11.03.1968

BONN / BUNDESPRÄSIDENT

Überall ist Sauerland

(siehe Titelbild)

Das Vaterland, dem Heinrich Lübke nach seinen Kräften dient, hat sich um Heinrich Lübke nicht verdient gemacht.

Deutsche Unwahrhaftigkeit ist es, die den Fall Lübke so unerträglich werden läßt. Die tiefe innere Unaufrichtigkeit -- Kern aller jugendlichen Vorwürfe gegen die Gesellschaftsordnung des gebrochenen Rückgrats -- wurde in dieser Staatsaffäre beispielhaft Ereignis.

Unwahrhaftigkeit stand Pate, als Heinrich Lübke zum ersten- und zweitenmal zum Präsidenten der freien Deutschen gewählt wurde. Es ging den Parteien nicht darum, den besten Mann für die Repräsentanz aller Deutschen zu finden, sondern um parteipolitischen Eigennutz.

Unwahrhaftigkeit kennzeichnet auch die Angriffe der DDR-Propagandisten gegen Heinrich Lübke. Sie prangern mit Entrüstung die Taten eines einzelnen Mitläufers an, die gemessen an Taten des eigenen Zwangsstaates harmlos sind.

Unwahrhaftigkeit charakterisiert die Manier der Bundesregierung, den so angegriffenen Staatschef zu verteidigen. Bonns Innenminister Paul Lücke ließ ein den Präsidenten entlastendes Gutachten anfertigen, das belastendes Material ignorierte.

Unwahrhaftigkeit spricht aus den Treueschwüren der Staatsparteien CDU und SPD für ihren Präsidenten. Sie verdammen öffentlich die Lübke-Kritiker, obwohl sie insgeheim selbst darauf hoffen, den Staatschef auswechseln zu können.

Unwahrhaftigkeit liegt in den Methoden, die gegen Lübke-Kritiker angewandt werden. Jegliche Kritik an der Person Heinrich Lübkes wird von gerade befindet, ist es ja nicht allein, was ihn rhetorisch behindert.

Allzu häufig kommt ihm beim Reden Allgemeinmenschliches in den Sinn, für das er dann keine Worte findet. Oder es bedrängt ihn weit mehr Gesinnung, als er zu artikulieren vermag. Auf die Gesinnung aber, nicht auf die Artikulation, kommt es ihm an. Und so redet er eben, wie er denkt.

Er denkt, es wäre schön, wenn "in unseren Familien der gemeinsamen Dichterlesung wieder mehr Raum gegeben werden" könnte. Er denkt, es sei an der Zeit, "daß die Kunst wieder zu einer für alle verständlichen Aussage" zurückfinde. Er denkt, es sei bedauerlich, "daß das Singen vaterländischer Lieder bei der jungen Generation vielfach als veraltet und überholt angesehen wird".

So denkt ein Mann, der als Kind seine Liebe zur Musik bei einem geigenspielenden Kettenschmied in Langscheid entdeckte, zu dem er gegangen war, weil der kostenlos faule Zähne zog.

So denkt ein Mann, der als Zwergschüler beim Anblick vorüberrauschender Schnellzüge, in denen lesende und schreibende Menschen saßen, den Wunsch verspürte: "Soviel möchte ich in meinem Leben auch einmal zu tun haben, daß ich in der Eisenbahn arbeiten kann."

So denkt ein Mann, der als Student der Geodäsie und der Kulturbautechnik um ersten Mobilmachungstag des Ersten Weltkriegs in Neheim-Hüsten auf eine zufällig wartende Lokomotive kletterte, um sich so schnell wie möglich in Köln als Kriegsfreiwilliger zu melden und noch rechtzeitig in Langemarck dabeizusein.

Ein deutscher Mann also, in dessen Vita sich aus Landwirtschaft und Langemarck, aus Sauerland und Sozialchristentum beizeiten das Streben zum Dienst am Vaterland auszuformen begann -- wennschon ohne große Ambitionen. Die Verbandsebene erschien dem Vermessungs- und Kulturingenieur angemessen: Klein- und Mittelbauernverbände, Deutsche Bauernschaft, später Raiffeisen. Politisch blieb dem Katholiken mit sozialer Ader nur das Zentrum und, nach parteiloser, doch erfolgreicher Überwinterung im Dritten Reich, die CDU Karl Arnolds.

Kein Mann jedenfalls, der irgendwem hätte auffallen müssen, schon gar nicht als möglicher Repräsentant aller Deutschen -- vielmehr ein akademisch fortgebildeter Ackerbürger, der einen Konzertflügel im Hause hat und hinterm Haus einen Küchengarten, in dem Dill, Majoran und Pimpernell wachsen.

Kein Mann auch, der sich vorgedrängt hätte. Vielmehr erkor er eine gewisse Querköpfigkeit zu seinem Charakter, gab sich ebenso zäh wie spröde, war dabei aber aufmerksam, ausdauernd und wohl auch schlau genug, um allzeit für den Anruf des Höheren bereit zu sein.

Der erreichte ihn erstmals im September 1953, als Konrad Adenauer nach ihm schickte -- "Rufen Se mal beim Raiffeisen den Lübke an" -, um ihn zum Bundeslandwirtschaftsminister zu machen. Lübke riet ab -- "Lassen Sie mich fallen, Sie würden mit mir nur Ärger haben" -- und nahm an. So wurde er zum Vater des "Grünen Planes", wozu er sich auch berufen fühlen durfte.

Es muß zur Ehre Heinrich Lübkes gesagt werden, daß er sich 1959 zum Bundespräsidenten nicht berufen fühlte. Er war nur nicht der Mann, nein zu sagen, als der hohe Auftrag an ihn erging. Ein spezifischer Mangel an Selbstkritik und seine wilhelminische Idee von Pflichterfüllung hinderten ihn daran.

Heinrich Lübkes Kandidatur war damals das Verlegenheitsprodukt einer nur mühsam überwundenen Führungskrise der zehn Jahre regierenden CDU. Und das höchste Amt im Staate wurde ihm erst dann angetragen, als die Würde dieses Amtes unter dem harten Zugriff des Parteipolitikers Adenauer bereits schweren Schaden genommen hatte.

Am 12. September 1959 lief die zweite Amtsperiode des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss ab. Ein Nachfolger mußte gesucht werden.

Den Christdemokraten erschien die Gelegenheit günstig, ihren greisen Gründer wegzuloben. Und nachdem sie eine Blitz-Kandidatur des damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel so schnell fallengelassen hatten, wie sie aufgetaucht war, nominierten die Unions-Führer den Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Der akzeptierte zunächst. Doch als er merkte, daß die Partei nicht davon abzubringen war, seinen ungeliebten Vize Ludwig Erhard zum Kanzler-Nachfolger zu machen, zog Adenauer drei Wochen vor der Wahl die Kandidatur zurück. Denn: "Damit wird die ganze Aktion sinnlos." Die Befugnisse des Präsidentenamtes, das hatte der Alte inzwischen begriffen, hätten nicht ausgereicht, einen Kanzler Erhard unter Kuratel zu stellen.

