschlichen Geschlechtsorgane -- voll Scheu vor dem Worte Geschlecht -- "Generationsorgane", in denen "nur ein gesunder Körper ... gesunde Keimzellen ... zu bilden" vermöge. Derlei weihevolles, irreführendes Verdrängen soll nach dem Wunsche aller Kultusminister allmählich aufhören.
Schon weist der Rektor des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums mich mit Stolz darauf hin, dall bei ihm Bilder antiker Recken in ungeschmälerter Männlichkeit vor den Schüler gelangen. Der Nachwuchs soll spüren, was noch nicht ist: Die Schule kehrt zur Natur zurück.
Dieses Jahr wird das Bundesland Hessen und vielleicht auch noch Bremen soweit sein, im Schüler offiziell ein Wesen mit Geschlechtstrieb zu sehen. Gemäß eindeutiger Richtlinien sollen dort künftig ebenfalls vom ersten Schuljahr an die Unterschiede zwischen Mann und Frau und ihre Folgen fortschreitend durchgenommen werden. Über Geburtenregelung, Promiskuität, Selbstbefriedigung, Prostitution, Homosexualität und die Situation des unehelichen Kindes in einer Gesellschaft wie dieser soll die Schule nicht mehr schweigen, selbst wenn die Eltern anderen Sinnes sind.
Die Lehrer der Biologie und Religion, kompetent in Fragen des Leibes und der Moral, können zwar überwiegend noch nicht gut sagen, wie die kleinen Kinder entstehen. Nur ein Jahrzehnt noch, dann wird man sie sogar fragen können, wie die kleinen Kinder nicht entstehen. Denn die Richtlinien für Hessen und Bremen zielen weit: auf "Geschlechtserziehung" (das Wort Sexualität wird amtlich wenig geschätzt). Geschlechtserziehung aber sollte -- so der Entwurf von Bremen -- "als Erziehungsprinzip das gesamte Unterrichtsgeschehen durchdringen"
Im Sexualpädagogischen Ausschuß der deutschen Kultusminister ringt man zur Zeit um eine Art deutscher Einheit in diesem, wie Bayerns Beauftragter, der Oberstudiendirektor Otmar Bohusch sagt, "Irgendwie immer noch heiklen Thema". Während die gewaltigen Aspekte der Empfängnisverhütung bei der Behandlung der Entwicklungsländer bereits in die Erdkundestunde eindringen, begnügt sich Schleswig-Holstein, meerumschlungen, noch immer damit, seinen Kindern von der Schule ein sogenanntes "sexuelles Geleit" geben zu lassen, Zweifellos ein stilles Geleit.
"Aufklärung über Verhütungsmittel bedeutet gleichzeitig Aufforderung zu ihrer Benutzung", sorgt sich vor Schülern dieses Landes der CDU-Politiker Kuno Richardt; er möchte es lieber darauf ankommen lassen, daß man keine empfiehlt und benutzt. Statt dessen übe man "Standfestigkeit im sexuellen Bereich".
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 15/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„IHR KÖNNTET UNS LIEBE ERLAUBEN“

Video 01:36

Sondierung gescheitert Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab

  • Video "Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre" Video 02:35
    Virales Musikvideo: Coole Riffs auf der Dreihals-Gitarre
  • Video "Frauen in Gefahr: Warum ein Berliner Start-up in Indien Klos baut" Video 02:36
    Frauen in Gefahr: Warum ein Berliner Start-up in Indien Klos baut
  • Video "Adler-Cam: Stella, die Hobbyfilmerin" Video 01:09
    "Adler-Cam": Stella, die Hobbyfilmerin
  • Video "China: Erster Roboter besteht Mediziner-Test" Video 01:18
    China: Erster Roboter besteht Mediziner-Test
  • Video "Webvideos der Woche: Das ging gerade nochmal gut" Video 02:46
    Webvideos der Woche: Das ging gerade nochmal gut
  • Video "Flugshow in Japan: Alles unter Kontrolle" Video 01:05
    Flugshow in Japan: Alles unter Kontrolle
  • Video "Angeschlagener CSU-Chef Seehofer: Merkels Poltergeist" Video 02:36
    Angeschlagener CSU-Chef Seehofer: Merkels Poltergeist
  • Video "Uno-Klimakonferenz: Der Austritt der USA hat keine Folgen" Video 03:29
    Uno-Klimakonferenz: "Der Austritt der USA hat keine Folgen"
  • Video "Humanoid-Roboter lernt turnen: Atlas schafft Rückwärtssalto" Video 01:00
    Humanoid-Roboter lernt turnen: "Atlas" schafft Rückwärtssalto
  • Video "Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt" Video 01:21
    Massenproteste in Simbabwe: Tausende fordern Mugabes Rücktritt
  • Video "Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster" Video 00:47
    Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster
  • Video "Road to Jamaika - Vertagt: Trostlose Rituale" Video 03:18
    Road to "Jamaika" - Vertagt: "Trostlose Rituale"
  • Video "Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore" Video 01:43
    Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore
  • Video "Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus
  • Video "Deutscher Arzt im Jemen: Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder" Video 02:47
    Deutscher Arzt im Jemen: "Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder"
  • Video "Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab" Video 01:36
    Sondierung gescheitert: Liberale brechen Jamaika-Verhandlungen ab