In dieser Situation präsentierte die CDU vierzehn Tage vor der Wahl vier neue Kandidaten unterschiedlichen Profils -- Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaler, CDU-Fraktionschef Heinrich Krone, Rechts-Professor Franz Böhm und Landwirtschaftsminister Lübke. Gerstenmaler und Krone lehnten eine Nominierung ab, Böhm fiel bei der Stichwahl der Partei-Wahlmänner durch. Übrig blieb Heinrich Lübke. Und die Staatspartei CDU wollte lieber ihm das höchste Staatsamt übertragen als dem Kandidaten einer anderen Partei.

Dabei war von Lübke um diese Zeit selbst in Bonn kaum mehr bekannt, als daß er weißhaarig, katholisch und Landwirtschaftsminister sei. Für die "Zeit" war der Präsidentschafts-Kandidat ein "guter Onkel" für "Die Welt" eine "Verlegenheitslösung", und die "Frankfurter Rundschau" hielt ihn für "brav".

Dennoch verhalf eine knappe Mehrheit von CDU- und DP-Abgeordneten (526 von 1038 Mitgliedern der Bundesversammlung) am 1. Juli 1959 in West-Berlin dem "Mann ohne Feinde" (so SPD-Sprecher Fritz Erler) im zweiten Wahlgang gegen den sozialdemokratischen Intellektuellen Carlo Schmid zur Nachfolge von Theodor Heuss.

Der Nachfolger empfand keinen Triumph: "Ich bin für das Amt eigentlich wenig geeignet. Es hätte bestimmt bessere Kandidaten als mich gegeben."

Heinrich Lübke hatte fünf Jahre Zeit, um das deutsche Volk und seine politische Repräsentanz von der Richtigkeit dieser Erkenntnis zu überzeugen. Nach fünf Jahren des Reisens, Redens und Repräsentierens war der deutsche Bundespräsident zu einem bevorzugten Objekt der Kabarettisten und der Karikaturisten geworden. In Deutschland kursierten Lübke-Witze, und das Ausland wunderte sich.

Dennoch wurde Heinrich Lübke im Sommer 1964 für eine zweite Amtsperiode als Bundespräsident wiedergewählt -- freilich abermals nicht deshalb, weil man ihn für den richtigen Mann hielt, sondern wiederum weil er in ein parteipolitisches Kalkül paßte. Diesmal war es das Kalkül der SPD.

Den meisten Sozialdemokraten war schon der katholischer Soziallehre verhaftete Agrarpolitiker Lübke, der sich als Bauernfunktionär in den zwanziger Jahren mit seinen sozialen Sympathien für das Kleinbauerntum und seinem damals noch roten Haar den Beinamen "roter Lübke" erworben hatte, durchaus genehm. Nun kam hinzu, daß der Bundespräsident Lübke spätestens seit dem Bau der Berliner Mauer 1961 öffentlich für eine Allparteien-Koalition, also für eine Regierung unter Einschluß der SPD, eintrat. Das aber machte ihn zu einem unentbehrlichen Bundesgenossen des SPD-Strategen Herbert Wehner, der schon vor der Bundestagswahl 1965 in einem Bündnis mit den Christdemokraten die einzige Chance seiner Partei erblickte, endlich Anteil an der Macht zu haben.

Heinrich Lübkes christdemokratische Parteifreunde hingegen sahen sich zu diesem Zeitpunkt bereits vorsichtig nach einem anderen Kandidaten um. Der hanseatische Landesvorsitzende Erik Blumenfeld erschien nach einer bemerkenswerten Lübke-Rede beim Hamburger Ostasiatischen Liebesmahl 1964 im Büro des Parteivorsitzenden Adenauer und warnte vor einer Wiederwahl des Bundespräsidenten: "Er ist für sein Amt plötzlich zu alt geworden." Patriarch Adenauer erwiderte kühl: "Meinen Sie denn, ich hätte vor fünf Jahren für den Herrn Lübke gestimmt?" Eugen Gerstenmaier erklärte eine Diskussion über Lübkes Wiederwahl für unausweichlich. Andere CDU-Kandidaten kamen ins Gespräch.

Da gab Herbert Wehner am 6. Januar, ohne Rückfrage bei den Parteiorganisationen der SPD, die Parole aus: "Ich persönlich werde mich dafür einsetzen, daß Heinrich Lübke wiedergewählt wird, sobald unsere Partei darüber berät." Und auch Fritz Erler sah wenig später "keinen zwingenden Anlaß, Bundespräsident Lübke abzuwählen". Die Genossen murrten, aber die Partei stellte keinen eigenen Kandidaten auf.

Das absichtsvolle Vorprellen der Sozialdemokraten brachte die CDU CSU in die Zwangslage, Heinrich Lübke entweder zu desavouieren oder zu nominieren. Sie nominierten ihn.

So stellte sich Heinrich Lübke der Bundesversammlung am 1. Juli 1964 in Berlin zur Wiederwahl. Auf der Straße demonstrierten die Studenten: "Als Lübken-Büßer angetreten, doch fragt man auch nach Qualitäten?" Drinnen in der Ostpreußenhalle siegte der solchermaßen Angezweifelte über den Freidemokraten Ewald Bucher mit 710 schwarz-roten (von insgesamt 1042) Stimmen und wurde zum zweitenmal Bundespräsident.

Das war mehr Manipulation, mehr Fehlbesetzung, als die Institution des

* Mit dem madegassischen Staatspräsidenten Tsiranana und dessen Ehefrau. Staatsoberhauptes auf die Dauer schadlos erleiden konnte. Hatte sich Heinrich Lübkes allzu bedingte Eignung für die Repräsentation aller Deutschen schon in seiner ersten Amtsperiode herausgestellt, so litt das mißhandelte Amt nach seiner Wiederwahl immer häufiger und immer schwerer unter Fehlleistungen, Verdächtigungen und falschen Reaktionen.

Der Bundespräsident

> wurde zur Zielscheibe Ost-Berliner Enthüllungen, die ihm unter anderem Beteiligung an KZ-Bauten im Dritten Reich zur Last legten und deren Effekt durch voreilige Bonner Dementis eher verstärkt als gemindert wurde;

geriet in den Verdacht, den Versuch seiner neun Jahre älteren Ehefrau Wilhelmine, ihr wahrer Geburtsdatum zu korrigieren, mit der Autorität seines Amtes abgeschirmt zu haben;

> setzte sich immer wieder dem Vorwurf aus, die Würde und die Neutralität seines Amtes durch Reden, aber auch durch politische Agitation zu strapazieren.

In der Tat strapazierte Heinrich Lübke sein Amt nach Kräften. Eigensinnig mißachtete er die Grenzen, die das Grundgesetz der "pouvoir neutre", der neutralen Gewalt des Bundespräsidenten, zieht. Immer wieder ergriff er Partei: Er agitierte offen für eine Große Koalition. Vor der Bundestagswahl 1965, die er als Kopf-an-Kopf-Rennen von CDU/CSU und SPD sah. schrieb er vorsorglich allen Parteivorsitzenden, daß er bei der Regierungsbildung diesmal mitzureden gedenke.

Als ihm dies nach Erhards letztem Wahlsieg versagt blieb, riskierte Heinrich Lübke den offenen Verfassungskonflikt. Er versuchte, die Ernennung ihm unsympathischer Minister zu hintertreiben und drohte wochenlang damit, die Unterschrift auf der Ernennungsurkunde für Außenminister Schröder, den er "kontaktarm und unerträglich arrogant" nannte, zu verweigern.

Mit Ludwig Erhard suchte Lübke Händel, weil sich der Adenauer-Nachfolger allen Koalitionswünschen des Präsidenten verschloß. Beim Neujahrsempfang 1965 warf Lübke ihm Versagen in der Frankreich-Politik vor.

Auch anderwärts überschritt der Bundespräsident seine Amtsbefugnisse. Den Gewerkschaften empfahl er Zustimmung zu den Notstandsgesetzen. Gesetze, die ihm nicht gefielen (das Gesetz über den Belegschaftshandel zum Beispiel), wollte er nicht unterschreiben. Leuten, die ihm nicht paßten (so den FDP-Ministern Mende und Bucher), wollte er keine Orden geben.

Dem Berliner Carl Creifels verweigerte er die Ernennung zum Bundesrichter, weil der Senats-Jurist einst Pg und Beamter des Reichs-Justizministeriums gewesen war. Der Professorin und Claudel-Übersetzerin Klara Marie Faßbinder, 78, verwehrte er die Annahme der französischen Auszeichnung "Palmes académiques", weil ihm die alte DFU-Dame zu rot erschien. Lübke-Kommentar: "Das (die Werke des Katholiken Claudel) hat sie doch nur übersetzt, um den Katholiken was vorzunebeln."

An Peinlichkeiten herrschte kein Mangel. Als der französische Dichter Jean Cocteau starb, schickte Lübke der Witwe des notorischen Junggesellen ein Beileidstelegramm. Als er während einer Staatsvisite in Südkorea einen Orden erhielt, schüttelte er zum Dank auch seiner Gattin Wilhelmine die Hand. In der Madagaskar-Hauptstadt Tananarive, begrüßte er die Gattin des Staatspräsidenten Tsiranana als "sehr geehrte Frau Tananarive".

Immer wieder drängte es das deutsche Staatsoberhaupt. sein Land bei Staatsbesuchen (bislang insgesamt 26) reisend und redend zu repräsentieren.

Auf Bali versicherte er den Balinesen: "Ich möchte hoffen und wünschen, daß viele Menschen aus Deutschland Gelegenheit hätten. sich die Schönheiten von Bali zuzuführen." Selten, so Lübke, habe er ein Volk gesehen, "das seine Tradition mit soviel Charme und Eleganz durchführt".

In Santiago wiederum zeigte er sich "tief beeindruckt von dieser Stadt, die von einem Erdbeben völlig zerstört und in weniger als drei Jahren wiederaufgebaut worden ist". Er pries den Nationalhelden Simon Bolivar und betonte wiederholt, wie wohl er sich in Peru fühle. Erst die Zeitungen belehrten das deutsche Staatsoberhaupt, er befinde sich in Chile und nicht in Peru; das Erdbeben habe nicht Santiago, sondern den weit entfernten Süden des Landes verwüstet; und Simon Bolivar sei, wie schon der Name sage, nicht Chiles, sondern Boliviens Heros.

Was an Eindrücken aus der großen weiten Welt, beim Präsidenten haften blieb, vermittelte "dieser Mann, dem man ansieht, daß er glaubt, was er sagt" (so der Publizist Paul Sethe), daheim gern einem größeren Publikum. Den 500 Gästen des Ostasiatischen Vereins in Hamburg zum Beispiel erzählte er: "Indonesien besteht aus Inseln, die liegen teils nördlich, teils südlich vom Äquator, und dazwischen ist eine Menge Wasser."

Um Lübkes fremdsprachliche Kenntnisse, speziell um sein Englisch, rankt sich inzwischen schon ein eigener Anekdotenschatz. Der deutsche Heinrich zur englischen Elizabeth kurz vor Beginn des Großen Zapfenstreichs im Garten von Schloß Brühl: "Equal goes it loose." Gleich geht es los.

Und wenn -- was selten vorkam -- Heinrich Lübke keinen Stoff für Späße mehr bot, dann blieb den Spöttern immer noch Wilhelmine. Denn die Dominanz dieser Ersten Dame, nicht nur in den privaten Verhältnissen des Präsidenten-Paares, konnte kaum verborgen bleiben. Mindestens den Kabarettisten galt Wilhelmine Lübke bald als die eigentliche Regentin und Heinrich als ihr und Bundesdeutschlands "First Sir".

Aber auch hier gab es Peinlichkeiten: Das Gerücht, die Gattin des Staatsoberhauptes besitze Personalpapiere mit verjüngtem Geburtsdatum und der Bundespräsident habe den Einfluß seines Amtes dazu mißbraucht, die Korrektur zu decken, begann in Bonn schon in Lübkes erster Amtsperiode zu spuken.

Zunächst kümmerte sich niemand ernstlich darum -- teils aus Verständnis für Wilhelmine Lübkes weibliche Besorgnis, die Bundesbürger könnten an dem Altersunterschied zwischen dem Präsidenten und seiner Frau Anstoß nehmen; teils einfach aus Galanterie. Und außerdem sieht Frau Lübke ohnehin eher 20 Jahre als nur neun Jahre jünger aus. Zeitungen, die von der Geschichte Wind bekamen, veröffentlichten lange Zeit kein Wort**. Das änderte sich erst, als der Verdacht des Amtsmißbrauchs hinzukam.

Journalisten, die sich nun um Aufklärung bemühten, stießen auf eine Mauer des Schweigens. Der Lebenslauf der Präsidenten-Gattin war nur fragmentarisch zu rekonstruieren.

Aus biographischen Archiven, so dem renommierten "Munzinger-Archiv", ging lediglich hervor, daß Wilhelmine Lübke geborene Keuthen aus dem Sauerland-Dorf Ramsbeck stammt, den Lehrberuf ergriffen, an einem Berliner katholischen Lyzeum als Studienrätin für Mathematik gewirkt und, 1929, den Vermessungs-Ingenieur Heinrich Lübke geheiratet hat.

Daß sie ihren Mann bei einer Veranstaltung des Sauerländischen Gebirgsvereins in Berlin kennengelernt hat, blieb ebenso unbekannt wie ihr Geburtsdatum. Vergeblich bemühte sich die Redaktion des Munzinger-Archivs um Aufklärung. Doch das Bundespräsidialamt verweigerte jede Auskunft.

Die Munzinger-Leute schlossen sich daraufhin der allgemein publizierten, freilich aus unbekannter Quelle stammenden Ansicht an, Wilhelmine Lübke sei 1895 geboren, mithin ihrem Mann etwa gleichaltrig. Und weder Wilhelmine Lübke selbst noch das Bundespräsidialamt trat dieser Version entgegen.

Mehr noch: Die First Lady war sogar tätig geworden, um die Ermittlung ihres genauen Geburtsdatums zu verhindern. Dem Standesbeamten von Ramsbeck schärfte sie gelegentlich einer Visite ein, er dürfe niemandem Einblick in ihren Registerauszug gewähren. Und den Ramsbecker Ortspfarrer Hollmann wies sie an, das Kirchenbuch vor fremdem Einblick verschlossen zu halten

Dabei zeigte sie dem verdutzten Geistlichen ihren Ausweis, in dem --

* An der katholischen Westschule in Hamm (Westfalen).

** Auch in der SPIEGEL-Redaktion lag bereits 1962 ein unveröffentlichtes Manuskript zu diesem Thema. Die Beamten der Sicherungsgruppe Bonn, die bei der SPIEGEL-Affäre die Redaktion durchsuchten, ließen es nach interessierter Lektüre liegen.

wie Hohmann sieh erinnert -- nicht drinstand, wie alt sie wirklich ist, und belehrte den Pfarrer, der Bedenken äußerte. " Sie können mir gar nichts tun. Als Frau des Bundespräsidenten bin ich immun."

Außerdem ermahnte sie Hohmann, der gerade über dem Manuskript einer von ihm verfaßten Ramsbeck-Chronik saß, die Schrift vor Drucklegung dem Präsidialamt einzureichen. Denn -- so Frau Lübke wahrheitswidrig -- Veröffentlichungen über das Präsidenten-Paar bedürften der Genehmigung, und Angaben über ihr, Wilhelmines, Alter seien überdies strafbar.

Im Frühjahr 1964 entdeckten Rechercheure verschiedener Zeitschriften in offiziellen Karteien voneinander abweichende Angaben über den Geburtstag Frau Lübkes. Beim Standesamt der Amtsverwaltung Hüsten im Sauerland fand sich die Eintragung: 9. Mai 1885, im Bonner Melderegister hingegen stand: 9. Mai 1895.

Daß Wilhelmine Lübke in der Tat älter ist, als sie lange Zeit gern sein wollte -- dafür sprechen alle Lebensdaten der Präsidenten-Gattin, die unabhängig von amtlichen Mitteilungen in Erfahrung zu bringen sind.

Denn die Ramsbecker Angestellten-Tochter Wilhelmine Keuthen bezog nach Auskunft früherer Kolleginnen bereits 1901 das Paderborner Lehrerinnen-Seminar, wirkte um 1906 an der katholischen Westschule zu Hamm in Westfalen als Junglehrerin und legte etwa 1908 die Ergänzungsprüfung für den höheren Schuldienst ab.

1911 bezog sie, ausweislich des Immatrikulationsverzeichnisses, die Universität Münster, wo sie Mathematik, Philosophie und Germanistik studierte. Träfe das amtlich niemals dementierte Geburtsdatum 1895 zu. wäre Wilhelmine Keuthen zu diesem Zeitpunkt gerade 16 Jahre alt gewesen.

In Kenntnis dieser Ermittlungen entschloß sich das Bundespräsidialamt endlich zu einem halben Eingeständnis.

Am 25. März 1964 schrieb der damalige Lübke-Staatssekretär Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld an den "Stern"-Chefredakteur Henri Nannen, "daß sich 1947 bei der Ausstellung eines Personalausweises der Frau Lübke ein falsches Geburtsdatum eingeschlichen hatte. Dieses Datum wurde damals von Frau Lübke nicht berichtigt. Wie ich feststellen konnte, ist die Angelegenheit inzwischen geordnet".

Daß Heinrich Lübke bei der Datenverarbeitung nachgeholfen habe, bestritt der Staatssekretär. " Der Herr Bundespräsident hat niemals den Einfluß seines Amtes geltend gemacht, um die falsche Eintragung gegenüber Behörden, Melderegistern und anderen öffentlichen Stellen "zu verwischen'."

Freilich bemühte er den Einfluß seines Amtes auch nicht, um für volle Aufklärung zu sorgen.

Dabei ist der wilhelminische Geburtstags-Tick allem Anschein nach nichts weiter als ein Produkt eines bürokratischen Zufalls, verbunden mit weiblicher Eitelkeit. Als Wilhelmine Lübke 1947 um eine Personalbescheinigung einkam, vertippte sich der zuständige Beamte und schrieb statt "9. Mai 1885" das Datum "9. Mai 1895". Frau Lübke nahm die amtliche Verjüngungskur widerspruchslos hin und protestierte auch nicht, als die falsche Altersangabe später in Bonn von der Personalbescheinigung den Weg in Meldekartei, Personalausweis, Reisepaß und schließlich in die Presse fand.

Bestrebt, dies zu verschleiern, ging Wilhelmine Lübke allen Gefahren möglicher Entdeckung sorgsam aus dem Wege. Sie riskierte sogar Auseinandersetzungen mit DDR-Grenzern, als sie 1961 einmal mit dem Zug durch die DDR nach West-Berlin reiste: Als Legitimation wies sie lediglich eine Visitenkarte vor. Ihren Ausweis hatte sie "vergessen".

Erst nachdem Staatssekretär Herwarth im Frühjahr 1964 auf die immer näher rückenden journalistischen Verfolger aufmerksam gemacht hatte, ließ Frau Lübke die Bonner Meldekartei, ihren Ausweis und den Reisepaß auf das Geburtsjahr 1885 berichtigen.

Zur öffentlichen Berichtigung aber kam es bis heute nicht. Und so konnte noch letzte Woche der sonst eher konservative Tübinger Politik-Professor Theodor Eschenburg in der "Zeit" Mutmaßungen über ein Präsidenten-Delikt der "mittelbaren Falschbeurkundung und der Falschbeurkundung im Amt" anstellen.

Wer Aufklärung sucht, kann sie auch jetzt nur bei Freunden und Verwandten der Präsidenten-Familien finden. Lübke-Skatbruder und Enkhausen-Bürgermeister Klauke: "Natürlich ist Frau Lübke neun Jahre älter als ihr Mann." Und eine Wilhelmine-Schwester in Ramsbeck nennt auf die Frage nach dem Geburtstag der Hammerschmidt-Hausfrau bereitwillig den 9. Mai 1885.

Hausherr Heinrich aber vertraute sich bislang nur Kanzler Kiesinger an. Unter vier Augen gestand er, die Sache mit den falschen Angaben seiner Frau sei ihm schon immer sehr unangenehm gewesen.

Denn Heinrich Lübke hat unterdessen am eigenen Leibe erfahren müssen, daß der Versuch, die Vergangenheit durch Verleugnen dokumentarischer Beweise bewältigen zu wollen. zum Scheitern verurteilt ist.

Diese Erkenntnis erzwang in den vergangenen vier Jahren jene Enthüllungskampagne der DDR, die den Bundespräsidenten und die Bundesbürger mit Fakten über Aktivitäten des Bonner Staatsoberhauptes im Dritten Reich konfrontierte -- Fakten, die Heinrich Lübke zuerst leugnete und an die er sich nun nicht mehr erinnern will.

Zwei Tage vor Lübkes Wiederwahl zelebrierte in Ost-Berlin "der "Nationalrat der Nationalen Front" seine erste einschlägige Pressekonferenz -- ein Schauspiel, das später noch zweimal wiederholt wurde. Professor Albert Norden, Propagandist der Einheitspartei, breitete vor einem internationalen Journalistenkollegium im wesentlichen drei Vorwürfe gegen den deutschen Bundespräsidenten aus. Lübke habe

> zu Beginn des Dritten Reiches wegen krimineller Delikte im Gefängnis gesessen;

> während der Bauarbeiten im V-Waffen-Zentrum Peenemünde zu den Vertrauensleuten der Gestapo gehört;

> im Zuge großdeutscher Rüstungsaktionen Lager für KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter gebaut. Es war das erstemal, daß Lübkes Lebensabschnitt zwischen 1933 und 45 mit Details ausgefüllt wurde. "Nach 1933 aus politischen Gründen verfolgt", steht im "Amtlichen Handbuch des Deutschen Bundestages", und auch das Nachschlagewerk "Wer ist wer" sagt nicht, was er war: "Ab 1937 Tätigkeit im Bau- und Siedlungswesen".

Dabei ist die NS-Zeit des Weißen aus dem Sauerland nicht ohne farbige Fakten. Sie begann hinter Gittern. Am 1. April 1933, als die Nationalsozialisten die "Deutsche Bauernschaft" -- einen landwirtschaftlichen Schutz- und Trutz-Bund, dessen geschäftsführender Direktor Lübke war -- auflösten, wurde er verhaftet.

Die Haft währte einen Tag lang. Doch ein knappes Jahr danach kam er abermals ins Gefängnis. Nur waren es diesmal nicht die Nazis, die ihn einsperrten, sondern es war die Staatsanwaltschaft in Berlin. Und nicht ein politischer Anlaß brachte ihn hinter Gitter, sondern ein strafrechtlicher Vorwurf: Lübke -- zu jener Zeit noch Direktor der Berliner Siedlungs-AG "Bauernland" -- sollte zwischen 1929 und 1933 als Vorstandsmitglied mehrerer landwirtschaftlicher Gesellschaften Gelder veruntreut und Staatsmittel zweckentfremdet haben.

Unter dem Aktenzeichen 1. Ba. J. 53/34 beschuldigte ihn die Staatsanwaltschaft, er habe

> aus Mitteln, die das Reich für die Rationalisierung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens bereitgestellt habe, für sich ein 50 000-Mark-Darlehen zum Kauf einer Villa in Berlin-Marienfelde abgezweigt,

> seinem Vorstandskollegen Artur Müller für dessen Haus ein Darlehen von 22 000 Mark und außerdem eine Abfindung von 15 000 Mark zugeschanzt,

> gemeinsam mit seinem Bruder Fritz -- dem späteren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten -- Überschüsse aus dem Verkauf von "Bauernland"-Inventar unter der Hand in die Kasse des Interessenverbandes "Deutsche Bauernschaft" fließen lassen sowie Finanzmanipulationen der Siedlungs-AG zugunsten der Bauernschaft gedeckt,

> "Bauernland" -- Geschäftsurkunden verschwinden lassen,

> Rationalisierungszuschüsse des Reiches, die den Genossenschaften zugestanden hätten, wirtschaftspolitischen Verbänden zugeführt,

> durch Überweisung von Geldern aus derselben Quelle an zwei Reichstagsabgeordnete der Deutschen Bauernpartei unrechtmäßige Parteienfinanzierung betrieben,

> Rationalisierungsgelder unberechtigt zum Kauf von Aktien verwendet und

> aus Rationalisierungsmitteln einen Personenwagen Marke Sunbeam kaufen lassen und diesen selbst gefahren.

20 Monate saß Heinrich Lübke wegen dieser Anwürfe in Untersuchungshaft. Dann wurde der für ihn zuständige Sachbearbeiter bei der Staatsanwaltschaft Berlin, der damalige Assessor Dr. Bernhard Kaehlig, abgelöst. Kaehligs Nachfolger beantragte die Einstellung des Verfahrens "gegen Lübke und andere".

Um 62 Pfund leichter und inzwischen schlohweiß geworden, verließ Lübke am 11. Oktober 1935 das Gefängnis Plötzensee. Sechs Wochen später schlug die Strafkammer 24 des Berliner Landgerichts das Verfahren nieder: in der Urkundensache mangels Beweises, in der Hauskauf- und Abfindungssache aufgrund eines Amnestiegesetzes von 1934, das solchen Beschuldigten Straffreiheit verhieß, die im Falle eines Schuldspruchs nicht mehr als sechs Monate Gefängnis oder 1000 Mark Geldstrafe zu erwarten hatten. In allen übrigen Punkten berief sich die Strafkammer auf ein Amnestiegesetz von 1932, das aus politischen Beweggründen begangene Taten (mit Ausnahme von Kapitalverbrechen) von Strafe freistellte.

Eine Entschädigung für die Untersuchungshaft aber mochte die Strafkammer weder dem entlassenen Landvermesser noch dessen gleichfalls vorübergehend inhaftiertem Bruder Fritz bewilligen, "weil das Verfahren weder ihre Unschuld ergeben noch dargetan hat, daß gegen sie ein begründeter Verdacht nicht vorliegt, und weil die zum Gegenstand der Untersuchung gemachten Taten des angeschuldigten Heinrich Lübke eine grobe Unredlichkeit in sich geschlossen haben".

Ob der Bauernfunktionär Lübke wirklich straffällig geworden war, ist mithin vor Gericht nie geklärt worden.

Gut drei Jahrzehnte später aber hält das Staatsoberhaupt Lübke die Landrichter und Staatsanwälte von damals für befangen. Durch seinen Freund Lücke ließ er verbreiten, das ganze Verfahren sei "von der Gestapo betrieben" worden.

Allerdings kam der Bonner Staatssekretär a. D. Professor Arthur Bülow, der im vergangenen Jahr im Auftrag der Bundesregierung ein 252 Seiten dickes "Gutachten in der Sache 1. Ba. J. 53/34" fertigte, im Hinblick auf die Gestapo zu einem etwas anderen Ergebnis: Nicht die Gestapo habe den Staatsanwalt, sondern der Staatsanwalt habe die Gestapo damals mehrmals für Hilfsdienste eingespannt.

Und auch aus dem Umstand, daß ein großer Teil des Verfahrens aufgrund des politischen Amnestiegesetzes von 1932 eingestellt worden war, ist keine Untergrundarbeit Heinrich Lübkes gegen das Dritte Reich herauszulesen. Laut Bülow war das Amnestiegesetz für Lübke "überhaupt nicht anwendbar, weil Handlungen aus politischen Beweggründen, wie es das Amnestiegesetz voraussetzte, nicht in Frage standen". Bülow: "Wahrscheinlich sah die Staatsanwaltschaft in der Heranziehung jenes Gesetzes

das einzige Mittel, um das ausgeuferte Verfahren zu beenden."

Daß schließlich das Berliner Landgericht den Amnestie-Trick mitmachte, war nach Überzeugung des Bonner Professors "sichtlich eine "Notlösung', die nach dem Auftakt und der langen Dauer des Verfahrens damals adäquat erschien".

Doch·. "Das Verfahren wurde maßlos aufgebauscht." Der Staatsanwalt habe ständig auf Heinrich Lübkes Zentrums-Vergangenheit hingewiesen. Und: "Eine derartige einseitig voreingenommene Einstellung, wie sie sich bei diesem Sachbearbeiter gezeigt hat, muß berechtigte Zweifel an der Lauterkeit seines Vorgehens hervorrufen."

So hat zwar Heinrich Lübke nicht eingesessen, weil er politisch verfolgt war. Aber weil er eingesessen hat, ist er zum Verfolgten des Nazi-Regimes geworden.

Sein Verfolger, Bernhard Kaehlig, wohnt heute in Hannover, Geibelstraße 39. Er unterhält in der Leinestadt eine Anwaltspraxis, ist von Gutachter Bülow nicht einvernommen worden und sagt: "Ich war damals preußischer Beamter und habe mich immer korrekt als solcher verhalten." Dagegen Bülow zum SPIEGEL: "Der Mann ist reif, aus der Anwaltschaft ausgeschlossen zu werden. Doch der Bundespräsident hat gesagt: Bitte, keine nachträgliche Revanche."

Schwer verständlich ist, warum die Nationalsozialisten, die mit politischen Gegnern meist gar keinen, allenfalls aber kurzen Prozeß machten, sich bei der Verfolgung des Zentrums-Politikers Heinrich Lübke auf den Umweg eines langwierigen Strafverfahrens eingelassen haben sollen.

Seltsam auch: Kaum aus Plötzensee entlassen, wurde der vorgeblich vom NS-Regime verfolgte Reserve-Leutnant zu einer Reserveübung in der Wehrmacht eben dieses Regimes einberufen. Er übte in Brandenburg, Schwerin und Neustettin und wurde -- offenbar ohne Widerspruch der Gestapo -- zum Hauptmann der Reserve befördert.

Und unbegreiflich: Nach einem Zwischenspiel in einer Wohnungsbaugesellschaft wurde Heinrich Lübke Angestellter im Berliner Architektenbüro Schlempp, das kurz nach Kriegsausbruch vom "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt"" dem späteren Rüstungsminister Albert Speer, dienstverpflichtet wurde -- für kriegswichtige, häufig geheime Projekte.

Fortan war der Mann, der später das deutsche Volk repräsentierte, repräsentativ für einen Teil des deutschen Volkes Er besaß weder Parteiabzeichen noch eine braune Uniform, aber er reckte die Rechte zum deutschen Gruß. Er bedauerte das Los einzelner Juden, aber er diente dem Regime, das dieses Los verschuldete.

Und er machte, wie Millionen andere, im Krieg Karriere. Lübke wurde stellvertretender Leiter der "Baugruppe Schlempp". Er vermietete, als sein Chef immer häufiger durchs Reich reiste, sein Haus in Berlin-Marienfelde, Emilienstraße 16, und übersiedelte in Schlempps Villa in Schmöckwitz, Weiselpfad 6. Und als Schlempp von Albert Speer nach Prag beordert wurde, um im Protektorat zerstörte Rüstungsbetriebe wiederaufzubauen, hielt Heinrich Lübke allein die Stellung in Berlin.

Regelmäßig fuhr er mit dem Dienstwagen in die Stadt, um seine "Speer-Pakete" abzuholen -- Sonderrationen, mit Tee, Kaffee, Schokolade. "Er hatte auch immer Obst", erinnern sich die Hausgenossen von damals, und "die Zigaretten verschimmelten in seinem Schrank".

Wie jeder, dem sich in Zeiten der Not Gelegenheit bot, nutzte Heinrich Lübke die Vorteile, die ihm sein Amt verschaffte. "Bei uns", so berichtete ein ehemaliger Mitbewohner der Schlempp-Villa, "ging es zu wie im Frieden. Es fehlte weder an Seife noch an Stoffen oder an Fleisch."

Sicher zählte Lübke nicht zu den Großen der großdeutschen Rüstung, doch sicher auch war er kein unbedeutender Mann für die Kriegswirtschaft. 1940 zum Beispiel bekam die Baugruppe Schlempp den Auftrag, den Ausbau der V-Waffen-Versuchsstation Peenemünde zu planen und die Bauausführung zu überwachen. Heinrich Lübke besuchte gelegentlich das Geheimwaffen-Gelände, und er bekam dafür den "Großen Ausweis" des Amtes Speer, der ihn berechtigte, in Peenemünde ein- und auszugehen.

Vier Jahre später, als das Reich schon in den Fugen krachte, machte Lübke wiederum ein wichtiges Rüstungsvorhaben zu schaffen. Am 1. März 1944 war in Berlin der "Jägerstab" gegründet worden, eine Sonderkommission von Luftwaffe, SS und Rüstungsindustrie, die den Bau von Jagdflugzeugen vorantreiben und "ohne bürokratische Hemmungen durch unmittelbare Befehlsgebung die Instandsetzung beschädigter Werke oder deren Verlegung" besorgen sollte. Albert Speer und seine Baugruppe Schlempp waren für den bautechnischen Teil des Unternehmens zuständig.

Im Frühsommer leistete Heinrich Lübke seinen letzten, vergeblichen Beitrag zum Endsieg. Die Baugruppe, die Lübke von Berlin aus dirigierte, plante und überwachte die Umgestaltung der stillgelegten Kalischächte Plömnitz I und II bei Bernburg an der Saale: In unterirdischen Anlagen sollten Junkers-Flugzeuge produziert werden. Den Ausbau -- unter der Regie von regulären Baufirmen und der Kontrolle des Schlempp-Büros -- besorgten KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter.

Gegen Kriegsende setzte sich Heinrich Lübke aus Berlin ab. Er hatte den Weltkrieg durchlebt, wie ihn viele Deutsche gern überstanden hätten -- mit dabei, aber in Deckung. Er sympathisierte, wie viele Deutsche, nicht mit dem Hitler-Staat, aber er machte davon kein Aufhebens. Er war, wie viele, unbeteiligt an den Verbrechen des Nazi-Regimes, doch er beteiligte sich, wie andere, an Unternehmungen, die diese Verbrechen ermöglichten. Er machte sich um sein Vaterland verdient, aber er drängte sich nicht nach vorn, lind er handelte, wie die meisten mit ihm, nach der Maxime: überleben.

Albert Norden freilich, der Professor und Propagandist aus der DDR, sieht in Heinrich Lübkes Kriegsvergangenheit mehr als Mittelmall. "Wir stießen auf Akten und Urkunden", sagte er zwei Tage vor der Wiederwahl des Staatsoberhauptes und verlieh bei dieser Gelegenheit wie auf späteren Pressekonferenzen dem Präsidenten böse Beiworte:

> "Kommandeur beim Sklaveneinsatz von KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern",

> "Gestapospitzel",

> "KZ-Baumeister".

Den "Sklaveneinsatz" belegte Norden unter anderem mit einem Papier, wonach "die Baugruppe Schlempp verpflichtet war, im V-Waffenzentrum Peenemünde sämtlche ... eingesetzten Arbeitskräfte zu überwachen" -- darunter KZ-Häftlinge aus Ravensbrück sowie Insassen eines "Sonderlagers" auf Usedom. Zudem präsentierte der SED-Agitator Schriftstücke, nach denen Lübke im Rahmen des "Jägerstab"-Programms an Besprechungen über den Bau des KZ Leau und Arbeitseinsätze teilgenommen habe.

Zum Beweis des "Gestapospitzeis" legte Norden ein Schreiben ohne Briefkopf vor, das von der Gestapo Stettin stammen soll. Darin wird -- am 14. Juni 1940 -- dargetan, daß vom "GPK. Swinemünde ... besonders auf die Herren Mahs und Lübke zurückgegriffen werden kann. Beide haben sich als vertrauenswürdig erwiesen". Andere Briefe weisen aus, daß es sich bei "GPK" um "Geheime Staatspolizei -- Staatspolizeileitstelle Stettin -- Grenzpolizeikommissariat Swinemünde" handelte.

Den "KZ-Baumeister" illustrierte Albert Norden mit einem Bündel von Zeichnungen: ein "Vorentwurf zur Erstellung eines KZ-Lagers für 2000 Häftlinge", je ein Übersichtsplan des KZ Neu-Staßfurt und des Zwangsarbeiterlagers Wolmirsleben, zwölf Barackenskizzen sowie vier Pausen für das Arbeitslager Rothenförde, in dem vorwiegend jüdische Mischlinge untergebracht waren. Alle Papiere sind mit "i. v. L" oder "i. V. Lübke" unterzeichnet.

Bonn schwieg zunächst. Dann aber startete es jene fatale Serie von Freisprüchen, mit denen zwar alle Vorwürfe pauschal zurückgewiesen, jedoch nicht entkräftet wurden. Und weit mehr als Nordens vulgäre Vokabeln lädierte fortan Bonns schrilles Wortgeklingel das Ansehen des deutschen Staatsoberhauptes.

"Alles frei erfunden", beteuerte das Bundespräsidialamt. Lübkes Presse-Referent Raederscheidt versicherte: "Märchen von drüben". "Verleumdungsaktion", schalt Innenminister Lücke. Und sein Ministerium ergänzte: "Der Bundespräsident hat nie Baupläne aufgestellt oder unterzeichnet."

Im gleichen Stil parierte Bonn, als Sommer 1966 westdeutsche Institutionen die Vorwürfe aus dem Osten reflektierten. In Schwabing stellte das "Münchner Rationaltheater" die "Lübke"-Pausen im Schaukasten aus, in Karlsruhe verteilte ein "Freundeskreis des deutschen Widerstandes" Kopien der Norden-Papiere.

"Diese Kategorie ... besteht samt und sonders aus Fälschungen und Verfälschungen", polterte Paul Lücke bald danach und präsentierte zum Beweis ein "Gutachten" des Bundeskriminalamtes. Das aber bewies nichts.

Lücke hatte dem Kriminalamt, das ihm unterstellt ist, drei Ost-Kopien übergeben, von denen zwei plump manipuliert waren: Der Vizepräsident des DDR-"Nationalrats", Werner Kirchhoff, hatte auf eigene Faust die undeutlichen, verschmierten "Lübke"-Signaturen auf zwei Pausen durch den gut leserlichen "Lübke"-Namenszug der dritten ersetzen lassen.

Die Kriminalisten konnten mithin nichts anderes feststellen, als daß die drei Unterschriften deckungsgleich seien. Und obwohl das Innenministerium schon seit langem die beiden Papiere auch ohne Kirchhoffs Schönschreib-Signaturen besaß, behauptete Lücke: "Diese "Pannen' zeigen beispielhaft, mit welchen Methoden hier gearbeitet wurde. Mit welchen Methoden das Innenministerium gearbeitet hatte, offenbarte erst der SPIEGEL (45/1967).

Schließlich drängte es mehr Männer aus Heinrich Lübkes Freundeskreis, dem Präsidenten beizustehen. Bei dem Bad Godesberger Notar Alexander

* 1941 mit dem Reichsminister für Bewaffnung und Rüstung, Fritz Todt (r.). Knur erschienen die Architekten Erwin Mahs und Heinrich Sander, beide ehedem führende Schlempp-Kräfte, beide laut eigener Aussage Kenner des früheren "Aufgaben- und Tätigkeitsbereichs des Herrn Dr. Lübke". Zur Wahrheit ermahnt, versicherten die Herren an Eides Statt:

"Das Architektur- und Ingenieurbüro Schlempp und damit auch Herr Dr. Lübke waren nie mit der Planung und Errichtung eines Konzentrationslagers befaßt ... Unter der Leitung des Architektur- und Ingenieurbüros Schlempp bzw. des Herrn Dr. Lübke wurden keine Häftlinge und Kriegsgefangene (für Rüstungsbauten) herangezogen."

Kaum hatte der westdeutsche Dementier-Mechanismus die Architektentexte ausgestoßen, wurde die ostdeutsche Photokopiermaschine in Gang gesetzt. Sie spie aus: Sander-Briefe des Ingenieurbüros Schlempp aus dem Jahre 1944 mit Mitteilungen wie "Die Entlausung der KZ-Häftlinge wird z. Zt. durchgeführt" oder: "Für KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene ist über Tage in Plömnitz der damals für die KZ-Häftlinge errichtete Abort besonders hergerichtet ... Es wurde durch mich eine laufende Kontrolle dieser Räume angeordnet." Dazu kamen von Sander unterschriebene und mit Urhebervermerk des Büros Schlempp versehene Planzeichnungen mit den Einträgen "KZ Männer" und "KZ Frauen", dazwischen: "Friedhof".

Seither schweigen die beiden auskunftsfreudigen Architekten; sie möchten sich nicht mehr zum Thema äußern.

Das Thema aber blieb aktuell. Im vergangenen Jahr beschäftigten sich Wissenschaftler in drei Ländern mit den Ost-Papieren über Heinrich Lübkes Vergangenheit.

Der Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, Max Frei-Sulzer, prüfte Anfang 1967 für ein vom Rowohlt-Verlag geplantes Buch eine Serie von "L"- und "Lübke"-Dokumenten. Doch kurz vor Abschluß der Arbeit untersagten seine Vorgesetzten dem Experten das Gutachten. Frei-Sulzer im vertrauten Kreis: "Nichts an diesen Dokumenten deutet auf irgendeine Fälschung oder Manipulation hin."

Wenig später wertete das Institut für Psychologie und Charakterologie an der Universität Freiburg den Lübkeschen "Fälschungsnachweis" ab. Es sei, so urteilte das Institut, "nicht gerechtfertigt, von neun fraglichen Unterschriften willkürlich drei herauszugreifen und große Ähnlichkeit als "Deckungsgleichheit" hinzustellen" -- dafür seien die Photokopien "viel zu unsauber". Als das Institut sein Gutachten erstellte, war noch nicht bekannt, daß die drei Kirchhoff-Papiere durchaus nicht willkürlich, sondern gezielt herausgegriffen worden waren.

Drei Ost-Expertisen über die "L"- und "Lübke"-Zeichen hingegen, die den Bundespräsidenten als Schreiber identifizierten, wurden von den Freiburgern gelobt: "Saubere Darstellungen wissenschaftlich angestellter Vergleiche", "sorgfältige Arbeit", "wohlbegründet klingende Aussagen".

Letzten Aufschluß konnte freilich auch das Universitäts-Institut nicht geben; ihm lagen die Originale nicht vor, und deshalb war es ihm "nicht möglich, über die Echtheit der Schriftzüge ... zu einem gut begründeten, endgültigen Urteil zu kommen

Diese Möglichkeit aber bot der Münchner Schriftsteller Frank Arnau dem international renommierten US-Experten J. Howard Haring. Der Amerikaner, Fachmann für die Prüfung umstrittener Dokumente, untersuchte fünf von Arnau aus Ost-Berlin beschaffte Originale. Ergebnis:" L" und "Lübke" sind von der Hand Heinrich Lübkes geschrieben.

Diese Feststellung war unter allen Vorwürfen, die gegen den Präsidenten vorgebracht werden, die einzige, der Lübke nicht direkt zu widersprechen wagte.

Am Freitagabend der vorletzten Woche erschien er dem deutschen Volk auf dem Fernsehschirm und bekannte" bleich, aber gefaßt: "Selbstverständlich kann ich mich nach Ablauf von fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr an jedes Schriftstück erinnern, das ich unterzeichnet habe."

In allen anderen Punkten machte der Präsident Ausflüchte -- darauf berechnet, dem unkundigen Volk als Märtyrer zu gelten. Oder er bestritt, was so nicht behauptet worden war -- zum Beispiel, daß das Büro Schlempp Anlagen gebaut habe, "die den Charakter eines Konzentrations- oder Sträflingslagers hatten". Nein: Es waren gewiß Baracken ohne "Sondereinrichtungen" (Lübke); aber es kamen KZ-Häftlinge hinein.

Zur selben Stunde, da Heinrich Lübke seine Persil-Rede in der Villa Hammerschmidt auf 40 der vorsorglich bereitgestellten 700 Meter Fernsehfilm brachte, kamen ein Haus weiter im Palais Schaumburg sogar die Mitglieder des CDU-Präsidiums zu dem Schluß: Eine Klage des Bundespräsidenten gegen die "Verleumder" könnte angesichts der Sachlage womöglich mit deren Freispruch enden.

Dann machten die CDU-Herren dem Lübke-Freund Lücke Vorwürfe. Schon in der Vorwoche hatte Kanzler Kiesinger -- von Anfang an gegen eine öffentliche Erklärung Lübkes -- den Innenminister beschuldigt, er habe bei seinen wiederholten Bemühungen, dem Bundespräsidenten Verhaltensvorschläge zu machen, zuviel Nachsicht bewiesen.

Lücke wehrte sich mit dem Hinweis, er habe dem Bundespräsidenten alle Ratschläge immer nur mit Zustimmung des Bundeskanzlers und einstimmiger Billigung des Kabinetts erteilt. So habe er Lübke zum Beispiel geraten, einen behandlungsbedürftigen Leistenbruch schon am Rosenmontag operieren zu lassen. Dadurch wäre die öffentliche Erklärung des Präsidenten verhindert worden. Doch Lübke habe nur erwidert, er denke jetzt nicht an seine Gesundheit.

Resigniert beschlossen die Christdemokraten ein Alternativprogramm zur Behandlung des Bundespräsidenten: Heinrich Lübke soll im letzten Jahr seiner Amtszeit von der Öffentlichkeit wo möglich abgeschirmt werden, nur noch kurze Ansprachen vom Blatt ablesen, keine Rundgänge durch Ausstellungen mehr machen, in denen er angesprochen werden könnte, und auch keine großen Reisen mehr unternehmen.

Doch es ist gänzlich ungewiß, ob der Bundespräsident sich dieser Anstaltsordnung unterwerfen wird. Sein Terminkalender jedenfalls spricht dagegen.

Denn vom 25. bis 30. April reist Heinrich Lübke zum Staatsbesuch nach Tunesien.


DER SPIEGEL 11/1968
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